Nr. 320
Andreas Karlstadt an Landgraf Philipp von Hessen
Oldersum, 1529, 19. August

Einleitung
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] HStAM Marburg, 3, 245, fol. 38r–39r

Eine Abschrift von unbekannter Schreiberhand; fol. 39r Dorsalvermerk: »19 Augusti Anno 1529 Carlstad bit umb sicher geleidt zum colloquio«.

Edition:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Zum Zeitpunkt des vorliegenden Schreibens hielt sich Karlstadt nach seiner Vertreibung aus Holstein seit Mitte April 1529 in Ostfriesland auf, wo er Zuflucht in Oldersum bei Ulrich von Dornum gefunden hatte.1 Hier kam ihm Ende Juli / Anfang August auf ungeklärtem Wege zu Ohren, dass der hessische Landgraf Philipp plante, in Marburg ein Religionsgespräch abzuhalten, um einen Ausgleich zwischen den widerstreitenden Strömungen im reformatorischen Lager in v.a. Bezug auf die Abendmahlsfrage zu erreichen. Von der Überwindung der theologischen Differenzen versprach sich Philipp überdies eine Vereinfachung der politischen Zusammenarbeit innerhalb des evangelischen Lagers, die durch die erneute Inkraftsetzung des Wormser Edikts an Notwenigkeit zugenommen hatte. Philipp schwebte in diesem Zusammenhang die Bildung eines militärisch-politischen Verteidigungsbündnisses vor, in das er auch die schweizerischen und oberdeutschen Städte einzubinden gedachte.2 Bereits im April 1529 hatte man am Marburger Hof daher begonnen, die führenden Vertreter der verschiedenen reformatorischen Richtungen – Martin Luther, Philipp Melanchthon und Justus Jonas aus Wittenberg, Andreas Osiander3 aus Nürnberg, Johannes Brenz4 aus Schwäbisch Hall und Stephan Agricola5 (in Vertretung für Urbanus Rhegius) aus Augsburg auf der einen sowie Ulrich Zwingli, Johannes Oekolampad und die Straßburger Martin Bucer und Kaspar Hedio6 auf der anderen Seite – für den 29. September (Michaelis) nach Marburg einzuladen.7

Mit dem vorliegenden Schreiben begrüßte Karlstadt den Vorstoß des Landgrafen und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, ein solches Gespräch werde die Situation zwischen den beiden Lagern befrieden. Gleichzeitig ersuchte er Landgraf Philipp, ebenfalls an dem geplanten Religionsgespräch teilnehmen und Rechenschaft seiner Abendmahlslehre ablegen zu dürfen und den Landgrafen aufgrund der Belege aus der Schrift überzeugen zu können. Sollte er aus der Schrift heraus des Irrtums überführt werden, solle er in göttlicher Wahrheit unterwiesen werden; wenn er kein Gehorsam gegen göttliche Wahrheit zeige und seine Meinung nicht schriftgemäß vortrage, wollte er sich nicht nur der Strafe des Landgrafen unterwerfen und seine Weisung annehmen, sondern auch die Weisungen Luthers und anderer annehmen, die etwas gegen seine Lehre vorzubringen hätten.8 Abschließend bat er um Zusicherung freien Geleits, das ihm der Landgraf durch den Überbringer des Schreibens zugehen lassen möge.

Eine Teilnahme an dem geplanten Religionsgespräch war für Karlstadt von existenzieller Bedeutung, bedeutete sie doch die Gelegenheit, im Rahmen einer persönlichen Auseinandersetzung auf Augenhöhe seine theologischen Ansichten zum Abendmahl darzulegen und gegenüber seinen Gegnern zu verteidigen, was in den letzten Jahren lediglich schriftlich stattgefunden hatte,9 und damit gleichsam eine Rehabilitation seiner Person durch die gleichberechtigte Rückkehr in die Reihen der »vornembsten der gelerten« – so Landgraf Philipp über die geladenen Personen10 – zu erreichen. Damit eröffnete sich für Karlstadt gleichzeitig auch die Möglichkeit, seiner immer noch angespannten finanziellen und persönlichen Situation zu entkommen und ein dauerhaftes Betätigungsfeld und damit ein Auskommen für sich und seine Familie zu finden. Seine prekäre Lage unterstreicht er im vorliegenden Schreiben durch die Verwendung der Selbstbezeichnung »armß wurmlin«,11 mit der er indirekt nochmals an die Barmherzigkeit des Landgrafen appelliert.


1Zu Karlstadts Aufenthalt in Ostfriesland siehe KGK 317 und KGK 318 sowie Barge, Karlstadt 2, 398–406.
2Zu den Bündnisplänen Landgraf Philipps siehe auch Kaufmann, Reformation, 538–540.
3Zu ihm siehe Osiander, Reformation in Franken; NDB 19, 608f.
4Zu ihm siehe Weismann, Johannes Brenz; NDB 2, 598f.
5Zu ihm siehe NDB 1, 104f.
6Zu ihm siehe NDB 8, 188f.; MBW 12, 241f.
7Zum Marburger Gespräch insgesamt siehe Köhler, Zwingli und Luther und Mariotte, Philipp der Großmütige, 82–88.
8KGK 320 (Textstelle). Damit zeigte er sich implizit bereit, die Lehre Luthers anzunehmen, wenn auch nur für den Fall, dass er des Irrtums überführt werde.
9Zur Auseinandersetzung über das Abendmahlsverständnis zwischen Karlstadt und Luther in den Jahren 1527/28 siehe KGK 311, KGK 312, KGK 313, KGK 314, KGK 315.

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