1. Überlieferung
Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers; 4 ungez. Bl.; falsch datiert auf 8. Juli.
Editionen:
- Strickler, Actensammlung 4, 621–624.
- Bullinger, Schriften zum Tage, 24–33.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 444.
2. Entstehung und Inhalt
Anfang Juli 1532 forderten Kaiser Karl V. und der französische König Franz I. auf der Tagsatzung in Baden1 die Schweizer Stände auf, den Feldzug gegen die Türken, die in jenen Monaten vor Wien standen,2 zu unterstützen.3 Bei dem hier edierten Dokument, das Bullinger in einem handschriftlichen Vermerk auf den 17. Juli 1532 datierte,4 handelt es sich um einen Fürtrag5 mit der Stellungnahme der Zürcher Prediger vor dem Kleinen Rat, die wahrscheinlich größtenteils von Bullinger6 und Jud verfasst, aber von allen ihren Kollegen, einschließlich Karlstadt, unterzeichnet wurde.
In ihrem »Fürtrag« thematisieren die Zürcher Theologen – meist indirekt – die Inkonsequenz der beiden Landesherren, die zwar behaupten würden, für die Wahrung des christlichen Glaubens kämpfen zu wollen, in der Praxis aber nur an ihren persönlichen materiellen Vorteil dächten. Die mangelnde Unterstützung für Zürich in der Auseinandersetzung mit den Fünf Orten nach dem Zweiten Kappeler Krieg,7 die Heiratspolitik, die den Kaiser und den französischen König trotz vorangegangener Konflikte kürzlich zu Verwandten gemacht hatte, und vor allem ihre blutige Rivalität in den italienischen Kriegen, die – auch durch die Intrigen des Papsttums8 – den Eidgenossen so viel Schaden zugefügt hatte,9 nehmen einen großen Teil des Textes ein. Die angeführten Beispiele untermauern die Aufforderung an den Stadtrat, sich nicht auf ein Spiel einzulassen, dessen Ziele unklar seien. Ein solches werde mit Sicherheit zu Schaden an der einfachen Zürcher Bevölkerung führen, deren Männer in ähnlichen Situationen schon vielfach in den Tod geschickt worden seien,10 weshalb Zürich schon mehrmals für ein Verbot der Entsendung von Söldnern ins Ausland gestimmt hatte.11 Im letzten Teil ihres »Fürtrags« thematisieren die Theologen dann direkt die ungarische Situation, indem sie suggerieren, dass hinter dem Vorwand, die Türken zu bekämpfen, vielmehr die persönlichen Ziele von Ferdinand I., dem Bruder Karls V., stünden, der Johann Zápolya die ungarische Königskrone nehmen wolle.12 Die Ratsherren werden daher aufgefordert, zunächst sorgfältig zu prüfen, wer wirklich Anspruch auf dieses Land erheben dürfe, und für den Fall, dass Ferdinand diesen legitim erhebe, sei sorgfältig abzuklären, unter welchen Bedingungen Schweizer Soldaten gegen die Türken ins Feld ziehen sollten, denn sie würden weit entfernt von der Heimat unter der Führung von Herrschern kämpfen, die die evangelischen Schweizer als Ketzer betrachten und sie als Feinde behandeln würden.13 Die Argumentationsstrategie der Schweizer Theologen wird am Ende des Textes deutlich, als sie darauf drängen, sich allein an die göttliche Wahrheit zu halten und im Wissen um die Strafen, die Gott den Menschen zu Recht auferlegt, alles zu tun, um dem Volk unnötige Gefahren und voraussichtlich zu ertragendes Leid zu ersparen.14
Die Position der Zürcher stimmt mit derjenigen der anderen evangelischen Eidgenossen überein.15 Ob Karlstadt direkt an der konzeptionellen Vorbereitung des hier edierten »Fürtrags« beteiligt war, ist nicht bekannt. Seine Unterschrift am Ende dieses Dokuments, im Wesentlichen in der gleichen Gruppe von Predigern, die 1532 andere offizielle Dokumente verabschiedeten, ist jedoch ein weiteres Indiz für seine Einbindung in die Zürcher Kirche, nicht nur in theologischen und kirchlichen Angelegenheiten, sondern auch in außenpolitischen Fragen.
KGK 337
Transkription
