Nr. 357
Andreas Karlstadt an Heinrich Bullinger
Basel, 1534, 15. September

Text
Bearbeitet von Stefania Salvadori
Buchsymbol fehlt

Eximio erudi-
tissimoque
viro
D〈.〉 Heinricho
Bullingero
Episcopo
Tigurino
suo maiori〈.〉

Buchsymbol fehlt

Graciam a deo patre domini nostri Iesu Christi. Amen. Congratulor tibi sanum ex thermis reditum,1
cupioque vos omnes salubrem beatamque semper vitam degere. Quandoquidem studiorum meorum rationem
ac cursum inquiris,2 obsequor, Hebraica et lego et interpretor nempe deuteronomium
Moseos.3 Interpretatio qualis sit aliorum esto decernere. quod ad pronunciationem attinet certe
non possum non fateri me nondum esse satis instructum. Nec quaeror quod Rabinorum super pronun-
ciatione
sentencias, non praesto〈,〉 quis enim posset, quuma saepiss'ime' dissenciant diametro id est contradictorie?
sed vellem mihi celeriorem linguam ac paratiorem esse.4Caeterum auditorium habeo satis
silens, sed mirabiliter variumb, fierique nequit quin alios negligam dum aliis opitulari conor.
Myconii absentis5 vicem pro mea virili gessi,6 Qui nunc, deo laus, rediit incolu-
mis
. posthac meam obibo,cdeutero'nomium' alternisd hebdomadis praelecturus
cuius cap. 5e hactenus absolvi.f7Terciam hebdomadam concionandum est etc.8Extra
ordinem Myconio meo praecipiente et rogantibus concionatoribus aliquot dialectica
Trapezuncii9 enarrare orsusg sum, Aristotelica abh illo omissa, dum per ocium licet,
admiscens. Qualia sunt, quae de uno multoque10 de composito et simplici pronunciato11 Aris'toteles'
scripsit. finivimus enunciationis tractatulum〈.〉12Iam quisque auditorum exempla e bibliis
profert. huiusmodi namque exemplis exposui omnia. D〈.〉 Marcusi13 pulchrum proloquium compositum
sed unum protulit〈.〉 deinde singuli singula vel ex materia quam praedicantj vel aliunde
depromsere. Nunc iam praedicabiliumk14 praedicamentorumquel15 usum adnitimur reddere
ad frugemm longe melioremn scholasticiso perducturi nisi nobis imponamus ipsi.16Hinc
facile colliges quo simus inter nos vinculo iuncti. potesque cernere pene operas quas elocavi.
Sed et audio aliosp〈.〉 Equidem auditor sum Grynei in libro Peri hermenias.17 Audio D〈.〉 Albanum
qui Dioscoridem graece interpretatur.18 Habes iam opinor ad molestiam quid agam. Gryneus
vocatus accomodabitur ut sic dicam principi Wirtembergensi ad tempus non ita longum〈.〉19 Vale
feliciter〈,〉 saluta coniugem20 matrem,21 dominos meos H'einricum' Uttingerum〈,〉22 Theodorum praecep'torem'q〈,〉23 Leo'nem'〈,〉24 Pelli'canum'〈,〉25 Nüsselumr26 et
sHein27s Basilee diet 15 septembris annou 34v〈.〉

Tuus Carolostadius〈.〉


acum b
büber der Zeile von anderer Hand hinzugefügt varium a
cfolgt durchgestrichen praelegam a
düber der Zeile von anderer Hand hinzugefügt alternis a
equinque b
ffolgt (Per) b
güber der Zeile von anderer Hand hinzugefügt orsus a
hfolgt durchgestrichen eo b
ifolgt Verweis auf untenstehende Notiz Bersius? b
jpraedicavit b
kfolgt durchgestrichen usum a
lnachträglich hinzugefügt que a
mfolgt durchgestrichen ne b
nkorrigiert aus meliores a
oüber der Zeile korrigiert in scholasticos b
püber der Zeile nachträglich hinzugefügt a
qfolgt (praeceptorem) b
rfolgt (Nuschelerum) b
s-sam Rand nachträglich hinzugefügt a
tfehlt b
ufehlt b
v1534 b

1Vom 6. Juli bis 3. August 1534 war Bullinger zur Badekur in Urdorf bei Zürich, siehe Bullinger, Diarium, 24,1f.
2Es ist unklar, ob Bullinger Karlstadt durch einen heute verschollenen Brief oder auf anderem Wege aufgefordert hat, über seine Tätigkeit in Basel zu berichten.
3Bei seiner Ankunft in Basel wurde Karlstadt mit der Aufgabe betraut, Paul Phrygio, den Inhaber des Lehrstuhls für Altes Testament, zu unterstützen; hierzu siehe auch die Einleitung zu KGK 354. Offensichtlich hatte er bereits mit den Vorlesungen zu 5. Mose begonnen.
4Obwohl Karlstadt zugibt, dass er einige Schwierigkeiten mit der richtigen Aussprache des hebräischen Textes hat, über den er die Vorlesungen hält, findet er es nicht nützlich, die – in dieser Sache untereinander sowieso uneinigen – Rabbiner um Beratung zu bitten; ob er dabei an bestimmte Personen denkt, oder ob er pauschal spricht, ist unklar. Er äußert jedoch den Wunsch, seine Kenntnisse in diesem Bereich zu verbessern. In Basel fehlte es auch nicht an Gesprächspartnern, um die Kenntnis der hebräischen Sprache zu verbessern; nach Konrad Pellikans (zu ihm siehe KGK 328 (Anmerkung)) Weggang nach Zürich sei hier vor allem auf Sebastian Münster (1488–1552) verwiesen, der gerade in jenen Monaten wohl an der ersten christlichen Bibelausgabe in hebräischer Sprache mit lateinischer Übersetzung arbeitete, die 1534 und 1535 erschien (= VD 16 B 2881). 1535 erschien ein Nachdruck des hebräischen Wörterbuchs Münsters, in dem die Materialien verschiedener Rabbiner gesammelt und verglichen wurden (= VD 16 M 6660; die erste Ausgabe war 1523 bei Froben erschienen = VD 16 M 658). Siehe z.B. Friedmann, Ancient Testimony, 165–176.
5Auf dem Rückweg von seiner Badekur in Baden-Baden hatte sich Myconius um den 10. September in Straßburg aufgehalten und war am 15. September wieder in Basel eingetroffen. Vgl. Bucer an Bullinger, 10. September 1534 in HBBW 4, 312,63f. mit Anm. 27 Nr. 436.
6Welche Aufgaben Karlstadt als Vertreter des abwesenden Myconius – der auch den Lehrstuhl für Neues Testament innehatte – übernehmen sollte, ist unklar. Vgl. hier KGK 354 (Textstelle). Nach dem Geleitsbrief des Rats der Stadt Basel für Anna von Mochau (KGK 400 (Textstelle)) war Karlstadt anfangs auch als Domprädikant tätig.
7Mit seinen Vorlesungen über das Alte Testament war Karlstadt – er begann vermutlich kurz nach der Beauftragung, etwa Anfang Juli, siehe KGK 354 – bis zum Abfassungszeitpunkt des hier edierten Briefes bei 5. Mose 5 angelangt. Künftig sollte die Vorlesung zweiwöchentlich stattfinden, was darauf hindeutet, dass sie bis dahin in einem anderen Rhythmus, vielleicht unregelmäßig oder wöchentlich, stattfand.
8Es ist unklar, auf welche im dreiwöchigen Rhythmus gehaltene Predigttätigkeit Karlstadt sich hier bezieht. Bei seiner Ankunft in Basel hieß es ganz allgemein, dass er morgens und abends predigen dürfe, ohne näher darauf einzugehen, in welchem Zusammenhang und wie oft; siehe die Beilage zu KGK 354. Am 6. Oktober 1534 berichtet er in seinem Brief an Bullinger, er habe bereits über 20 Predigten zu den beiden Naturen Christi, insbesondere zu Joh 1,14 gehalten; vgl. KGK 361 (Textstelle).
9Karlstadt bezieht sich hier auf die 1534 bei Froben erschienene Basler Ausgabe der Rhetorik des Aristoteles (= VD 16 A 3349), herausgegeben von Georgius Trapezuntius (1395–1484). Zu diesem aus Kreta stammenden und zum Katholizismus konvertierten Übersetzer griechischer antiker Texte (v.a. Aristoteles) ins Lateinische siehe Monfasani, Trebizond. Siehe auch HBBW 4, 319 Anm. 5 Nr. 440.
10HBBW 4, 320 Anm. 6 Nr. 440 verweist auf Arist APo. 1,1. Es sei hier aber v.a. auf Arist. Methaph. 5,6.
11HBBW 4, 320 Anm. 7 Nr. 440 verweist auf Arist. Metaph. 5,17. Es sei hier auch auf Arist. Ph. A 7, 189 hingewiesen.
12Gemeint sind hier höchstwahrscheinlich – mit HBBW 4, 320 Anm. 8 Nr. 440 – die Kategorien. Vorlesungen über Aristoteles' De Interpretatione (Perí hermēneías) hielt in jener Zeit anscheinend Simon Grynaeus (s.u. KGK 357 (Anmerkung)).
14Praedicabilia, Prädikabilien, gemeint sind die möglichen von Subjekten aussagbaren Prädikate. In seiner Einleitung zur Kategorienlehre des Aristoteles behandelte Porphyrius fünf Prädikats- oder Allgemeinbegriffe (Gattung, Art, Unterschied, eigentümliches Merkmal, hinzutretendes Merkmal). In der Scholastik bezeichneten die praedicabilia die Grundarten der Prädikation.
15Praedicamenta, die Kategorien.
16Zur Wiedereröffnung der Universität Basel im Jahr 1532 nach der Einführung der Reformation und zur Rolle Karlstadts bei der Neuordnung des Bildungswesens siehe KGK 373.
17Zu diesen Vorlesungen des Grynaeus ist nichts Weiteres bekannt. Grynaeus war 1529 in Basel angekommen, wo er klassische Autoren (u.a. Aristoteles, dessen Organon er mit der Isagoge des Porphyrios 1536 neu herausgab = VD 16 ZV 705) übersetzte und edierte.
18Alban Thorer (1489–1550), 1516 imm. in Basel, 1522 dort magister artium, danach Lehrer an der Schule bei St. Peter, ab 1527 Medizinstudium in Basel und vermutlich Montpellier, ab 1532 Professor für Rhetorik und Latein an der Basler Universität, ab 1536 dort Dozent für Medizin, 1542/43 Rektor. Seine Verpflichtungen an der Universität musste er 1545 wegen unerlaubter ärztlicher Tätigkeit beenden. Zu ihm siehe HBBW 4, 320 Anm. 11 Nr. 440. Zu der hier erwähnten Vorlesung über den altgriechischen Arzt Pedanios Dioskurides (1. Jahrhundert n. Chr.) ist nichts weiteres bekannt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass er über die von Marcello Adriani (1464–1521) angefertigte lateinische Übersetzung von dem berühmtesten Werk des Dioskurides Materia medica las; die Übersetzung von Adriani war 1532 nochmals in Basel bei Cratander gedruckt worden (= VD 16 D 2001).
19Im Oktober 1534 reiste Grynaeus nach Tübingen, um Ambrosius Blarer bei der Neuordnung der dortigen Universität zu unterstützen (zu Blarer und dessen Berufung nach Württemberg siehe KGK 356), kehrte aber im Juli 1535 wegen scharfer Auseinandersetzungen mit Schnepf (v.a. hinsichtlich der Abendmahlslehre) nach Basel zurück. Vgl. Thommen, Geschichte, 111f.; Köhler, Zwingli, 396f.
22Heinrich Utinger. (um 1470–1536), ab 1507 Chorherr am Zürcher Großmünster.
26Heinrich Nüscheler (?–1558), Chorherr am Großmünsterstift.
27Hans Heinrich Göldli (um 1496–1553), seit 1518 Chorherr am Großmünsterstift.

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