Nr. 324
Andreas Karlstadt an Martin Bucer
Basel, 1530, 19. Mai

Einleitung
Bearbeitet von Stefania Salvadori

1. Überlieferung

[a:] StA Zürich, E II 358, fol. 76r–v

Ein handelt sich um einen Autographen.

[b:] ZB Zürich, S 25, 132

Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.

Editionen:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Karlstadt verließ Straßburg nach dem 15. Mai 1530 und reiste in Richtung Basel. Von dort aus schrieb er am 19. Mai an Bucer, dem er bereits auf der Reise einen – heute verlorenen – Brief geschickt hatte (KGK 323). Karlstadt dankt Bucer herzlich und erklärt sich bereit, ihm seine Verbundenheit zu beweisen. Einen besonderen Dank richtet er an Elisabeth, Bucers Frau. Wegen der Eile des Boten – wahrscheinlich derselbe, der Karlstadt nach Basel gebracht hatte und der nun nach Straßburg zurückkehren musste – konnte Oekolampad (vielleicht auf einen von Bucer heute verschollenen Brief) nicht antworten, versprach aber, es noch zu tun. Karlstadt berichtet, er sei vom Basler Reformator freundlich empfangen worden. Oekolampad scheint sich über Philipp Melanchthons Angriff geärgert zu haben. Karlstadts Gastgeber Ludwig1, der Bucer grüßt, behaupte, der Dialog gegen Philipp Melanchthon sei bereits von Oekolampad geschrieben worden.2 Am folgenden Tag – Samstag, dem 20. Mai – sei Karlstadt zur Versammlung der Basler Pfarrer gerufen worden; er zweifele nicht daran, dass Oekolampad tun werde, was er tun müsse. Der Brief schließt mit Grüßen an Bucer und Ludwig.3

Über diesen kurzen Aufenthalt Karlstadts in Basel, wo er um den 19. Mai eintraf, ist nichts bekannt. Am 22. Mai teilte Oekolampad Zwingli mit, dass Karlstadt mit seiner Familie in Basel angekommen sei, sich aber nach Zürich begeben werde.4 Es ist unklar, ob Oekolampad und Karlstadt die Straßburger Reformatoren selbst über den gescheiterten Versuch, Karlstadt in der Rheinstadt aufzunehmen, informierten. Am 24. Mai erneuerten Capito5 und am 25. Mai auch Bucer6 in einer offenbar konzertierten Aktion ihre Empfehlungen Karlstadts an Zwingli. Gegen Ende des Monats machte sich Karlstadt schließlich auf die Reise nach Zürich, wo er vor dem 6. Juni eintraf.7

Über die Kontakte und die Lebensumstände Karlstadts während dieser etwa zwei Wochen in Basel gibt es kaum eindeutige Quellen. Der spätere Bericht von Pierre Toussain an Wilhelm Farel aus dem Jahr 1553 – Karlstadt sei von den Baslern menschenunwürdig empfangen und grausam behandelt worden, sodass nach seiner Abreise nach Zürich seine Frau und seine Kinder, die in Basel geblieben waren, um ihr Überleben hätten betteln müssen8 – ist als nicht ganz zuverlässig einzustufen, wie schon Barge festgestellt hat.9 Karlstadt selbst schreibt nämlich in dem hier edierten Brief an Bucer, er sei freundlich empfangen worden. Am 3. Juni teilte Oekolampad Zwingli mit, dass er den Dialog gegen Melanchthon fertiggestellt und Karlstadt ihn auch bereits gelesen habe – ein Zeichen für die guten Beziehungen zwischen den beiden.10 In einem Brief vom 17. Juni versichert Oekolampad Karlstadt – inzwischen schon in Zürich – über Zwingli, dass seine Frau und Kinder wohlauf seien.11 Es ist daher wohl davon auszugehen, dass er in Basel nicht unfreundlich behandelt wurde, doch war schnell klar, dass er sich in der Rheinstadt nicht lange aufhalten sollte.12 Karlstadt verfolgte also wohl seinen ursprünglichen Plan nach Zürich zu fahren, worauf auch die von Capito und Bucer vor seiner Abreise aus Straßburg für ihn verfassten Empfehlungsschreiben hindeuten.13 Hier empfing Zwingli ihn tatsächlich schon Anfang Juni.


1Dass Karlstadt am Ende des Briefes noch einen Segenswunsch an Ludwig entrichtet, lässt fragen, ob es sich um ein und dieselbe Person oder zwei verschiedene handelt. Siehe zu ihrer Identifizierung KGK 324 (Anmerkung) und KGK 324 (Anmerkung).
3Zu diesem nicht identifizierten Ludwig siehe nochmals KGK 324 (Anmerkung).
4Oekolampad an Zwingli, 22. Mai 1530, ediert in Zwingli, Werke 10, 589,4–7 Nr. 1028.
5Capito an Zwingli, 24. Mai 1530: »Ceterum Carolstadium si iuvabis, ex sententia nostra actum putabimus, imo ex re nostra, postquam illum nobis eucharistiae sententia et indignitas adversarii coniunxit. Quod si duri maxime ingenii fuisset, nihil dubitamus, quin diutina cruce tandem esset permitigatus ac mansuetior factus.« (Zwingli, Werke 10, 590,14–18 Nr. 1020 = Capito, Correspondence 2, 422 Nr. 412).
6Bucer an Zwingli, 25. Mai 1530: »Carolstadium tanta Christi caussa perpessum et rebus vitae omnibus, excepta uxore et tribus filiis, destitutum, tuae antea charitati commendavimus; eum iterum ac iterum tibi commendamus, persuasi nunquam fore, ut te benevolentiae ili exhibendae peniteat.« (Zwingli, Werke 10, 593,10–13 Nr. 1031 = Bucer, Briefwechsel 4, 113,7–10 Nr. 302). Zur Familie Karlstadts und dessen drei Söhne siehe Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 52 sowie Barge, Karlstadt 2, 518f.; siehe auch KGK VIII, Nr. 304, S. 351 Anm. 9. Siehe auch den Brief Bucers an Zwingli am darauffolgenden Tag, 26. Mai 1530: »Sic te gravamus nostris exulibus, inter quos, oro et obsecro, primas habeat Carolstadus[!] vir, nisi omnia fallant, pure pute Christianus.« (Zwingli, Werke 10, 594,9–11 Nr. 1033 = Bucer, Briefwechsel 4, 114,9–11 Nr. 413).
7In einem Brief vom 6. Juni an Haller und Megander verortet Zwingli Karlstadt eindeutig in Zürich: »Carolstadius, vir longe alius, quam eum Luterus infamet, nunc apud nos est.« (Zwingli, Werke 10, 613,1f. Nr. 1039).
8Ediert in Herminjard, Correspondance 3, 3–11, hier v.a. 5–7.
9Barge, Karlstadt 2, 420–422 mit ausführlicher Inhaltsangabe. Karlstadt und Toussain hatten sich während ihres gemeinsamen Aufenthalts in Basel kennen gelernt – Karlstadt grüßt ihn durch Myconius in einem Brief vom 1. Juni 1532; vgl. KGK 335 (Anmerkung).
10Oekolampad an Zwingli, 3. Juni 1530: »Responsionem ad epistolas Philippi heri absolvi. Carlstadius legit, iudicium illius audire potes. Dialogus praeter opinionem meam prolixior factus. Non permittebat lectorum ruditas nudas sententias nudis opponere. Fraudes parum candidi Melanchthonis suaviter detegendae erant.« (Zwingli, Werke 10, 608,11–609,4 Nr. 1038).
11Oekolampad an Zwingli, 17. Juni 1530: »Gratias habeo, quod Carlstadium tam humane foves. Idem fere mihi de illo iudicium, quod et tibi. Dabis igitur operam, si illi prospici queat. Dic ei salutem verbis meis, et significa valere uxorem eius cum liberis« (Zwingli, Werke 10, 615,3–6 Nr. 1040).
12Es ist unklar, ob Karlstadt zwischenzeitlich beabsichtigte, in Basel bleiben oder nur eine Zwischenstation machen zu wollen. Möglicherweise hoffte er auf die Unterstützung von Oekolampad, um die Erlaubnis zum Aufenthalt in der Stadt zu erhalten, was er am Tag nach der Abfassung des hier edierten Briefes, dem 20. Mai, vor der Versammlung der Basler Pfarrer hätte beantragen können; vgl. KGK 324 (Textstelle). Bereits zwei Tage später teilte Oekolampad Zwingli jedoch mit, dass Karlstadt sich nach Zürich begeben würde; vgl. KGK 324 (Anmerkung).
13Vgl. KGK 323.

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