Nr. 316
Andreas Karlstadt an Kurfürst Johann von Sachsen
Kemberg, 1528, 12. August

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck und Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt
Durchleuchtigister hochgeborner furst g'nedig'ster herr〈.〉

Euren churfurstlich
Gnaden meyn untherdeinige und gehorsame dinste alletzeit tzuvor an bereitt〈.〉
g'nedig'ster herr daß e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' mir gnediglich vertzihen alles ßo ich wider e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
getan/ und mich fur e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'/ und fur alle diejene/ der e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' mechtig1 ec.
auß furstlicher milde gelaydt2/ und gnediglich vertrost daß ich mich kay-
nes
argens befaren.3 Auch kein straff mit e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' wissen und willen
kegen mir sola furgenommen werden/ es geschee denn nach ordenung
und vermug der rechten/ daß mein antwort/ und andere meyn notturfft
gehoert. Und ich wie billich und recht uberwunden4/ E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' ich
armer man gar untherdeniglich und demuttiglich danck/ kan ichs mit
leib ader gut nitb verdinen/ ßo wil ich doch e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' lob und ere preisen/
und den lebendigen hern/ aller gnaden/ bitten/ sein gotliche barmbher-
tzikeit
wold e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' mit langwirigem gesunthem leben und gotli-
cher
benedeyhung begaben und ewiglich erhaltten.

Daß e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' mir och gnediglich gegundt5 daß ich mich in e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' land underthuen6
und endthalten7 mug/ ßo fernc meyn widersprach genugsam8/ E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' wolmaynung und Christlichs eyffers bedanck ich mich gar demuttiglich〈.〉
Weis och nicht anders denn e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' haben deß selben begerten widerspruchs
ein copien und genugd entpfangen.9Wie aber ich wider meynen
willen gedriben, wider den Czwinglium und Oecolampadium tzu schreiben10
oder meyne grunde und schrifften der halben ichd noch ve〈r〉hefft11/
in dem artickell daß sacrament belangendt tzu schreiben unvermoglich/
eynlegen/ und Christliche weisung horen solt.12 Und wie ich daß on13 Euer
churfurstlich gnaden furwissen und gnedige bewilligung tzu thun ungesindt14/ E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
andere nachlassung/ die andere grunde/ ßo ym buch e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' ubersendt,
nicht beweist/ mit d'octor' Martino und andern handeln mocht/ erlangt
hab/ etc. hoff ich e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' haben deß alles gnedig gedechtnus und
gut wissen.15
Darauff hab ich D'octor' M'artino' geschriben, und tzwey buchlin ubergeben/16 So hat
er mich mit diser antwort ungeferlich also abgeferttigt.17So D'octor' Carlstad
Dedit und donec veniet argument hett, damit er beweisen wil, daß der
leib und daß blut Christi nicht ym brod und wein seind, och nit leiplich genossen
werden/ ßo dienenn ym och18 dise wort partes orationis quot sunt.e19

Ob aber dise antwort Christlich/ und meyner demuth und seinem
ampt gemeß/ laß ich menigelichen erkennen und urteyln der
mein eingelegte buchlin20 und soliche antwort lesen wird〈.〉
Buchsymbol fehlt Gnedigister churf'urst' und her〈/〉 e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' wellen mein sach und rede in gnaden vernemen
daß sag ich/ daß mir mit solicher antwortt nichts geholffen/ glaub och nicht daß ich
sie verdient/ und warlich/ daß ich D'octor' Mar'tini' opinion vom sacrament fmit gutem gewissen und von hertzenf annem/
auß allein seynem schreiben/ ßo vil bißherg von ym geschriben/ ist mir ßo muglich
als daß ich ym lufft wie ein vogel flih/ halt es och dafür/ das keyner anders
reden wird/ der unser beyde schrifft tzusamen verglaichen wird.21

Was ich nun tun/ hweis Goth. Ich hab ye die artickell deß glaubens/ tzusampt die
ordenung deß nachtmahls und deri reden Christi wie sie von vieren beschriben22/
mit eigenschafft der worter uff meynem teyl/ wie ich dem achtparn und
hochgelertem hern Gregorio Bruck doctor und e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' Cantzler uffs kurtzte
endwerffen23/ und gern genugsam beweisen wil. Ich weis ye ßo ein
Engell vom hymel kem/ und saget/ daß ein ander leip/ denn der naturlich leip Christi
fur unß gegeben ader gebrochen/ und anderß wo denn am Creutze/24 der solt mir
und allen gleubigen ein greul und maledeyhung seyn.25jWenn ich och heut gefragt
welcher leip für uns gegeben/ must ich antworten der naturlich leip Christi von
dem heyligen geist in Maria entpfangen. Ich weis och daß alle propheten〈/〉 aposteln
und engeln keynen andern antzeigen vermogenj. Und ßo e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' gefragt/ wurd/
antworten der leip Christi. Was kan man mich tzeihen26? So ich die ar-
tickell
unsers glaubens/ die wort Christi/ die eigenschafft der grammatices
und alles uff meyner seyden hab. Ich weis nicht wider Got und meyn
gewissen tzu fechten.

E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' ich armer man untherdeiniger dinstbarkeit gar demuttiglich und umb
Gottis willen bit umb einen gnedigen rath und trost/ und ob der selb rath
mich eines abschiedes27 erinnern solt. So und als denn e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' denselben
abschied mir welten gnediglich und schrifftlich geben. Welt ich umb e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
an28 untherlaeß/ daß selbigen mit allem vermogen tzu verdienen mich befleissen
e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' guten namen und gerucht29 alletzeit preisen/ den almechtigen Got
fur e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden' lang leben und selikeit inniglich biten. Bit e'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
umb gnedige antwort〈.〉 Datum tzu kemberg in dem XII tag Augusti
anno im M D XX VIII〈.〉

E'uer' ch'ur'f'urstlich' g'naden'
untherdeiniger
diener
Andres Carlstad
E'uer' Ch'ur'f'urstlich' G'naden'
Bit umb gnedige antwort〈.〉

akorrigiert aus solt
büber der Zeile ergänzt
cfolgt gestrichen ich
dfolgt der halben ich
eam Rand von anderer Hand rot hinzugefügt Das ander alles sey nichts
f-fam Rand ergänzt
gvon anderer Hand rot unterstrichen
h-hvon anderer Hand rot unterstrichen
iüber der Zeile ergänzt
j-jvon anderer Hand rot unterstrichen; am Rand eine unkenntlich gemachte Anmerkung von anderer Hand

1über jemanden herrschen. Vgl. FWB s.v. mächtig Nr. 7.
2schützend bewahren. Vgl. FWB s.v. geleiten Nr. 1.
3(be)fürchen, sich Sorgen machen. Vgl. FWB s.v. befaren Nr. 1.
4Hier zitiert Karlstadt fast wortwörtlich die Instruktion Kfst. Johanns vom September 1525; vgl. KGK 300 (Textstelle).
5vergönnt, hier im Sinne von gewähren. Vgl. DWb 8, 894f s.v. gönnen I. A.
6Zuflucht/ Aufnahme finden.
7sich aufhalten. Vgl. DWb 3, 551f. s.v. enthalten Nr. C.1.
8Erneut Rekurs auf den Text der Instruktion vom September 1525; vgl. KGK 300 (Textstelle).
9In diesem Kontext höchstwahrscheinlich die Erklärung zur Lehre vom Sakrament (KGK 301). Diese hatte Karlstadt mit Schreiben vom 9. Oktober 1525 überschickt; vgl. KGK 302.
10Die Klage Karlstadts, dass er angehalten wurde, eine Schrift gegen Zwingli und Oekolampad zu verfassen, findet sich auch in einem verschollenen Brief an Oekolampad von Ende 1529, dessen Inhalt dieser Zwingli am 15. Januar 1530 mitteilte: »Magnis minis me adigebant, ut adversus te ac dominum ac fratrem meum Zwinglium scriberem.« (siehe auch KGK 315 (Anmerkung); der verschollene Brief wird ediert in KGK IX). Eine solche Schrift Karlstadts ist nicht bekannt. In dem Brief wird auch der Konnex zur ersten Abendmahlsabhandlung von 1527 und der Zulassung durch Kfst. Johann eröffnet »[…] ob hoc coegerunt, ut fundamenta mea exponerem, quod feci, impetrato ad hoc electoris consensu.« Schließlich habe er Kfst. Johann geschrieben, dass in Luthers Verteidungsschriften gegen Zwingli und Oekolampad bis auf eine kurze Zeile nichts für dessen Meinung spreche: »Postremo scripsi electori non esse in universis libris, quos Lutherus pro assertione suae opinionis contra Oecolampadium et Zwinglum scripsit, sed brevem versiculum, quo commoveat, ut eam in Lutheri sententiam […].« Im vorliegenden Brief findet sich für diese Aussage kein Anhalt. Im Herbst 1526 wurde Karlstadt vorgeworfen, einen Brief an Zwingli und Oekolampad verfasst zu haben (vgl. KGK 305 (Textstelle)).
11behaftet, belastet. Vgl. DWb 25, 546 s.v. verheften Nr. 2c.
12Zur Aufforderung durch Amtmann Hans von Metzsch zur Abfassung von Artikeln zur Abendmahlslehre siehe KGK 308, KGK 311 und KGK 315 (Textstelle).
13ohne.
14»nicht gesonnen oder geneigt zu einer Handlung«. Vgl. DWb 24, 864 s.v. ungesinnt.
15Karlstadt erinnert an die Vorgänge des Vorjahres, die Zulassung zur Abfassung der Artikel zur Abendmahlslehre und deren Übersendung am 19./20 August 1527. Siehe KGK 308, KGK 309, KGK 310 und KGK 315.
16Die beiden im August 1527 übergebenen Artikel (KGK 308) werden hier als »buchlin« bezeichnet; vgl. auch KGK 315 (Textstelle).
17Die Bezugnahme auf die erste Abendmahlsabhandlung widerspricht der auf die zweite im Brief an Brück; vgl. KGK 315 (Textstelle). Auf Grund inhaltlicher Übereinstimmung referiert Karlstadt Luthers Reaktion nach Abfangen seines Briefes an Schwenckfeld und Krautwald vom Sommer 1528. Vgl. KGK 314 und die Verweise in KGK 316 (Anmerkung).
18auch.
19Luthers letzte Antwort (KGK 314) nach dem Abfangen des Karlstadtbriefes an Schwenckfeld und Krautwald (KGK 313), die Karlstadt von Amtmann Hans von Metzsch nur vorgetragen werden sollte. Zu dem ironischen Bezug auf die Grammatik des Aelius Donatus vgl. auch KGK 315 (Textstelle) mit KGK 315 (Anmerkung), WA.B 4, 569,30–32 Nr. 1328 u. KGK 314.
20Vermutlich meint Karlstadt hier nicht, dass er dem Brief an Kfst. Johann eine Abhandlung über seine Abendmahlsauffassung beigelegt habe (»eingelegte buchlin«), sondern stellt das Urteil hierüber denen anheim, die das von ihm Luther übergebene »buchlin« lesen. Unter solchen Büchlein oder »libelli« sind meist handschriftliche Abhandlungen zu verstehen.
21Möglicherweise bezieht sich Karlstadt mit der Darstellung dieses Dilemmas auf eine ihm abgedrungene Einverständniserklärung mit der Abendmahlslehre Luthers, die vermutlich eine Voraussetzung für die kurfürstliche Zusage zur Darlegung seiner Abenmahlsauffassung bildete. Vgl. KGK 315 (Textstelle).
22Gemeint sind die vier Evangelien.
23Vermutlich Bezug auf das Schreiben an Brück, in dem er seine Auffassung ausführlich darlegte (KGK 315).
24Eine implizite Referenz auf die Diskussion mit Luther, wie der Satz, Christus sei am Kreuz gebrochen, zu verstehen sei. Siehe hierzu KGK 315 (Textstelle) mit KGK 315 (Anmerkung).
25Anspielung auf Gal 1,8 Vg »sed licet nos aut angelus de caelo evangelizet vobis praeterquam quod evangelizavimus vobis anathema sit.« Dieser Konnex auch bei Zwingli, der gegen die Vergebung der Sünden durch Essen des Leibes und Trinken des Blutes argumentiert, dass diese durch Christi Tod »pro nobis maledictum« (Gal 3,13) erworben sei. Vgl. Zwingli, Werke 5, 706,5–11.
26beschuldigen, bezichtigen. Vgl. DWb 13, 509 s.v. zeihen Nr. 2.
27Abschied kann zwar auch in der Bedeutung von »Schlichtung« verstanden werden (vgl. DWb 1, 99 s.v. Abschied), doch fragt Karlstadt hier bei Kfst. Johann an, ob er ihm zu einer Beurlaubung und einem Fortgang aus Kursachsen rate. Dies erhellt das parallele Schreiben an Kanzler Brück, in dem Karlstadt ausführlicher darlegt, an einen Fortgang zu denken, und ihn auch zum Vorteil seiner Familie vorbereiten möchte. Vgl. KGK 315 (Textstelle). Auch in dem verschollenen Brief an Oekolampad von Ende 1529 erinnert sich Karlstadt an die hier gegenüber Kfst. Johann eröffnete Alternative zwischen Öffentlichmachen seiner Abendmahlsauffassung oder Ausreise: »[…] idcirco non possem diutius veritatem in territorio eius reticere, precatus indulgentiam, ut profiteri liceret, aut, si hoc grave foret, exeundi terram.« (Zwingli, Werke 10, 400,10–12 Nr. 958; siehe o. KGK 316 (Anmerkung); wird veröffentlicht in KGK IX). Luther rät dagegen im Schreiben an Brück vom 24. September 1528, Karlstadt nicht außer Landes zu lassen und ihn stattdessen erneut mit Stillschweigen (also dem Verbot der Äußerung in öffentlichen Fragen) zu belegen. Vgl. WA.B 4, 570,60–64 Nr. 1328.
28ohne.
29Guter Ruf, Leumund.

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