1. Überlieferung
Frühdruck:
Erlüterung dißer reed ∥ IOB VII. ∥ welcher hinunder insz grab faart ∥ der kumpt nit widerumb heruff. ∥ Item ∥ Von der künfftigen und ∥ niiwen welt. ∥ Andreas Carolstat. ∥ Zů Basel Lux Schouber, ∥ An.M.D.XXXIX. ∥
Basel: Lux Schauber, 1539.
8°, 22 Bl., a4–d4, e6.
Editionsvorlage:
UB Basel, UBH Falck 848:11 (Bogen e unten abgeschnitten, daher fol. e2r und e5r mit Textverlusten).Weitere Exemplare: ÖNB Wien, 20.Dd.1586.
Bibliographische Nachweise:
- VD 16 ZV 27700.
- Freys/Barge, Verzeichnis, Nr. 155.
- Zorzin, Flugschriftenautor, Nr. 84A.
Es sind nur die beiden hier aufgeführten Exemplare nachweisbar. Der Drucker Lux Schauber stellte zwischen 1535 und 1539 in seiner Offizin in Basel nur insgesamt 16 Werke her, darunter die beiden Karlstadttitel Themata (KGK 377) und Erläuterung von Hiob 7,9f.1 Das Basler Exemplar weist einige Textverluste auf Grund von Beschädigungen auf. Der Text ist in Schwabacher-Typen gesetzt; auffällig ist, dass Schauber zwei unterschiedliche Typen für das »ß« verwendete.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 500f.
- Schmidt, Karlstadt in Basel, 113–119.
- Oehmig, Fegefeuer, 90f.
2. Entstehung und Inhalt
Der Widmungsbrief der Schrift ist auf den 2. Dezember 1538 datiert, der Druck selbst trägt das Jahr 1539 auf dem Titelblatt. Karlstadt gibt in der Widmungsvorrede an die »geliebten brüder« den Skopus der Veröffentlichung an. Seine Auslegung der Bibelstelle Hiob 7,9f., der sich der vorliegende Traktat widmet, sei für das Leichengeleit bestimmt, das die Leutpriester auf Bitten der Hinterbliebenen durchführten. Das evangelische Leichengeleit sei scharf von den katholischen Begräbnisritualen – der Messe, die keine Grundlage in der Heiligen Schrift besitze, den Vigilien (hier als Totenwachen) und dem aufwendigem Leichenzug – zu unterscheiden. Leutpriester würden zur Gemeinde (der Hinterbliebenen) sprechen, nicht für den Verstorbenen wie in der römischen Seelenmesse.2 Karlstadt habe auf einem Leichengeleit über die Hiobstelle gepredigt. Den Anlass für die Veröffentlichung habe ein anwesender Freund gegeben, der ihn um die Drucklegung gebeten habe. Für den Druck habe er den Predigttext argumentativ und inhaltlich weiter ausgebreitet, zudem Bibelbelege am Rand ergänzt.
Ausgangspunkt der Auslegung ist der Vers Hiob 7,9: »Wer ins Grab fährt, kommt nicht wieder herauf.« Karlstadt hat den Satz selbst übersetzt. Seine Erläuterung ist in drei Argumentationsschritte untergliedert: (1.) Bestimmung des Gleichnisses, (2.) Erklärung der Worte, (3.) Erläuterungen zur Gestalt des erwähnten Grabes.
(1.) An erster Stelle sei eine Beschäftigung mit den vielfältigen Gleichnissen der Schrift vonnöten. Es stelle sich die Frage, ob das hier zu diskutierende Gleichnis für sich stehe oder für etwas anderes. Die richtige Erkenntnis sei notwendig, da Christus überraschend wiederkehren werde und Fehler in der Interpretation der Erlösung schaden könnten. Karlstadt zeigt zunächst ein Interesse an einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Wolkenentstehung,3 spricht dann aber den auf mehrere Seiten ausgedehnten Ausführungen die Relevanz für diese Auslegung ab, da Hiob vom Vergehen der Wolken als Gleichnis für das Ende des Menschen gesprochen habe. Ebensowenig führe es weiter, sich damit zu beschäftigen, wie Gott seine Herrschaft im Himmel kundtue und dass Wolken seine »Kleider« seien.4 Hier müssten stattdessen genau die richtigen Verweisstellen zur Entleerung der Wolken herangezogen werden.5 Letztlich besage das biblische Gleichnis, dass der Mensch mit seinem Tod und dem Begräbnis vollkommen von uns gehe und verschwinde wie die Spur einer Wolke, die Flugbahn eines Vogels am Himmel oder die Fahrspur eines Schiffs auf dem Wasser. (2.) Im Anschluss geht Karlstadt auf die Bedeutung des im Gleichnis verwendeteten Wortes »Grab« ein, deren bisherige Erklärungen an falschen Übersetzungen litten. Hiob spreche nicht von der Hölle, wie die Papisten meinten, sondern einfach vom Grab: der hebräische Scheol sei für Jakob und David nicht der Ort der Verdammnis, sondern die Grabesstätte.6 (3.) Schließlich sei im Hiobtext7 selbst die Gestalt des Grabes beschrieben. Karlstadt führt unterschiedliche Bibelübersetzungen auf und referiert sogar eine Deutung des Rabbi Joseph Gikatilla, den er höchstwahrscheinlich über Johannes Reuchlin rezipierte.8 Weder in den Auslegungen noch im biblischen Bericht selbst sei von einem Ort der ewigen Verdammnis die Rede, sondern von Dunkelheit. Für die im Grab Liegenden wirke jeder Lichtschein wie die Dunkelheit. In diesem Dunkel sei es unmöglich, eine Ordnung der Dinge und der Welt herzustellen. Daher hätten die Verstorbenen auch keine Erkenntnisfähigkeit.9
Da Hiob eine große Kenntnis Gottes besaß, habe er gewusst, dass die Menschheit durch den Sündenfall Adams die Dunkelheit des Todes erleiden musste. Der Leib als Tempel Gottes, die Ohren als Eingang des Wortes in die Seele – all diese Sinne fehlten dem toten Leib. Die Trauer darüber mündete in Hiobs Klage. Doch blieben ihm das Bewusstsein und der Glaube, dass der Erlöser ihn aus der Dunkelheit des Grabes erwecken werde. Daher könne das Grab theologisch niemals die Hölle der Verdammten sein, sondern das Vergehen des Leibes zu Staub.
Der irdische Leib vergeht also, aber wird das Fleisch in seiner irdischen Gestalt auferstehen? Wenn es heißt, dass Hiob Gott aus oder im Fleisch sehen werde,10 sei wohl eher die Erkenntnis Christi als ewiges Leben gemeint. Die Aussagen vom Vater als Grab und Mutter als Verwesung11 deuten darauf hin, dass Gott die Verstorbenen nicht wieder zu Fleisch erstehen lässt wie bei der ersten Schöpfung, sondern zur Verdammnis in der Hölle oder zum ewigen Leben im Himmel erweckt. Ohne Vertrauen in Gott sei der Mensch ein böser Baum, ohne Glauben, ohne Frucht und böse. Karlstadt wehrt sich daraufhin ausführlich gegen Skeptiker, die meinten, dass sich das Fleisch nach dem Tod in Gras, Würmer und andere (es fressende) Tiere verwandele und der auferstandene Leib – ebenso wie bei den in Reliquien überall auf der Welt verteilten Heiligen – sich gar nicht mehr zusammensetzen lasse.12 Doch auf Grund seiner Allmacht und Allgegenwart gelte für Gott das physische Konzept der begrenzten Erde nicht, denn er halte die Welt in seiner Hand, umfasse sie und sei allem gleichzeitig; seine Benennungen entsprechen dem Wesen der Dinge. Nach Paulus bedeute die Auferweckung die Überwindung der Sterblichkeit13 und mache die Toten wieder lebendig.14 Die Auserwählten kämen also wieder in Geist und Fleisch, und doch in einer anderen Gestalt. Wie Hiob sagte: Sie kehrten daher nicht wieder, wie sie waren.
Das nächste Kapitel seiner Auslegung widmet Karlstadt der bei Hiob angesprochenen künftigen Welt. Sie verheißt Unsterblichkeit in einem neuen Leib und Licht für die einen, ewige Pein und Strafe für die andern. Das bedeutet für Karlstadt, dass die Verdammten nicht vergehen und ihr Leib ewig bleibt. Die Hölle ist also ein ewiges Leben mit dem leidenden, irdischen, gequälten Leib. Hiobs Gleichnis bedeute also, dass wir sterben und in Finsternis gehalten werden bis zum Gericht Christi. Was aber ist von den biblisch bezeugten Totenerweckungen weit vor dem Tag des Gerichts zu halten?15 Auf Grund seiner Allmacht kann Gott nach Karlstadts Meinung auch Dinge außerhalb der Ordnung aus eigener, den Menschen nicht einsichtiger Voraussicht tun. Der regelhafte Lauf der Welt beruhe auf natürlicher, göttlich bestimmter Ordnung, auch die Auferstehung am Jüngsten Tage gehöre dieser Ordnung zu. Die Auferweckung von Toten jenseits dieser Regelhaftigkeit sei möglich, werde aber mit Wunderzeichen angekündigt. Da die Menschen aber den göttlichen Plan nicht kennen und der Todesmoment überraschend kommen könne, ruft Karlstadt dazu auf, Gottes Lehre zu achten und die Heilige Schrift als Mahnung zu nehmen.16
Im folgenden Abschnitt befasst sich Karlstadt mit der Aussage, dass der Verstorbene nicht wieder aus dem Grab in sein Haus zurückkehren werde.17 Es gebe zwei mögliche Auslegungen: (1.) dass er keinen Gedanken daran hege, (2.) dass es keine persönliche Wiederkehr gebe. Im ersten Fall sei davon auszugehen, dass jemand geistlich nicht am selben Ort sei wie sein Leib.18 Als Beispiele führt Karlstadt zum einen erneut die biblische Figur des Reichen an, der Lazarus nicht half und nach seinem Tod Geister aus Abrahams Schoß in sein Haus schicken lassen möchte, um seine Brüder vor der Hölle zu warnen;19 zum anderen die nach Vorstellung papistischer Priester umherziehenden Poltergeister.20 Doch gebe es auch fromme Seelen in unseren Häusern, um uns zu bessern, die tatsächlich im Himmel seien. Auf jeden Fall ende die Identität des Menschen mit dem Tod, der Leib bleibe im Grab, die Seele ginge in Himmel oder Hölle. Die Bitte nach Rückkehr ins eigene Haus, wie sie Hiob ausspricht, sei allein an Gott und Christus zu richten. Heiligenanrufungen, Vigilien, Totengebete, Seelenmessen und Fürbitten, die Gottes Wort inflationär gebrauchten, seien dagegen als Eingriff in das Amt Jesu strikt abzulehnen. Hiobs Schrei um Erbarmen21 käme aber nicht aus dem Grab und der Unterwelt. Diese Vorstellung widerlegt Karlstadt in drei argumentativen Schritten: (1.) arbeitet er den Skopus (»houpthandel«) des Satzes heraus und stellt fest, dass Hiob sein Leiden auf Erden beschreibt, nicht in der Hölle; (2.) stellt er einen unmittelbaren stofflichen Zusammenhang her; (3.) in der Beachtung des inhaltlichen Gesamtkontextes hebt er hervor, dass Hiob seine Klage auf Erden in einem Umfeld ohne Nächstenliebe ausgestoßen habe.22 Der Fall Hiobs steht so als Gleichnis für in Not geratene Menschen, auf dass die Christen ihnen ihre Fürsorge und Nächstenliebe spenden, und vermittelt somit ein zentrales Element christlichen Handelns, das im Verständnis des göttlichen Willens (dem Gehorsam gegen Gott) und der Bibel angelegt sei. Die Erretteten in Abrahams Schoß bedürften keiner Hilfe vor der Pein durch die Lebenden (bzw. durch deren Gebete).23 Lebende aber sollen Lebenden beistehen, nicht den Toten.24 Selbst Paulus habe sich ein längeres Leben gewünscht, um die Lebenden länger unterrichten zu können.25 Seine Lehre sei aber, die biblischen Bücher zu lesen. Ein toter Paulus als Heiliger sei nutzlos.
Das vorletzte Kapitel hat den Halbvers zum Thema, dass der Ort den Verstorbenen nicht mehr wiedererkennen würde.26 Grundsätzlich sei die Scheidung der Welten notwendig, damit die Ordnung des Staats der Lebenden und des Staats der Toten nicht angegriffen werde. Zugleich weist Karlstadt darauf hin, dass die Stelle im Hebräischen identisch mit Ps 102(103),16 sei.27 Das hebräische Wiedererkennen könne auch mit »annehmen« übersetzt werden. Hiobs Klage um Erbarmen fordert daher die Gläubigen auf, sich der Kranken, Schwachen und Ungetrösteten anzunehmen, nicht der Toten. Nur im Glauben an Gott könne der Geist des Menschen wieder erstehen. Die Schlusskonklusion führt die Gedanken des Traktats zusammen. Der herrlichen Stadt der Gerechten stehe der jämmerliche Ort der Ungerechten in der künftigen Welt gegenüber. Die Lebendigen kämen weder den Toten zu Hilfe noch umgekehrt, der Glaube an die Kraft der Toten gefährde den christlichen Glauben.
Karlstadt verwendet den Namen Hiob in seiner Auslegung fast immer mit einem Attribut, meistens »heilig« oder »fromm«, seltener auch »gerecht« und je einmal mit »duldmütig«, »dultig« und »Sankt«. Damit hebt er die hohe Stellung des biblischen Zeugen Hiob hinsichtlich der Vorstellungen vom Jenseits auf Grund seines großen Wissens von der göttlichen Ordnung hervor, dessen duldsamen Gehorsam gegen Gottes Willen. Wie Karlstadt in der Vorrede beschreibt, entstand der Traktat in seiner Tätigkeit als Leutpriester bzw. Prediger an St. Peter. Ziel ist es, das schlichte, evangelische Leichengeleit mit einer Predigt auf Grundlage einer schriftnahen Auslegung des biblischen Textes von der römischen Totenfeier abzuheben. Der Text begründet zugleich die Ablehnung von Toten- und Heiligenanrufung. Lebende und Tote sind getrennt, sie können sich nichts sagen und gegenseitig anrufen. Der Mensch vergeht und ruht im dunklen Grab in Erwartung der Auferstehung, eine Zwischenwelt wie ein Fegefeuer gibt es nicht. Nur Gott und Christus bieten Trost in der Hoffnung auf ein gütiges Jenseits. Zur Begründung zieht Karlstadt inhaltliche und sachliche biblische Kontexte sowie hebräische Worterklärungen heran, wagt aber auch Ausflüge in christliche Kabbala und Naturwissenschaft.
Obwohl Karlstadt nicht den direkten Bezug angibt, kann seine Erläuterung von Hiob 7,9f. zugleich eine Reaktion auf den jüngst im elsässischen Hagenau erschienenen Hiobkommentar des Johannes Brenz in deutscher Übersetzung gewesen sein.28 Brenz interpretiert das Grab in Hiob 7,9 als Zwischenhölle, in die Gott die Verstorbenen unmittelbar nach ihrem Tod als »urteyl« führt, »damit er [Gott] seine auserwelten durch höllischen feur bewert«29, gleichsam zum Verständnis der ewigen Höllenqualen. Der zentrale Punkt in Karlstadts Schrift besteht in einer dezidierten und mehrfach wiederholten Ablehnung dieser Vorstellung.30 Johannes Bugenhagens Hiobkommentar von 1527 übergeht zwar Hiob 7,9f. völlig, bezeichnet aber die in Hiob 10,21 von Karlstadt zur Beschreibung des Grabes herangezogene Stelle, die vom Land der Finsternis spricht, als Unterwelt.31 Auch gegen diese Interpretation spricht sich Karlstadt vehement aus. So bekommt seine Auslegung neben der antirömischen zusätzlich eine gegen Deutungen von explizit lutherischen Theologen gerichtete Wendung.
3. Kurzer Exkurs zu Karlstadts Predigttätigkeit in Basel
Es sind nur wenige Hinweise überliefert, die anzeigen, über welche Themen, wie oft, wo und wann überhaupt Karlstadt in Basel gepredigt hatte. Nach den Beschlüssen der Basler Bannherren zur rätlichen Anstellung Karlstadts vom 28. Juni und 1. Juli 1534 sollte er – neben der Lektion über das Alte Testament an der Universität – morgens und abends Predigten halten, »ob er dem volck anmütig sin welt«, also gleichsam probehalber.32 Nach Paul Phrygios Fortgang nach Tübingen übernahm Karlstadt auch dessen Predigtstelle an St. Peter, zudem scheint er auch Oswald Myconius am Münster vertreten zu haben.33 Schon am 15. September 1534, etwa zehn Wochen nach der Ankunft in Basel, berichtet er neben dieser Vertretung davon, alle zwei Wochen über das Buch Deuteronomium zu lesen und in der dritten Woche zu predigen – worüber, ist unklar.34 Am 6. Oktober 1534 lässt Karlstadt gegenüber Heinrich Bullinger verlauten, dass er bereits über 20 Predigten zum Thema der doppelten Natur Christi gehalten habe, insbesondere zu Joh 1,14.35 Allerdings kann er diese Menge an Predigten kaum in seiner Basler Zeit gehalten haben.
In der Vorrede der Erläuterung von Hiob 7,9f. erklärt Karlstadt, dass die Grundlage des Textes auf eine Predigt zurückgeht, die er bei einem Leichenbegängnis gehalten habe.36 Damit liefert die vorliegende Editionseinheit die ausführlichsten inhaltlichen Anhaltspunkte für eine von Karlstadt in Basel gehaltene Predigt, allerdings mit der Einschränkung, dass der Text für die Drucklegung eine umfangreiche Überarbeitung erfahren hat, über den ursprünglichen Text der Predigt liegen also keine Informationen vor.
Schließlich gibt es noch Hinweise darauf, dass Karlstadt Mischformen von Predigt und Vorlesung abhielt, denen er mit geographischen, historischen und möglicherweise auch juristischen Exkursen eine wissenschaftliche Anlage gab. Überliefert sind zwei briefliche Aussagen von Oswald Myconius über Karlstadts Predigtvorlesungen über Jos 13–21, abgehalten vor dem 29. Oktober 1539, die diese Methode belegen. Myconius, der auf Grund der von Karlstadt unterstützten Unterstellung der Pfarrer unter die Universitätsordnung37 diesem mittlerweile feindlich gegenüberstand, beklagte im Brief an Bullinger vom 29. Oktober 1539 den Zustand der Basler Kirche und ihre durch den Streit eingeschränkten Freiheiten. Karlstadt habe sich in seinen Josua-Predigten zwei ganze Tage lang mit der Aufteilung der jüdischen Länder durch Josua aufgehalten38 und betont, wie wichtig es für den Christen sei, die Geographie der biblischen Länder zu kennen. Daher spreche er mehr über Geographie und Kosmographie, sodass der christliche Hörer – so Myconius ironisch – seinen Trost aus der Wissenschaft ziehen müsse.39 Am 9. November 1539 berichtete Myconius Capito, dass auf Grund der genannten geographischen Spielereien Karlstadts Hörerschaft täglich abnehme. Dennoch spiele Karlstadt eine große Rolle in der Basler Kirche und Universität; zudem rühme er sich der Freundschaft zum Bürgermeister (Adalbert) Meyer.40 Mit dieser Art des Predigens setzte Karlstadt seine – schon seit den im Frühjahr 1538 entstandenen Themata41 beobachtbare – humanistisch anmutende Methode fort, zur Exegese vermehrt naturwissenschaftliche, geographische u.a. Erklärungen heranzuziehen. Überraschend ist aber, dass Karlstadt diese Bibelauslegung augenscheinlich nicht nur im universitären Kontext vornahm.
KGK 379
