1. Überlieferung
Handschrift:
Es handelt sich um eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.
Der hier behandelte Brief ist in der vorliegenden Edition nach Scultetus1 ediert, der in seiner 1620 erschienenen Ausgabe angab, das heute verschollene Original benutzt zu haben.2 Es ist unklar, ob die in der Collectio Simleriana in der ZB Zürich erhaltene Abschrift auf dem Original oder auf Scultetus' Edition beruht, auf dessen Ausgabe eine Notiz von Johann Jakob Simlers Hand (1716–1788) im Manuskript verweist.
Edition:
- Scultetus, Decas 2.4, 456.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 457 mit Anm. 157f.
- Myconius, Briefwechsel, 289 Nr. 263.
2. Entstehung und Inhalt
Über eine mögliche Versetzung Karlstadts aus Zürich war bereits im September 1533 nachgedacht worden, als Martin Frecht an Bucer über die Suche nach einem Nachfolger für den kurz zuvor verstorbenen Conrad Sam schrieb.3 Im April 1534 – auf die Anfrage von Myconius hin, der auf der Suche nach einem passenden Theologen für die Basler Kirche war4 – erwähnte Bullinger den Namen Karlstadts, dessen Charakter er in ganz anderen Tönen beschrieb als Luther es getan hatte: Karlstadt sei sehr sanftmütig und bescheiden.5 Unklar ist, warum die Zürcher Prediger über Bullinger vorschlugen, Karlstadt nach Basel zu berufen, dessen Gelehrsamkeit sie nicht nur hinsichtlich der heiligen Schriften, sondern auch der freien Künste und in Disputationen lobten.6 Es ist nicht auszuschließen, dass sie auf diese Weise eine Lösung für die nicht optimalen Anstellungsbedingungen Karlstadts in Zürich7 oder eine diplomatische Ablösung Karlstadts anstrebten, dessen theologische Haltung immer wieder Zweifel weckte.8
Unklar ist, wie die Verhandlungen in den folgenden Wochen verliefen. Während Bullinger am 18. Mai Myconius nach aktuellen Nachrichten fragte,9 war Karlstadt in Basel, wo er am folgenden Tag an der dortigen Synode teilnahm.10 Bei dieser Gelegenheit dürfte sich Karlstadt den anderen Basler Theologen vorgestellt haben, wobei er mit einigen von ihnen einen besonderen Kontakt herstellte.11 Als Myconius Bullinger am 20. Mai antwortete, bestätigte er, dass über Karlstadts Berufung nach Basel verhandelt worden sei, er könne das Ergebnis noch nicht mitteilen, versprach aber, dies bald zu tun.12Am 25. Mai bestätigten die Basler Theologen die Berufung Karlstadts in einem Brief an Bullinger und die anderen Zürcher Prediger: Sie hatten sofort verhandeln wollen, nachdem Bullinger auf die Anfrage von Myconius hin den Namen Karlstadts genannt hatte und er ihnen auch von anderen wärmstens empfohlen worden war;13 da Karlstadt in jenen Tagen in Basel war, hatten sie sogar die Gelegenheit, direkt mit ihm die Berufung zu besprechen. Die einzige Sorge der Basler Theologen war, dass sie der Zürcher Kirche durch Karlstadts Versetzung Probleme bereiten könnten, und so wurde es Bullinger und seinen Kollegen überlassen, die Berufung zu bestätigen oder nicht.14
Der hier edierte Brief, der auf den 28. Mai datiert und an Myconius gerichtet ist, wurde höchstwahrscheinlich nach Karlstadts Rückkehr nach Zürich verfasst. Karlstadt teilt dem Korrespondenten mit, er habe Bullinger den Brief von Myconius am Vortag zugestellt – hierbei bezieht er sich wahrscheinlich entweder auf den Brief vom 25. Mai, in dem Karlstadts Ruf nach Basel formalisiert wurde, oder einen weiteren, inzwischen verlorenen Brief von Myconius an den Zürcher Antistes. Am 28. Mai hatten die Zürcher Prediger beschlossen, die Angelegenheit den städtischen Behörden vorzulegen.15 Bürgermeister Diethelm Röist hatte Bullinger und Felix Frey daraufhin vorgeschlagen, dass sie diese Frage am folgenden 30. Mai mit dem kleinen und großen Rat besprechen.16
Karlstadt rechnete mit einer positiven Antwort, vorausgesetzt, dass Bullingers Empfehlung, die dazu neigte, die Verdienste seines Kollegen sehr herauszustellen, nicht zu Schwierigkeiten führen würde.17 Der Brief wurde eilig beendet, da er von einem Boten, der gerade abreiste, nach Basel gebracht werden musste. Karlstadt ließ jedoch erkennen, dass er bereits konkrete Pläne für seinen Umzug hatte, indem er auf die Schifffahrt hinwies, mit der er seine Familie und seine Güter transportieren wolle,18 und indem er Markus Bertschi darum bat, für ihn in Basel ein Haus, eventuell mit Garten, zu suchen.19
KGK 345
Transkription
