1.
Johannes Oekolampad an Ulrich Zwingli, 17. Juni 1530 aus Basel: »Carlstadii sunt haec adiectae literae. Uxor eius desiderio tenetur.«1
2. Inhaltliche Hinweise
Karlstadt traf Anfang Juni 1530 in Zürich ein, wahrscheinlich zwischen dem 3. Juni – als Oekolampad ihn ankündigte und Zwingli nachdrücklich empfahl2 – und dem 6. Juni – als Zwingli ihn in der Stadt situierte.3 Am 17. des Monats schrieb Oekolampad zwei Briefe an Zwingli. In dem ersten bedankte er sich bei dem Zürcher Reformator für die großzügige Aufnahme Karlstadts und erklärte, dass er mit dem Urteil des Zürcher Theologen übereinstimme.4 In dem zweitem, am gleichen Tag datierten kurzen Schreiben an Zwingli – hier als Referenztext angeführt – kündigt Oekolampad das Weiterleiten von Briefen an, darunter auch einige Karlstadts.5 Ob es sich dabei um Briefe an Karlstadt – die in Basel nach dessen Abreise nach Zürich eingetroffen waren – oder um Briefe von Karlstadt – vielleicht an Oekolampad, der sie nun nach Zürich weiterleitet – handelte, lässt sich nicht mit Sicherheit klären. Es kann ferner vermutet werden, dass sich Zwingli nach der in Basel verbliebenen Familie Karlstadts – vielleicht auf dessen Wunsch hin – erkundigt hatte, da Oekolampad sie in beiden Briefen vom 17. Juni erwähnt: zunächst, um zu versichern, dass es Karlstadts Frau und den Kindern gut gehe,6 dann, um mitzuteilen, dass sie ihn vermisse.7
Dass Karlstadt einige Tage nach seiner Ankunft in Zürich an einen Basler Kollegen (vielleicht allgemeiner an die Basler Theologen8) geschrieben hat, scheint auch der Brief von Simon Grynaeus9 an Zwingli von Mitte Juni 1530 zu bestätigen.10 Grynaeus berichtet, Karlstadt habe von Zwinglis Menschenfreundlichkeit (»humanitatem«) erzählt, sodass ihm – Grynaeus – der Zürcher Theologe noch liebens- und bewundernswerter erschienen sei. Grynaeus lobt seinen Korrespondenten in den höchsten Tönen und empfiehlt ihm den Exilsuchenden erneut. Er bemüht sich ebenso, die Entscheidung der Basler, Karlstadt nicht bei sich aufzunehmen, vage zu rechtfertigen.11 Aus diesem Brief des Grynaeus wird deutlich, wie sehr Karlstadts Ankunft Anfang 1530 die oberdeutschen und schweizerischen Theologen verunsicherte. Karlstadt entsprach nicht mehr dem von Luther geschaffenen Bild des Schwärmers, vor dessen Hintergrund die Straßburger, Basler und Zürcher Theologen sich zwischen 1525 und 1527 stets von Karlstadt abgegrenzt hatten.12 Er wurde im Gegenteil unmittelbar nach dem Marburger Gespräch mit dem aus religiösen Gründen vertriebenen und von den Wittenbergern verfolgten Flüchtling identifiziert, der wegen seiner den oberdeutsch-schweizerischen Theologen nahestehenden Abendmahlslehre sogar Ostfriesland verlassen musste.13 Wohin hätte Karlstadt nun noch flüchten können, fragte Grynaeus. Würde er bei seinen Feinden – den Lutheranern – Zuflucht suchen müssen oder zurückgehen? Das wäre nicht nur für ihn, sondern vor allem auch für die Basler und Zürcher Kirchen schrecklich gewesen. Es sei deshalb unmöglich, dem verfolgten Karlstadt die Zuflucht noch einmal zu verweigern. Zwingli müsse die Aufgabe übernehmen, welche die Basler (und vor ihnen die Straßburger) nicht zu übernehmen gewagt hatten.14
Um den 22. Juni reiste Karlstadt wieder nach Basel, um seine Familie zu holen. Diese Datierung ergibt sich aus dem auf den 22. Juni datierten an Bullinger in Bremgarten gerichteten Empfehlungsschreiben, bei dem Karlstadt wohl unterwegs Halt machte. Hierin bat Zwingli, Karlstadt so gut wie möglich zu unterstützen, und kündigte an, dass dieser sich mit seinen drei Söhnen in Zürich niederlassen wolle.15 Seine Familie erwartete ihn sehnlichst, wie Oekolampad am 23. Juni in einem Brief an Zwingli andeutete.16 Zwei Tage später war Karlstadt wieder in Basel.17 Wie lange er sich dort aufhielt, ist nicht bekannt, es dürfte nur eine kurze Zeit gewesen sein, da er sich bereits Mitte Juli wieder in Zürich befand, wohin Oekolampad ihm eine Abschrift seines Dialogs gegen Melanchthon schickte.18 Am 15. August sendete Oekolampad erneut über Zwingli Grüße an Karlstadt.19 Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Karlstadt bereits mit seiner Familie in Zürich niedergelassen, und es stellte sich nun die Frage nach einer Anstellung.20
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