Nr. 346
Andreas Karlstadt an Oswald Myconius
Zürich, 1534, 28. Mai

Einleitung
Bearbeitet von Stefania Salvadori

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] ZB Zürich, S 35, 161

Es handelt sich um eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.

Der hier behandelte Brief ist in der vorliegenden Edition nach Scultetus1 ediert, der in seiner 1620 erschienenen Ausgabe angab, das heute verschollene Original benutzt zu haben.2 Es ist unklar, ob die in der Collectio Simleriana in der ZB Zürich erhaltene Abschrift auf dem Original oder auf Scultetus' Edition beruht, auf dessen Ausgabe eine Notiz von Johann Jakob Simlers Hand (1716–1788) im Manuskript verweist.

Edition:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Über eine mögliche Versetzung Karlstadts aus Zürich war bereits im September 1533 nachgedacht worden, als Martin Frecht an Bucer über die Suche nach einem Nachfolger für den kurz zuvor verstorbenen Conrad Sam schrieb.3 Im April 1534 – auf die Anfrage von Myconius hin, der auf der Suche nach einem passenden Theologen für die Basler Kirche war4 – erwähnte Bullinger den Namen Karlstadts, dessen Charakter er in ganz anderen Tönen beschrieb als Luther es getan hatte: Karlstadt sei sehr sanftmütig und bescheiden.5 Unklar ist, warum die Zürcher Prediger über Bullinger vorschlugen, Karlstadt nach Basel zu berufen, dessen Gelehrsamkeit sie nicht nur hinsichtlich der heiligen Schriften, sondern auch der freien Künste und in Disputationen lobten.6 Es ist nicht auszuschließen, dass sie auf diese Weise eine Lösung für die nicht optimalen Anstellungsbedingungen Karlstadts in Zürich7 oder eine diplomatische Ablösung Karlstadts anstrebten, dessen theologische Haltung immer wieder Zweifel weckte.8

Unklar ist, wie die Verhandlungen in den folgenden Wochen verliefen. Während Bullinger am 18. Mai Myconius nach aktuellen Nachrichten fragte,9 war Karlstadt in Basel, wo er am folgenden Tag an der dortigen Synode teilnahm.10 Bei dieser Gelegenheit dürfte sich Karlstadt den anderen Basler Theologen vorgestellt haben, wobei er mit einigen von ihnen einen besonderen Kontakt herstellte.11 Als Myconius Bullinger am 20. Mai antwortete, bestätigte er, dass über Karlstadts Berufung nach Basel verhandelt worden sei, er könne das Ergebnis noch nicht mitteilen, versprach aber, dies bald zu tun.12Am 25. Mai bestätigten die Basler Theologen die Berufung Karlstadts in einem Brief an Bullinger und die anderen Zürcher Prediger: Sie hatten sofort verhandeln wollen, nachdem Bullinger auf die Anfrage von Myconius hin den Namen Karlstadts genannt hatte und er ihnen auch von anderen wärmstens empfohlen worden war;13 da Karlstadt in jenen Tagen in Basel war, hatten sie sogar die Gelegenheit, direkt mit ihm die Berufung zu besprechen. Die einzige Sorge der Basler Theologen war, dass sie der Zürcher Kirche durch Karlstadts Versetzung Probleme bereiten könnten, und so wurde es Bullinger und seinen Kollegen überlassen, die Berufung zu bestätigen oder nicht.14

Der hier edierte Brief, der auf den 28. Mai datiert und an Myconius gerichtet ist, wurde höchstwahrscheinlich nach Karlstadts Rückkehr nach Zürich verfasst. Karlstadt teilt dem Korrespondenten mit, er habe Bullinger den Brief von Myconius am Vortag zugestellt – hierbei bezieht er sich wahrscheinlich entweder auf den Brief vom 25. Mai, in dem Karlstadts Ruf nach Basel formalisiert wurde, oder einen weiteren, inzwischen verlorenen Brief von Myconius an den Zürcher Antistes. Am 28. Mai hatten die Zürcher Prediger beschlossen, die Angelegenheit den städtischen Behörden vorzulegen.15 Bürgermeister Diethelm Röist hatte Bullinger und Felix Frey daraufhin vorgeschlagen, dass sie diese Frage am folgenden 30. Mai mit dem kleinen und großen Rat besprechen.16

Karlstadt rechnete mit einer positiven Antwort, vorausgesetzt, dass Bullingers Empfehlung, die dazu neigte, die Verdienste seines Kollegen sehr herauszustellen, nicht zu Schwierigkeiten führen würde.17 Der Brief wurde eilig beendet, da er von einem Boten, der gerade abreiste, nach Basel gebracht werden musste. Karlstadt ließ jedoch erkennen, dass er bereits konkrete Pläne für seinen Umzug hatte, indem er auf die Schifffahrt hinwies, mit der er seine Familie und seine Güter transportieren wolle,18 und indem er Markus Bertschi darum bat, für ihn in Basel ein Haus, eventuell mit Garten, zu suchen.19


1Scultetus, Decas 2.4, 456. S. u.
2Scultetus, Decas 2.4, 456, am Rand »Ex autographo«.
3Vgl. den Brief von Frecht an Bucer vom 5. September 1533, in Bucer, Briefwechsel 10, 154,5–12 Nr. 741, worin der Name Karlstadts auch als Nachfolger für den im vorangegangenen Juni verstorbenen Conrad Sam (um 1483–1533) genannt, aber auch sofort wieder verworfen wurde, da eine Anstellung sowohl Kurfürst Johann von Sachsen als auch Philipp von Hessen missfiel. Zu Conrad Sam und der Reformation in Ulm siehe für einen historischen Überblick Hoffmann, Sam , 93–109.
4Myconius an Bullinger, 20. April 1534, in HBBW 4, 134,40–43 Nr. 359 (= Myconius, Briefwechsel, 285 Nr. 257, nur Regest).
5Bullinger an Myconius, 24. April 1534, in HBBW 4, 143,21–26 Nr. 363: »Porro, quod a nobis virum petis doctum, prudentem, cordatum, exhibemus tibi D. Andream Carolstadium virum eruditissimum, piissimum et exercitatissimum in sacris, adde et prophanis literis ac disputationibus, de quo plura loquuti sumus cum scholastico isto, oeconomo vestro [= wahrscheinlich Ulrich Schuler, vgl. HBBW 4, 143 Anm. 11 Nr. 363]. Non est, quod verearis hominem esse talem, qualem pinxit Lutherus; vir est mitissimus, humillimus et omni parte absolutus. Novit hominem Grynaeus. Tu, an hic placeat aut quid porro facturus sim, ostende.« (= Myconius, Briefwechsel, 286 Nr. 259; nur Regest). Grynaeus hatte Karlstadt wahrscheinlich im Sommersemester 1523 an der Universität Wittenberg kennengelernt und war offenbar Pate des erstgeborenen Sohnes Karlstadts; vgl. KGK VII, Nr. 279, S. 639, Anm. 6. Zu ihren späteren Auseinandersetzungen in Basel, s.u. KGK 379.
6Siehe vorherige KGK 346 (Anmerkung). Ende 1533 scheint Karlstadt nicht nur Schriften gegen Luther (KGK 341), sondern auch über Aristoteles, in Bezug auf das Abendmahl (KGK 342) und über die Zusammenhänge zwischen Naturrecht und Evangelium (KGK 343) druckfertig verfasst zu haben. Außerdem scheint er – wahrscheinlich im privaten Kreis – Vorlesungen über juristische Themen gehalten zu haben; s.u. KGK 349 (Textstelle).
7Siehe die Einleitung zu KGK 349.
8Siehe Anfang 1534 Bullingers verärgerte Reaktion auf Karlstadts Briefwechsel mit Schwenckfeld, in KGK 344.
9Bullinger an Myconius, 18. Mai 1534, HBBW 4, 180,54f. Nr. 376 (= Myconius, Briefwechsel, 289 Nr. 260).
10Vgl. Barge, Karlstadt 2, 456f. Karlstadts Berufung wurde auf der Basler Synode am 19. Mai 1534 genehmigt. Die Anwesenheit Karlstadts auf der Synode wird durch die Synodalakten bestätigt, StA Basel-Stadt, Kirchenakten C3, fol. 26br. Dies wird auch durch den Brief der Basler Theologen an Bullinger und die Zürcher Prediger vom 25. Mai 1534 bestätigt, wie KGK 346 (Anmerkung), hier insbesondere HBBW 4, 192,5–7 Nr. 383 (= Myconius, Briefwechsel, 289 Nr. 262).
11Darunter wahrscheinlich Markus Bertschi, Pfarrer von St. Leonhard; s.u. KGK 346 (Anmerkung).
12HBBW 4, 182,40f. Nr. 377 (= Myconius, Briefwechsel, 288 Nr. 261).
13Es ist nicht bekannt, wer außer Bullinger vorschlug, Karlstadt nach Basel zu berufen.
14Pfarrer von Basel an Heinrich Bullinger und Pfarrer von Zürich, 25. Mai 1534, ediert in HBBW 4, 192f. Nr. 383: »S. Non vos praeterit, fratres in domino charissimi, Myconium nostrum non ita multo ante scripsisse ad vos, si quem sciretis, qui posset in evangelii negocio prodesse nobis, indicaretis. Ita fraterne factum. Indicatus est enim D. Andreas Carolstadius adiuncta commendatione tali ut is statim adlubuerit. Hisce diebus igitur, dum forte Basileam venerit nescimus quid acturus, quod ex vobis de illo conceperamus, visum est non alias commodius posse transigi, quam dum esset pręsens. Considentes itaque super ea re sumus colloquuti ac invenimus ex vestra, quamvis et ex aliorum multiplici commendatione sic eum nobis virum ecclesiaeque nostrae futurum accommodum, ut unanimiter ad eundem recipiendum consentiremus. Unum erat, quod hac in causa nonnihil nobis tulit molestiae, si vobis fortasse Carolstadius abstractus quid ferret incommodi. Tum enim in hoc eramus, ut damnum pati nos potius vellemus quam ecclesiam Tigurinam. Quod egimus igitur, aliter actum et confirmatum nolumus quam per vestrum consensum. Eum ergo si dederitis, ratum sit, quod egimus, sin aliter, recamur ut antea, curam, quod huc adtinet, ecclesiae nostrae parem nobiscum gerere non gravemini. Valete per Christum dominum et nos deo mutuiter in orationibus vestris commendatote. Basileae, 25. maii anno 1534. Fratres et seniores ecclesiae Basiliensis vestri.« (= Myconius, Briefwechsel, 289 Nr. 262).
15Zu den Verhältnissen zwischen kirchlicher und politischer Macht in Zürich nach der Kappeler Schlacht siehe die Einleitung zu KGK 344.
16Auch Karlstadt war anwesend, vgl. KGK 346 (Textstelle). Ein Bericht über das Treffen vom 30. Mai in KGK 347.
17KGK 346 (Textstelle). Diese Bemerkung Karlstadts – mit klarer rhetorischer Absicht – dürfte in den folgenden Wochen eine Rolle gespielt haben, um Myconius die anfängliche Weigerung der Zürcher Behörden zur Entlassung Karlstadts zu erklären.
18Die Reise erfolgte um Mitte Juni, siehe KGK 352.
19KGK 346 (Textstelle). Karlstadt entschuldigte sich für seine voreilige Bitte in KGK 350.

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