1. Überlieferung
Frühdruck:
NOBILI VI⸗∥RO DOMINO HVLDRICHO DEDORN⸗∥hum Eſenſe VVitemunda,dimicello in Olderſ⸗∥zum Patrono charißimo, Andreas ∥ Bot: Carolstadius
in:
Jud, Leo; Zwingli, Ulrich
AD PHILIP⸗∥PENSES ANNOTATIVNCVLA, ∥ Per Leonem Iudæ,ex ore Huldrichi ∥ Zuinglj, excepta. ∥ TIGVRI APVD CHRISTOFFERO ∥ Froſchouer. Anno M. D. XXXI.
Zürich: Christoph Froschauer d. Ä., 1531, fol. A2r–A4v.
8°, 18 Bl., A8--B10 (fol. A1v und B10r–v leer).
Editionsvorlage:
ZB Zürich, Rara 3.112 (auf dem Titelblatt Besitzvermerk von sigerist_georgGeorg Sigerist (1568); mit Annotationen).Weitere Exemplare: BSB München, Exeg. 550. — ÖNB Wien, 77.Z.64.
Bibliographische Nachweise:
- VD 16 Z 785.
- Zorzin, Flugschriftenautor, Nr. 80A.
- Finsler, Zwingli-Bibliographie, Nr. 98.
Editionen:
- Barge, Karlstadt 2, 588–591.
- Zwingli, Werke, 21, 225–246.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 400–427.
2. Entstehung und Inhalt
Karlstadt hatte sich im Juni 1530 endgültig in Zürich niedergelassen.1 Obwohl er in der Stadt kein unbekannter Exilant war,2 erwies es sich als problematisch, für ihn eine dauerhafte und geeignete Stelle zu finden. Zwingli selbst scheint diesbezüglich keine klaren Pläne gehabt zu haben.3 So wurde Mitte August 1530 die Möglichkeit erwogen, ihn nach Bern zu senden,4 wohin auch Kaspar Grossmann, genannt Megander, 1528 gewechselt war, um an der dortigen neuen Hochschule »lectiones publicae« nach dem Vorbild des höheren Unterrichts in Zürich zu halten.5 Megander, einer der engsten Mitarbeiter Zwinglis seit 1525,6 sollte jedoch nur vorübergehend in Bern bleiben; seine Position als Inhaber der Spitalpfründe in Zürich wurde deshalb längere Zeit mit Stellvertretern besetzt. Zu ihnen gehörte auch Karlstadt, der zwischen Ende 1530 und April 1531 zum Diakon am Spital ernannt wurde.7 Über Karlstadts Tätigkeit vor diesem Datum ist nur wenig bekannt. Einzige Ausnahme bildet der vorliegende Widmungsbrief an Ulrich von Dornum in der vermutlich Anfang 1531 herausgegebenen Edition des Kommentars Zwinglis zum Philipperbrief.8
Der auf Dezember 1530 datierte – und nach dieser Zeitangabe hier edierte – Widmungsbrief ist rhetorisch geprägt9 und gibt zugleich Hinweise auf Karlstadts erstes Jahr in Zürich. Seit seiner Ankunft in Straßburg Anfang 1530 hatte Karlstadt seine Beziehungen zu Ulrich von Dornum besonders gepflegt10 und sich so in die Rolle eines Vermittlers zwischen den oberdeutschen und schweizerischen Kirchen einerseits und Ostfriesland andererseits in Opposition zu Luther begeben.11 Die Widmung des Kommentars Zwinglis zum Philipperbrief an Ulrich von Dornum bestätigt den Wunsch Karlstadts, als Fürsprecher der Zürcher Kirche aufzutreten, die ihn aufgenommen hatte und deren Organisation er so sehr lobte, dass er sie auch für Ostfriesland als Vorbild anpries.12 Dies dürfte die ablehnende Haltung in Wittenberg noch verschärft haben, wo Melanchthon im März 1531 die Herausgeberschaft Karlstadts als verborgenen Angriff gegen sich interpretierte.13
Wie es zur Herausgabe der Vorlesung Zwinglis kam, schildert Karlstadt am Anfang des Widmungsbriefes. Demnach hatte Christoph Froschauer – der bedeutendste Drucker Zürichs während der Reformation14 – noch keinen geeigneten »emendator«15 gefunden. Karlstadt wurde diese Aufgabe in der Offizin übertragen, um Büchern zum Nutzen der Kirche Christi fehlerfrei zum Druck zu verhelfen.16 Neben der Tätigkeit bei Froschauer deutet Karlstadt auch eine enge Verbindung zu Leo Jud an. Dieser war Pfarrer der Zürcher Peterskirche und enger Mitarbeiter Zwinglis seit den Anfängen der Zürcher Reformation, blieb aber ebenso der humanistischen Tradition und der Lehre des Erasmus tief verbunden.17 Über die Kontakte zwischen Karlstadt und Jud im Jahr 1530 ist wenig bekannt; Karlstadt gibt aber in seinem Widmungsbrief an, dass er einen zurückhaltenden Leo Jud dazu gedrängt habe, ihm seine gesammelten Manuskripte der von Zwingli im Spätherbst 1526 gehaltenen Vorlesungen über den Philipperbrief18 zur Verfügung zu stellen und drucken zu lassen.19Karlstadt freute sich besonders über diese Möglichkeit, da er selbst mit Zustimmung des Zürcher Antistes damit beschäftigt war, dem Kirchenvolk denselben neutestamentlichen Brief zu erläutern.20 Außer der »annotaciuncula« Zwinglis über den Philipperbrief, die Karlstadt wegen seiner Kürze und Gelehrsamkeit lobt,21 empfiehlt er Ulrich von Dornum in seiner Widmung nachdrücklich auch die Lektüre der Schrift über die Vorsehung Gottes. Es handelte sich dabei um die Bearbeitung einer Predigt, die Zwingli zum Marburger Religionsgespräch im Jahre 1529 verfasst und im August des folgenden Jahres veröffentlichte hatte.22 Den dort behandelten theologischen Topos der »providentia Dei« greift Karlstadt wenige Monate später in dem hier edierten Widmungsbrief auf, um noch einmal an die Verfolgungen zu erinnern, denen er durch die Lutheraner ausgesetzt war, aber auch um zu betonen, wie er gerade durch sein volles Vertrauen auf Gott schließlich alles Unheil überwinden konnte.23
Im zweiten Abschnitt des Widmungsbriefes beschreibt Karlstadt die neue, im Jahr 1525 begründete »Hohe Schule« in Zürich.24 Die Knaben würden hier nicht nur in die Lektüre des Neuen Testaments eingeführt, sondern auch in der lateinischen und griechischen Sprache (u.a. werden Cicero, Valerius Maximus, Terentius und Plautus gelesen) unterrichtet.25 Die Erwachsenen hingegen würden in den vier Sprachen mit dem Alten Testament vertraut gemacht:26 Zuerst würde eine Bibelstelle auf Latein gelesen, dann auf Hebräisch durch Konrad Pellikan,27 sodann auf Griechisch aus der Septuaginta durch Zwingli, der die unterschiedlichen Sprachfassungen vergleiche, anhand des hebräischen Textes die späteren Übersetzungen korrigiere und die Stelle ausführlich kommentiere. Am Ende lese man die behandelte Bibelstelle ein viertes Mal in deutscher Sprache, und nach nicht viel mehr als einer Stunde sei die Lektüre in vier Sprachen und die Auslegung der Bibelstelle mit einem Gebet beschlossen.28 Innerhalb von drei Jahren werde auf diese Weise das gesamte Alte Testament ausgelegt;29 alle Christen, junge und alte, lernten in dieser Bibelschule eifrig und glücklich.30 Darüber hinaus lese man zahlreiche klassische Autoren – auch in griechischer Sprache, z.B. Plutarch und Aristophanes – zu verschiedenen Wissensbereichen, von der Rhetorik und Dialektik bis hin zu Landwirtschaftskunst und Ackerbau,31 alles nicht nur zum Wohl des Einzelnen, sondern auch für das Wachstum der Gemeinde und für ein besseres Verständnis der theologischen Wahrheiten.32
Der letzte Teil des Widmungsbriefes ist einer anderen Institution der Zürcher Kirche gewidmet, nämlich der Synode, die jährlich zweimal stattfinden sollte.33 Karlstadt beschreibt minutiös ihren Ablauf: Am festgelegten Tag treffe sich die gesamte Pfarrerschaft und jeder – vom Haupt bis zu allen Gliedern des Kirchenköpers – werde auf seine Lehre, sein Verhalten und sogar seine Familie hin geprüft. Die Zensur sei sehr scharf. Diejenigen, die geprüft würden, verließen die Versammlung, woraufhin ihre Kollegen dann strengstens befragt würden, damit nichts verschwiegen werde und alle Abweichungen und Mängel in Lehre und Sitten (sogar ihrer Gattinnen und Kinder) ans Licht kämen. Zurück in die Versammlung gerufen, hörten die Einzelnen das von der Synode formulierte Urteil, würden gegebenenfalls ermahnt und nähmen schließlich ihren Platz wieder ein, wenn sie nicht wegen schwerer Laster ausgeschlossen worden seien. Alles werde sorgfältig geprüft und untersucht, und nichts solle unversucht bleiben, um die Prediger und Diakone vom Bösen abzuwenden und zu einem christlichen Verhalten zu führen.34 Auch einige Mitglieder des Rates des Stadt Zürich nähmen an der Synode teil, was die enge Verbindung zwischen staatlicher und kirchlicher Obrigkeit in der Stadt zu diesem Zeitpunkt bestätigt.35 Nachdem die Zensur abgeschlossen und weitere Fragen erörtert worden seien, schließe Zwingli die Synode mit einer Ermahnung zu Studium, Unschuld, Gerechtigkeit, Liebe und zur Erkenntnis und Ausführung des göttlichen Willens.36 Karlstadt gesteht, dass er nicht genug Worte finde, um die außerordentliche Bedeutung der Synode zu beschreiben, empfiehlt sie Ulrich von Dornum und anderen gemeinsamen Freunden aber wärmstens als Beispiel, dem man auch in Ostfriesland folgen solle.37
Die Schilderung dürfte auf Karlstadts persönlichen Erfahrungen auf der Synode vom 25. und 26. Oktober 1530 beruhen. In ihren Protokollen ist nämlich nach der Aufzählung der Vertreter des Stadtrats und der Zürcher Kirche ein vergleichbarer Vorgang wie der in der Widmungsrede geschilderte dokumentiert.38Karlstadt selbst ist in der Liste der am 25. Oktober39 der »Sittencensur« unterworfenen Geistlichen kurz mit folgenden Worten genannt: »D. Andreas Carlstad /o [= signum bonum] utinam nostrae linguae esset peritior. de doctrina et scientia nil deest.«40 Die Beurteilung fiel also hinsichtlich seiner Lehrbefähigung positiv aus, während die Vorbehalte gegenüber seiner mangelnden Beherrschung der oberdeutschen Sprache nicht neu sind.41 Es ist nicht auszuschließen, dass Letztere sich auf die bereits erwähnten Predigten oder Reihe exegetischer Lesungen über den Philipperbrief bezogen, die Karlstadt in jenen Monaten hielt.42
Obwohl der Widmungsbrief an Ulrich von Dornum einige Hinweise bietet, bleibt die Frage, was Karlstadt in seinem ersten Jahr in Zürich machte, vorbehaltlich neuer dokumentarischer Quellen noch offen. Es kann jedoch eine Hypothese aufgestellt werden: Zur Beschreibung seiner Tätigkeit bei Froschauer verwendet Karlstadt den Begriff »emendator«, der im weitesten Sinne für einen Mitarbeiter in einer Druckerei verwendet wurde, der nicht nur Fehler korrigierte, sondern auch souverän mit Textkritik umgehen konnte, also auch Glossen und Verweise auf antike und moderne Literatur auf der Grundlage eines fast enzyklopädischen Wissens einfügte. Er ist daher vom einfachen »corrector« zu unterscheiden, der für kleinere Verbesserungen (Hinzufügen von Interpunktion oder Korrigieren von fehlerhaften Passagen) zuständig war und den Text manchmal verschlimmbessern konnte.43 Es ist nicht auszuschließen, dass Karlstadt mit dieser Bezeichnung seine Tätigkeit als Mitarbeiter an den Publikationen, die in jenem Jahr bei Froschauer erschienen sind, bezeichnen wollte. Unter Ausklammerung des Textes, der den hier edierten Widmungsbrief enthält, stellt sich die Frage, an welchen von Froschauers Veröffentlichungen in den Jahren 1530 und 1531 Karlstadt als »emendator« beteiligt gewesen sein könnte. Der Katalog des Zürcher Druckers enthält für diese Zeitspanne sowohl deutsche als auch lateinische Texte. Abgesehen von den Texten, die vor44 oder unmittelbar nach Karlstadts Ankunft in der Stadt45 gedruckt wurden, gibt es 1530 nur eine Reihe von kurzen Schriften, hauptsächlich in deutscher Sprache,46 deren Datierung ungewiss ist und die keine besondere Druckvorbereitung erforderten.47 Dies gilt auch für die erste Gesamtausgabe der Zürcher Bibel, die 1530 im Oktavformat erschien und erstmals alle zwischen 1524 und 1529 in Lieferungen herausgegebenen Zürcher Bibelteile in einem Band versammelte.48 Diese Vollbibel sollte im gesamten deutschen Sprachraum ihre Leser finden und wurde als handliche Taschenausgabe geplant; um ihren Umfang möglichst gering zu halten, wurde auf jede Illustrierung verzichtet und auch die Vorrede Froschauers sowie die Kommentierung auf ein Minimum reduziert.49 Ganz anders präsentierte sich die ein Jahr später erschienene Ausgabe, bei der sich Hinweise auf eine mögliche Mitarbeit Karlstadts finden lassen.50
Die gegen August/September 1531 gedruckte Folioausgabe der Zürcher Bibel erregte unter vielen Gesichtspunkten großes Interesse. Dem reich illustrierten Titelblatt folgte eine zehn Folioseiten umfassende anonyme Vorrede, ein zwölfeinhalbseitiges Sach- und Namensregister und ein zweiseitiges alphabetisch geordnetes Abkürzungsverzeichnis der biblischen Bücher. Auch der in zwei Spalten abgedruckte Bibeltext wurde mit zahlreichen – sehr oft neuen – Illustrationen versehen.51 Die für die zwischen 1524 und 1529 erschienenen Lieferungen verfassten Einleitungen zu den einzelnen Büchern wurden durch kurze Inhaltsangaben zu den einzelnen Kapiteln ersetzt. Dazu waren auch die Parallelstellen und die Glossen gegenüber der vorigen Ausgabe stark vermehrt.52 Da es keine eindeutigen Hinweise gibt, ist es nicht einfach, eine Mitarbeit Karlstadts in zu dieser Ausgabe hinzugefügten Texten nachzuweisen. Es sollen daher hier nur möglicherweise auf Karlstadt zurückgehenden Spuren erwähnt werden.
Die Autorschaft der Vorrede bleibt bis heute offen und wird wahlweise Zwingli oder Jud zugeschrieben;53 es ist aber auch nicht auszuschließen, dass es sich um ein Kollektivwerk handelt. Auch in diesem Fall lässt sich eine Mitwirkung Karlstadts nicht eindeutig nachweisen, selbst wenn sich thematische Gemeinsamkeiten mit seinen früheren Schriften finden. Im ersten Teil, der den Lesern erklärt, wie sie an die Lektüre des heiligen Textes herangehen sollen,54 scheinen viele Passagen dem Denken und der Terminologie Karlstadts nahe zu stehen: die Aufforderung, irdischen Lehrmeistern zu misstrauen und sich allein auf den göttlichen Geist zu verlassen, um die Schrift richtig zu kauen;55 die Beschreibung der Heiligen Schrift in dichotomischer Form (unter einer harten Rinde, die gebrochen werden müsse, liege der Kern);56 die Notwendigkeit, sich dem biblischen Text mit einem von allen weltlichen Leidenschaften bereinigten Herzen zu nähern, um das Bild der göttlichen Wahrheit wie in einem Spiegel zu erkennen57 und die Schule der göttlichen Weisheit zu betreten;58 schließlich die Gewissheit, dass die Bibel keine Widersprüche oder obskuren Passagen enthält, sondern dass diese interpretiert werden müssen, indem man scheinbar gegensätzliche Passagen miteinander in Einklang bringt59, die notwendige Kontextualisierung vornimmt60 und die figurative Rede beachtet.61 Die im folgenden Abschnitt dargelegte Ablehnung jedes Verbots der Bibellektüre durch Laien62 – dem »gmeinen man« müsse die Schrift immer zugänglich und deren Interpretation frei bleiben63 – und die Hochschätzung der Neuübersetzung von Bibeltexten64 hätten auch bei Karlstadt volle Zustimmung gefunden. Weniger auffällig sind die Zusammenhänge mit Karlstadts Denken in der darauffolgenden Darstellung des biblischen Kanons und dessen theologischen Inhalts.65 In der anonymen Vorrede ist also nur eine thematische und terminologische Nähe zu Karlstadt zu beobachten, die jedoch nicht als eindeutiger Hinweis einer direkten Beteiligung – die vor diesem Hintergrund aber ebenso nicht ausgeschlossen werden kann – betrachtet werden sollte.
Im Anschluss an die Vorrede folgt eine Art Stichwortverzeichnis, das 12 Folioseiten umfasst.66 Dieser »kurtzer Zeiger« wird durch eine knappe Notiz eingeleitet, in der von der ersten Person Singular zur ersten Person Plural gewechselt und einige Hinweise zur Verwendung des Verzeichnisses gegeben werden. Die im »kurtzer Zeiger« enthaltenen Stichwörter sollen eine erste Orientierung im biblischen Text ermöglichen, die dann durch die am Rande der einzelnen Stellen angegebenen Konkordanzen erweitert wird.67 Es knüpft nicht nur formal, sondern teilweise auch inhaltlich an das »Zeigerbüchlein« von Jörg Berckenmeyer an68, führt aber in seinen ca. 250 Sacherklärungen und ca. 400 Personen- und Ortsnamen auch deutliche Abweichungen und Ergänzungen ein.69 Besonders unter den neuen Sacherklärungen bzw. »loci communes« erinnern einige an Karlstadt. So werden zum Artikel »Von geystlicher Beschneydung« die auch für dessen Theologie zentralen Bibelstellen 5. Mose 10,12–16; 30,6; Jer 4,4; Röm 2,25–29 angegeben.70 Zudem ist der Artikel »Gelassenheyt« – anders als bei Karlstadt – für die Zürcher Theologen untypisch,71 auch wenn die dazu angegebenen Bibelstellen nur teilweise in Karlstadts Schriften der vorangehenden Jahre auftauchten.72 Auch die Artikel »Von geystlicher Ee/ so das ist zwischen Gott und den gloͤubigen«, »Von geystlichem Eebruch«, »Von Ergernuß«, »Vom Geystlichen Sabbath«, »Vom geystlichen Tempel«, »Vom geystlichen Touff« oder »Von verfolgung der gloͤubigen« und die dazugehörigen Bibelstellen könnte man als »Karlstadtisch« intepretieren. Doch liefern auch diese Hinweise keine eindeutigen Beweise, um Karlstadts Beitrag zu dem »kurtzen Zeiger« zu konkretisieren.
Da es keine eindeutigen Indizien gibt, bleibt die Beteiligung Karlstadts an der Zusammenstellung der Summarien zur Einleitung der einzelnen Kapitel,73 an den Konkordanzen am Rande des gesamten biblischen Textes (insgesamt fast 15.000 Eintragungen)74 und an den Text- und Randglossen75 hypothetisch. An dieser kolossalen Arbeit, die für die Folioausgabe der Zürcher Bibel von 1531 geleistet wurde, müssen mehrere Mitarbeiter mit einem ausgezeichneten theologischen Hintergrund – also nicht nur einfach ein »corrector«76 – über einen längeren Zeitraum beteiligt gewesen sein.77 Theologen wie Pellikan besaßen die erforderliche Erfahrung.78 Es ist nicht auszuschließen, dass auch Karlstadt an dieser Aufgabe mitwirkte. Er verfügte nicht nur über die notwendigen Kompetenzen, sondern scheint auch in seinem ersten Jahr in Zürich – über die Rolle des »emendator« bei Froschauer und die Predigten über den Philipperbrief hinaus79 – keine weitere Beschäftigung gehabt zu haben.
KGK 327
Transkription
