1. Überlieferung
Es handelt sich um einen Autographen.
Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers; 2 ungez. Bl.
Editionen:
- Barge, Karlstadt 2, 599f.
- HBBW 4, 319–321 Nr. 440.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 461f. mit Anm. 168.
- Bubenheimer, Consonantia, 254.
2. Entstehung und Inhalt
Mit dem hier edierten Brief vom 15. September 1534 kam Karlstadt der Bitte Bullingers nach, ihm von seinem neuen Leben in Basel zu berichten – wie ihn dieses Anliegen erreichte, ist nicht bekannt.1 Neben der vorübergehenden Aufgabe, den in diesen Wochen abwesenden Antistes Myconius zu vertreten,2 erwähnt er zunächst seine Vorlesung über den hebräischen Text des Alten Testaments, genauer gesagt über das Deuteronomium.3 Zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes war die Vorlesung beim fünften Kapitel dieses Buches angelangt und sollte künftig in zweiwöchigem Rhythmus abgehalten werden.4 Ob seine Auslegung angemessen sei, überlasse er anderen zur Beurteilung, gestehe aber, er fühle sich in der Aussprache des hebräischen Textes nicht ausreichend vorbereitet und wolle sich verbessern. Karlstadt beschreibt die Zuhörer seiner Vorlesungen als still und aufmerksam, es sei aber schwierig, ihren unterschiedlichen Kenntnisstufen gerecht zu werden.5 Er berichtet dann, dass er alle drei Wochen predige6 und auf Geheiß von Myconius und anderer Pfarrer damit begonnen habe, die Dialektik des Aristoteles (in der Version des Georg von Trapezunt) zu unterrichten; auch andere Texte des Stagiriten würden dabei herangezogen.7
Es ist nicht bekannt, ob Karlstadt in den hier beschriebenen Vorlesungen auch auf vorbereitende Studien zu Aristoteles zurückgriff, die er wohl schon im Jahr zuvor in Zürich begonnen hatte.8 Die Bedeutung dieser Vorlesungen in Basel, wo bei der Wiedereröffnung der Universität im Jahr 1532 noch keine philosophische Fakultät eingerichtet worden war,9 ist jedoch offensichtlich: Der von Karlstadt angebotene Unterricht über Aristoteles diente vor allem dazu, die Argumentationsfähigkeit der Pfarrerschaft zu verbessern und wurde deshalb durch praktische Übungen mit Beispielen aus der Bibel ergänzt. Karlstadt lobt in seinem Brief Markus Bertschi, der als erster eine schöne Einleitung (»pulchrum proloquium«) gehalten habe; die anderen sollten mit Material aus ihren Predigten oder anderen Quellen folgen.10 Bullinger solle daraus erkennen, wie einig die Basler Prediger seien und wie sehr Karlstadt sich selbst engagiere, der auch die Vorlesungen von Simon Grynaeus über Aristoteles – dessen bevorstehender Wechsel nach Tübingen am Ende kurz erwähnt ist – und die von Alban Thorer über Dioskurides besuche.11
Der Brief verdeutlicht, welchen sozialen Aufstieg Karlstadt seit seiner Ankunft in der Schweiz genommen hatte. War er im Frühjahr 1530 noch ein mittelloser Flüchtling, der um Asyl ansuchte,12 so gehörte Karlstadt im Sommer 1534 zum Kreis der Theologen und Gelehrten, die nicht nur die Schweizer Kirchen in der heiklen Phase der Konkordienbemühungen leiteten,13 sondern auch dazu aufgefordert waren, die Hochschulbildung neu zu gestalten.14 Dabei sollte auch die klassische Kultur wieder mit den Grundsätzen der neuen Theologie in Einklang gebracht werden. Gerade zu dieser letzteren Aufgabe sollte Karlstadt gleich bei seiner Ankunft in Basel einen entscheidenden Beitrag leisten, wie auch dieser Brief bezeugt.
KGK 356
Transkription
