1.
Heinrich Bullinger aus Zürich an Joachim Vadian in St. Gallen, 3. Januar 1534: »Multas eius epistolas ad Leonem et Carolstadium legi, quem utinam sibi non tam haberet familiarem!«1
2. Entstehung und Inhalt
Die Kontakte zwischen Karlstadt und Schwenckfeld sind schwer zu rekonstruieren. Abgesehen von einem Brief Karlstadts an Schwenckfeld (und Valentin Krautwald) vom Mai 1528 (KGK VIII, Nr. 313) sind keine weiteren Schreiben aus ihrer Korrespondenz überliefert. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die beiden Anfang 1530 kurz persönlich begegneten, als Karlstadt – nach etwa einem Jahr in Holstein und dann in Ostfriesland – in Straßburg ankam,2 wo auch Schwenckfeld im Frühjahr 1529 Zuflucht gefunden hatte. Dafür gibt es jedoch keinen Quellennachweis, und es ist auch nicht festzustellen, ob sie weiterhin in Kontakt blieben, nachdem Karlstadt im Mai zunächst nach Basel3 und dann ab Juni 1530 nach Zürich gezogen war.4 Eine Korrespondenz zwischen den beiden ist jedoch für 1533 bezeugt, zunächst indirekt durch Schwenckfelds Briefe an Leo Jud,5 dann explizit durch den hier als Referenz angeführten Brief Bullingers an Vadian vom 3. Januar 1534.6 Dort erwähnt der Zürcher Antistes viele von ihm selbst gelesene Briefe Schwenckfelds an Jud und Karlstadt und bedauert das Vertrauensverhältnis zwischen seinen Kollegen und dem schlesischen Theologen.7 Wann und wie viele Briefe Schwenckfeld an Karlstadt schrieb, bleibt ebenso unklar wie die Frage, ob Karlstadt je geantwortet hat.
Ob Karlstadt selbst den Kontakt zwischen Leo Jud und Schwenckfeld herstellte, ist ebenfalls nicht bekannt, deren Briefwechsel zwischen Frühjahr und Winter 1533 ist jedoch gut dokumentiert.8 Er ist vor dem Hintergrund der wachsenden Spannungen zwischen den Kirchen von Zürich und Straßburg zu betrachten. Zum einen war Leo Jud mit der unmittelbar nach der katastrophalen Schlacht von Kappel eingeleiteten staatskirchlichen Ausrichtung der Zürcher nicht umfassend einverstanden und wandte sich im Juli 1532 sogar heftig gegen den Stadtrat.9 Zum anderen geriet der schlesische Exilant 1533 in einen unvermeidlichen Konflikt mit den Straßburger Theologen, insbesondere mit Bucer, der in dem Bestreben, jede abweichende Stimme an den Rand zu drängen (wenn nicht gar auszuschalten), eine Synode einberufen und den Stadtrat aufgefordert hatte, jeden auszuschließen, der sich weigerte, die von ihm verfassten 16 Artikel zu unterzeichnen.10
Anscheinend eröffnete Jud den Briefkontakt11 und sprach einige der Themen an, die die Zürcher Kirche seit dem Sommer 1532 beschäftigten, als die Predigtfreiheit zu seinem großen Bedauern12 vom Stadtrat entschieden diszipliniert worden war.13 In seiner ausführlichen Antwort an Jud vom 3. März 1533 – der ersten erhaltenen Spur ihrer Korrespondenz – lehnte Schwenckfeld mehrmals jeglichen Anspruch der weltlichen Obrigkeit ab, in Glaubensfragen einzugreifen, da dies allein dem Reich Christi vorbehalten sei.14 Er schrieb auch ausführlich über die Unterscheidung zwischen Altem und Neuem Testament.15 Er verwies auf eine frühere Schrift Schwenckfelds, in der das Wesen der Kirche, das Amt Christi, das Verhältnis zwischen Gesetz und Evangelium erörtert wurden.16 In diesem Brief an Jud17 lassen sich Themen und Argumente finden, die der Position Karlstadts, dessen Werke Schwenckfeld gelesen zu haben scheint,18 nahe kommen.19 Es ist jedoch unklar, ob die beiden Theologen zu diesem Zeitpunkt bereits (wieder?) miteinander korrespondierten und ob Karlstadt auch schon einen Brief von Schwenckfeld zu ähnlichen Themen erhalten hatte, wie sie in diesem Brief an Jud behandelt wurden.20 Jedenfalls lässt Schwenckfeld Kenntnis von Karlstadts Denken und eine sehr freundschaftliche Haltung ihm gegenüber erkennen.21
Wenn auch keine Hinweise auf einen Briefwechsel zwischen Karlstadt und Schwenckfeld im darauffolgenden Sommer/Herbst 1533 existieren, so hat sich die Korrespondenz zwischen Schwenckfeld und Jud doch nachweisbar fortgesetzt. Juds Antwort auf den an ihn gerichteten Brief vom 3. März ist verschollen, auch hier bleibt nur die Reaktion Schwenckfelds vom 5. Juli 1533,22 der mit Bedauern eine veränderte Haltung Juds bemerkte.23 Wahrscheinlich, so vermutete er, war sie durch Bucers Intervention provoziert worden,24 der im vorangegangenen Mai nach Zürich gereist war.25 Schwenckfeld entwickelte seine Positionen im Brief argumentativ weiter, indem er Missverständnisse widerlegte, die er in Juds Ausführungen erkannte.26 Juds anschließende Antwort, die ebenfalls verschollen ist, zeigt, dass er sich weiter von Schwenckfeld entfernte, wohl nicht nur zur Erleichterung von Bullinger, sondern auch von Bucer und Capito.27 Als Schwenckfeld am 10. September zum dritten Mal an Jud schrieb, hatte er Straßburg in Richtung Augsburg verlassen und befand sich in Speyer.28 Noch einmal greift er die in den vorangegangenen Briefen besprochenen Themen auf, klärt und vertieft die Aspekte, bei denen Jud Uneinigkeit oder Zweifel gezeigt hatte,29 und formuliert vor allem ein langes Plädoyer für die christliche Freiheit und die Notwendigkeit, Andersdenkende nicht zu verfolgen.30 Es ist offensichtlich, dass sich der Briefwechsel zwischen Jud und Schwenckfeld allmählich zu einer intensiven theologischen Konfrontation entwickelte,31 in der Jud seine anfangs sehr offene Haltung aufgab, um seine Zweifel zu äußern und Gegenargumente zu den von Schwenckfeld vertretenen Thesen zu entwickeln.32 Zudem fragte sich Schwenckfeld – vielleicht aufgrund von Briefen, die heute verschollen sind, vielleicht in der Annahme, Bucer könnte mit seinem Konkordienvorhaben etwas bewegt haben – was Karlstadt dachte, wie er in seinem Brief vom 10. September an Jud äußerte: »Und wenn gleich Luther mein Vater weer so werde Ich ihm app gott wil hyrinnen nichts nachgebenn[.] Mich wundertt Was Carolstadt darzu sagett Ob ers auch fur eins hellt hellt ers dafur so hatt er vil ummb sunst erlitten Hellt ers nicht dafur/ Liber«.33 Trotz der freundlichen Töne und der Bitte, die Grüße auch an seinen »lieben Andriam Carolstatt samt allen andernn eueren brudernn«34 zu übermitteln, kühlten sich die Beziehungen zwischen Schwenckfeld und Jud in den folgenden Monaten ab.
Es war Leo Jud selbst, der die Briefe Schwenckfelds am 15. Dezember 1533 mit der Bitte an Bullinger weiterleitete, sie niemandem zu zeigen, damit der Schlesier nicht geschädigt würde; er sei kein Ketzer, sondern ein einzig an der Suche nach der Wahrheit interessierter Mensch.35 Ende 1533 vertrat Jud noch eine ausgleichende Position, obwohl er sich in jenen Monaten auch mit den Straßburger Theologen ausgetauscht hatte, die befürchteten, dass er nachgeben könnte.36 Er wandte sich daher mit einem Brief vom 15. Dezember an Bullinger, in der Hoffnung, mit dessen Hilfe alle von Schwenckfeld aufgeworfenen Zweifel »de libertate praedicandi et an magistratui in hoc negocio vel prohibere vel plectere liceat, qui ab his dissident, quos ipse praefecerit«37 auszuräumen. Bullinger reagierte am selben Tag, indem er die in Schwenckfelds Briefen zum Ausdruck gebrachten Ideen scharf verurteilte, Jud aufforderte, den Kontakt zu dem Schlesier abzubrechen und die Lektüre derjenigen augustinischen Texte empfahl, die für die Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat am hilfreichsten seien.38 Die Bemühungen Bucers und dann Bullingers, Jud von Schwenckfeld zu trennen, scheinen Wirkung gezeigt zu haben: In einem Brief vom 2. März 1534 zeigt sich Schwenckfeld empört über den bitteren – heute verschollenen – Brief, den Jud ihm am 25. Dezember 1533 geschickt hatte39 und in dem der Zürcher nun ganz auf Bucers Seite zu stehen schien. Schwenckfeld ist sich dabei der Kampagne der Straßburger Theologen und des Zürcher Antistes gegen ihn bewusst und bekräftigt seine Position.40 Allerdings blieb Jud auch in den folgenden Monaten von Schwenckfelds Spiritualismus ebenso weit entfernt wie von Bucers staatskirchlichen Modellen und Konkordienvorhaben.41
Wie und wann Bullinger die Briefe Schwenckfelds an Karlstadt, die er in seinem Schreiben an Vadian vom 3. Januar 1534 erwähnte, zugespielt bekommen hat,42 kann nicht geklärt werden. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sie zeitgleich mit der Korrespondenz zwischen Schwenckfeld und Jud entstanden sind. Inhaltlich ist jedenfalls eine Nähe zum Briefwechsel zwischen Jud und Schwenckfeld zu vermuten. Nicht nur die Diskussion über die Exkommunikation und das Verhältnis von kirchlicher und weltlicher Macht, sondern auch die Themen Taufe, geistliche Wiedergeburt in Christus, das Verhältnis von Altem und Neuem Testament und das Wesen der Kirche der wahren Christen waren in Karlstadts Denken schon vor seiner Zürcher Zeit präsent (wenn auch mit anderen Lösungen als denen Schwenckfelds). Der theologische Austausch, der sich in den verschollenen Briefen zwischen Karlstadt und Schwenckfeld vermutlich entwickelt hatte, muss jedoch – wie im Fall Juds – im Zusammenhang mit der Diskussion um die Neuordnung der Beziehungen zwischen Kirche und Stadtrat in Zürich nach der Zweiten Kappeler Krieg43 sowie vor dem Hintergrund der von Bucer unternommenen Konkordienversuche gesehen werden, die ebenfalls auf eine Annäherung der Zürcher Kirche an Straßburg abzielten, indem mögliche gegenläufige Einflüsse, insbesondere aus dem spiritualistischen und täuferischen Kosmos, dem Schwenckfeld angehörte, beseitigt werden sollten.44 Ob und wie Karlstadt an diesen Debatten direkt beteiligt war, lässt sich anhand der gegenwärtigen Quellenlage nicht rekonstruieren.
KGK 343
