Nr. 396
Christoph von Mochau an den Rat der Stadt Basel: Bitte um Unterstützung für Karlstadts Witwe, Anna von Mochau, und Kinder
Wittenberg, 1542, 30. Mai

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck
Buchsymbol fehlt

Den Edlen Gestrengen Erbaren und weisen,
Herrnn Burgermeisternn1 und Rath zu
Basel, meinenn gunstigen Herrnn.

Buchsymbol fehlt
Mein willig beflissen diennsth alzeit zuvor,
Edlen, Gestrengen, Erbaren unnd weisen besondere
gunstige Herrn,

Ungeferlich fur wenig tagen ist mir
eine klegliche schrift von der nachgelassenen witfrauen2
doctoris Andreae Carlstardts zu kohmen, darinnen sie
mihr, als ihrem negisten ja einigem, blutßverwanten,
ihre hohe noth, jamer unnd elendt erbermiglich anzeigt,
Als nemlich, das bemelter Doctor, ihr ehelicher man
gestorben sey,3 unnd ihr funf unerzogene unmundige
kinder,4 und keine eigen behausung oder vorradt5 gelassen,6
dazu sey ehr auch 7〈?〉7 fl'oreni' schuldig blieben,8 Unnd was
sonst derglichen ferner ihn ihrem schreiben wirt ange-
zogen
, welche ich alles zu widerholen kurtze halben unter-
lasse
, Mit welcher be-
trubnus
aber ich solche zeitung von meines brudern
tochter9 erfaren, hat ein jeder verstendiger wol zuermessen〈,〉
Und furwar unter allen meinen anstößenn, die ich die
zeit meines lebens swer unnd vielfeltig erlitten, ist
mihr etwas betrubters kaum zuhanden kohmen,
Dan wiewol ich mich eines sonderlichen vormugens
bei gedachtem meinem schwager10, dem gott genade,
nihe vormutet, So hab ich mich doch der eůssersten
Buchsymbol fehlt noth unnd armut, so hoch, wie sie sich leider ereuget11
unnd außweiset, viel weniger konnen vorsehenn,
Unnd da nhu das elende betrubt weib
ihr gewisse zuflucht zu mihr billich12 haben solte, bin
ich zu schwach unnd unvormugen, ihr der gestalt,
wie ich gern wollte hulf oder furderung zuerzeigen,
Damit ich mich aber dennoch uf ihr schreiben als ein
vetter13 auch erzeige, und sie spuren kann, das ich
mitleiden unnd sorge fur sie trage, habe ich ihr mein
bedencken zugeschrieben,14 ufs fleißigst bittend,
E'ur' g'naden' wolle der armen vorlassenen, frauen sampt
ihrer kinder elendt, (welche E'ur' g'naden' als vorsichtigen15
hern, die der ihrem ungezweiffelt gute acht haben,
nunmehr one mein schreiben, wol kunt ist) gunstig-
lich
zu gemuet fuhren, sie in eur schutz und schirm
nehmen, unnd als ein treue oberkeit ihnen hulf
unnd gutes erzeigen, besonder dweil ihr herr eur
kirchen viel jar gedienet hatt,16 Unnd bitt hieruf,
e'ur' g'naden' wollen mich widerumb durch diesen botten
von gelegenheit der armen witfrauen unnd
waisen, auch was Ehwr g'naden' ihren halben bedencken
Buchsymbol fehlt besonder die schuld belangend, gunstiglich berichten,17
Diese Christliche wolthat an solcher armen witfrauen
unnd waisen euers predigers, wirt one Zweifel, Gott
reichlich belohnen, So bin ich auch e'ur' g'naden' nach
meinem vormogen zu dienen willig〈.〉
Datum witteberg, Dinchstags im pfinchsthen,18
Anno etc. xlii

aE'uer' G'estrenger'19
W'illiger' Christoff von
Mochaua

a-aSchlussformel und Unterschrift autograph

1Zum namentlich genannten Bürgermeister Theodor Brandt vgl. KGK 400 (Anmerkung).
2Anna von Mochau, die Nichte des Briefschreibers. Siehe hier KGK 396 (Textstelle).
3Karlstadt verstarb am 24. Dezember 1541. Vgl. KGK 394.
5Jedweder auf die Zukunft gerichtete Vorrat an Dingen, auch Geld, »allen zur lebenshaltung notwendigen bedarf«; vgl. DWb 26, 1392 s.v. Vorrat Nr. 5.
6Die Wohnung war die Pfarrwohnung von St. Peter. Zu dem schon vom Vorgänger im Amt des Leutpriesters, Paul Phrygio, übernommenen, kärglichen Interieur, das zudem dem Stiftsgut gehörte, vgl. KGK 381.
7Lesung nicht eindeutig, vermutlich 7 oder aber gar ein »c« für 100. Ein Gulden entsprach einem Pfund und fünf Schilling Basler Stäbler Währung (StA Basel-Stadt, Regest Domstift 536).
8Tatsächlich hatte Karlstadt ganz im Gegenteil zum hier Dargestellten angelegte Kapitalien hinterlassen. Vgl. KGK 388, KGK 393 und auch KGK 399.
9Anna von Mochau war die Tochter des verstorbenen Bruders von Christoph.
10Hier nicht der Schwager im engeren, modernen Sinn, sondern »jeder durch heirat verwandte«; vgl. DWb 15, 2176f. s.v. Schwager Nr. 2.
11sich ereignet. Vgl. DWb 3, 787f. s.v. ereugen.
12rechtmäßig. Vgl. DWb 2, 29 s.v. billig.
13Ursprünglich des Vaters Bruder, zunehmende Bedeutungserweiterung hin zu jedem männlichen Verwandten. Vgl. DWb 26, 26–29 s.v. Vetter Nr. 1–2.
14Ein verloren gegangener Brief von Christoph von Mochau an Anna von Mochau.
15vorsorglich.
16Die Betonung der Kirchendienste Karlstadts findet sich auch im Geleitbrief für Anna von Mochau (siehe KGK 400 (Textstelle)).
17Die Antwort des Rates ist datiert auf den 19. Juni 1542 (KGK 397).
18Pfingsten fiel im Jahr 1542 auf den 28. Mai, sodass der Brief (Dienstag nach Pfingsten) auf den 30. Mai zu datieren ist.
19Die Abbreviatur und ihre Auflösung sind unsicher.

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