Nr. 294
Verschollen: Andreas Karlstadt an die Bauernhaufen bei Würzburg
[Rothenburg ob der Tauber] , [1525, vor 17. Mai]

Einleitung
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag

1.

Karlstadt in Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297): »Ich kan nicht erdencken/ wes die ursach ist/ Es wer denn diesse/ das ich eynen brieff zu dem hauffen schreib/ und sie allesampt schuͤldiger barmhertzigkeyt erynnert/ und vermante/ das sie sich fur Gottes zorn fursehen solten/ zeygt yhnen etliche historien von dem Assur Nabuchodonosor/ Moab an etc. mit kurtzer vermeldung/ das Gott der herr soliche leuthe aufferweckt hat zur straff seynes volcks/ und das Got alle soliche leuthe dennocht hat erwuͤrgt/ alleyn derhalben/ das sie zu viel tetten/ etc. mit andern und kuͤrtzern wortten/ Und ich machte warlich meynen brieff also suͤss das ich besorgt/ Ich moͤcht bey dem andern teyll ynn ungnad fallen. Aber ich wagte es den pauren und herrn zu gut/ Den selben brieff hat eyn radman der pauren/ welcher myr namhafftig ist gemacht/ unthergedruckt/ und ym heer hauffen gesagt/ Karlstad ist nicht gut peurisch […].«1

Literatur:

2. Inhaltliche Hinweise

Seit Sommer 1524 kam es im Süden und in der Mitte des Reiches zu regionalen Bauernaufständen, so auch in Franken, wo die Stadt Rothenburg und ihr Umland eins der Kerngebiete der bäuerlichen Unruhen bildeten.2 Hier war es bereits seit 1524 vermehrt zu Beschwerden über Steuern auf Wein und Vieh gekommen, die sich schließlich auch mit reformatorischen Forderungen und vereinzelten Übergriffen auf Ortsgeistliche in der Rothenburger Landwehr verbanden. Am 21. März zogen Bauern aus den Dörfern des Rothenburger Weichbilds mit Trommeln und Pfeifen in die Stadt, um ihre Beschwerden vorzubringen, wobei es auch zu Tumulten kam.3 Nur wenige Tage später kam es dann ausgehend von den beiden Orten Ohrenbach und Brettheim, im Norden bzw. Südwesten der Rothenburger Landwehr gelegen, zur Bildung zweier bewaffneter Bauernhaufen, die sich bald zum sog. Tauerbertaler Haufen vereinigten und sich Anfang April Richtung Mergentheim bewegten, wo sie sich mit den dortigen Aufständischen zusammenschlossen. Im Mai kam es dann zur Vereinigung des Taubertaler mit dem Neckar-Odenwälder Haufen. Damit wähnten sich die Bauern stark genug, um gemeinsam auch gewaltsam gegen den Würzburger Bischof vorzugehen. Auf der Suche nach Verbündeten für ihr Vorhaben wandten sie sich u.a. an die Stadt Rothenburg und warben dort um Beitritt zu einem Schutz- und Trutzbündnis. Aus Sorge, die bäuerlichen Unruhen würden auch auf die Stadt überspringen, entschied sich die neue Rothenburger Stadtregierung4 schließlich am 10. Mai 1525 auf das Angebot der Bauern einzugehen; dem ebenfalls unterbreiteten Unterstützungsangebot des Markgrafen Kasimir erteilten sie dagegen eine Absage.5 Am 14. Mai erreichte eine Delegation der Bauern unter Führung von Florian Geyer und Hans Betzolt die Stadt um die Bündnisverhandlungen aufzunehmen und anschließend – gemäß des am 15. Mai in der Jakobskirche feierlich beschworen Bündnisses – militärische Unterstützung der vor Würzburg lagernden Haufen gegen den Bischof von Würzburg einzufordern. Dieser Forderung nach militärischer Unterstützung wurde von rothenburger Seite unverzüglich stattgegeben.6

Noch am selben Tag brach eine Delegation angeführt durch Ehrenfried Kumpf und Jörg Spelt mit Geschützen zum Bauernlager Heidingsfeld bei Würzburg auf, der auch Karlstadt angehörte.7 Warum er, der sich bislang aus den politischen Entwicklungen in der Stadt herausgehalten und sich in erste Linie seiner Predigttätigkeit gewidmet hatte,8 sich dieser Delegation anschloss oder gebeten wurde, sich ihr anzuschließen, ist nicht bekannt.9 Tatsächlich wurde er bereits bei seiner Ankunft im Bauernlager davon in Kenntnis gesetzt, dass er dort nicht erwünscht sei, so dass er unverrichteter Dinge wieder umkehren musste.10 Bereits beim Verlassen der Stadt war es zwischen Jörg Spelt und einem nicht näher bekannten Söldner namens Schäferhans zu Auseinandersetzungen über Karlstadt gekommen, in deren Verlauf Schäferhans ihn, wäre Spelt nicht gewesen, wohl erstochen hätte.11

Den Grund für die feindselige Haltung der Bauern vermutete Karlstadt später in seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297) in einem Brief, den er an den Bauernhaufen in Heidingsfeld geschrieben und in dem er sie vor dem Zorn Gottes wegen des Verstoßes gegen den göttlichen Willen gewarnt habe. Hierzu verwies er nach eigener Aussage auf einige alttestamentliche »historien« über Nebukadnezar, Moab und Assur, derer sich Gott als Werkzeug zur Bestrafung des Volkes Israel wegen der Missachtung des göttlichen Willens bedient hatte.12 Möglicherweise knüpfte Karlstadt in seinem Schreiben zusätzlich noch an die von ihm und der Orlamünder Gemeinde im Sommer 1524 gebrauchte Argumentation gegen ein Defensivbündnis an, zu dem sie durch Thomas Müntzer und die Gemeinde von Allstedt aufgefordert worden waren. Ausgehend von Mt 26,52 hatten sie ein solches Bündnis abgelehnt, da es dem Willen Gottes und der Notwendigkeit nach unbedingtem Vertrauen in Gott und seine Stärke widerspreche. Statt auf Gewalt zurückzugreifen, um die Gerechtigkeit Gottes durchzusetzen, solle man auf den Harnisch des Glaubens (Eph 6,1–17) vertrauen.13 Dies entspricht sowohl Karlstadts These von der Gewaltlosigkeit des Reiches Gottes als auch seiner Gelassenheitstheologie, die den Willen Gottes und das Streben nach Vereinigung des menschlichen mit dem göttlichen Willen ins Zentrum allen Tuns stellt.14 Mit dieser deutlichen Mahnung zur Gewaltlosigkeit und der Aussage, dass es sich bei der Erhebung der Bauern nicht um ein Werk Gottes, sondern vielmehr um einen Verstoß gegen seinen Willen handele, stieß Karlstadt durchaus auf Ablehnung auf der Seite der Bauern, so dass es kaum verwundert, dass er schon auf dem Weg nach Heidingsfeld darüber informiert wurde, dass er im Bauernlager nicht willkommen sei, auch wenn die Aussage Karlstadts in seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297) nahelegt, dass die Bauern den genannten Brief gar nicht zu Gesicht bekamen. Vielmehr, so berichtet Karlstadt weiter, habe ein Bauernhauptmann den Brief zurückgehalten und gegenüber den Aufständischen erklärt, dass Karlstadt nicht auf ihrer Seite stünde, da er »nicht gut peurisch« sei.15

Der hier edierte Brief wurde in der Vergangenheit vereinzelt mit der 1525 anonym erschienenen Flugschrift An die Versammlung gemeiner Bauernschaft16 identifiziert. Auch wenn eine Entstehung dieser Schrift im karlstadtfreundlichen Umfeld möglich erscheint, ist seine Verfasserschaft inzwischen überzeugend ausgeschlossen worden.17


2Zum Verlauf des Bauernkriegs in Franken insgesamt siehe Schwerhoff, Bauernkrieg, 195–243; zu den Vorgängen in Rothenburg siehe neben Baumann, Quellen auch Schattenmann, Einführung, 50–71 sowie Barge, Karlstadt 2, 337–352.
3Vgl. Baumann, Quellen, 35–38.
4Am 24. März war es zu einer Usurpation des Stadtregiments unter Führung von Stephan von Menzingen gekommen in deren Verlauf der Rat entmachtet und ein Bürgerausschuss eingesetzt worden war. Hierzu siehe KGK 293.
5Vgl. Barge, Karlstadt 2, 348–351.
6Vgl. Baumann, Quellen, 351–353; Schattenmann, Einführung, 61–63 sowie Barge, Karlstadt 2, 351.
7Vgl. Baumann, Quellen, 365f.
8Hierzu siehe auch KGK 293.
9Vice, Kumpf, 168 vermutet, dass Kumpf sich von Karlstadts Präsenz im Bauernlager eine positive Wirkung auf die politischen Entwicklungen in der Stadt versprach.
10Vgl. Baumann, Quellen, 368 und Vice, Kumpf, 168f.
11Schäferhans hatte Karlstadt wohl als »bösewicht« bezeichnet, mit dem er nicht reiten wolle; vgl. Baumann, Quellen, 366.
12Vgl. 2. Kön 18,9–12; Jer 25,4–11 sowie Ri 3,12–14. Zu Karlstadts Aussage in seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs siehe oben die Referenz sowie KGK 297.
13Vgl. KGK VII, Nr. 261 und 262. Hierzu siehe auch Zorzin, Gewalt.
14Vgl. Bollbuck, Teuschlein, 90. Zu Karlstadts Verständnis von der Gewaltlosigkeit des Reiches Gottes siehe den Traktat Reich Gottes (KGK IV, Nr. 191), zu seiner Gelassenheitstheologie u.a. den Traktat Was gesagt ist: Sich gelassen (KGK VI, 241).
16Anonym, An die Versammlung gemeiner Bauerschaft (VD 16 A 2437).
17Vgl. Peters, An die Versammlung; Hoyer, Karlstadt; Peters, Verfasserfrage; Zorzin, Flugschriftenautor, 128f. mit Anm. 96. Kaufmann, Bauernkrieg, 419f. mit Anm. 257 und 259 hat zuletzt Ulrich Hugwald als Verfasser dieser Schrift vorgeschlagen.

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