1.
Verhörprotokoll des Hans Schmid, Juni 1525: »Aber als Menzinger vom tag zu Schweinfurt komen sey, hab er Ime [= Schmid] ain brief von Karelstat pracht, der sey an Schweinfurt aussgangen, dar er ime schrib wie er mit seiner hausfrau [= Anna von Mochau] wegkgezogen und ime glucklick gangen sey und ime ain wenig geschriben von dem wort caro mea etc. [= Joh 6,56] wolt Ime darnach mer schreyben. Desgleychen hett er Veltin [= Ickelsamer] auch geschriben und dabey wie er prediger zu Karlstat worden wer.«1
Literatur:
- Vice, Ickelsamer, 83 mit Anm. 43.
2. Inhaltliche Hinweise
Nachdem sich die politische Situation in Rothenburg spätestens ab Mitte Mai zunehmend zu seinen Ungunsten zu wenden begann, scheint Karlstadt Überlegungen angestellt zu haben, die Stadt zu verlassen und sich in seine Heimatstadt Karlstadt zu seiner Mutter zu begeben, wo er Anfang Juni nach eigener Aussage eine Predigerstelle erlangt oder zumindest in Aussicht hatte.2 Ende Mai reiste er wohl in Begleitung seiner Familie mit der Rothenburger Delegation unter Leitung von Stephan von Menzingen zum für den 1. Juni 1525 nach Schweinfurt einberufenen Bauernlandtag,3 die ihrerseits unter dem Schutz eines von Markgraf Kasimir ausgestellten Geleitbriefes stand. Ob Karlstadt offizielles Mitglied der Rothenburger Delegation war, ist nicht bekannt; der einzige Nachweis über seinen Aufenthalt in Schweinfurt findet sich in seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297).4Möglicherweise hatte er sich dieser Delegation aber auch in der Hoffnung angeschlossen, ein Geleit der Bauern für seine Weiterreise nach Karlstadt am Main zu erlangen. Dies gelang ihm jedoch erst nach der Auflösung des Bauernlandtages durch Vermittlung Ehrenfried Kumpfs im Bauernlager in Heidingsfeld vor Würzburg.5
Vor seiner Abreise dorthin wandte er sich von Schweinfurt aus nochmals brieflich an einige seine engsten Vertrauten, die in Rothenburg zurückgeblieben waren – den blinden Mönch Hans Schmid und Valentin Ickelsamer.6 Diese Briefe wurden den Adressaten durch Stephan von Menzingen bei seiner Rückkehr nach Rothenburg übergeben7; über ihren Inhalt ist jedoch nur wenig bekannt. Nach Aussage Schmids teilte er ihnen zum einen seine Entscheidung mit, nicht mehr nach Rothenburg zurückzukehren, zum anderen kündigte er zumindest gegenüber Schmid weitere schriftliche Ausführungen zu seiner Abendmahlslehre, genauer zu Kapitel Joh 6, an. Dieser Bibeltext hatte Karlstadt in den Abendmahlstraktaten vom Herbst 1524,8 aber auch in dem im März 1525 entstandenen Traktat Von dem alten und neuen Testament (KGK 290) als einer der Kernpunkte seiner Argumentation zur Bestreitung der Realpräsenz gedient und war während seines Aufenthalts in Rothenburg Gegenstand von Diskussionen und Predigten gewesen. So gab Hans Schmids in seinem Verhör an, zu Beginn des Aufruhrs u.a. auf Betreiben Kumpfs im Bauernlager am Schandhof9 von den »karlstatschen materien« gepredigt zu haben.10 Basis der Predigten Schmids scheint dabei eine – möglicherweise im Zusammenhang mit der Abfassung des genannten Traktats entstandene – Sammlung (»collectanea«) von Karlstadts Ausführungen zu Joh 6 gewesen zu sein, der jedoch mit seiner Zusammenstellung nur bis Joh 6,56 (»caro enim mea vere est cibus et sanguis meus vere est potus«) gekommen war.11 Möglicherweise hatte Karlstadt in seinem Brief an Schmid angekündigt, diese »collectanea« nun zu vervollständigen und an ihn zu senden.
Auch Valentin Ickelsamer scheint regelmäßig an den Gesprächen und Diskussionen über diese Bibelstelle und die Sakramentslehre teilgenommen zu haben und gehörte wohl von Beginn an zum engeren Kreis um Karlstadt; wahrscheinlich kannte er Karlstadt bereits aus seiner Zeit als Student in Wittenberg 1522 bis 1524, auch wenn ein direkter Kontakt zwischen beiden in dieser Zeit nicht nachweisbar ist.12 1524 wurde er Bürger der Stadt Rothenburg und wirkte fortan als Lateinlehrer und Laienprediger, war also bereits vor Karlstadts Ankunft in der Stadt Teil der dortigen reformatorischen Bewegung.13 In der Folge zählte er zu den tatkräftigsten Anhängern und Unterstützern Karlstadts in Rothenburg, seine deutliche Parteinahme manifestierte sich schließlich im März 1525 mit der Veröffentlichung der Klage etlicher Brüder.14 Hierbei handelt es sich um einen direkten, publizistischen Angriff auf Luther, dem Ickelsamer in seiner Schrift zunächst vorwirft, Karlstadt ungerechtfertigter Weise angegriffen, ihm die Verteidigung seiner Lehren verwehrt und stattdessen dafür gesorgt zu haben, dass er aus Sachsen verwiesen worden sei und nirgendwo Aufnahme fände. Dabei nahm er wiederholt Bezug auf den ersten Teil von Luthers jüngst erschienener Schrift Wider die himmlischen Propheten. An deren Inhalt anknüpfend warf er Luther ein unchristliches Leben vor, distanzierte sich deutlich von ihm und seinen Lehren und kritisierte das heuchlerische Verhalten der Kleriker. In diesem Zusammenhang verglicht er das Verhältnis zwischen Luther und Karlstadt mit dem zwischen Saul und David und prophezeit, Karlstadt werde – wie David – über Luther siegen. Zwar weist der Text deutliche inhaltliche und argumentative Parallelen zu Karlstadts im gleichen Zeitraum erschienenem Traktat Anzeige etlicher Hauptartikel christlicher Lehre (KGK 288) auf, Ickelsamer dürfte ihn also gekannt haben – eine aktive Beteiligung Karlstadts an seiner Abfassung konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden.
KGK 294
