Nr. 305
Andreas Karlstadt an Kurfürst Johann von Sachsen
Wittenberg, 1526, 13. Dezember

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt
Dem durchleuchtigisten und
hochgebornen fursten und hern
hern Johansen Hertzogen tzu
Sachssen des Heyl'igen' Romischen
Reichs Ertzmarschalken und
Churfursten und marggraffen
zu Meissen meynem gnedigsten
churfursten und hern〈.〉
Buchsymbol fehlt

Durchleuchtigister hochgeborner Churfurst gnedigister herre/
E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' seind meyne untherdenige gehorsame und willige dinste
alletzeit tzuvoran bereitt. Gnedigister herr e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' danck ich
auß herzen untherdeniglich/ daß E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' mich armen man tzu
Kemberg zu wonen gnediglich erhort und zu gelassen.1 Bin das
mit leib und gut tzu verdienen schuldig und gantzes fleisses
gewertig. Daß E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' aber meynem großgunstigen
hern und gefatter2 D'octori' Martino antzeigen/ wie ich E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' sey ange-
geben
/ als der den jenen ßo vom Sacrament seckten machen/
helffen/ oder ir seckten preisen solt etc. deß bin ich armer man
hefftiglich erschrocken.3 Denn ich wol weis waß ungefallens Euer churfurstlich
gnaden drob haben wurden und waß ferlikeit4 ich leiden must, wenns
alßo wehr/ als mich der satan durch seine glider vermachen
tut. Ich getrost mich aber der warheit trostlich/ und geb E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
untherdeniglich zu erkennen/ das ich mein leben lanck nicht einen
pustaben aczu dem doctor Czwinglieb noch tzu Oecolampadio geschrie-
ben
vil weniger itzt. Ich steh ina solicher fürchte boser angebung5
daß ich mein Biblien und alle bucher der heyligen schrifften hab
beiseitz gelegt. Rede och das gut nicht/ auff daß der teuffel daß
gut nit neme tzu ein deckell des bosen.6 Halte mich als einer
der von der gantzen Biblien gar nichts weiß. Und bin des gar
gewiß daß mir nymants mit warheit nachsagen kann/ das
ich dye secktenc mit schrifften sterck/ oder mit worten (sitter der
zeit E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' einnemung7) gepreiset. Kan aber ymants
mein schrifftlich hilff oder sterckung aufflegen oder mit grund
erweisen das ich gedachter seckten anhang. Sol mich Euer churfurstlich
gnaden an8 barmbhertzikeit straffen. E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' wollen allein disser
welt poßheit erwegen/ und tzu herzen fassen/ daß Got unser
herr der obirkeit gebotten sich vor allem der warheit wol und genug-
sam
zu erkunden, ehe die straff ergehn. Daß wil ich armer
man meynes vermugens umb E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' in willigem fleiß
und gehorsamd verdinene E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' bevel ich mich.

Datum zu
Wittenberg Lucie in dem xxvi ihar.9
E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
Andreas Karlstadt f

a-avon anderer Hand unterstrichen und am Rand mit einer geschweiften Klammer markiert
bkorrigiert aus Czwinglich
cvom Editor verbessert für secken
dfolgt in der Zeile grammatikalisch falsch ergänzt zu, vom Editor zur besseren Lesbarkeit getilgt
efolgt über der Zeile ergänzt bereit, vom Editor zur besseren Lesbarkeit getilgt
fvon anderer Hand ergänzt

1Kurfürst Johann hatte am 26. November 1526 auf die Fürbitte Luthers hin Karlstadts Übersiedelung nach Kemberg genehmigt; vgl. Kurfürst Johann an Luther, Weimar, 26. November 1526: »[…] und wollen darauf Euer Fürbitt nach beschehen lassen, daß er sich gein Kemberg wenden moge, welchs Ihr ihme auch von unserntwegen also anzeigen moget.« (WA.B 4, 137,45–47 Nr. 1054). Zu den Gründen dieser Übersiedelung siehe KGK 304.
2Bruder, Nachbar, Freund. Vgl. FWB s.v. gevatter.
3Kurfürst Johann hatte in seinem Schreiben an Luther (wie KGK 305 (Anmerkung)) auf die auf dem jüngst vergangenen Reichstag in Speyer (25.–27. August 1526) kursierenden Berichte hingewiesen, dass Karlstadt mit verschiedenen Gruppen in Kontakt stehen und sie in ihrer abweichenden Abendmahlsauffassung unterstützen würde. Hierzu siehe auch KGK 304 mit KGK 304 (Anmerkung).
4Gefahr.
5Ich steh in solcher Furcht vor bösen Anschuldigungen. Zur Wortbedeutung siehe DWb2 2, 936 s.v. Angebung Nr. 1.
6zur Verschleierung des Bösen. Vgl. FWB s.v. deckel Nr. 2.
7Gemeint ist die kurfürstliche Erlaubnis zur Rückkehr Karlstadts nach Sachsen im September 1525; hierzu siehe KGK 300.
8ohne.
913. Dezember 1526.

Downloads: XML · PDF (Druckausgabe)
image CC BY-SA licence
»