Nr. 326
Verschollen: Andreas Karlstadt an einen Basler Kollegen [Johannes Oekolampad?]
[Zürich?], [1530, vor 17. Juni]

Einleitung
Bearbeitet von Stefania Salvadori

1.

Johannes Oekolampad an Ulrich Zwingli, 17. Juni 1530 aus Basel: »Carlstadii sunt haec adiectae literae. Uxor eius desiderio tenetur.«1

2. Inhaltliche Hinweise

Karlstadt traf Anfang Juni 1530 in Zürich ein, wahrscheinlich zwischen dem 3. Juni – als Oekolampad ihn ankündigte und Zwingli nachdrücklich empfahl2 – und dem 6. Juni – als Zwingli ihn in der Stadt situierte.3 Am 17. des Monats schrieb Oekolampad zwei Briefe an Zwingli. In dem ersten bedankte er sich bei dem Zürcher Reformator für die großzügige Aufnahme Karlstadts und erklärte, dass er mit dem Urteil des Zürcher Theologen übereinstimme.4 In dem zweitem, am gleichen Tag datierten kurzen Schreiben an Zwingli – hier als Referenztext angeführt – kündigt Oekolampad das Weiterleiten von Briefen an, darunter auch einige Karlstadts.5 Ob es sich dabei um Briefe an Karlstadt – die in Basel nach dessen Abreise nach Zürich eingetroffen waren – oder um Briefe von Karlstadt – vielleicht an Oekolampad, der sie nun nach Zürich weiterleitet – handelte, lässt sich nicht mit Sicherheit klären. Es kann ferner vermutet werden, dass sich Zwingli nach der in Basel verbliebenen Familie Karlstadts – vielleicht auf dessen Wunsch hin – erkundigt hatte, da Oekolampad sie in beiden Briefen vom 17. Juni erwähnt: zunächst, um zu versichern, dass es Karlstadts Frau und den Kindern gut gehe,6 dann, um mitzuteilen, dass sie ihn vermisse.7

Dass Karlstadt einige Tage nach seiner Ankunft in Zürich an einen Basler Kollegen (vielleicht allgemeiner an die Basler Theologen8) geschrieben hat, scheint auch der Brief von Simon Grynaeus9 an Zwingli von Mitte Juni 1530 zu bestätigen.10 Grynaeus berichtet, Karlstadt habe von Zwinglis Menschenfreundlichkeit (»humanitatem«) erzählt, sodass ihm – Grynaeus – der Zürcher Theologe noch liebens- und bewundernswerter erschienen sei. Grynaeus lobt seinen Korrespondenten in den höchsten Tönen und empfiehlt ihm den Exilsuchenden erneut. Er bemüht sich ebenso, die Entscheidung der Basler, Karlstadt nicht bei sich aufzunehmen, vage zu rechtfertigen.11 Aus diesem Brief des Grynaeus wird deutlich, wie sehr Karlstadts Ankunft Anfang 1530 die oberdeutschen und schweizerischen Theologen verunsicherte. Karlstadt entsprach nicht mehr dem von Luther geschaffenen Bild des Schwärmers, vor dessen Hintergrund die Straßburger, Basler und Zürcher Theologen sich zwischen 1525 und 1527 stets von Karlstadt abgegrenzt hatten.12 Er wurde im Gegenteil unmittelbar nach dem Marburger Gespräch mit dem aus religiösen Gründen vertriebenen und von den Wittenbergern verfolgten Flüchtling identifiziert, der wegen seiner den oberdeutsch-schweizerischen Theologen nahestehenden Abendmahlslehre sogar Ostfriesland verlassen musste.13 Wohin hätte Karlstadt nun noch flüchten können, fragte Grynaeus. Würde er bei seinen Feinden – den Lutheranern – Zuflucht suchen müssen oder zurückgehen? Das wäre nicht nur für ihn, sondern vor allem auch für die Basler und Zürcher Kirchen schrecklich gewesen. Es sei deshalb unmöglich, dem verfolgten Karlstadt die Zuflucht noch einmal zu verweigern. Zwingli müsse die Aufgabe übernehmen, welche die Basler (und vor ihnen die Straßburger) nicht zu übernehmen gewagt hatten.14

Um den 22. Juni reiste Karlstadt wieder nach Basel, um seine Familie zu holen. Diese Datierung ergibt sich aus dem auf den 22. Juni datierten an Bullinger in Bremgarten gerichteten Empfehlungsschreiben, bei dem Karlstadt wohl unterwegs Halt machte. Hierin bat Zwingli, Karlstadt so gut wie möglich zu unterstützen, und kündigte an, dass dieser sich mit seinen drei Söhnen in Zürich niederlassen wolle.15 Seine Familie erwartete ihn sehnlichst, wie Oekolampad am 23. Juni in einem Brief an Zwingli andeutete.16 Zwei Tage später war Karlstadt wieder in Basel.17 Wie lange er sich dort aufhielt, ist nicht bekannt, es dürfte nur eine kurze Zeit gewesen sein, da er sich bereits Mitte Juli wieder in Zürich befand, wohin Oekolampad ihm eine Abschrift seines Dialogs gegen Melanchthon schickte.18 Am 15. August sendete Oekolampad erneut über Zwingli Grüße an Karlstadt.19 Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Karlstadt bereits mit seiner Familie in Zürich niedergelassen, und es stellte sich nun die Frage nach einer Anstellung.20


1Zwingli, Werke 10, 616,17 Nr. 1041; Original in StA Zürich, E II 349, 81.
2Oekolampad an Zwingli, 3. Juni 1530: »Salve in Christo, mi frater. En et te invisit Andreas! ille prae aliis multum exercitatus, homo longe alius, quam vel a Melanchthone vel Luthero descriptus. Nos hic pauculis diebus gustum morum eius accepimus, et siquidem preces nostrae apud senatum nostrum valuissent [vgl. KGK 324 (Textstelle)], iam prospectum illi esset in agro; sed scis illum, ne caetera dicam, in provehendis doctioribus cunctabundum. Indignos tanto hospite nos vereor. Tibi oro diligenter commendatus sit. Multis autem nominibus meretur, non solum quia bonus vir et eruditus, sed etiam quia impressionem cum primis in adversarios Christi fecit, iamque multis annis exulat, in quo et nos persequutionem patimur. Dolebit item adversariis, qui pridem in ecclesiis suis predicabant, nos tres ex tribus verbulis [= die drei Einsetzungsworte des Abendmahls, hoc [est] corpus meum] tres haereseis condidisse. Videant nunc, an in nobis sit dissensionis spiritus, magni illi Eliae [= Martin Luther] et prophetae summi. Porro non dubito, quin uberius illum commendarint et Argentinenses fratres [vgl. die am 15. und 16. Mai verfassten und an Zwingli gerichteten Empfehlungsschreiben Bucers und Capitos für Karlstadt in KGK 323; siehe auch KGK 324].«
3Zwingli an Haller und Megander, 6. Juni 1530: »Carolstadius, vir longe alius, quam eum Luterus infamet, nunc apud nos est.« (Zwingli, Werke 10, 613,1f. Nr. 1039).
4Oekolampad an Zwingli, 17. Juni 1530: »Gratias habeo, quod Carlstadium tam humane foves. Idem fere mihi de illo iudicium, quod et tibi. Dabis igitur operam, si illi prospici queat. Dic ei salutem verbis meis, et significa valere uxorem eius cum liberis.« (Zwingli, Werke 10, 615,3–6 Nr. 1040). Ebenso verschollen ist das von Zwingli an Bucer gesendete Gutachten über Karlstadt, auf das Bucer in einem Brief vom 19. Juni an den Zürcher Theologen hinweist: »Valde nos exhilaravit tuum de Carolostadio iudicium. Nobis plane pius et candidus visus est. Salutabis eum, si adhuc tecum fuerit; commendare sic charum non est opus.« (Zwingli, Werke 10, 618,22–619,2 Nr. 1042 = Bucer, Briefwechsel 4, 118,3–5 Nr. 305). Offenbar war das Urteil über Karlstadt, das die Theologen in Straßburg, Basel und Zürich austauschten, in jenen Monaten – zumindest offiziell – einhellig.
5Siehe Referenztext zu dieser Einheit und KGK 326 (Anmerkung).
7Siehe Referenztext zu dieser Einheit und KGK 326 (Anmerkung).
8Karlstadt hatte in jenen Tagen auch den Straßburger Theologen über sein Schicksal berichtet; vgl. KGK 327.
9Zu Simon Griner / Grynaeus (1493–1541) vgl. MBW 12, 192f. Im Jahr 1529 übernahm Grynaeus eine Professur für Griechisch an der Universität Basel, 1536 für Theologie. Er fiel kurz vor seinem Basler Kollegen Karlstadt 1541 der Pest zum Opfer. Grynaeus war Pate von Karlstadts 1523 noch in Wittenberg zur Welt gekommenen erstgeborenen Kind (wahrscheinlich Johannes). Am 7. November 1524 besuchte Karlstadt Grynaeus kurz in Heidelberg, vgl. KGK VII, Beilage zu Nr. 279, S. 639, Z. 5–10 und Anm. 5f.
11Siehe auch die Argumentation Oekolampads, warum Karlstadt nicht bei ihm bleiben könne: Oekolampad macht vor allem den Stadtrat dafür verantwortlich und stellt fest, dass Basel vielleicht eines so gelehrten Gastes wie Karlstadt nicht würdig sei. Vgl. KGK 326 (Anmerkung). Auch in Straßburg ist es offiziell der Stadtrat, der Karlstadt am 9. Mai ausschließt. Vgl. KGK 323.
12Vgl. KGK 322.
14Grynaeus an Zwingli, Mitte Juni 1530: »Praedicat non ignotam michi humanitatem tuam, praestantissime vir, Andreas Carolostadius, et quem antea multis nominibus colebam, facit, ut nunc te amem magis, magis admirer. Praeclare facis, cum in instauranda dei et vere sapientiae scola et doctrina renovanda, fortis dux in acie ipsa collocatus non sapientia solum tua, sed veris virtutibus, et vivo exemplo tot mortales in te conversos provocas. Nichil adulor tibi; nichil enim, dum haec scribo, ultra quam decet, attribuo, nec tu, cum ista quanquam praeclare facis, amplius quam te decet, facis. Sic locus est, in quem te dominus collocavit, ut nichil non admirabiliter, idest: ultra quam hodiernorum hominum mores et studia ferunt, facere conveniat te. Et quanquam non est istuc virium mearum, qui de tuis laudibus et virtutibus dicam, nec istud institui nunc, tamen non possum, quin laudem, quod viri, quem multae nobis res non eiiciendum esse hortantur, rationem habere pergis. Quo abeat enim, si istic nullus fuerit locus? Porrone pergat, ad ipsos hostes, an convertat pedem? Turpe erit hoc ipsi quidem, sed multo tamen turpissimum nobis. Causam intelligis tu quidem rectius, quam ego narrare possum. Itaque res propemodum postulat, ut apud vos subsistat; non hoc dico, qui non videam, id iam prius a nobis etiam officii requiri potuisse, sed excusabit fortasse tamen, quod nescio quo pacto natura simus cunctatiores omnes, quam diu ad extrema non est ventum, et charitas semper bene sibi pollicetur. Hii, a quibus ad nos venit, maiori apud nos in pretio futurum sperabant. Speramus nos quoque, vos quid speretis; cui deinceps fiduciam istam committatis, iam ultra nemo est. Satis, inquies, argutus es, dum ableges hospitem. Ego vero, praestantissime vir, illum esse apud me cupiam perpetuo nec dubitarim huius fortunam iniquiorem quam malam mea tenuitate perpetuo sustinere, si vel huius pudor vel tua beneficentia et humanitas permisisset. Nunc cum honeste abs te videam vocatum, dimitto libenter et hoc nomine foelicem ego puto, cui liceat apud te versari et tua consuetudine oportune uti. Commendo vero tibi virum, commendo me ipsum. Si quid est porro, quod studio et summo conatu afferri a me ad eam gratiam et amicitiam, in quam semel receptus abs te sum, potest, istuc ego quidem et manibus et pedibus enixe semper operam dabo.« (Zwingli, Werke 10, 620,2–621,13 Nr. 1043).
15Zwingli an Bullinger, 22. Juni 1530: »Hic, quem vides, Carolstadius est, homo sane talis, qualem se Luterus esse credit, cum tamen non sit alius, quam ipse Carolstadium esse predicat. Eum deduci ad iter, quod Basileam pergit, facito. Strenue pauper est, quapropter, qui quid potestis, iuvate et opitulamini, non ut nostra hauriatis, sed ut de nostro quid ei refectionis obveniat. […] Carolstadius ad nos transmigrabit, donec ei divina bonitas prospiciat. Liberos abit adductum, quorum tres habet, et eos mares.« (Zwingli, Werke 11, 640,2–7; 641,1f. Nr. 1048 = HBBW 1, 193 Nr. 34). Zur Familie Karlstadts und dessen drei Söhne siehe KGK VIII, Nr. 304, S. 351 Anm. 9.
16Oekolampad an Zwingli, 23. Juni 1530: »Carlstadio bene precor. Sui utcunque valent; desiderio eius laborant.« (Zwingli, Werke 11, 643,6f. Nr. 1049).
17Oekolampad an Zwingli, 25. Juni 1530: »Carlstadius salvus rediit.« (Zwingli, Werke 11, 645,5 Nr. 1050).
18Vgl. Oekolampad an Zwingli, 14. Juli 1530 (Zwingli, Werke 11, 24,4f. Nr. 1062). Siehe auch Oekolampad an Zwingli, 20. Juli 1530: »Est hic mantica Carlstadii; proxima vectura ei transmittetur.« (Zwingli, Werke 11, 34,1 Nr. 1066). Zum Dialog Oekolampads gegen Melanchthon siehe KGK 323 und KGK 324.
19Vgl. Zwingli, Werke 11, 59,3 Nr. 1074.
20Vgl. KGK 328.

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