Nr. 324
Andreas Karlstadt an Martin Bucer
Basel, 19. Mai 1530

Text
Bearbeitet von Stefania Salvadori
Buchsymbol fehlt

Eximio viro
Martino Bucero
praeceptori chariss'imo'a

Buchsymbol fehlt
Graciam Dei per Jesum Christum.

Quae sub iuglandeb per nuncium ad te scripsi aut
accepistic aut brevi accipies.1 Nunc non habeo quamd ut gracias agam
quamvis hec provincia multo sit amplior quam ut occupatio mea eam ferat. Tue semper
me tuum habebis. testabor hoc illis signis quibus possum. vellem autem etf paribus
et maioribus nisi deesset facultas. Ego te ex animo diligo et quod ob verecundiam
non fui ausus presens, declarabo ubi potuero absens. Uxori tuae immortales
gratias age.2 Oecolampadius ob festinationem vectoris iamg non potuit respon-
dere
sed respondebit. humaniter me excepit, visus est mihi gravatim
ferre Philippi tot ac tanta convicia,3 Ludowicush hospes meus4 quoque tibii
salutem suam 〈imper〉titj, dixit dialogum iam ab Oecolampadio adversus Philippum
scribi.5Cras6 vocabor ad conventum fratrum. Oecolampadius officium su〈um〉k
praestabit qua de re nihil ambigo.7 Deus pacis et consolationis sit t'ecum.'
Dat'um' Basileae die lMaii 19l a'nno'm M D XXX

Salvus sit Ludowicus.n8

Tuus obsequibilis
Andreaso


acarissimo b
binglande a
cfolgt gestrichen ut a
dkorrigiert aus neque a
ekorrigiert aus tuque a
füber der Zeile hinzugefügt a
gfolgt gestrichen re 'spondebit' a
hLudovicus b
ifolgt gestrichen gra 'tiam' a
jdeprecatur b
kRand ausgerissen a
l-lxix Maii b
mfehlt b
nLudovicus b
ofolgt (Carolostadius) b

1Verschollener Brief, vgl. KGK 323.
2Zum Aufenthalt Karlstadts in Straßburg und zu der hier vermutlich angedeuteten Unterstützung von Bucers Frau, Elisabeth, siehe nochmals KGK 323.
3Gemeint ist Melanchthon, Sententiae veterum de coena domini (1530). Die Schrift war Friedrich Myconius gewidmet (vgl. Edition des Widmungsbriefes in 4/1, 42–50 Nr. 863), Ende Februar 1530 in Druck gegangen (vgl. 4/1, 69,48–50 Nr. 868) und im April auf der Frankfurter Messe erhältlich (vgl. CR 97, 530,10 Nr. 10). Melanchthon hatte Karlstadt in seiner Vorrede frontal angegriffen: »Carolostadius primum excitavit hunc tumultum homo ferus, sine ingenio, sine doctrina, sine sensu communi, quem nullum unquam humanitatis officium aut intelligere aut facere animadvertimus, tantum abest ut in eo significatio aliqua spiritus sancti animadversa sit« ( 4/1, 48,48–51 Nr. 863). Der Text präsentierte eine Sammlung von Aussagen der Kirchenväter – einschließlich Augustinus –, die Melanchthons Meinung nach die lutherische Abendmahlslehre gegen jede symbolische Auslegung absicherten. Zu dieser Sammlung siehe Hall, Melanchthon, 193f. Karlstadt hatte seine Gegenschrift bereits während seines Aufenthalts in Straßburg begonnen, wie der Empfehlungsbrief Bucers an Zwingli nahelegt; vgl. KGK 323. Die Schrift Karlstadts wurde nie veröffentlicht, stattdessen erschien eine Erwiderung Oekolampads auf Melanchthon, s.u. KGK 324 (Anmerkung).
4Es ist nicht klar, wer hier mit »Ludowicus« gemeint ist. Die in Bucer, Briefwechsel 4, 102,8 Nr. 299 Anm. 10 formulierte These, es handele sich um Louis [Pierre Robert] Olivétan, bleibt unsicher. Die Identifizierung erfolgt dort mit Verweis auf den Brief des Martin Germanus an Bucer vom 7. April 1530, in dem der Prediger aus Fürfeld Bucers Frau, Kinder und »Ludowico tuo« grüßen lässt; vgl. Bucer, Briefwechsel 4, 73,20 Nr. 283. In beiden Briefen wird nur der Vorname genannt. Ohne weitere Quellen ist eine genaue Zuschreibung daher nicht möglich. Ebenso unklar bleibt, warum Bucer, Briefwechsel 4, 102,8 Nr. 299 Anm. 10 behauptet, er habe im Haus Olivétans »die Familie Karlstadt untergebracht«, zumal sich Olivétan 1530 nicht mehr in Straßburg aufgehalten zu haben scheint. Dass es sich bei Ludwig aber um eine Person in Straßburg handelte, erscheint wenig plausibel, weil es kaum erklären würde, wie er von der unmittelbar danach erwähnten Schrift Oekolampads gegen Melanchthon erfahren haben könnte. Vielleicht handelte es sich bei diesem Ludwig um jemanden, der Karlstadt in Basel beherbergte und dort gut vernetzt war – so gut, dass er über den Stand von Oekolampads Schrift informiert war –, aber auch enge Kontakte nach Straßburg pflegte. Es könnte sich um Ludwig Kiel (Carinus) handeln, einen gebürtigen Luzerner, der in Basel studiert hatte und dem dortigen Humanistenkreis angehörte. Er reiste intensiv und diente Capito zwischen Ende 1520 und Herbst 1521 als Sekretär. Im Juli 1522 kehrte er nach Basel zurück, wo er im engen Umkreis von Erasmus lebte. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankfurt, wohin er Anfang 1523 als Stadtlehrer berufen worden war, begab er sich 1524 erneut auf Reisen, kam dabei auch nach Straßburg, wurde im Frühjahr 1527 in Marburg immatrikuliert und kehrte im folgenden Herbst wieder nach Basel zurück. Ab 1528 verschlechterte sich seine Beziehung zu Erasmus, bis ihre Freundschaft schließlich zerbrach. Ende 1529 ist Ludwig Carinus in Basel belegt (vgl. Erasmus, Epistolae (Allen) 8, 7128 Nr. 2111; 139,15 Nr. 2151; 298,57 Nr. 2231), spätestens am 20. April 1531 kam er als evangelischer Flüchtling in Straßburg an (vgl. Bucer, Briefwechsel 5, 359,9 mit Anm. 4 Nr. 419). Zu ihm siehe Bietenholz, Contemporaries 1, 266–268. Die Identifizierung des im hier edierten Brief erwähnten Ludwig mit Carinus bleibt dennoch ohne weitere Quellen nur eine Vermutung.
5Es handelt sich um Oekolampad, Eucharistia (1530), erschienen in Juli 1530 bei dem Basler Drucker Johannes Herwagen.
6Am Samstag, 20. Mai 1530.
7Eine wöchentliche Zusammenkunft der Basler Pfarrer war durch ein Ratsmandat vom 5. Januar 1529 angeordnet worden; wie die Basler Prediger am 6. November 1529 in einem Brief an Otto Binder, Augustin Krämer und Jakob Augsburger in Mühlhausen berichten, vgl. Oekolampad, Briefe und Akten 2, 396,10 und 398 Anm. 2 Nr. 704. Es bleibt unklar, auf welche Art Oekolampad für Karlstadt vermitteln sollte. Gemäß eines Briefes Oekolampads an Zwingli vom 3. Juni 1530 wollte man ihn in Basel halten, konnte den Senat aber nicht davon überzeugen (vgl. Zwingli, Werke 10, 608,3–7. Nr. 1038: »Nos hic pauculis diebus gustum morum eius accepimus, et siquidem preces nostrae apud senatum nostrum valuissent, iam prospectum illi esset in agro; sed scis ilum, ne caetera dicam, in provehendis doctioribus cunctabundum. Indignos tanto hospite nos vereor.«). Bereits am 22. Mai teilte Oekolampad Zwingli mit, Karlstadt werde ihn bald in Zürich besuchen (vgl. Zwingli, Werke 10, 584,4f. Nr. 1028: »Carlstadius cum suis advenit, uxore, inquam, et liberis, quibus hic relictis te propediem inviset, cum quo plura.«). Eigentlich waren die Empfehlungsschreiben von Bucer und Capito an den Zürcher Theologen gerichtet; vgl. KGK 323.
8Ob hier der bereits erwähnte »Lodowicus« gemeint ist (siehe KGK 324 (Anmerkung)), bleibt offen.

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