1.
Ulrich von Dornum an Martin Bucer, Wolfgang Capito, Caspar Hedio und Martin Cellarius vom 23. Mai 1530 aus Oldersum: »Cum vehementer literas Carolstadii mei quottidie expectarim (amici ac fratres in Christo charissimi) et maximam tandem caepissem laetitiam ex earum adventu, tum vero gravissimae christianissimaeque literae vestrae cumulum mihi gaudij attulerunt. Sunt enim ad consolandum cum me, tum fratres omnes, qui hic persecutiones patiuntur propter justitiam, accomodatae. Quo in discrimine nuper versaretus salus mea, fratrum predicatorum atque universae ecclesiae nostrae, partim ex Carolstadio, partim ex literis ad eundem scriptis intelligere potuistis. […] Speramus, quod literae illustissimi principis Hassiae etc. et senatus Argentoratensis et multorum doctissimorum virorum haud parum profuturae sint. Hoc verum est cor seducti et irati comitis mei nonnihil emollitum esse et mitius hodie cuncta geri, ut scripsi Carolstadio.«1
2. Inhaltliche Hinweise
Nach seiner Ankunft in Straßburg zwischen Ende Januar und Ende Februar 1530 setzte sich Karlstadt dort für die Gemeinden in Ostfriesland ein, wo er selbst einige Monate lang gepredigt und gelebt hatte.2 Höchstwahrscheinlich hatte er Gesuche und Briefe seiner Freunde und Beschützer, vor allem Ulrichs von Dornum, mitgebracht.3 Der Versuch, die Straßburger und Schweizer Reformatoren zu mobilisieren, dürfte unmittelbar gewirkt haben, da Zwingli bereits Anfang März Landgraf Philipp von Hessen bat, bei Enno II. von Ostfriesland zu intervenieren, um die Verfolgung der Vertreter einer symbolischen Abendmahlslehre einzustellen.4 Welche Hoffnungen diese Initiative Philipps von Hessen weckte, bezeugt ein Brief Ulrichs von Dornum an die Theologen in Straßburg vom 23. Mai – ob er damit auch auf einen heute verschollenen Brief Karlstadts reagierte, bleibt offen.5 Über die Situation in dieser Region waren die Empfänger des Briefes wahrscheinlich zum Teil durch Karlstadt, zum Teil aus den Briefen, die Ulrich Karlstadt geschickt hatte, bereits gut informiert.6
In den folgenden Zeilen seines Briefes7 erinnert Ulrich kurz an die Leiden, die seine Kirche erdulden musste, und an die Bemühungen, die er selbst unternommen habe, um Enno II. zum göttlichen Willen zurückzubringen, wodurch er gleichzeitig zugibt, nicht viel bewirkt zu haben.8 Seine Hoffnung liege vielmehr auf den Briefen des Landgrafen Philipp von Hessen9 sowie auf den – heute verschollenen – Briefen des Straßburger Senats und anderer Gelehrter. Die Seele von Enno II. scheine sich, wie er bereits an Karlstadt geschrieben habe, erweicht zu haben. Es müsse also weiter darum gebetet werden, dass der himmlische Kaiser, d.h. Gott, dem ostfriesischen Grafen die Angst vor dem irdischen Kaiser aus dem Herzen vertreibe und ihn zur keuschen, heiligen und aufrichtigen Furcht seines himmlischen Vaters zurückbringe. Ulrich schließt seinen Brief mit dem Wunsch, dass sich das Herz Ennos II. von der göttlichen Weisheit belehren lasse, und dass die wahren Christen Ostfrieslands in der Zwischenzeit die nötige Kraft hätten, die Leiden der Verfolgung zu ertragen. Obwohl er mit seinem Leib fern bleibe, erkläre er sich schließlich in Freuden und Leiden geistig mit den Straßburgern vereint und freue sich auf das Wiedersehen im himmlischen Jerusalem, sobald die Last des leiblichen Körpers abgelegt sei; Ulrich sendet auch den Kirchen von Zürich und Basel und besonders deren Vorstehern10 Zwingli und Oekolampad seine herzlichen Grüße.11
In dem hier erörterten Brief vom 23. Mai nimmt Ulrich von Dornum Bezug auf heute verschollene Briefe von und an Karlstadt, deren Inhalt und Ausmaß unklar bleibt. Es ist aber naheliegend, dass beide Korrespondenten eine gemeinsame Einflussnahme zugunsten der Durchsetzung der von ihnen vertretenen Abendmahlsauffassung in Ostfriesland entwickelt hatten, Karlstadt auch deswegen zu Beginn des Jahres 1530 nach Straßburg gereist war und kurz vor dem 23. Mai seinen ehemaligen Gönner über die Ergebnisse seiner vermittelnde Aufgabe bei den oberdeutsch-schweizerischen Theologen mittels eines Briefes informierte.12
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