Nr. 298
Andreas Karlstadt an Martin Luther
[Wittenberg] , [1525, vor 12. September]

Einleitung
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] StA Bern, B II 72, fol. 15r–16v

Eine Abschrift von Spalatins Hand; fol. 15r oben links Vermerk von anderer Hand »Manu Georgi Spalatini«.

Editionen:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Ende Juni / Anfang Juli war Karlstadt mit seiner Familie nach einer Odyssee durch die fränkischen Lande mit der Unterstützung Luthers heimlich nach Sachsen zurückgekehrt, wo er Zuflucht im Hause Luthers fand, während Anna sich mit dem gemeinsamen Sohn wohl zu ihrer Familie nach Seegrehna begab.1 Das hier edierte, undatierte Schreiben dürfte während seines Aufenthalts in Luthers Haus entstanden sein, da Karlstadt auf seine am Vortag an Luther gerichtete Bitte verweist, was auf eine räumliche Nähe zwischen den beiden Reformatoren schließen lässt.2 Warum Karlstadt sich dazu entschied, sich trotz des persönlichen Kontakts auch schriftlich an Luther zu wenden, ist unklar. Insgesamt verbrachte Karlstadt nach Aussage Luthers wohl mehr als acht Wochen im »Schwarzen Kloster«.3 Während dieser Zeit erschienen die apologetische Schrift Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297), in der sich Karlstadt von einer Beteiligung an den bäuerlichen Aufständen distanzierte, sowie die Erklärung zur Lehre vom Sakrament (KGK 301), mit der Karlstadt eine kompromissfähige Darstellung zum Verständnis seiner Schriften vorlegte, die aber auch als Widerruf seiner Abendmahlslehre gelesen werden konnte.4 Möglicherweise hatte Luther die Abfassung dieser Schriften zur Bedingung seiner Hilfestellung gemacht.5 Beide Schriften ließ Luther wohl auf Bitten Karlstadts schließlich Anfang bzw. Ende September jeweils mit einer Vorrede versehen in Wittenberg zum Druck bringen, vorgelegen haben dürften sie bereits spätestens Mitte August, die Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs sogar bereits Mitte Juli.6 Warum Luther die Drucklegung der beiden Schriften hinauszögerte, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Das zögerliche Verhalten Luthers in Bezug auf die Drucklegung der beiden Schriften, das ihn zwang, sich weiterhin im Verborgenen zu halten und die damit verbundene Abhängigkeit vom Wohlwollen Luthers scheint bei Karlstadt im Laufe der Zeit zunehmend zu Ungeduld und Unmut geführt zu haben. Mit dem vorliegenden Schreiben drängte er bei Luther darauf, seiner am vorherigen Tag bereits vorgetragenen Bitte nachzukommen und sich beim Kurfürsten für seine (offizielle) Rückkehr nach Sachsen einzusetzen und ihm so zu ermöglichen, sich mit seiner Familie dort, am liebsten in Kemberg, niederzulassen.7 Zunächst versichert er Luther jedoch neben seiner Dankbarkeit für die Bereitschaft, ihm in seiner bedrängten Lage zu helfen, sich zukünftig wie ein willfähriger Sklave zu verhalten.8 Zugleich brachte er seine Hoffnung zum Ausdruck, Luther werde bei seiner Entscheidung – auch wenn ihm des Schicksal Karlstadts egal sei – wenigstens das Schicksal seiner Frau und seines Sohnes in den Blick nehmen, deren Existenz durch die momentane Situation in Gefahr sei. Luther solle seine Bedenken beiseite schieben und ihm so schnell wie möglich bei seinem Anliegen helfen, zumal er Karlstadt dadurch nicht nur in der Nähe (und damit unter Kontrolle) habe, sondern auch weniger Furcht vor den Anklagen seiner Gegner haben müsse.9

Der Duktus dieses Briefes zeigt deutlich, dass Karlstadt sich zwar bewusst war, das seine Freiheit von der Fürsprache Luthers abhängig war10 und sich in seinen Worten demütig und fast schon unterwürfig zeigte, zugleich jedoch u.a. mit der Selbstbezeichnung als »willfähriger Sklave«11 oder der Anrede als »reverendam dominationem« einen gewissen Sarkasmus in seine Worte legte, der Luther nicht verborgen geblieben sein dürfte. Auch die zu Beginn des Briefes genutzte Wendung Karlstadts, er habe Luther nicht aus seinem süßen Schlaf wecken wollen, dürfte in diesem Zusammenhang zu sehen sein.12 Möglicherweise ausgehend von diesen Zeilen verfasste Luther am 12. September 1525 ein Schreiben an den Kurfürsten, in dem er sich für die Rückkehr Karlstadts nach Sachsen einsetzte. Diesem legte er eine Supplik Karlstadts an den Kurfürsten bei, mit der Johann zugleich ein Exemplar seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297) zukommen ließ.13 Dieses Schreiben Luthers bildet zugleich den Terminus ante quem für die Entstehung des hier edierten Briefes.


3Dieser Aufenthalt ist lediglich über die Aussage Luthers belegt, der ihn später in seinen Tischreden erwähnte; vgl. WA.TR 2, 308 Nr. 2064: »Qui cum in aedibus meis tempore relegationis suae plures quam octo septimanas insciis omnibus hominibus habitaret […].« Über die Dauer von Karlstadts Aufenthalte im »Schwarzen Kloster« lässt sich keine gesicherte Aussage treffen. Karlstadt traf wohl Anfang Juli 1525 in Wittenberg ein (vgl. KGK 296) und durfte sich erst nach der kurfürstlichen Instruktion vom 17. September 1525 (Beilage zu KGK 300) wieder offiziell in Sachsen aufhalten, was einem Zeitraum von 10–12 Wochen entsprechen würde.
4Zu dieser Schrift vgl. KGK 301.
5Hierzu siehe KGK 296.
6Zur Entstehung dieser Schriften siehe die Einleitungen zu KGK 297 und KGK 301.
7Diesen Wunsch nach einer Niederlassung in Kemberg begründet er mit den vielen Vorteilen für die Armen, zu denen er sich anscheinend zählte, die er in der Folge weiter ausführt; vgl. KGK 298 (Textstelle). Inwieweit Karlstadt die günstige Verkehrslage Kembergs, wegen der der Kurfürst seine Ansiedlung ebendort zunächst ablehnte (vgl. KGK 300 (Textstelle)) im Blick hatte, ist unklar.
9Vgl. KGK 298 (Textstelle). Luther sah sich seit Mai 1525 zunehmender Kritik und Schuldzuweisungen in Bezug auf den Ausbruch der bäuerlichen Aufstände ausgesetzt; vgl. Kaufmann, Bauernkrieg, 200–214.
13Vgl. KGK 299.

Downloads: XML · PDF (Druckausgabe)
image CC BY-SA licence
»