1.
Martin Bucer aus Straßburg an Huldrych Zwingli in Zürich, 30. Juni 1529: »In Frisia Orientali, regione ampla, in qua plurimi fratres sunt puriss'ime' Christum praedicantes, pridem impanatio explosa est; in ea cum scribit Carolostadius, utinam prudentia et lenitate christiano digna! Narrant tamen fratres, eum mire Lutheri persecutione promovisse et admodum ardere in negotio Domini.«1
2. Inhaltliche Hinweise
In demselben Brief vom 30. Juni 1529, in dem Bucer Zwingli von der Ankunft Melchior Hoffmans in Straßburg und seinem Kampf gegen die »Lutheri magiam« bei den »Danos, Suedos et Livonios«2 berichtete, findet sich ein Verweis auf eine schriftliche Mitteilung von Karlstadt.3 Der Straßburger Reformator erklärt zunächst, er habe einen Brief von einem Gelehrten aus Wismar im Herzogtum Mecklenburg erhalten.4 Er erwähnt dann Ostfriesland, eine Region, in der viele Christus rein verkündigen, und in der der Streit um die Realpräsenz Christi längst entbrannt ist.5 In diesem Zusammenhang berichtet er, was Karlstadt schrieb, nämlich dass man in einem solchen Streit am besten christliche Klugheit und Milde zeigen solle. Im Anschluss an diese Bemerkung gibt Bucer die Meinung einiger nicht näher identifizierter Brüder wieder: Karlstadt sei wegen Luthers Verfolgung in dieser neuen eucharistischen Auseinandersetzung plötzlich in den Vordergrund gerückt worden und noch mehr von regem Eifer für Gottes Sache entbrannt.
Was Bucer mit »cum scribit Carolstadius« meint, bleibt unklar. Die Tatsache jedoch, dass dieser Hinweis in dem Brief getrennt von der Nachricht über Hoffmans Ankunft vorkommt, dass ihm unmittelbar die Nachricht vom Eingang eines anderen Briefes vorausgeht und dass ihm eine Meinung folgt, die – ob durch einen Brief oder durch indirekte Aussagen ist unklar6 – von einigen »fratres« formuliert wurde, lässt vermuten, dass hier nicht die Straßburger Ausgabe des Dialogus über die Flensburger Disputation (KGK 319) gemeint war.7 Das Manuskript der Disputation hatte Hoffman nämlich in jenen Tagen in die Stadt gebracht, und es ist wenig plausibel, dass er es als Werk Karlstadts präsentiert oder Bucer es bereits gelesen hatte, ohne es Zwingli mitzuteilen. Es ist daher anzunehmen, dass Bucer sich hier auf eine heute verschollene schriftliche Nachricht bezieht, die Karlstadt ihm oder jemand anderem – höchstwahrscheinlich in Straßburg – aus Ostfriesland8 zukommen ließ.
Bislang sind keine Spuren eines direkten Briefwechsels zwischen Karlstadt und Bucer vor Mai 1530 bekannt.9 Es ist jedoch anzunehmen, dass beide Theologen über die Veröffentlichungen und Aktivitäten des anderen informiert waren.10 Ihr Verhältnis blieb ab Mitte der 1520er Jahre jedenfalls sehr ambivalent. Bucer und Capito wussten sicherlich von Karlstadts viertägigem Aufenthalt in Straßburg zwischen Ende Oktober und Anfang November 1524, trafen ihn aber nicht.11 Die Ereignisse in Jena (siehe KGK VII, Nr. 267), die in Basel kurz zuvor erschienenen Abendmahlsschriften Karlstadts (KGK VII, Nr. 273–279), vor allem aber die unterschiedliche Rezeption seiner Lehre in Straßburg hatten zu einer distanzierten Reaktion, wenn nicht sogar zu offener Kritik geführt.12 Die Verbreitung seiner Ideen unter dem einfachen Volk und die Anwendung seiner Argumente gegen die von Karlstadts Anhängern als konservativ empfundene Abendmahlsfeier in der Reichsstadt13 kollidierten mit dem Anliegen der Straßburger Theologen, jede Spaltung und jedweden Riss im evangelischen Lager zu vermeiden – was nach der heftigen Konfrontation mit den Altgläubigen unabdingbar war, um die Einführung der Reformation in dem in innen- und außenpolitischer Hinsicht kritischen Jahr 1524 weiterzuführen.14
Capito und Bucer warfen Karlstadt vor, einen Streit über das Abendmahl ausgelöst zu haben, der sich disruptiv auswirke,15 einen friedlichen Austausch zwischen den unterschiedlichen Interpretationen unmöglich mache16 und bald sogar zum inneren Problem der Reichsstadt wurde, wo viele Anhänger Karlstadts seine Lehre von Abendmahl und Taufe radikalisierten.17 Es war genau der destabilisierende Widerhall, den Karlstadts Lehre im turbulenten kulturellen Klima der Reichsstadt zwischen Ende 1524 und Anfang 1525 fand, der dazu beitrug, sein Bild als Unruhestifter auch in den Augen der Straßburger Theologen zu festigen. Sie missbilligten vor allem Stil und Tonfall, weil er provokant wirkte und ein nach Ruhm gierendes Temperament ausdrückte.18 Dennoch sahen sie sich gezwungen, sich mit seinen Schriften auseinanderzusetzen, und obwohl sie mit seiner Argumentation weitgehend nicht einverstanden waren, griffen sie einige seiner Ideen und Auslegungen auf und stimmten in der Ablehnung der Realpräsenz überein.19 Die Verunsicherung, mit der die Straßburger Theologen versuchten, sich in der aufkommenden innerreformatorischen Auseinandersetzung um das Abendmahl zu positionieren, zeigt sich deutlich in ihren Schriften jener Monate.20 Einerseits suchten sie einen theologischen Austausch mit Basel und Zürich, in der Hoffnung, eine gemeinsame Reformlinie zu entwickeln.21 Die Straßburger Theologen näherten sich der Lehre Oekolampads und Zwinglis an und betonten wiederholt, dass die ihre sich von derjenigen Karlstadts grundlegend unterscheide.22 Andererseits bemühten sie sich darum, eine endgültige Abspaltung von Wittenberg zu vermeiden.23 Einen ersten Versuch in diesem Sinn unternahm Capito mit seiner Ende Oktober 1524 erschienen Flugschrift Was man halten und antworten soll von der Spaltung zwischen Martin Luther und Andreas Karlstadt.24 Darin ging es nicht darum, offen für die eine oder andere Seite einzutreten, sondern um die Auswirkungen der Spaltung zwischen Karlstadt und Luther für die Reformationsbewegung in Straßburg, die zwischen den altgläubigen Gegnern, die sich über die Zersplitterung des evangelischen Lagers freuten, und den radikaleren Anhängern Karlstadts, die separatistische Tendenzen zeigten, orientierungslos dastand. Vor diesem Hintergrund bemühte sich Capito in dieser Schrift darum, den in der Reichsstadt angestrebten Reformkurs darzustellen. Die ikonoklastischen Neigungen wurden verworfen, die Autorität Luthers anerkannt, zugleich Karlstadts Beitrag geschätzt, sodass ein Konsensmodell möglich erschien. Vor allem hinsichtlich der Abendmahlslehre verharmloste Capito die Divergenzen zwischen Luther und Karlstadt als Interpretationsfragen einzelner Einsetzungswörter, worüber die Straßburger sich mit niemandem streiten wollten, sofern man im Glauben und gegenseitiger Liebe einig darüber würde, dass das Christsein an kein äußerliches Ding gebunden und nur inwendig sei.25 Die Hoffnung, durch diese Argumentation Verständigung mit Wittenberg zu erreichen, zeigt sich auch in der von Bucer hauptsächlich verfassten Schrift Grund und Ursach, in der Ende 1524 die neue Abendmahlslehre der Straßburger definiert wurde.26 Diese argumentative Strategie – die es den Straßburger Theologen ermöglichte, Luther selbst vorsichtig für die allzu harten Angriffe auf Karlstadt v.a. in Wider die himmlischen Propheten zu kritisieren27 – erwies sich bereits im Herbst 1525 als erfolglos.28 In den darauffolgenden Jahren sollte sich der Abendmahlsstreit weiter radikalisieren, und sowohl auf altgläubiger als auch auf lutherischer Seite stellte man immer deutlicher Zwingli und Oekolampad mit Karlstadt in eine Reihe.29 Obwohl Bucer im Herbst 1525 rückblickend bekannte, dass er auch durch Karlstadts Publikationsoffensive vom Herbst 1524 gezwungen worden war, seine Abendmahlslehre zu ändern und sich endgültig von der lutherischen Auslegung zu verabschieden,30 grenzte er sich selbst – und seine oberdeutschen und Schweizer Mitstreiter – weiterhin deutlich von dessen Position ab.
In den Monaten vor dem Marburger Kolloquium (vom 27. September bis 4. Oktober 1529) – bei dem eine innerreformatorische Einigung über die Abendmahlslehre erstrebt werden sollte und zu dem Karlstadt nicht zugelassen wurde (vgl. KGK 320 und KGK 321) – hatte sich Bucers Meinung höchstwahrscheinlich in dieser Hinsicht nicht wesentlich geändert. Möglicherweise wurde eine Verbindung zwischen Bucer und Karlstadt über einen anderen geographischen und polemischen Zusammenhang begünstigt, nämlich Ostfriesland. Auf diese »regio ampla« hatte Bucer in seinem hier als Referenztext erwähnten Brief an Zwingli vom 30. Juni 1529 hingewiesen. Die Einführung der Reformation erfolgte dort 1523 durch Graf Edzard I. (1462–1528)31 und dessen Kanzler Ulrich von Dornum,32 unterstützt von Jürgen Vam Dare (1495–1530), genannt Georg Aportanus,33 und anderen evangelischen Predigern,34 die die von Cornelius Hoen (1440–1524) entwickelte spiritualistische Abendmahlslehre vertraten.35 Anders als die Schriften Karlstadts lieferten die Schriften Hoens auch Bucer und seinen Kollegen im Herbst/Winter 1524 entscheidende Argumente, um eine neue Abendmahlsauslegung zu entwickeln.36 Es war Hinne Rode, ein niederländischer Humanist,37 der Hoens Epistola in November 1524 – also kurz nach Karlstadts Aufenthalt – nach Straßburg brachte.38 Hinne Rode hatte davor die Epistola 1521 oder 1522 zunächst Luther,39 gegen Ende Januar 1523 dann Oekolampad und im darauffolgenden Sommer Zwingli vorgestellt.40 Während der Wittenberger Reformator die spiritualistische Abendmahlslehre verwarf,41 ließen sich die Schweizer Theologen dagegen von Hoens Argumentation überzeugen.42 Nach seiner Rückkehr nach Deventer im Jahr 1525 musste auch Hinne Rode 1526 nach Ostfriesland fliehen und wurde in der Stadt Norden zusammen mit Johann Stevens Prediger.43 Hier arbeitete er zusammen mit Heinrich Reses und Aportanus44 an der Verbreitung der zwinglianisch-oberdeutschen Sakramentstheologie, die aber in Ostfriesland auch spiritualistische Züge aufwies.45 Vor dem Hintergrund einer eskalierenden Konfrontation mit den Lutheranern im Sommer 1529 führte die gemeinsam unter Hoens Einfluss entwickelte Ablehnung der Lehre der Realpräsenz dazu, dass die Reformatoren in Straßburg und in der Schweiz die Ereignisse in dieser Region mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgten.
Die kirchengeschichtliche Entwicklung Ostfrieslands überschneidet sich in dieser Phase auch mit dem Lebensweg Karlstadts. Nach der Vertreibung aus Holstein infolge der Flensburger Disputation (vgl. KGK 319) hatte er dort Zuflucht gefunden.46 Sein Itinerar zwischen April 1529 und Januar 1530 – als er vermutlich Richtung Süden abreiste47 – lässt sich nicht genau rekonstruieren. Einigen späteren Quellen zufolge arbeitete Karlstadt eine Zeitlang in der Nähe von Marienhafe als Bauer;48 vermutlich predigte er auch auf den Kanzeln benachbarter Orte, was manchmal zu Widerstand führte, aber auch die Begeisterung vieler Gemeinden weckte.49 Es scheint, dass er sich schließlich bei verschiedenen Junkern in der Region aufhielt,50 bis er Herberge bei seinem besonderen Gönner Ulrich von Dornum (1465–1536)51 in Oldersum bei Emden fand.52 Es ist durchaus möglich, dass Karlstadt auf seinen Wanderungen in der Region und im Rahmen seiner Kontakte zu verschiedenen einheimischen Adligen auch mit Hinne Rode in Kontakt kam, der zu jener Zeit Prediger in Norden war.53Rode hielt im Laufe der Zeit vermutlich mehr oder weniger direkten Kontakt zu den oberdeutschen und schweizerischen Theologen54 und hoffte, diesen gerade im Sommer 1529 mit Bucer zu intensivieren.55 Davon zeugt der Brief eines anonymen Amsterdamer Korrespondenten an Bucer vom 9. Juni 1529, dem ein Schreiben von Hinne Rode – möglicherweise an Bucer gerichtet – beigefügt war.56 Darauf deutet auch die Aufforderung des anonymen Korrespondenten57 an den Straßburger Theologen hin, die mögliche Antwort an Rode dem Drucker Johannes Herwagen zu übergeben, damit er sie auf der nächsten Frankfurter Messe abholen könne.58 Es ist nicht auszuschließen, dass auch der hier für Juni dokumentierte verschollene Brief von Karlstadt über diesen – in jenen Monaten offensichtlich aktiven – Korrespondenzkanal nach Straßburg gelangt ist.
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