1.
Luther schrieb an Kanzler Gregor Brück in einem Brief am 24. September 1528 über Karlstadt (WA.B 4, 569,42–46): »Es ist auch fur dem iare1 eins vnd aber ein buchlin ausgangen2 on namen, Welche doch sein waren vnd [er] auch nicht leucken3 kund, da ich sie yhm furhielt,4 sondern bekandts, Aber macht mir die nasen,5 Er hette sie draussen6 geschrieben vnd gelassen vnd wurden durch andere ynn druck bracht etc. Ich musts so lassen sein.«
Beilage: Lied »Wahrer Verstand von des Herren Nachtmahl« (1527)
Frühdruck:
Warer verſtand/ ∥ von des herꝛen ∥ Nachtmal. ∥ ☞ Vff die weyß ʒů ſingen/ ∥ Es iſt das hayl vns ∥ komen her.ꝛc̄ ∥ ❦ ∥ [TE, H]
[Straßburg]: [Johann Prüß d.J.], 1527.
8°, 4 Bl., TE, H.
Editionsvorlage:
Zürich ZB, Res 1041.Bibliographische Nachweise:
- VD 16 W 177.
- Wackernagel, Bibliographie, 98 Nr. CCL.
- Benzing, Bibliographie strasbourgeoise, 1971.
- RISM DKL 1527/10.
- HDB 85.
- VDM 344.
Die Jahresangabe 1527 findet sich innerhalb der Titeleinrahmung, am Fuß der rechten Säule.
Auf fol. 1v sind unter der Überschrift »Von des Herren Nachtmal« die sieben Textzeilen von Strophe 1 unter den fünf Notenzeilen notiert, die die Melodie festhalten. Bemerkenswert ist die rhythmisierende, aus der sog. Hufnagelschrift entwickelte »Straßburger Gotische Notation«, die »in den Straßburger Kirchenlieddrucken jener Zeit allenthalben vorkommt«.7
Frühdruck:
warer verſtandt/ von ∥ des Herꝛen Nachtmal/ Jm thon/ Es ∥ iſt das hayl vns kōmen her.ꝛc. ∥
in:
[Dachser, Jakob]
Foꝛm vnd oꝛd∥nung Gayſtlicher Geſang ∥ vnd Pſalmen/ auch et⸗∥lich Hymnus/ welche ∥ Gott dem Herꝛen ∥ ʒů lob geſungen ∥ werden. ∥ ¶ Auch das Fruͤegebett/ an ∥ ſtatt der Baͤpſtiſchen ∥ erdichten Meß ∥ ʒůhalten. ∥ M.D.XXIX. ∥ [TE]
[Augsburg]: [Philipp Ulhart d.Ä.], 1529, fol. G3r–4v (S. 51r–52v).
8°, 64 Bl., TE.
Editionsvorlage:
Bibliographische Nachweise:
- VD 16 D 1.
- Wackernagel, Kirchenlied 3 (1871), 462.
- Schottenloher, Philipp Ulhart, 139 Nr. 183.
- Benzing, Lutherbibliographie, 3599.
Frühdruck:
⁌ Warer verſtandt/ Von deß Herꝛen ∥ Nachtmal/ Jm thon/ Es iſt das ∥ hayl vns kom̄en her .ꝛc. ∥
in:
[Dachser, Jakob]
Foꝛm vnd oꝛdnung ∥ Gayſtlicher Geſang vnd ∥ Pſalmen/ Welche Got ∥ dem Herꝛen ʒů lob ∥ vn̄ eer geſungen ∥ werden. ∥ Auch das Fruegebett/ ∥ An ſtat der Baͤpſtiſchen ∥ Meß ʒů halten. ∥ Alles von newem Coꝛrigiert ∥ gemert vnd gebeſſert. ∥ [TE]
[Augsburg]: [Philipp Ulhart d.Ä.], [1531], fol. L1v–3r (S. 81v–83r).
8°, 84 Bl., TE.
Editionsvorlage:
SuStB Augsburg, Th Lt E 60.Bibliographische Nachweise:
- VD 16 D 2.
Frühdruck:
Warer verſtand von deß Herꝛen Nacht∥mal/ Jm thon/ Es iſt das hayl ∥ vns kommen her ꝛc. ∥
in:
[Dachser, Jakob]
Foꝛm vnd oꝛdnung ∥ Gayſtlicher Geſang vn̄ Pſal⸗∥men/ Mit ſonderm fleiß Coꝛrigiert ∥ Auch ʒů rechtem verſtand Pun⸗∥ctiert vn̄ Virguliert/ Wel⸗∥ liche Got dem Herꝛen ʒů lob ∥ vnd eer ge∥ſungen werdē. ∥ Colloſſern .3. ∥ Leeret vnd ermanet euch ſelbs mit ∥ Pſalmen vn̄ Lobſaͤngen/ vn̄ gayſt⸗∥ lichen liedern in der gnad/ vn̄ ſinget ∥ dem Herꝛen in ewern hertzen ꝛc. ∥ M.D.XXXIII. ∥ [TE]
Augsburg: Philipp Ulhart d.Ä., 1533, fol. M4r–M6r (S. 92r–94r).
8°, 120 Bl., TE.
Editionsvorlage:
WLB Stuttgart, R 16 For 2.Bibliographische Nachweise:
- VD 16 D 3.
- Wackernagel, Kirchenlied (1841), 560.
Auf die Dokumentation der weiteren Auflagen des Dachserschen Gesangbuchs9 wird verzichtet.
Frühdruck:
❧ Ein̄ Hüpſch ∥ nüw Geyſtlich Lied/ von ∥ waarem verſtandt/ deß Herꝛen ∥ Nachtmal/ gemacht vff dem Krech⸗∥gaw/ Vnd ſingt mans inn diſem ∥ thon. Es iſt das heil vnns ∥ kummen haͤr/ vß ꝛc. ∥ ☞ ☞ ☜ ∥ [TH, H]
[Bern]: [Matthias Apiarius], [um 1550].
8°, 8 Bl. (fol. 8r/v leer), TH, H.
Editionsvorlage:
ZB Zürich, Res 822.Bibliographische Nachweise:
- VD 16 H 5750.
- Weller, Repertorium, 3846.
- Pegg, Swiss Libraries 2782.
- Köhler, Bibliographie 1, Nr. 1866.
- Zürcher Liedflugschriften, Q-0230.
Die Berner Ausgabe [um 1550] (Druck C) folgt der Erstausgabe A. Bei der auf der Titelseite der Berner Ausgabe vor dem Melodiehinweis ergänzten Aussage »gemacht uff dem Krechgaw« – gemeint ist der Kraichgau – handelt es sich anscheinend um eine sekundär eingefügte Erläuterung. Die erstmals im 1529 erschienenen Augsburger Gesangbuch Dachsers (B) dem Lied angefügte Schlussstrophe10 fehlt in der Berner Ausgabe (Druck C) sowie in der Erstausgabe. Dafür bietet die Berner Ausgabe im Anschluss an die Wiedergabe des Liedes weitere sieben Strophen, die man »ouch inn derselben wyß« singen könne. Sie wollen laut ihrer eingeschobenen Überschrift eine »gantze Summa/ erklaͤrung unnd frucht« des vorhergehenden Liedes (fol. A6r–A7v) bieten. Diese sieben Strophen stellen ganz offensichtlich eine spätere Ergänzung dar. Sie lassen die strikt kommemorative Auffassung Karlstadts hinter sich und interpretieren das »Sakrament« des Nachtmahls zumindest andeutungsweise »zwinglianisch«.11
Editionen:
- Riederer, Nachrichten 1, 462–464 (nach B).
- Wackernagel, Kirchenlied (1841), 560–562 Nr. 663.
- Wackernagel, Kirchenlied 3, 460–462 Nr. 521.
- Köhler, Zwingli und Luther 1, 280f.
Literatur:
- Köhler, Zwingli und Luther 1, 278–282.
- Kaufmann, Abendmahlstheologie, 278f.
- Trocmé-Latter, Singing, 179–183 (181 m. Abb.Titelseite u. Str. 1).
2. Erläuternde Hinweise
Karlstadt, der im September 1524 aus Kursachsen ausgewiesen worden war, hatte während der Niederschlagung des Bauernkrieges im Sommer 1525 unter Luthers Fürsprache mit seiner Familie erneut Schutz in Kursachsen gefunden.12 Als Gegenleistung zeigte sich Karlstadt bereit, die Verhältnisse in Kursachsen zu akzeptieren, den Theologenstand aufzugeben und sich nicht mehr öffentlich zu äußern.13 Karlstadt ließ sich auch nicht mehr in Wittenberg nieder, sondern versuchte an verschiedenen Orten bei Wittenberg, etwa in Kemberg, seinen Lebensunterhalt als Landwirt und als Krämer zu bestreiten. Dies gelang ihm mehr schlecht als recht.14 Der Kurfürst und die Wittenberger freilich blieben gegenüber Karlstadt misstrauisch und ließen ihn überwachen.15 Seine Position war durch den im Jahr 1524 ausgelösten und seither heftig geführten Abendmahlsstreit schwierig. Darum trachtete Karlstadt immer mehr danach, Kursachsen erneut zu verlassen. Abgefangene Briefe zeigten außerdem, dass Karlstadt die in Kursachsen anerkannte Abendmahlslehre weiterhin ablehnte und auch Kontakte zu Gleichgesinnten außerhalb des Landes unterhielt.16
In dieser Situation schrieb Luther am 24. September 1528 an Gregor Brück. Er berichtete über diese Sachverhalte:17 Im Jahr 1527 seien zwei Werke Karlstadts anonym, also ohne Angabe des Autors, im Druck erschienen. Von Luther zur Rede gestellt, habe dieser nicht geleugnet, der Autor beider Büchlein zu sein. Zu seiner Entschuldigung habe Karlstadt erklärt, sie außerhalb Kursachsens verfasst und die Manuskripte dort zurückgelassen zu haben. Sie seien nun ohne seine Mitwirkung von Dritten zum Druck gebracht worden.
Von welchen beiden im Jahr 1527 erschienenen Büchlein Karlstadts hier Luther schreibt, geht aus dem Text nicht hervor. Sie lassen sich auch nicht identifizieren. Karlstadt sprach wiederholt von geplanten oder bereits abgeschlossenen literarischen Projekten, wobei er Titel oder Themenschwerpunkte sehr variantenreich nennen konnte.18 Durchsucht man den Bestand der im Verzeichnis der Drucke des 16. Jahrhunderts (VD 16) aktuell nachgewiesenen anonymen Publikationen, kommen, wenn man die relevanten Spezifika in Rechnung stellt,19 nicht allzu viele Möglichkeiten in Betracht. Karlstadt hat die Manuskripte nach eigenem Bekunden zwischen Oktober 1524 und Juni 1525, als er sich außerhalb Kursachsens befand, aus der Hand gegeben. Bei dem einen »Büchlein« handelt es sich darum wahrscheinlich um den 1527 wohl von Ludwig Hätzer in Worms zum Druck gebrachten Dialogus von dem fremden Glauben und der Kindertaufe (KGK 306). Das andere »Büchlein« war vielleicht – hier mit aller Vorsicht in Betracht gezogen – der 1527 anonym in Straßburg erschienene Druck des Liedes Wahrer Verstand von des Herren Nachtmahl. Da keine belastbaren Indizien für die Verfasserschaft Karlstadts vorliegen, wird das Lied in unserer Edition als Beilage präsentiert.
Das Lied erschien 1527 als selbständiges Büchlein in Straßburg bei Johann Prüß d.J., der bereits zahlreiche Karlstadt-Drucke hergestellt hatte. Mit seiner zentralen Hervorhebung des Passionsleidens Christi gibt es die Abendmahlsauffassung Karlstadts, wie sie im Herbst 1524 mit den in Basel in gedruckten Schriften bekannt wurde, recht getreu und prononciert, ja polemisch wieder.20 Hinweise auf Karlstadt als Verfasser des aus 17 Strophen bestehenden Liedes fehlen allerdings. Karlstadt soll zwar, nach einer brieflichen Äußerung seines Nachfolgers in Orlamünde, auch poetische Versuche unternommen haben, nämlich Psalmen aus dem Hebräischen übersetzt und diese dann in der Orlamünder Gemeinde gesungen haben,21 ein konkreter Bezug zu dem hier als Beilage gebotenen Abendmahlslied lässt sich jedoch nicht ausmachen.
In seiner Auslegung der Abendmahlsworte Christi (KGK VII, Nr. 279) sprach Karlstadt davon: »Nů ist der eygenthůmblichen dingen des leybs Christi so vil/ das ich ein eigen büchlin denck zemachen/ und durch verß oder conclusion weiße/ in die schrifften leyden.«22 Diese Äußerung wurde in der Forschung durchaus als Hinweis auf das Lied von des Herren Nachtmahl erwogen.23 Karlstadt meinte allerdings, wenn er hier von den ganz besonderen, spezifischen Bewandtnissen »des Leibs Christi«, also des Abendmahls redete, anscheinend eine Versauslegung der überlieferten Abendmahlsworte, die eben dazu anleiten sollte, die biblischen Worte recht zu verstehen.
Von der Frage nach der Autorschaft abgesehen, scheint das Lied im Kontext der Abendmahlspraxis einer Gemeinde entstanden zu sein. Orlamünde kommt dafür aber kaum mehr infrage. Das im Lied zum Ausdruck gebrachte Abendmahlsverständnis hatte Karlstadt ja erst im Hochsommer 1524 ausformuliert. Das Erscheinen bei dem Karlstadt-Drucker Prüß legt vielmehr Straßburg nahe. Hier hielt sich Karlstadt Ende Oktober/Anfang November 1524 vier Tage lang auf.24 Auch wenn nichts darauf hindeutet, dass er dieses Lied in Straßburg hinterlassen hat, hatte Karlstadt doch hier eine beträchtliche Anhängerschaft gefunden. Diese verfocht seine strikt biblisch fundierte Abendmahlslehre, nicht nur in Abgrenzung gegen die römische Messopfervorstellung, sondern auch dezidiert gegen Luthers Sakramentsverständnis.25 Darauf, dass das Lied im Straßburger Anhängerkreis, mit oder ohne Karlstadts Beteiligung entstanden sein könnte, weisen manche Indizien hin, vor allem der erkennbare Einfluss der Lektüre von Johannes Oekolampads Anfang September 1525 in Straßburg erschienener Genuina expositio.26 Mit der eingängigen und seit 1524 sehr populären Melodie von »Es ist das Heil uns kommen her«, einem Kernlied der Reformation,27 verbunden,28 gelangte das Lied aus diesem Kreis heraus im Jahr 1527 zum Druck.
Bereits die Erstausgabe des Augsburger Gesangbuches von Jakob Dachser,29 erschienen im Jahr 1529 (Druck B1), nahm das aus 17 Strophen bestehende Lied auf. Die explizite Polemik gegen Luther in der vierten Strophe, wie sie sich in den Drucken A und C findet, wurde allerdings getilgt und Luthers Name durch die unbestimmte Angabe »etlich« ersetzt. Außerdem bietet das Augsburger Gesangbuch, das auf eine Notation verzichtet, eine zusätzliche Schlussstrophe (Edition: Str. 18), die nochmals den Gedächtnischarakter der Abendmahlsfeier hervorhebt.
Die nur im Berner Druck (C) wiedergegebene »Summa« (Edition: Str. 19 bis 25) scheint tatsächlich sekundär zu sein. Diese längere Liedfassung verlässt ganz offensichtlich den engeren Rahmen der rein kommemorativen Abendmahlsauffassung Karlstadts und gibt auch Akzente und Motive der symbolischen Auffassung Zwinglis (Rede vom Sakrament, Gemeinschaft u.a.) und die von der Vulgata geprägte Rede Oekolampads vom Passalamm als »Phase« wieder.
Die kürzere Liedfassung in A scheint daher die ursprüngliche zu sein.
Unsere Edition dokumentiert den angewachsenen gesamten Text des Liedes, also die ursprünglichen Strophen 1 bis 17 (A), ergänzt mit der Strophe 18 (B1–3) und den Strophen 19 bis 25 (C). Die Verse werden nach Reimschema geordnet dargestellt, die Strophen durch Zählung markiert.
Das Lied besingt die neue klare Wahrheit über das Abendmahl, das der Antichrist der Christenheit verdunkelt hatte (Str. 1). Es handelt sich um eine Glaubensspeise (Str. 2), die Realpräsenz war ein Wahn (Str. 3). Die Abendmahlsworte Christi sind als Leidensankündigung zu verstehen (Str. 4) und nicht auf die Elemente zu beziehen (Str. 5), sonst handelte es sich beim Abendmahl um eine Opferung (Str. 6). Tatsächlich geht es beim Abendmahl um das Gedenken an den einmaligen Kreuzestod (Str. 7). Gedächtniszeichen und Gedächtnisgegenstand sind tunlichst zu unterscheiden (Str. 8). Die Bibel dokumentiert den Missbrauch der Zeichen durch die sündigen Menschen (Str. 9). Die Wahrheit ist aus Altem und Neuem Testament zu erkennen (Str. 10). Gott hat das Essen des Passalamms befohlen zum Gedächtnis der Erlösung (Str. 11). So erklären es seither die Juden ihren Kindern (Str. 12). Wie das Passalamm nur ein Gedächtniszeichen ist, so hat Christus bei der Reichung des Abendmahlsbrotes auf sich selbst gezeigt (Str. 13). Nach dem Lukasevangelium hat Christus das Passalamm mit seinen Jüngern gegessen (Str. 14). Genauso bestimmte auch Jesus, als er das Abendmahl mit seinen Jüngern feierte, dieses als Gedächtniszeichen (Str. 15). Es geht um die Ehre des Schöpfers und die Unterschiedenheit der Geschöpfe von ihm (Str. 16). Luther und der Papst befinden sich im Unrecht (Str. 17). Beim Abendmahl geht es um das Gedächtnis des Todes, den Glauben und den Dienst am Nächsten (Str. 18).
Die nur in Druck C dokumentierte Langfassung bringt eine »Summe«: Das »Sakrament«(!) ist nur als Gedächtniszeichen zu verstehen (Str. 19). Durch Wort und Sakrament wird die Gemeinde »getauft« zum am Kreuz befestigten »Testament« (Str. 20). Gott weist seine Erwählten an, das Nachtmahl mit Zucht, Rat und Gottesfurcht zu üben (Str. 21). Das Nachtmahl realisiert Danken, Glauben und Lieben in der Gemeinde zum Lob Christi (Str. 22 u. 23). Das Nachtmahl ist zu üben, damit nicht der böse Sauerteig die Gemeinde durchzieht (Str. 24 u. 25).
KGK 306
Transkription
