Nr. 329
Andreas Karlstadt an Heinrich Bullinger
Altstätten, 1532, 16. Januar

Text
Bearbeitet von Stefania Salvadori
Buchsymbol fehlt

Eruditissimo viro
Heinricho Bullin-
gero Ecclesiastia Tigu-
rino primo summoque
praeceptori chariss'imo'b

Buchsymbol fehlt

Pax tibi a deo patre et domino nostro Iesu Christo. amen. Quandoquidem mee spes omnes in te
viro et eruditiss'imo' et candidisimo site sint, mihi animum sumpsi penes te liberius dolorem effundere
nihil addubitans te condonaturum si peccaveroc invitus. Nam et deus lubenter dissimulat eorum
delicta, qui per fiduciam sese adeuntd.1Ecce, mi Charisime praeceptor quam astutis remoris
detineor.e priusquam istuc2 profectionem subornassem, magistratusf alstetensis diligenciam suam
sic spoponditg, ut reverso me nihil opus mihi foret quam mercedemh capere et rebus meis
convolutis discedere. at diversum evenit.3 novas mihi moras struunt, interim com-
miniscuntur
, quae non sunt. quamvis autem invidia Voglerum4 appetat at me contingit damnum.5
Proinde tardior erit reditus quam aut velim aut expediat, sed te vir piissime per
Christum obtestor ut patronorum6 animos retineas in officio, et, si opus est, demulceas
praesertim ut eti tu per tuam prudenciam boni consules.j Quod neutiquam scribo quasik arbitrer
meaml praesenciamm ulli conducturam, sed ne ego vestra excutiar benevolencia. Si
vos istorum calliditates sentiretis quibus ipse degravor indubie miseresceret
vos mei meorumque7 et istorum versuciae irasceremini. Neque ego iacturam ex ea parte
maximam censeo quan mercedulam debitam paulatim insumo sed quod a concionibus eto
lectionibus vestris abesse me necesse est.8 Me tibi viro summo credo commendo
dedo. Vale foeliciter〈,〉 parentem tuum9 salutato atque uxorem10〈.〉 datum Alstedii
die pJanuarii xvi. anno MDXXXII〈.〉p

Tuus Carolstadius.

Heinrichus11 vicinus meus Tiguri natus educatusque
te ex animo cupit esse salvum. eius probitas scientiaque
mihi plurimum placet, obsecravit ut se tibi com-
mendaret
q, licet ipse idem potuissetr politius meliusque
et mihi opus sit commendatore〈.〉


Beilage: Auszug aus einem Bericht von Johann Valentin Furtmüller über Karlstadts Tätigkeit in Altstätten, um 1532

Buchsymbol fehlt […]Dise botten12 kamend, brachtend mit inen den
Carolstat, es sach grad als were diser handel langest überdoplet,13
Ich aber alss der ain gute gwüssne hatt, und der warhait wol trüwet,
wartet also nitt dister minder wenn man mir zur verantwurtun〈g〉
Buchsymbol fehlt verkunte〈,〉 versach mich14 und hoffet man wurde mich nit onver-
hört
verdammen, wust ouch wol das ich,u von gots gnaden also glert
und glept hat, das ich mich vorm rechten nit must forchten.
Do nun Carolstad anfahen wolt predigen, verharret ich zu
Altstetten, wolt also der sach usswarten, und vor der ersten
predig, wie Carolstad schon in der kilchen was, gieng ich zu im15
grüsst inn16, batt dar by (dann ich versach mich etwas) ob im17
wurde von mir, angebenn wort oder werck, damit ich geacht
strafwirdig, solt er mich vorhin hören, und nit lichtlich,
böses von mir gloubenv, were urbütig ouch im18 rechnung ze-
geben
etc.

Das volck ward hie zwüschend unwillig〈.〉19 Carolstad was ime20
der sprach halb seltzam,21 der Furtmuller noch nit jederman
erlaidet22, hatt sich ouch danocht dermassen ghalten, das der war-
hait
gunstige noch nit so übel von im23 hieltend, so wolt er ouch
nit wychen sonder dess rechten erwarten und sich verantwurte,24
Carolstad fieng an, an der Cantzlen, mich stupfen, maint
mich dem volck zelaiden25, liess sich (doch noch nit so offentlich.)
merken als ob ich von unserm herren Christo gnug schlechtlich
geprediget, die lüt uff die werck meh dann uff den glouben
gewysen, und hat mich aber nie gehört predigen, noch spräch mit
mir ghalten von den dingen,w so ich gedenck traduciert sin26〈,〉
stupft so hefftig das ouch der gmain man, die sach anfieng
mercken, und ward Carolstads sach, hiemit nit besser, die
kilch hat sich gspalten, der furtmuller was noch vorhanden etc.
ich aber hielt mich still, gieng aber nümen27 zpredig, sorget〈,〉
ich möcht etwan Carolstads luge nit ertragen, die er anfieng
offentlich über mich uß schryen, ich wer gern abzogen, so
kont ichs eeren halben nit thun, wolt das liecht nit fliehen〈.〉28
darob aber Carolstad je lenger je wunderlicher ward, und maint,
er welt das volck unwillig machen, das (wie er sait) an
mir hanget, das er mich deshalb in ainer predig, mit na-
men
nampt, und unwarhafftigklich mit luter stimm und
hessigen worten, sprach, der Furtmüller hatt üch antichristi〈sch〉
verfürt,O lieber Michel schow was für unrath hieruss ist
entstanden, gät noch hütigs tags, wie es vor ougen ist, der
armen kilchen zu Altstetten um die hennd,29

Do ich nun nit wychen wolt wie ich ouch nit kont,30 maint ouch
wie fürgeben ward, der Carolstad were nun gen Altstetten
gelichen, bis ich mich verantwurtete,31 understant32 Ama vogler33
mich mit hunger abzetriben, dann wie mir von hoptman
Fryen34 anwalten zu S. gallen, das predigen ward verbotten,
saitend sy mir danocht die narung oder pfrund nit ab,35der
Buchsymbol fehlt Vogler aber, lacht wol uss sin selbs gwalt one alle recht und ver-
hör
, namx und brach mir min narung ab, wolt ich essen
und leben, ymust ich min handtwerch trybeny und an den tagwan36 gon, mit grosser arbait, min
narung gwünnen. Da was bim Vogler und Carolstad, wenig
barmhertzigkait, ouch by ander lüten, Den Vogler forcht
jederman, hat sin gwalt, by namhaften lüten, ouch bim
landvogt der massen erzaigt, das er mencklichen ein schrecken
was,37Ach lieber Michel, ich entwirff dir den handel bloß,
wüstestu den rechten grund, du wurdest dich noch jetz uber
mich erbarmen. Da der herpst zuher kam und man schier
wimen38 solt, ward mir der wingart, darin ich min armuͤtli
glait hat entweert, krutgart bomgart, darin ich vil hat
pflantzet ward mir uss ama Voglers befelch, in Carol-
stads und Voglers bysin, vom waibel, vorz oder one
recht, desshalb mit gwalt gnommen, es bekumert mich ouch,
lieber Michel das Carolstad so unmilt gegen mir was, by
welchem man doch, als by ainem fürtreffenlichen glerten
man meh beschaidenhait solte funden haben.aa) doch schlug
untrüw sin eignen herren, Carolstaden hat Ama Vogler in
sin aigen hus gsetzt〈,〉 ainem schloss glych, ich aber sass in
der herren von Altstetten hus, die haltend mich noch nit
geurloubet, Aber ich erlebt und sach, das der Vogler und
Carolstad, so unains ward, das sy gar von ainander tailtend
zoch Carolstad in ain armes hüsli uss des Voglers palast,
bis das er gar erbermklich, vom stettli Altstetten hinweg
für wie ain armer bettler etc.39

Do ich nun sach das ich zu Altstetten nit mocht zurecht kommen
ouch mit Carolstaden, siner schmachred halb, zoch ich gen
Zürich, hie zwüschend hat sich vil mercklichs noch verloffen,
lass aber das selb ston bis zu siner zyt, Und erlanget von
minen gn'ädigen' herren ain tagsatzung, uff welche ich antwurten
solt uff die Voglerschen articul, dess ich mich von hertzen
frowt, dann gott hab lob, die warhait ist uff miner syten,40
In dem aber〈,〉 ach gott, do fiel der ellend krieg yn, bald ka-
mend
zu end dess kriegs die fünf ort gon Altstetten〈.〉41


aEcclesiastiae b
bfolgt von anderer Hand Manus Carolstadii a
cpeccaverim b
dkorrigiert über der Zeile aus adint b
eretineor . b
ffolgt gestrichen Alt b
gkorrigiert aus spoppondit a
hmecedem a
iüber der Zeile hinzugefügt a
jüber den letzten zwei Buchstaben hinzugefügt as b
kkorrigiert aus quod b
lfolgt gestrichen etiam b
mkorrigiert aus praesententiam b
nquia b
ofolgt per b
p-pxvi Januarii 1532 b
qüber der Zeile hinzugefügt m b
rpotuissem a; korrigiert mit t über m aus potuissem b
skorrigiert aus ald
tvom Editor verbessert für mit
uvom Editor verbessert für ich (
vkorrigiert aus zuglouben
wfolgt ein Strich
xfolgt gestrichen mir
y-yam Rand hinzugefügt
zfolgt gestrichen teils unlesbares Wort de 〈[…]〉
aavom Editor verbessert für haben)

2D.h. nach Zürich.
3Es ist nicht bekannt, wer Karlstadt dies wann versprochen hat, sein Lohn wurde aber anscheinend einbehalten. Zu Karlstadts Aufenthalt in Altstätten siehe die KGK 329 zu dieser Einheit.
5Nach dem Zweiten Kappeler Krieg wurde Hans Vogler für die Zerstörung von Kirchenzierden mitverantwortlich gemacht und die altgläubigen Behörden verhängten gegen ihn eine Geldbuße. Siehe nochmals KGK 329 (Anmerkung). Karlstadt behauptet, dass er unter den eigentlich gegen Hans Vogler gerichteten Angriffen leiden müsse – wahrscheinlich aufgrund seiner anfänglichen Nähe zu Hans Vogler; siehe unten, KGK 329 (Textstelle).
6Wer diese Gönner (in Zürich oder in Altstätten?) waren, bleibt unklar.
7Karlstadts Familie war vermutlich noch bei ihm in Altstätten.
8Hier betont Karlstadt rhetorisch, dass er das größere Unrecht nicht darin sehe, dass die versprochene Belohnung nicht sofort gezahlt wurde, sondern darin, dass er wegen dieser Verzögerung in Altstätten aufgehalten werde und deshalb nicht an den Zürcher lectiones publicae konnte. Zur Zürcher »Hohe Schule« siehe ausführlich die Einleitung zu KGK 328.
9Heinrich Bullinger d.Ä. (1469–1533) war ein katholischer Priester, ab 1514 Dekan im Bremgarten, wo er mit Anna Wiederkehr im Konkubinat lebte. Das Paar heiratete erst nach der Einführung der Reformation 1529, als drei der fünf Söhne erwachsen waren (zwei starben bereits als Kinder); der jüngste Sohn war der gleichnamige Reformator Heinrich Bullinger (1504–1575), an den sich Karlstadt in dem hier edierten Brief wendet.
10Anna Adlischwyler (1505–1564), ehemalige Nonne des Zürcher Klosters Oetenbach. Sie heiratete Bullinger im August 1529. Zu ihr siehe Giselbrecht, Myths.
11HBBW 2, 33 Anm. 11 Nr. 57 identifiziert ihn folgendermaßen: »Wahrscheinlich Heinrich Strübi von Wolsen (Kt. Zürich), der seit 1530 im sanktgallischen Marbach, einer Nachbargemeinde von Altstätten, Pfarrer war […]. Obwohl Strübi kein Stadtzürcher war, ist er der einzige unter den Pfarrern im Rheintal mit dem Vornamen Heinrich, auf den diese Beschreibung zutreffen könnte.« Zu Heinrich Strübi siehe nochmals HBBW 2, 179 Anm. 1 Nr. 123: »Heinrich Strübi soll aus Wolsen (Gemeinde Obfelden im Kt. Zürich) stammen. Über seinen Bildungsweg ist nichts bekannt. 1529 erscheint er als Pfarrer in Witikon bei Zürich, 1530–1532 in Marbach im Rheintal, von wo er im September 1532 weichen mußte. Von 1533–1536 war Strübi Pfarrer in Affoltern a. Albis, anschließend in Eglisau, wo er 1548 starb. Wann und wo Strübi die Bekanntschaft Bullingers gemacht hat, ließ sich nicht feststellen.« Vadian schreibt in seinem Diarium zum Jahr 1532, der »predicanten zu Marpach« sei »von Zürich pürtig« (Vadian, Diarium, 454).
12Johannes Manz, als Gesandter nach dem Rheintal; vgl. die KGK 329 zu dieser Einheit.
13Schweizerisches Idiotikon 13,955, s.v. übertopplen: (im Voraus) abmachen. Vogler bemüht sich offenbar schon vor dem 24. Februar 1531 um die Absetzung Furtmüllers durch Karlstadt. Vgl. KGK 329 (Anmerkung).
14Schweizerisches Idiotikon 7, 126, s.v. besachen 2: sich vorsehen, rüsten (bes. kriegerisch).
15ihm.
16ihn.
17ihm.
18ihm.
19Zu den Spaltungen in der Gemeinde in Altstätten bezüglich Furtmüller siehe Frey, Rheintal, 169–180.
20ihm, dem Volk.
21Zum Dialekt Karlstadts, der in Straßburg und in der Schweiz als fremd empfunden wurde, siehe KGK 323 (Anmerkung) und KGK 328 (Textstelle).
22überdrüssig, zuwider sein. Vgl. FWB s.v. erleiden Nr. 2.
24Es wirkt ungewöhnlich, dass Furtmüller hier und in einigen anderen Abschnitten in der dritten Person von sich selbst spricht.
25Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1086, s.v. leiden oder DWb 25, 767 s.v. verleiden Nr. 1.
26verunglimpft zu sein. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 14, 338 s.v. traduzieren.
27Schweizerisches Idiotikon 4, 753, s.v. numen II: nicht mehr.
28Dieser Bericht ist nicht ohne rhetorischen Charakter, denn Furtmüller beschreibt sich selbst als zuversichtlich, das Richtige gepredigt zu haben, und daher furchtlos und voller Gewissheit, dass die göttliche Wahrheit – und mit ihr er selbst – am Ende triumphieren werde.
29Furtmüller wurde endgültig aus Altstätten weggeschickt. Er hielt sich eine Zeitlang in Zürich auf und wurde 1532 Pfarrer in Rorschach. Zu ihm siehe nochmals die KGK 329 (Anmerkung).
30Den Vorwürfen zu weichen, hätte bedeutet, die göttliche Wahrheit zu leugnen, die er überzeugt war, gepredigt zu haben. S. o. KGK 329 (Anmerkung).
31Karlstadt sollte Furtmüller also vertreten, bis dieser sich zum Widerruf bereit erklärte.
32Schweizerisches Idiotikon 11, 618f., s.v. understā(n) 2.a: feindlich angreifen, in Angriff nehmen, unternehmen, versuchen.
33Hans Vogler, Stadtammann (Gemeindevorsteher; vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 246) in Altstätten; zu ihm siehe KGK 329 (Anmerkung).
34Der seit 1528 als Zürcher Schirmhauptmann in der Abtei St. Gallen tätige Jakob Frei (um 1480–1531). Zu ihm siehe HLS s.v.
35Zum Predigtverbot vgl. den Brief Ulrich Stolls an Zwingli vom 2. August 1531, in Zwingli, Werke 11, 563,3–8; 15–17 Nr. 1256. Zur Furtmüller zugeschriebenen Pfründe gibt es keine Quelle.
36Tagesarbeit, Tagelohn; vgl. DWb 21,87, s.v. Tagwan 1 u. 3.
37Furtmüller beschreibt Hans Vogler hier als einen gewalttätigen und unbarmherzigen Mann, der seine Autorität sowohl unter den einfachen Leuten als auch gegenüber anderen Amtsträgern gewaltsam ausübte und den Schrecken vieler erregte. Auch Karlstadt wird hier als unbarmherzig beschrieben.
38Trauben lesen; vgl. Schweizerisches Idiotikon 15, 1722, s.v. wimmen.
39Karlstadt verließ Altstätten und kehrte nach dem 16. Januar 1532 nach Zürich zurück; siehe ausführlich die KGK 329 zu dieser Einheit.
40Wann Furtmüller in Zürich angehört wurde und wem er seine Gründe darlegen konnte, ist nicht bekannt.
41Beim kriegerischen Aufeinandertreffen von Katholiken und Reformierten in der Kappeler Schlacht im Oktober 1531 ist auch Zwingli gefallen. Die in der Christlichen Vereinigung organisierten altgläubigen fünf Orte konnten sich durchsetzen und nahmen auch die Gebiete im Rheintal wieder in Besitz, aus denen sie 1530/31 vertrieben worden waren. Vgl. auch hier Frey, Rheintal, 181–191.

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