Nr. 320
Andreas Karlstadt an Landgraf Philipp von Hessen
Oldersum/Ostfriesland, 1529, 19. August

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt
Dem Durchleuchten und hochgeboren fursten und hern
hern Philippo Lantgraffen zu Hessen Graffe zů Katzen-
Ellenbogen
zů Dietz Zegenhein und Nidda etc. mynen
Gnedigesten Herrn.
Buchsymbol fehlt

Gottes des hymelischen Vaters ewige barmhertzikeit und libe wůnsch ich E'uer' f'urstlich' G'naden' durch
unsern hern Jesum christum der uns durch sein blut am Creitze ausgegossen von unsern
sunden gewaschen/ der gelobt und gebenedeit ist von ewikeit inn ewikeit. Amen.

Durleuchtigister hochgeborner furste Gnedigister herr/ Von E'uer' f'urstlich' G'naden' ist ein Christlich und
loblich gerucht weit und fern erschollen/ das E'uer' f'urstlich' G'naden' ein gemein verhor uber den
tzweidracht und span1 des herrn Nachtmal belangend bedacht haben zu halten/ Derwe-
ghen
E'uer' f'urstlich' G'naden' einen tag/ als S. Michaelis2 bestimpt unda ernent/ zusampt eine Stadt/
als nemlich Margborg3 angetzeigt/ und zů den selbigen den achtparn und hochgelerten
Ern Doctor Martinum Luther/ und die jene ßo seiner lere seindt4/ für einen/ und die
achtparen hochverstendigen Ern Hulrichen Zwinli5〈/〉 Joan Oecolampaden/ Wolfgangum
Fabrum6/ Martinum Butzer/ undb ihre zugedane anderteils7/ solen haben beschreiben und
fordern lassen/ Den selben och ein sicherheit8 tzugeschickt/ und och allen/ ßo lüst hetten
bey gedochten gesprech und Collation zu sein/ sich daruf ihrer selikeit zu erinneren/
ein frei erlich geleid wy man sagt an etliche kirch thüren zu schlahen9 bevelen oder
tzugelassen.10

Des erfreuwen sich alle frumen Christenleutt/ sonderlich in disem ortt11/ und wünschen
E'uer' f'urstlich' G'naden' zu solichen vernemen das lebendig Gotlich und waraftich erkentnisse Gottes
des Vaters aller gnaden/ und seins Suns Jesu christi unsers heylandes/ sampt des
heiligen geistes/ one welchs nichts in minschen den finsternis und verdumnis sein mag/

Wir bedanken uns och alle/ und ein jder in sonderheit/ solicher furstlicher und Christlicher
wolmeinung/ und wollen den lebentigen Gott anhebiglich12 bitten/ das sein gotliche
barmhertzickeit E'uer' f'urstlich' G'naden' in langwiriger gesuntheit/ und myt gnedigen frid erhalten/
uff das solicher furstlicher und Christlicher raeth ins werck kum/ und vollendt wird/
damyt Gottes preis und reich sich weitern und gemein/ und die arme bedrengte
Christenheit/ in Gott uff dem fels des lebens uff wachsen/ tzunemen und ihrec
selickeit erlangen. Ja och in ein rechte einigkeit komen meg. Wie sich denn warlich
getzimett/ das wyr in der warheit und ungeferbter13 libe einig und fridtsam sein
sollten/ Sintemal wir einen Gott bekennen/ einen Vater eren/ einen hern fürchten/ eines
erloßers rhumen/ Eines geistes erfreuwen/ myt eynerlei scrifft betzugen/ Einen glauben/
ein hoffenung/ und ein tauff haben/ Ein leib/ Ein haus/ Ein volck/ und ein Bristertumb
seindt/ umb eines willen leben und sterben sollen〈.〉

Wir hoffen und vertruwen tzu Gott/ das durchs bandte14 erkantter warheit/ ganße Teutsche
Nation in rechtem fridt tzusamen verfast/ und Gottes tzorn/ der sich leider ereignn
tut/ abgewendt werden soll. datzu der lebendig Gott sein Gnade verlihen/ und E'uer' f'urstlich' G'naden'
alle muh und unkost alhie hundertfeltiglich vergeben/ und nach disem Jammertahl
Ins ewig leben myt freuden furen/ amen〈.〉

Gnedigster furste und herr〈/〉 Ich armer Bruder und pilgeram in Christo15/ geb E'uer' f'urstlich' G'naden'
unterdeniglich tzu erkennen/ das ich och einer bin/ und von wegen mynes gewissens/
welchs myt vil hellen scrifften gefangen ist16/ ein solcher sein müss/ der die leiblich neisung
des leibs und blutes christi wie sie gepredigt/ dem verdinst und der crafft des leidens
Buchsymbol fehlt und des todes Christi nachteilig und abbruchig achten tut17/ und der fast18 gern einen
claren unbedriglichen grundt heiliger scrifft horen oder sehen welt/ das sulche niesüng
bey dem todtte Christi kunth bestehen/ Denn mich dunckt19/ Ich werde ehr bewysen/ das
sulche lerer20 Christum myt Christo verdunckeln/ und wegnemen21/ Wie och die Werck-
heiligen
22 durch ihre wercke christum zerucke setzen/ verfinstern und unnutz machen/
denn bewist werden magh/ das soliche niesung der scrifft gemeß und gotlich sey.23 Jdoch
wellt ich von hertzen gern dorch heilsame scriffte bericht eins besseren empfahen/
ob vileicht ich/ myt gutem gewissen gotlicher warheit/ mich meines schweren elends
kennth24 entlestigen25/ des ich warlich von hertzen gerne missend wolt/ wo ich nicht ein herters
und ewigs tzekunfftig Elend und Jamer forchtet.

Demnach E'uer' f'urstlich' G'naden' Ich armer umbgejagter man26/ durchs blut Jh'es'um christi unterdeniglich
und demutiglich bitt/ E'uer' f'urstlich' G'naden' geruchen27 mich tzu obgedachter disputation oder gesprech
gnedichlich tzulassen/ die rekentschaff28 meines glaubens och horen/ und ßo ich/ als ich
trostlich hoff/ in gueden grunt erfunden/ der warheit und gerechtigheit Gottes nit
lassen entgelten.29Oder zoe ich irig erkant/ durch gotliche warheit/ die allein auss irsall/
durch den heilligen geist/ bringt/ unterwisen/ Wird/ ich dem Gotlicher warheit nicht gehor-
samen
/ oder fuer her mein meynung nicht mit redlichen schein der scriffte pförtragen30/ oder
dem der meich fragen wurdt/ one scrifft antworten/ Wil ich E'uer' f'urstlich' G'naden' straff williglich
laden31/ und uber das/ nicht allein in disem fahl von E'uer' f'urstlich' G'naden' weisung annemen/ sondern
in allem/ was D'octor' M'artin' luther oder sonst jmandt vormeinte wider mich tzusprechen haben.

E'uer' f'urstlich' G'naden' umb Gottes willen umb ein velichs32 und sicher geleidt fur gewalt/ und
uff rechte33/ das kein straff kegen mir furgenommen werden soll/ ehe ich verhort und
uberwunnen etc. unterteiniglich bit myt dissen boten zeschicken/ des ich mich hie-
mit
fellig34 und verlustig mache/ Wo ich mich nicht lass der billickeit nach weisen
und lencken/ Das umb E'uer' f'urstlich' G'naden' tzu verdinen werdt ich alletzeit in aller
dinstperkeit/ als ein gutwilliger und bereitter nach mynen hochsten vermegen
gefunden/ Der lebendig Gott der herr alles trostes und alles verstandes erfull
E'uer' f'urstlich' G'naden' begirden in christo Jh'es'um unsern erloßer/ und sei ewiglich mith E'uer' f'urstlich' G'naden'
Dat'um' tzu Olderßum in Ostfreslant inn dem 19〈.〉 dag des Augstmans35 Anno etc. xxix36

E'uer' f'urstlich' G'naden' Untherdeniger diner und
armß wurmlin37 Andres Botenstein –von Carolstadt

afolgt gestichen u
bfolgt gestrichen an
cfolgt gestrichen seli
dvom Editor verbessert für misten
eüber der Zeile ergänzt

1Zwietracht, Streitigkeiten u.a. in Glaubenssachen. Vgl. DWb 16, 1867f s.v. span.
229. September 1529.
4Auf Luthers Seite nahmen Philipp Melanchthon, Justus Jonas, Andreas Osiander, Johannes Brenz und Stephan Agricola am Marburger Religionsgespräch teil; zu den Teilnehmern siehe auch die Einleitung zu dieser Einheit.
6Wolfgang Capito. Dieser war zwar eingeladen, nahm jedoch nicht an den Gesprächen teil.
7Neben den Genannten nahm auf dieser Seite noch Kaspar Hedio am Marburger Religionsgespräch teil; zu den Teilnehmern siehe auch KGK 320.
8Geleitbrief.
9schlagen.
10Es war Usus, allgemeine Bekanntmachungen und Verordnungen öffentlich an Kirchen- und Rathaustüren anzuschlagen und so der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Vgl. DRW s.v. Kirchentür III.
11Vermutlich Oldersum in Ostfriesland. Zu seinem Aufenthalt dort siehe die Einleitungen zu KGK 317 und KGK 318 sowie den Bericht Karlstadts an Oekolampad vom Januar 1530 (wird in KGK IX ediert).
12untertänig, demütig.
13Unverfälscht. Vgl. DWb 3, 1325 s.v. färben Nr. 6.
14Band.
15Fremdling, Pilger. Vgl. DWb 13, 1853 s.v. Pilgram. Möglicherweise bezieht sich Karlstadt hier auf sein – aus seiner Sicht erzwungenes – Umherreisen seit er Sachsen aufgrund der Abendmahlskontroverse mit Luther zu Beginn des Jahres verlassen hatte. Hierzu siehe unten KGK 320 (Anmerkung).
16Karlstadt sieht sich bzw. sein Gewissen durch die klaren (»hellen«) Belege in der heiligen Schrift gefangen, die ihn auf seiner Abendmahlsauslegung beharren lassen.
17Gemeint ist hier die Realpräsenz Christi im Abendmahl, wie sie von Luther und seinen Anhängern gepredigt, von Karlstadt jedoch zu Gunsten eines kommemorativen Verständnisses des Abendmahls abgelehnt wurde. Zu dem seit 1524 schwelenden innerreformatorischen Abendmahlsstreit siehe KGK 311, KGK 312, KGK 313, KGK 314, KGK 315.
18sehr.
19ich glaube, gehe davon aus. Vgl. FWB s.v. dünken Nr. 1.
20Luther und seine Anhänger.
21Hierzu siehe auch die Anzeige etlicher Hauptartikel christlicher Lehre (KGK 288 (Textstelle)).
22Werkgerechtigkeit. Zu Karlstadts Verständnis der Werke siehe auch die Anzeige etlicher Hauptartikel christlicher Lehre (KGK 288 (Textstelle)).
24könnte.
25entlasten, von einer Last, Bürde befreien vgl. DWb2 8, 1436 s.v. entlästigen.
26Karlstadt hatte Sachsen zu Beginn des Jahres verlassen und sich zunächst nach Holstein begeben, war nach der Flensburger Disputation des Landes verwiesen worden und hatte sich nach Ostfriesland begeben, wo er u.a. als Wanderprediger umhergezogen war. Hierzu siehe KGK 317, KGK 318, KGK 319.
27geruhen.
28Rechenschaft, Rechtfertigung.
29Karlstadt hofft, den Landgrafen mit seiner aus der Schrift begründeten Abendmahlsauslegung überzeugen zu können.
30vortragen.
31auf mich nehmen.
32sicher. Vgl. DWb 3, 1430 s.v. felig.
33Aufrichtigkeit, Redlichkeit, hier wohl im Sinne von Zusicherung, Versprechen. Vgl. FWB s.v. aufrechte Nr. 1.
34unsicher. Vgl. DWb 3, 1430 s.v. felig.
35August.
3619. August 1529.
37Anlehnung an Ps 21(22),7 Vg »ego autem sum vermis et non homo obprobrium hominum et dispectio plebis.«
Karlstadt stellt seine Situation mit dieser Selbstbezeichnung als ausweglos und verzweifelt dar.

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