Nr. 296
Andreas Karlstadt an Martin Luther
Frankfurt am Main, 1525, 12. Juni

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt

Gottes huld und frid Erwirdiger her Doctor und lieber
gevatter1/ Das ist mein bitt/ ir wolleth mir alles das
vertzeihen/ was ich aus dem alden Adam bewegt wider
euch gesundigt/ darnach welleth mein armes und
elends weib2/ und kind3 ansehen/ sich uber sie erbarmen
und uns verschreiben4/ das wir widerumb zu dem
unsern einkummen/ dann ich weisß wider rat noch
hulff/ in disen schwinden und emporischen laufften5
ferner zusuchen/ Es ist aufrur von hinnen6 bis an
welsche Lande7/ dem ich feynd und hessig8 bin/
Auch nye vertraueth hab noch vertrauen will/
Ich hab geschriben und geantwort auf eur schreiben9/
hett ichs nicht gethun/ itzt liesß ichs/ dieweil ich die
bescheit10 diser welt nu verstee/ werdeth ir etwas
in meinen/ buchlen11 finden das euch zu nahe oder
unleidlich kan ich leiden das irs straffeth und mich
betzaleth12/ Mir hab ich furgesetzt13 zukunfftiglich
gar nichts mer zuschreiben/ predigen oder leren/ und
gedenck auf solchem fursatz beharren/ so vil an mir
ligt/ Thut als ein Christlicher bruder/ und freund
Gottes/ und verschreibt mein weib/ kindt/ und mich
gegen unsern Gnedigsten Churfursten14 etc. und
bringt uns wiederumb eyn15/ Das will ich in
demut und vleis verdienen/ und mich der-
massen
gegen Obristen und gleichen/ ertzeigen/ das
ir eur furbitt halben keyn ungunst erlangeth/
Dem Lebendigen Gott befolen/ Datum zu Franckfordt
am Meyn/ Montags nach Trinitatis/ Anno etc. xxv16
Bitt eur schrifftlich antwort.17
Buchsymbol fehlt Last euch wider muhe noch ztorn abwenden18/ uns
armen und bedrengten zufurdern19/ denn was ich
nicht verdienen werd oder vermag/ das wirt
Gott unser herr reichlich belonen/ wiewol ich
mich nach vermugen alletzeit bevleissen will eurn
willen zuersettigen/ Beweiseth eur Christliche Lieb
und seumeth20 uns elende nicht/ wir haben wider
fur21 reysigen22 noch fur paurn rue/ und angst und
noth hat uns umbgeben/ wie ich gleyt23 von
dem rat der paurn zu Francken außgebracht24 und
was mich ir gleytt geholffen25/ wirt eůch mein weib
unterrichten26/ Datum ut s'upra'/ Gott beware uns alle-
sampt

Eur gutwilliger diener
Endres Karlstat.

1Diese Anrede gebraucht Karlstadt hier wohl im Sinne von »Bruder, Freund, Nachbar« (vgl. FWB s.v. gevatter Nr. 2), möglicherweise um eine freundschaftliche Verbundenheit zu Luther zu kreieren und so seiner Bitte mehr Nachdruck zu verleihen. Die WA.B 3, 530 Anm. 1 Nr. 889 sieht diese Anrede dagegen als Indiz für eine Patenschaft Luthers bei Karlstadts 1523 noch in Wittenberg geborenen Sohn. Dieser war inzwischen anscheinend jedoch gestorben; vgl. auch unten KGK 296 (Anmerkung).
2Anna von Mochau, mit der Karlstadt seit Januar 1522 verheiratet war. Vgl. KGK V, Nr. 215, S. 80f.
3Welcher der zu diesem Zeitpunkt zwei Söhne des Paares hier gemeint ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ein erster Sohn war 1523 in Wittenberg zur Welt gekommen, der zweite Anfang 1525 in Orlamünde; wenig später hatte Karlstadts Frau mit den zwei kleinen Kindern Sachsen ebenfalls verlassen müssen. Einer der beiden Jungen scheint zwischenzeitlich gestorben zu sein, noch am 1. Februar 1525 hatte Karlstadt in seinem Brief an Markgraf Kasimir von Kindern (im Plural) gesprochen; vgl. KGK 285 (Textstelle). Zu den Kindern Karlstadts siehe auch Barge, Karlstadt II, 518f.; Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 53 sowie KGK VII, Nr. 281 Anm. 24.
4sich für jemanden verwenden, einsetzen. Vgl. DWb 25, 1156 s.v. verschreiben Nr. 4.
5vergehenden, von Aufruhr geprägten Zeiten. Zu den Wortbedeutungen im Einzelnen siehe DWb 15,2669 s.v. schwinden II Nr. 1, FWB s.v. empören Nr. 4 sowie FWB s.v. lauf Nr. 7.
6hier, gemeint sind wohl die fränkischen Lande.
7romanische Länder, meist Italien und Frankreich, auch als Gegensatz zu deutschen Ländern genutzt, hier könnte das Elsaß gemeint sein, das auch von den allgemeinen Bauernunruhen erfasst worden war.
8verhasst. Vgl. DWb 10, 549 s.v. hässig. Karlstadt bezieht sich hier wahrscheinlich auf die Aufständischen, bei denen er wohl aufgrund seines Eintretens für Gewaltlosigkeit in den Ruf gekommen war, ihnen und ihren Anliegen feindlich gesinnt zu sein, vgl. KGK 294 und KGK 297.
9Wahrscheinlich beziehtKarlstadt sich hier auf das Schreiben Luthers vom 23. Dezember 1524 (KGK VII, Nr. 285), zu Karlstadts Antwort siehe KGK 287.
10Zustand. Vgl. FWB s.v. bescheid Nr. 10.
11Wahrscheinlich Bezug auf Karlstadts zuletzt erschienene Schriften Anzeige etlicher Hauptartikel christlicher Lehre (KGK 298), Erklärung von 1. Kor 10,16 (KGK 299) und Von dem neuen und alten Testament (KGK 290), mit denen Karlstadt in polemischer Form auf Luthers zweiteilige Schrift Wider die himmlischen Propheten reagiert hatte.
12es jemandem heimzahlen, jemandem etwas übel vergelten. Vgl. FWB s.v. bezalen.
13sich etwas vornehmen, beschließen. Vgl. DWb 4, 813 s.v. fürnehmen Nr. II,2.
15Karlstadt bittet Luther darum, sich beim Kurfürsten dafür einzusetzen, den Ausweisungsbefehl gegen ihn aufzuheben und ihn mit seiner Familie nach Sachsen zurückkehren zu lassen.
1612. Juni 1525.
17Eine schriftliche Antwort Luthers ist nicht bekannt; hierzu siehe KGK 296.
18lasst euch weder von Mühe und Zorn abhalten.
19unterstützen. Vgl. DWb2 9, 750 s.v. fördern Nr. 2.
20an etwas hindern, verzögern. Vgl. DWb 14, 1912 s.v. säumen Nr. 1.
21vor.
22(berittene) Kriegsknechte, Soldaten. Vgl. DRW s.v. Reisige.
23Geleit.
24erwirken, erreichen. Vgl. FWB s.v. ausbringen.
25Karlstadt bezieht sich hier auf einen Vorfall bei Thüngersheim, bei dem ihn lediglich ein Geleitbrief, den er auf Vermittlung Ehrenfried Kumpfs im Hauptquartier der Bauern erhalten hatte, vor einem räuberischen Überfall bewahrt hatte; vgl. KGK 297 (Textstelle).
26Karlstadt plante offenbar, seine Frau als Botin zu Luther zu schicken. Hierzu siehe KGK 296.

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