1. Überlieferung
Handschrift:
Ein Autograph, Siegelspuren, auf der Rückseite von Luthers Hand: »D Carlstads Handschrift und sigil.«; archivalische Notiz des 19. Jahrhunderts mit Bleistift: »17 Mai«.
Barge gibt für Karlstadts Brief – wie für die archivalische Notiz – ein abweichendes Datum (15. Mai 1528) an.1
Editionen:
Literatur:
- Jäger, Carlstadt, 499.
- Barge, Karlstadt 2, 386–388 mit Anm. 151.
- WA.B 4, 571.
2. Entstehung und Inhalt
Karlstadt teilt am Anfang dieses Schreibens an die schlesischen Reformatoren Caspar Schwenckfeld (1489–1561) und Valentin Krautwald (1490–1545) mit, dass er schon mehrere Briefe an sie verfasst, aber stets zerrissen habe, da es ihm an einem geeigneten Boten gemangelt habe.2 Nun aber ist zufällig jemand vor Ort, der den beiden den vorliegenden kleinen Brief [nach Liegnitz] bringen könne. Karlstadt berichtet von einer neuen Abendmahlsdebatte mit Luther nach vorheriger Zusage durch Herzog Johann, doch hatte er bereits vorher [in Jena] die Erlaubnis, mit Luther schriftlich zu debattieren, erwirkt.3 Zwar gestehe Luther zu, dass Christus es allein sei, der seinen Leib darreicht, doch verlange er den Nachweis, dass (andere) Menschen ihn (den Leib) nicht reichen könnten. Karlstadt beteuert, dies nicht behauptet zu haben.4 Er danke Gott, dass er ihm die siegreichen Pfeile (scil. die schlagenden Argumente) in dieser Debatte geschenkt habe, doch befürchtet er, dass Luther ihn erneut vertreiben werde. Über die Zwietracht unter den Anhängern Luthers (»de Luteranorum discordia«) habe er geschrieben, ein Büchlein über die Eintracht aller unsrigen (»de concordia nostrum omnium«) werde er schreiben.5 Weitere Schriften sollen erscheinen, doch befürchte er ihre Wirkungslosigkeit unter den Lutheranhängern. Gerne hätte er sich zu Schwenckfeld und Krautwald nach Schlesien begeben, doch hindere ihn die Furcht vor dem Tyrannen Luther daran. Karlstadt beklagt sich über seine Lebensumstände in Kemberg und sein Dasein als Krämer; er müsse seinen eigenen Hausrat verkaufen, niemand zeige Erbarmen. Am Ende bespricht er allgemeine Nachrichten. Landgraf Philipp I. von Hessen sei nur durch Gebete des Kurfürsten Johann von Sachsen von einem Angriff auf einige Bischöfe abgehalten worden – eine Anspielung auf die Turbulenzen der sogenannten »Packschen Händel«.6 Aus Nikolsburg habe er Nachricht erhalten, dass König Ferdinand I. Pläne gehegt habe, die Protestanten zu zerstreuen, und nur durch ein türkisches Heer bei Belgrad daran gehindert worden sei.7 Luthers gegen Karlstadt, Schwenckfeld und Krautwald gerichtete jüngste Schrift Vom Abendmahl Christi Bekenntnis8 vernachlässige die Gnade Gottes und sei daher gottlos und voller Blasphemie. Doch am schlimmsten sei die Aussage, dass die Gläubigen im Abendmahl die Vergebung der Sünden aus dem Kelch tränken.9 Dies widerspreche fundamental Karlstadts geistlicher Auffassung der Sakramente.
Vermutlich hat Karlstadt das Schreiben an Schwenckfeld und Krautwald angesichts seiner zunehmend haltlosen, bedrängten und materiell prekären Lage in Kemberg auf der Suche nach einem neuen Aufenthaltsort geschrieben, an dem er sich niederlassen könnte.10Krautwald und Schwenckfeld wirkten gemeinsam im schlesischen Liegnitz, geschützt und gefördert von Herzog Friedrich II. von Schlesien-Liegnitz; Krautwald seit Dezember 1523 als Lektor am Kollegiatstift Heiliges Grab in Liegnitz,11 der vermögende Schwenckfeld als Privatgelehrter. 1526 gründete der ambitionierte Herzog eine Universität in Liegnitz, an der Krautwald seit Herbst des Jahres unterrichtete.12 Ob sich Karlstadt mit dem Brief auch für eine Position an der Universität ins Spiel brachte, ist aus der Quelle nicht ersichtlich. Schwenckfeld hatte unter Zwinglischem Einfluss die Auffassung entwickelt, dass die Nießung Christi nur geistlich durch den Glauben empfangen werden könne, nicht durch das Sakrament an sich. In Auseinandersetzung mit dieser Lehre geriet Krautwald im September 1525 in eine Konversionskrise. Gemeinsam entwickelten Schwenckfeld und Krautwald nun eine Abendmahlslehre, nach der der äußere Genuss von Brot und Wein nicht heilsrelevant sei und es stattdessen auf die Würdigkeit und den Stand des Glaubens ankomme.13 Im Dezember 1525 stellte Schwenckfeld die eigene Auffassung Luther in Wittenberg vor, der sie ablehnte und vor einer neuen Häresie warnte.14 Im Frühjahr 1526 setzten Schwenckfeld und Krautwald die Austeilung des Abendmahls in Schlesien aus.15 Beide wandten sich nun gegen die Vorstellung der Realpräsenz, aber auch gegen Zwinglis symbolische Abendmahlsauffassung und plädierten stattdessen auf der Basis von Joh 6,63f. für ein rein geistliches Verständnis.16 Krautwald bestritt rein grammatikalisch auf Grund des Neutrums der Deuteworte hoc/to=uto einen Bezug auf das Brot (mask. panis), stattdessen müssten diese auf den Leib Christi (neutr. corpus) referieren.17 Abgesehen von diesen auffälligen Übereinstimmungen mit Karlstadt erkannten Krautwald und Schwenckfeld in Satzstellung und grammatischer Beziehung einen Hebraismus: Die Worte hoc/to=uto seien Prädikatsnomen statt Pronomen und würden – üblich für die biblische Rede – eine Äußerung einleiten, die allein durch ihre Verwendung deutlich werde.18
In einem Brief an Capito und Bucer (29. Juni 1528) spricht sich Krautwald gegen die Kindertaufe aus, aber auch gegen das »externum ministerium baptismi« der Täufer.19 Im Austausch mit den Straßburgern näherten sich Schwenckfeld und Krautwald kurzzeitig den Oberdeutschen an, doch lehnte Zwingli letztlich das rein spiritualistische Abendmahlsverständnis der Schlesier ab.20 Am 1. August 1528 verfügte König Ferdinand I. ein Mandat zur Ausweisung aller, die die leibliche Präsenz Christi im Abendmahl verneinten (die sogenannten »Sakramentsverächter«).21 Im Herbst 1528 forderte Herzog Friedrich II. von Schlesien-Liegnitz zur Distanzierung von Zwingli und zum Konsens mit den Lehrgrundsätzen Luthers auf. Daraufhin verließ Schwenckfeld am 19. April 1529 Schlesien.22
Auf welchem Weg Karlstadt über die Lehre der beiden schlesischen Theologen unterrichtet wurde, ist nicht bekannt; selbst über die Kontaktanbahnung wissen wir nichts. Schwenckfeld hatte, wie erwähnt, im Dezember 1525 Wittenberg besucht. Karlstadt wohnte damals in Seegrehna,23 wo Schwenckfeld ihn besucht haben könnte. Zu diesem Zeitpunkt war nur eine Schrift Schwenckfelds zur Abendmahlsfrage veröffentlicht worden, und zwar im Mai 1527 von Oekolampad in Basel,24 aber schon 1526 tauschte sich Zwingli mit ihm über die Abendmahlsfrage aus, sodass zu vermuten ist, dass Abschriften seiner handschriftlich überlieferten Texte kursierten.25 Einen Hinweis auf Übermittlung von Nachrichten und Texten bietet Karlstadts Hinweis auf Berichte aus Nikolsburg, die ihn erreichten. Durch Oswald Glaidt kann es einen Nachrichtenfluss zwischen Liegnitz und Nikolsburg gegeben haben,26 der allerdings wohl kaum über den Umweg Wittenberg gelaufen sein wird.
Karlstadts Brief an Schwenckfeld und Krautwald wurde abgefangen und Luther übergeben, der ihm über den Amtmann Hans von Metzsch mitteilen ließ, dass er mit ihm zukünftig nicht nur keine theologischen Debatten mehr führen, sondern auch keinen Kontakt mehr pflegen wolle (vgl. KGK 314). Eine genaue zeitliche Einordnung dieser Nachricht ist kaum möglich, wahrscheinlich erfolgte die Benachrichtigung Ende Juni / Anfang Juli. Erst nach Aufforderung von Kanzler Brück äußerte sich Luther am 24. September 1528 gegenüber dem Hof zu dem Sachverhalt und leitete das vorliegende Schreiben Karlstadts mit der Bitte um Rücksendung weiter.27
Der größte Vorwurf Luthers – neben der Enttäuschung über den persönlichen Verrat – bestand darin, dass Karlstadt an auswärtige Theologen (außerhalb Kursachsens) geschrieben hatte. Damit habe er die grundlegenden Voraussetzungen für das kurfürstliche »Geleit« und die Erlaubnis zur Niederlassung in Kursachsen gebrochen. Als sich Karlstadt am 12. Juni 1525 in verzweifelter Lage mit der Bitte an Luther wandte, sich für seine Rückkehr nach Sachsen einzusetzen, hatte er selbst angegeben, in Zukunft nichts mehr schreiben, predigen und lehren zu wollen.28 Die Niederlassung wurde ihm im September 1525 auf Grundlage seines »Widerrufs« erteilt.29 Die Anordnung, dass Karlstadt weder innerhalb noch außerhalb des Landes seine Lehre verbreiten dürfe, erteilte Kurfürst Johann am 26. November 1526 gegenüber Luther.30 Wahrscheinlich war dem Herrscher auf dem Reichstag in Speyer zugetragen worden, dass Karlstadt angeblich an Oekolampad und Zwingli geschrieben hätte.31 Selbst die Übersiedlung nach Kemberg befürwortete Luther unter der Perspektive, dass Karlstadt dort gut zu überwachen sei.32 Die Darlegung seiner Abendmahlsauffassung, auf Aufforderung des ihn überwachenden Amtmanns Hans von Metzsch, erfolgte zwar nach kurfürstlicher Erlaubnis im August 1527,33 sodass Karlstadt nun wieder auf Anhörung seiner Argumente hoffte, doch beendete Luther die Debatte mit einer brieflichen Antwort34 und äußerte zunehmend Unmut über ihn.35 In einem Brief an Wenzeslaus Linck vom 12. Mai 1528 – also noch vor der Kenntnis des vorliegenden Briefes – meinte er, Karlstadt sei wieder verstockter geworden, doch könne man ihn noch zum Schweigen zwingen.36 Wohl Anfang 1528 hatte Luther Karlstadt eine neue, knapp in Argumente gefasste (und ebenfalls verschollene) Abendmahlsabhandlung abgenötigt, die er aber nach Abfangen des vorliegenden Briefes nur noch höhnisch über Metzsch beantworten ließ.37 Der Ton verhärtete sich nochmals. Am 28. Juli 1528 schrieb Luther an Nikolaus Gerbel in Straßburg, dass Karlstadt eine Natter [scil. an der Brust der Wittenberger] sei, die muckse, aber nicht offen hervortrete; am besten solle er sich zu den anderen Fanatikern in Gerbels Stadt Straßburg begeben.38
KGK 312
Transkription
