1. Überlieferung
Handschrift:
Eine Abschrift von Spalatins Hand; gestempelte Blattnummerierung, ältere hsl. Nummerierung »91«.
Editionen:
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 363f.
2. Entstehung und Inhalt
Zum Zeitpunkt des vorliegenden Schreibens sah sich Karlstadt einer nahezu ausweglosen Situation gegenüber: Ende Mai hatte er Rothenburg verlassen und befand sich seitdem mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn1 auf der Flucht durch die fränkischen Lande in ständiger Gefahr, in die Hände der ihm feindlich gesonnenen Bauern und Kriegsknechte zu fallen.2 Sein Weg führte ihn von Rothenburg aus zunächst zum Bauernlandtag am 1. Juni nach Schweinfurt, von wo er sich ins Bauernlager bei Heidingsfeld begab, um wohl mit Hilfe Ehrenfried Kumpfs3 freies Geleit für seine Weiterreise nach Karlstadt am Main zu seiner Mutter zu erlangen, wo er nach eigener Aussage eine Predigerstelle in Aussicht hatte.4 Der Aufenthalt in seiner Heimatstadt währte jedoch nicht lange: Bereits nach kurzer Zeit wurde ihm durch seinen Schwager – höchstwahrscheinlich dem Mann einer seiner Schwestern5 – nach einer Predigt nahegelegt, die Stadt wieder zu verlassen.6 Karlstadt begab sich daraufhin mit seiner Familie nach Frankfurt, wo er hoffte, Zuflucht bei seinem Schwager Gerhard Westerburg zu finden, der sich nach seiner Ausweisung aus Sachsen Ende 1524 dort niedergelassen hatte.7 Westerburg war jedoch aufgrund seiner Beteiligung an einem innerstädtischen Aufstand bereits am 17. Mai gezwungen gewesen, Frankfurt wieder zu verlassen,8 so dass sich auch diese Option auf einen sicheren Zufluchtsort für Karlstadt und seine Familie zerschlagen hatte.
Aus dieser bedrängten Situation heraus wandte er sich vermutlich bereits kurz nach seiner Ankunft in Frankfurt9 am 12. Juni 1525 mit dem hier edierten Brief an Luther und bat ihn, sich beim Kurfürsten für seine Rückkehr nach Sachsen einzusetzen. Er entschuldigte sich für die Sünden, die er aus dem »alten Adam« heraus gegenüber Luther begangen habe und bat ihn, nicht nur seine ausweglose persönliche und finanzielle Situation, sondern auch das Schicksal seiner Frau und seines Sohnes in den Blick zu nehmen. Er bereut seine Antwort auf das Schreiben Luthers10 und entschuldigt sich damit, dass er die Situation verkannt habe, aber »die bescheit diser welt nů verstee.«11 Sollte Luther etwas an seinen Büchern – gemeint sind hier wohl in erster Linie die drei Repliken auf Luthers Wider die himmlischen Propheten, also die Anzeige etlicher Hauptartikel christlicher Lehre (KGK 288), die Erklärung von 1. Korinther 10,16 (KGK 289) und Von dem neuen und alten Testament (KGK 290) – zu beanstanden finden, sei er bereit, die Strafe hierfür über sich ergehen zu lassen. Darüber hinaus habe er sich vorgenommen, sich zukünftig des Schreibens zu enthalten und sich gegenüber den Fürsten so zu verhalten, dass Luther keinen Nachteil für seine Fürsprache für Karlstadt zu erwarten habe.12 Er schließt diesen Teil des Briefes mit der Bitte um eine schriftliche Antwort.
In einem Nachtrag hebt Karlstadt nochmals auf seine bedrängte Situation und die Dringlichkeit ab, mit der er und seine Familie auf Luthers Hilfe angewiesen seien – seine Frau, Anna von Mochau, werde ihm berichten, welchen Gefahren sie auf ihrer Reise ausgesetzt gewesen seien.13 Karlstadt plante also möglicherweise, seine Frau mit dem hier edierten Brief nach Sachsen zu schicken, wo sie nicht nur Kontakt zu Luther aufnehmen sollte, sondern auch Zuflucht bei ihrer Familie in Seegrehna in der Nähe von Wittenberg finden konnte. Vermutlich brach die Familie gemeinsam von Frankfurt in Richtung der sächsischen Grenze auf, von wo aus Anna weitergereist sein könnte, während Karlstadt dort im Verborgenen verweilte und die Antwort Luthers erwartete.14
Eine schriftliche Reaktion Luthers auf den Brief Karlstadts ist nicht bekannt. Melanchthon berichtet am 27. Juni 1525 in einem Schreiben an Camerarius vom Bittgesuch Karlstadts und deutet an, dass man bereit sei, ihm zu helfen; seine Frau werde noch am selben Tag in Wittenberg erwartet.15 Diese Aussage könnte dafür sprechen, dass Anna von Mochau tatsächlich als Botin zwischen Luther und Karlstadt fungierte, sie den vorliegenden Brief um den 26. Juni persönlich in Wittenberg übergeben hatte und man sie dort nun zurückerwartete, um die Antwort – möglicherweise lediglich in mündlicher Form, um diesen brisanten Vorgang nicht den Gefahren einer schriftlichen Übermittlung auszusetzen – entgegenzunehmen. Es kann jedoch auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Übermittlung des Briefes durch einen Boten erfolgte, Anna mit Karlstadt an der Grenze zu Sachsen verweilte und dann erst nach Erhalt einer Antwort Luthers und einer Rückversicherung bei den Wittenbergern, die ihr eine gefahrlose Aufnahme in der Stadt zusicherten, nach Wittenberg aufbrach.16 Mit Blick auf den Nachtrag zum hier edierten Brief stellt sich dann jedoch die Frage, warum Karlstadt Luther die Ankunft seiner Frau avisieren solle, wenn zunächst nur ein Bote zu erwarten war. Dies erscheint nur dann plausibel, wenn der Nachtrag, der ebenso wie der hier edierte Brief lediglich als Abschrift Spalatins überliefert ist, zu einem späteren Schreiben gehörte, möglicherweise der Reaktion Karlstadts auf Luthers verschollene Antwort. Die Antwort Luthers scheint Karlstadt – in welcher Form auch immer – in jedem Fall zeitnah erreicht zu haben: Höchstwahrscheinlich bereits Anfang Juli fand er Zuflucht im Hause Luthers, wo er sich im Anschluss für mehr als acht Wochen verborgen hielt, wie Luther später in seinen Tischreden berichtete.17 Anna dürfte sich mit dem gemeinsamen Sohn während dieser Zeit bei ihrer Familie in Seegrehna aufgehalten haben.
Welches Ziel Luther mit der auch für ihn nicht ungefährlichen Aufnahme Karlstadts in sein Haus verfolgte, ist unklar. In seiner Vorrede zu Karlstadts apologetischer Schrift Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297), die Luther nach Karlstadts Rückkehr nach Sachsen zum Druck bringen ließ, begründet er sein Vorgehen mit der durch Christus und Paulus gebotene Feindesliebe (Röm 12,20).18 Gleichzeitig verleiht er seiner Hoffnung Ausdruck, Karlstadt werde von seinen »Irrlehren«, v.a. in Bezug auf seine Abendmahlslehre, abschwören.19 Diese Hoffnung brachte er auch am 19. Juli noch gegenüber Johannes Hess zum Ausdruck.20 Gleichzeitig bot sich für Luther durch die Unterstützung Karlstadts aber auch die Möglichkeit, seinen Konkurrenten durch das neu entstandene Abhängigkeitsverhältnis dauerhaft an der Verbreitung seiner Lehre und weiteren publizistischen Angriffen zu hindern und ihn darüber hinaus zur einer Gegendarstellung in Bezug auf seine Abendmahlslehre zu drängen. Im Laufe der folgenden Wochen entstand so nach der Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297) auch die Erklärung zur Lehre vom Sakrament (KGK 301), mit der Karlstadt eine kompromissfähige Darstellung zum Verständnis seiner Schriften vorlegte, die Abendmahlsthematik aber nur am Rande berührte.21 In dieser Weise argumentierte Luther dann auch am 12. September in seinem Gesuch an den Kurfürsten, in dem er sich für eine Rückkehr Karlstadts nach Sachsen aussprach, um ihn daran zu hindern »anders wo mehr iamers entweder aus rache odder aus endlicher verzweyfflung« anzurichten.22
KGK 295
Transkription
