Nr. 307
Zwei Büchlein
[1527]

Text
Bearbeitet von Wolfgang Huber

Beilage: Lied »Wahrer Verstand von des Herren Nachtmahl« (1527)

Buchsymbol1r Warera verstand/
von des herren
Nachtmal.b

cVff die weyß zů singen c/
Es ist das hayl vns
komen her. etc.

Buchsymbol1v

Von des Herren Nachtmal.d

Ese ist die warheyt pracht an Tag/
vons herren Nachtmal schone/1
Den Endchrist2 nichtz mer helffen mag/
sein dunckel und sein wone/3
Damit er hatt die welt verplent/4
und valsch gelert vom Sacrament/
das leyblichf fleisch werd gessenn.
Buchsymbol2r Was got in seim wort reden thůt/
ist alles geyst unnd leben.5
Also ist es auch nütz unnd gůt/
sunst ist es unns vergeben/
Der herr ist der das lebenn bringt/6
im glauben man nach der speis ringt/
die unser seel ergetzet.
Es was ein falscher won da bey/
das wir hie můsten glauben.
Das Christus so groß wie er sey/
laß sich der statt7 berauben/
Die er bey Gott seim vatter hat/
zur grechten8 biß die welt vergad/9
als10 die Apostel leren.11
Es bochet12 Lutherg hoch da her/
mit eim einzigen worte.
Als ob sunst nichtz geschriben wer/
in manchem end und orte./13
Dann als er14 sagt das ist mein leib/
merck aber was er nacher15 schreib/
der für euch würt zerbrochen.16
Das brechen ziehens uff17 das brot/
mag nit also bestone./18
Dann brott für uns kein todes not/
gelitten am kreytz frone/19
Sonder Christus mit seinem Buchsymbol2v leib/
das menschlich gschlecht vorm teyffel pleyb/20
ist für uns gar zerbrochen.
Deßhalb so man die erstenn wort/
gantz leiblich wil annemen./21
So můß man das nachvolgend ort/22
auch dermassen bekennen/
So er nun spricht das ist mein leib/
und leiblich den verstand da treibt/
můß er23 leiblichh zerbrechen.
So volgt das wir on underlaß/
den herren muͤsten tödten./
Darum hat es ein anderi maß/
die uns hie ist von nöten/
Das wir in gmein24 brechen das brot/
und dencken ann des herren todt/
der am kreytz ist zerbrochen.
Ein gedechtnüsj ist nit selber das/
daran man soll gedenken.
Darum so ist es sunst etwas/
dahin wir muͤssen lencken/25
Wann26 zeychen sein/
und das bezeicht/27
zů unmüglichen Dingen reicht/
welchs nymmerk würt geschehen.
Gott handelt nůr nach seinem wort/
Buchsymbol3r und lassets darbey bleyben. Wan28 er
anzeigt an manchem ort/29
last sich nit weytter treyben/
Aber die boͤß uneelich gburt/
die stets wider sein christum můrt/30
zeychen von himel gerett.31
Allein merck hie du rechter Crist/
das du der schrifft solt glauben.
Wan sy ir selbs nit wider ist/32
als es pracht würt für33 augen/
Auß alt und neuwem testament/
würt die warheit gentzlich erkendt/
wie es hie zů sey gangen.
Ein phaße34 ward von got zů gricht/
unnd Moße hart befolhen.35
Das alles hab er gůtten bricht/36
von got im nit verholen/37
Das es bedeut den uberschrit/38
ein lemblin39 ward getoͤdt darmit/
das man es solt gedencken.40
Und wann kinder fragen hernach/41
so sie das lemblin assen.
So antwurten die Juden gach/42
bald in sollicher massen/
Diß ist alhie der uberschrit/
das ir verstandenn auch damit /
das unß Gott hat erloͤßet.43
Buchsymbol3v Nun was lam44 nitt der uberschrit/
sonder ein dechtnüs zeychen.45
Also Cristus hie redet mit/46
wie er sich nůn wol47 reychen/
Beim brot sich selbs bedeuttet48 hat/
do er das phaße49 inen bot/
und sprach das ist mein leibe.50
Lucas unns dißes zeugknüs gibtl/
das Cristus istm51 ein phaße.52
Am zwentzig zweyten caput53 schriebn/
als ich es etwan laße/54
wie der her55 sagt mit grosser gird/56
ich jetz darzů beweget würd/
Phaße mit euch zů essen.57
Daruff er schnell ergreifft das brot/
danckt seines vatters guͤtte.
Bricht es alhie in dißer thatt/58
daraus wol zů vermůten/
Als der text kurtz hernach vermag/59
Darum sein kein beschwerdnüs trag/
es ist ein dechtnüß zeychen.
Deßhalb im60 eer beschehen soll/
umb den so es bedeute.61
Darumbs niemandto verachten woll/
darzů auch nit vermeyde/62
Aber du solts63 anbetten nitt/
Buchsymbol4r dan abgoͤttrey die lieff darmit/
so es ist ein geschoͤpffte.
Der schoͤpffer ist ein eyferer/
last keiner geschoͤpfft die ere.64
In exodo sagts got der herr/p65
da magstu es wol leren/66
Darum der Bapst und Lutherq klůg/
der sachen haben gantz kein fůg/
wiewol sie eins seind worden.67
Gott allein die Eere.r
sSo offt mans Herren Brot nun yßt/
und seinen kelch will trincken/
wie man klaͤrlich in Paulo lißt/
sol man seins todts gedencken/68
Mitt glauben preysen Got den Herrn/
dem naͤchsten dienen auch so gern/
denn werd wir ewig leben.69s

BuchsymbolA6r tNun volgt hernach die gantze Summa/ erklaͤrung unnd frucht/ diß vorgenden Lieds/ Unnd singt mans ouch inn der selben wyß.

NUn merck ein Summ70 du frummer Christ/
deß Sacraments inn gmeyne.71
Als es oben verklaͤret72 ist/
mitt dem lyblichen Phase/73
das es eynn daͤchtniß74 zeichen wart/
darmitt der Gloub vermanet hart/75
der losung Gotts zů pryse.76
BuchsymbolA6v Also Christus unns hie vermandt/
da er das brot thůt reichen.
Zů sinr77 gedaͤchtniß als bekant/78
heißt er es im dermassen/79
Das wir durch wort und Sacrament/
werden getoufft zum Testament/
welches am Crütz ist gfestet.80
Solch Testament kein lyblich hand/
uns mag81 im Nachtmal reichen.
Sunder Got selbß on allen tant/82
thůt mit sim finger zeigen/83
Alle so er erwoͤlet hat/
und solchen bruch84 mit zücht und rhat/
darzů mitt Gottsforcht uͤben.
Diß sey also die erste Frucht/
BuchsymbolA7r bym Nachtmal gmeiner Christen.
Danck sagen und mit siner Zucht/85
sůcht man nit in der kisten/86
Sunder mit rechtem Gloub und lieb/
ein yeder Christ inn gmeyn Sich uͤb/
Christo zů pryß und ehre.
Solch lieb würt mitt dem brot bezügt/
das wir inn gmeyn87 zerbrechen.
Dardurch die lieb unns würt bedütt/88
als Paulus selbst thůt spraͤchen/
zů den Corinthern er das bschrybt/
das wir vil durch ein brot verlybt/
die von eim brot teyl nemmen.89
Wie nun das brot ungheflet ist/
als Paulus ouch thut schryben.90
Also unnstraͤfflich sy der BuchsymbolA7v Christ/
will er ein gmeinsam bliben/91
Sunst wirt man in92 ußschliessen thun/
uff das die gmein93 mag haben rhů/
vor sinem suren hoͤfel.94
Woͤllcher so er die gmeyn durchkrücht/95
manchen zum fal thůt bringen.
Der sunst sich vor dem uben schücht/96
und foͤrcht es wird mißlingen/
Ob er wol sunst ein boßhafft hertz/
noch ists fürwar by ihm kein schertz/97
mit straff beschaͤmet werden.

Allein gehoͤrt Gott alle ehr/

Und sunst keinr Creatur nit mer98t


aEin Hüpsch nüw Geystlich Lied / von waarem C
bdanach eingefügt: gemacht uff dem Krechgaw C
c-cJm thon B1–3; Und singt mans inn disem thon C
dStrophenbeginn bis einschließlich Str. 17 bzw. 18 jeweils mit Paragraphenzeichen markiert A, B1–3 – das Paragraphenzeichen wird in dieser Wiedergabe durch Zählung der Strophe ersetzt
eerste Strophe als Unterlegung der fünf Notenzeilen
flyblich C
gettlich B1–3
hlyblich C
iader A
jgdaͤchtnüß C
knimmen A; nimmer C
lLucas uns diß zeügnuß aufricht B2, B3
msey B1–3
nschreibt A
onieman A
phere A
qetlich B1–3
rZeile fehlt B1–3
s-sStr. 18 ergänzt B1–3; fehlt A, C
t-tvon hier bis Schluss ergänzt C; fehlt A, B1–3

1schön, erhaben.
2Dem Antichrist. – Vgl. 2. Thess 2,3–12.
3Sein Dünkel und sein Wahn, seine Einbildung.
4verblendet. – Vgl. 2. Tim 2,9–12.
5Vgl. zur ganzen Strophe Joh 6,63 Vg »spiritus est qui vivificat caro non prodest quicquam verba quae ego locutus sum vobis spiritus et vita sunt.«
7Stätte, Ort. – Gemeint ist Christi Sitz als Auferstandener nach seiner leiblichen Natur an der Seite Gottes des Vaters im Himmel.
8zur Rechten (Gottes). – Vgl. Mk 14,62; 12,36.
9vergeht.
10wie.
12pocht. – Gemeint: insistiert, beharrt.
13Gemeint: an verschiedenen Stellen der Bibel.
14Gemeint ist Christus.
15nachher.
16Vgl. 1. Kor 11,24. – Vgl. Luthers Übersetzung (Septembertestament 1521): »Leib, der für euch gebrochen wird« (WA.DB 17, 116–118). Vgl. KGK VII, S. 479, Z. 10f. mit Anm. 451; S. 629, Z. 7f. mit Anm. 471.
17beziehen sie (die Anhänger der Luther'schen Abendmahlslehre).
18das kann so nicht bestehen.
19am heiligen Kreuz. – Vgl. DWb 4, 230f. s.v. fron.
20damit die Menschheit vor dem Teufel (bewahrt) bleibe.
21Gemeint: die Worte (»das ist mein Leib«) als Begründung für die leibliche Präsenz Christi (in den Elementen) verstehen will.
22nach der folgenden Bibelstelle.
23Gemeint: der in der Abendmahlshostie real präsente Leib Christi.
24insgemein, gemeinsam, oder auch: in der Gemeinde.
25Gemeint: Darum ist etwas anderes, wonach wir uns richten, wenden, verlassen müssen.
26Denn.
27das Bezeichnete.
28Was.
29Stelle (der Bibel).
30murrt. – Vgl. Ps 2,2; Offb 17,14; 19,19.
31begehrt. – Vgl. Mt 12,38f.
32Gemeint: denn sie widerspricht sich nicht selbst.
33wie es … vor Augen.
34Zu diesem Vers vgl. Oekolampad, Genuina expositio, fol. C2r: »De agno paschali legimus: [!] הוא ליהוה פשה Phase ipsum domini, id est, est transitus domini, nam phase transitum significat.« Vgl. 2. Mose 12,11 Vg »et comedetis festinantes est enim phase id est transitus Domini«. Vgl. dazu auch DWb 13, 1826 s.v. Phase, wonach das Wort eigentlich die Lichterscheinung, die Wolkensäule und die Feuersäule bei Nacht (2. Mose 13,21f.) bezeichnet, mit der Gott das Volk Israel den Durchgang (»Überschritt«) durch das Rote Meer und die Wüste in das Gelobte Land ermöglicht hat.
35streng angeordnet. – Gemeint ist aber hier, wie aus dem Folgenden deutlich wird, das Passalamm.
36guten Bericht. – Vgl. 2. Mose 12,1–11.
37nicht verhehlt, geoffenbart.
38Gemeint ist der »transitus« (Exodus); vgl. 2. Mose 12,11 Vg »et comedetis festinantes est enim phase id est transitus Domini«; vgl. oben KGK 307 (Anmerkung).
39Lämmlein.
40Vgl. 2. Mose 12,14. – Zu diesem Vers vgl. Oekolampad, Genuina expositio, fol. I2v–3r.
42eilig, eifrig, schnell. – Vgl. DWb 4, 1126 s.v. gach, Nr. 2a.
44war das Lamm.
45Gedächtniszeichen. – Vgl. Oekolampad, Genuina expositio, fol. I2v–3r (wie oben KGK 307 (Anmerkung)).
46Genauso spricht hiermit Christus (davon).
47wolle.
48auf sich selbst (mit dem Finger) gezeigt.
49das Passalamm.
50Vgl. Oekolampad, Genuina expositio, fol. I2v–3r (wie oben KGK 307 (Anmerkung)).
51Gemeint: »isst«. Dieses Verständnis ergibt sich aus der im Folgenden wiedergegebenen Ankündigung Jesu, das Osterlamm mit den Jüngern essen zu wollen (Lk 22,15).
52Phase, abgeleitet von Passah. – Zum Ausdruck vgl. oben KGK 307 (Anmerkung).
53zweiundzwanzigsten Kapitel. – Gemeint ist Lk 22,15.
54wie ich es gar las (verstanden habe).
55Gemeint ist Christus.
56Begierde.
59wie … lautet.
60Gemeint ist das »Gedächtniszeichen«.
61Gemeint: um dessen willen, der (der Herr Jesus) es (mit seinem Finger) anzeigt.
62Gemeint: es (das Abendmahl) nicht verachten wolle … nicht vermeide.
63Gemeint sind die Abendmahlselemente.
66kannst du es wohl lernen.
67Gemeint: einer Meinung sind (im Blick auf die Realpräsenz-Vorstellung).
69dann werden wir … – Vgl. als biblischer Hintergrund Lk 10,25–28.
70eine Summe, Zusammenfassung (der Bedeutung des Abendmahlssakraments).
71in der Gemeinde.
72erklärt, klargestellt. – Siehe oben Strophe 11.
73Gemeint: dem leiblichen Essen des Osterlamms.
74Gedächtnis.
75Gemeint: mit dem der Glaube stark vermahnt.
76Gemeint: mit dem Ziel des göttlichen Lobpreises.
77seiner.
79Gemeint: nennt er es mit Vorsatz so.
80Diese Aussage entspricht nicht Karlstadts strikt kommemorativem Abendmahlsverständnis.
81vermag, kann.
82ohne überflüssiges Gebaren.
83Gemeint sind die Spendeworte Christi »Das ist mein Leib« bzw. und »Das ist mein Blut« bei der Abendmahlsfeier.
84Gebrauch.
85Gemeint: Prägung durch Übung der Abendmahlsfeier.
86Bettkasten. – Gemeint: durch Schlafen, Nichtstun.
87insgemein, gemeinsam, oder auch: in der Gemeinde.
88angezeigt.
91insgemein, gemeinsam, oder auch: in der Gemeinde.
92ihn.
93die Gemeinde.
94Sauerteig. – Vgl. als Hintergrund 1. Kor 5,7f.
95durchkriecht.
96scheut.
97Anklang an Luthers Lied Nun freut euch, lieben Christen, gmein, Str. 4 (AWA 4, 156).

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