1. Überlieferung
Frühdruck:
REVERENDVS IN CHRISTO D. AN-∥dreas Botenſtein Carolſtadius, obijt Basileæ anno ætatis ſuæ quinquageſimoquinto. ∥ In parochiali aede S. Petri ſepultus. ∥ Anno ſalutis M.D.XLI. [HS] die 24. Decembris. ∥
[Am Ende:] BASILEAE ∥
Basel: [o. Dr.], [1541/42].
32 × 25 cm, 1 Bl., HS.
Editionsvorlage:
UB Bern, MUE Hospinian 7:2. (= Biblia magna, Lyon: Johannes Moylin, 1520, Gedenkblatt eingeklebt auf Innenseite des hinteren Buchdeckels).Das auf die Innenseite des hinteren Buchdeckels der Lyoneser Bibel eingeklebte Gedenkblatt mit Karlstadtporträt ist unikal überliefert.1 Der Künstler des fein ausgeführten Holzschnittes ist unbekannt. Die Bildüberschrift ist aufgrund von Oxidation durch eine (später entfernte) Befestigung für eine Kette im Deckel an einigen Stellen unleserlich. Durch die Faltung entstandene Ausrisslöcher erschweren an zwei Stellen die Lesung der Gedichte.
Literatur:
- Dasein und Vision, 130f. Nr. C 59.
- Bubenheimer, Heimat, 18–20.
- Zorzin, Cranach-Porträt, 7f.
Beilage: Andreas Karlstadts einstiges Epitaph im Großen Chor von St. Peter in Basel
VRBIS BASIL. ∥ EPITAPHIA ∥ ET ∥ INSCRIPTIONES ∥ OMNIVM TEMPLORVM, ∥ CVRIAE, ACADEM. & ALIAR. ∥ AEDIVM PVBLIC. ∥ Lat. & German. ∥ QUIBUS ∥ Reliquarum Orbis Vrbium Monumenta & ∥ Inscriptiones selectiß. & elegantiß. ∥ accesserunt. ∥ De quorum usu in Præfatione disseritur. ∥ Curā & labore ∥ M. IOHANNIS GROSSI ∥ Pastoris Eccles. Leonard. ibid. ∥ Cum Indice Nominum & Rerum. BASILEÆ ∥ Sumtibus JOAN. JACOBI GENATHI ∥ Acad. Typographi. 1622.
Basel: Johann Jakob Gennatius, 1622, 150.
Editionsvorlage:
BSB München, Helv. 349.Weitere Exemplare: HAB Wolfenbüttel: 680.27 Theol. –- UB Basel, UBH EJ III 91a:1.
Bibliographische Nachweise:
- VD 17 23:637332M.
VRBIS BASIL. ∥ EPITAPHIA ∥ ET ∥ INSCRIPTIONES ∥ OMNIVM TEMPLORVM, ∥ CVRIAE, ACADEM. & ALIAR. ∥ AEDIVM PVBLIC. ∥ Lat. & German. ∥ QUIBUS ∥ Reliquarum Orbis Vrbium Monumenta & ∥ Inscriptiones selectiß. & elegantiß. ∥ accesserunt. ∥ De quorum usu in Præfatione disseritur. ∥ Curā & labore ∥ M. IOHANNIS GROSSI ∥ Pastoris Eccles. Leonard. ibid. ∥ Cum Indice Nominum & Rerum. BASILEÆ ∥ Sumtibus JOAN. JACOBI GENATHI ∥ Acad. Typographi. 1623.
Basel: Johann Jakob Gennatius, 1623, 150.
Editionsvorlage:
SUB Göttingen, 8 H HELV IV, 1535.Bibliographische Nachweise:
- VD 17 547:655102D.
VRBIS BASIL. ∥ EPITAPHIA ∥ ET ∥ INSCRIPTIONES ∥ OMNIVM TEMPLORVM, ∥ CVRIAE, ACADEM. & ALIAR. ∥ AEDIVM PVBLIC. ∥ Lat. & German. ∥ QUIBUS ∥ Reliquarum Orbis Vrbium Monumenta & ∥ Inscriptiones selectiß. & elegantiß. ∥ accesserunt. ∥ De quorum usu in Præfatione disseritur. ∥ Curā & labore ∥ M. IOHANNIS GROSSI ∥ Pastoris Eccles. Leonard. ibid. ∥ Cum Indice Nominum & Rerum. BASILEÆ ∥ Sumtibus JOAN. JACOBI GENATHI ∥ Acad. Typographi. 1624.
Basel: Johann Jakob Gennatius, 1624, 150.
Editionsvorlage:
SLUB Dresden, 34.8.5559.Weitere Exemplare: UB Basel, UBH EJ IV 28:1. — UB Basel, UBH Falk 799a:2.
Bibliographische Nachweise:
- VD 17 23:317214V.
VRBIS BASIL. ∥ EPITAPHIA ∥ ET ∥ INSCRIPTIONES ∥ OMNIVM TEMPLORVM, ∥ CVRIAE, ACADEM. & ALIAR. ∥ AEDIVM PVBLIC. ∥ Lat. & German. ∥ QUIBUS ∥ Reliquarum Orbis Vrbium Monumenta & ∥ Inscriptiones selectiß. & elegantiß. ∥ accesserunt. ∥ De quorum usu in Præfatione disseritur. ∥ Curā & labore ∥ M. IOHANNIS GROSSI ∥ Pastoris Eccles. Leonard. ibid. ∥ Cum Indice Nominum & Rerum. BASILEÆ ∥ Sumtibus JOAN. JACOBI GENATHI ∥ Acad. Typographi. 1625.
Basel: Johann Jakob Gennatius, 1625, 150.
Editionsvorlage:
BSB München, Helv. 350.Weitere Exemplare: UB Basel, UBH EJ IV 28a. — HAB Wolfenbüttel, Hl 53.
Bibliographische Nachweise:
- VD 17 23:317216L.
VRBIS BASIL. ∥ EPITAPHIA ∥ ET ∥ INSCRIPTIONES ∥ OMNIVM TEMPLORVM, ∥ CVRIAE, ACADEM. & ALIAR. ∥ AEDIVM PVBLIC. ∥ Lat. & German. ∥ QUIBUS ∥ Reliquarum Orbis Vrbium Monumenta & ∥ Inscriptiones selectiß. & elegantiß. ∥ accesserunt. ∥ De quorum usu in Præfatione disseritur. ∥ Curā & labore ∥ M. IOHANNIS GROSSI ∥ Pastoris Eccles. Leonard. ibid. ∥ Cum Indice Nominum & Rerum. BASILEÆ ∥ Sumtibus JOAN. JACOBI GENATHI ∥ Acad. Typographi. 1626.
Basel: Johann Jakob Gennatius, 1626, 150.
Editionsvorlage:
HAB Wolfenbüttel, Xb 4200.Bibliographische Nachweise:
- VD 17 23:269931W.
Die älteste Überlieferung von Karlstadts Originalepitaph liefert Johannes Gross' Sammlung Basler Grabepitaphe, die in fünf unveränderten Auflagen zwischen 1622 und 1626 erschien (Drucke A–E). Gross (1582–1629) war Pfarrer an St. Leonhard in Basel. Das Ordnungskriterium der Sammlung ist nicht chronologisch, sondern allein parochial. Auf Karlstadts Epitaph folgt unmittelbar das seines Sohnes Adam Bodenstein aus dem Jahr 1577.
BASILEA SEPULTA ∥ RETECTA CONTINUATA. ∥ Hoc est: ∥ Tam Urbis quàm Agri Basileensis ∥ MONUMENTA ∥ SEPULCHRALIA, TEMPLORUM ∥ OMNIUM, CURIÆ, ACADEMIÆ ALIA-∥RUMQUE ÆDIUM PUBLICARUM LATINÆ ∥ ET GERMANICÆ INSCRIPTIONES. ∥ Olim quidem à Reverendo & Clariß. ∥ Dn. M. JOHANNE GROSSIO, Pastore Leonhar-∥dino ad annum 1619. sparsim collecta. ∥ Nunc vero in ordinatam annorum seriem locata & ∥ ad annum M. DC. LXI. continuata BASILEÆ, ∥ Typis & Impensis EMANUELIS KÖNIG & Fil. ∥ Anno M. DC. LXI.
Basel: Emanuel König, 1661, 118.
Editionsvorlage:
UB Basel, UBH Falk 1399 (mit handschriftlichen Notizen, aber keinen zu Karlstadts Epitaph).Bibliographische Nachweise:
- VD 17 23:000323R.
Fortsetzung der Sammlung von Gross durch Johannes Tonjola (1634–1700) bis in seine Gegenwart, zugleich chronologische Ordnung der Sammlung.
Abschrift des heute verschollenen Epitaphs in der prosopographischen Sammlung Basler Universitätspersönlichkeiten durch Jacobus Rüdin (1633–1689), entstanden im 3. Viertel des 17. Jahrhunderts.
Abzeichnung des verschollenen Originalepitaphs durch Peter Toussaint alias Dussing (1793–1865), Kunstmaler in Basel. Vermerk des Malers in der unteren linken Ecke: »Aufgenommen von P. T. 1837.« Das Aquarell ist in der Sammlung Falkeisen folgender Mappe zugehörig: »Aquarelle von Peter Toussaint (1793–1865). Ansichten in Basel-Stadt und Basel-Landschaft, Strassenzüge und einzelne Gebäude, Grabmäler und Grabinschriften«.
2. Entstehung und Inhalt
Andreas Bodenstein von Karlstadt verstarb am 24. Dezember 1541 an der Pest. Seinen Tod erwähnt Sebastian Münster Anfang 1542 in einem Brief an Konrad Pellikan und stellt ihn in eine Reihe mit einigen seiner ebenfalls an der Seuche verstorbenen, herausragenden Universitätskollegen: »Amisimus quattuor egregios viros ex nostro gymnasio, nempe Grynaeum2, Carolostadium, Rhaetum3 et Affinum4, deinde duos ludimagistros, videlicet Acetarium5 et Anthonium6 nostrum, nostrae quondam sectae.«7 Dieser neutrale Ton ist in den Meldungen über Karlstadts Tod selten. Auf Grund der Auseinandersetzungen über die Wiedereinführung der Doktorgrade als Voraussetzung für die Erlangung einer Professur und über die Unterordnung der Basler Geistlichkeit unter die Autorität der Universität waren in der Basler Kirche und Hochschule zwei sich feindlich gesinnte Lager entstanden.8 Karlstadt stand mit dem ehemaligen Rektor Hieronymus Artolphus und dem Juristen Bonifacius Amerbach Kollegen und ehemaligen Freunden wie dem Münsterprediger Oswald Myconius, dem Gräzisten Simon Grynaeus und dem – zum Zeitpunkt von Karlstadts Tod schon wieder ehemaligen – Latein- und Griechischprofessor Johannes Oporinus9 gegenüber.10Sie verbreiteten Gerüchte über einen »unruhigen« Tod Karlstadts. Oporinus war auch der erste, der Anfang Februar 1542 in einem Brief an Joachim Camerarius in Leipzig die üblen Diffamierungen Karlstadts in den Norden übermittelte. Er bezeichnete Karlstadt als Pest der Basler Kirche und behauptete, dass er vom Teufel geholt worden sei und seine Geister nach dem Ableben im Haus der Witwe ihr Unwesen getrieben hätten.11 Camerarius leitete diese Neuigkeiten noch im Februar an Melanchthon weiter,12 der sie wiederum in Wittenberg verbreitete. Der Basler Münsterprediger und Karlstadtgegner Oswald Myconius teilte am 15. Februar Rudolf Gualter in Zürich mit, dass Karlstadts Geister in dessen Haus wüteten und Myconius von der Tafel vertrieben hätten.13 Einen Monat später, am 17. März 1542, schrieb er Luther, dass Karlstadt an der Pest gestorben, in der Zeit vor dem Tod von Dämonen bewegt und der Zerstörer der Basler Kirche gewesen sei.14 Diesem Brief war das verschollene Schreiben Anna von Mochaus an ihren Onkel Christoph von Mochau beigelegt, dessen Antwort mit der Luthers und Melanchthons an den Basler Rat ebenfalls in diesem Band der Karlstadtausgabe ediert ist.15 Der Briefbote Philipp Bech übergab das Schreiben am 28. April in Wittenberg und stellte fest, dass in der Stadt schon viele Gerüchte über Karlstadt kursierten: Er sei vom Teufel geholt worden, nicht im Glauben, sondern auf Grund seiner theologischen Irrtümer in tiefer Verzweiflung verstorben, und in seinem Haus führten Geister Tumulte auf, sodass es niemand mehr bewohnen könne.16 Die Nachrichtenkette von Oporinus über Camerarius zu Melanchthon war in Wittenberg sehr erfolgreich. Luther selbst verbreitete die Gerüchte unter seinen Korrespondenten, bald angereichert um eine ausschmückende Schauergeschichte, die ihm Veit Dietrich aus Nürnberg zugetragen hatte.17
Bei dem hier edierten Gedenkblatt dagegen steht allein die ehrende Erinnerung an den verstorbenen Karlstadt im Mittelpunkt. Es umfasst eine einleitende Über- und Beischrift mit dem Todesdatum, dem Todesalter (55 Jahre) und dem Ort der Bestattung (St. Peterskirche Basel). Mit Hilfe dieses Gedenkblattes konnten Karlstadts Alter zum Zeitpunkt des Todes und sein Geburtsjahr neu bestimmt werden.18 Dem Porträt Karlstadts in Form eines Holzschnitts folgen in drei Spalten19 zwei Epicedien, eines von dem noch jungen Studenten Heinrich Pantaleon (1522–1595), ein zweites von Karlstadts Sohn, dem späteren Mediziner und Paracelsisten Adam von Bodenstein (1528–1577).
Der Porträtholzschnitt zeigt Karlstadt im Dreiviertelprofil als älteren Mann, barhäuptig, mit gestutztem Vollbart und faltendurchfurchter Stirn.20 Er ist in edler Gelehrtentracht dargestellt, trägt ein Wams, aus dessen Halsausschnitt ein Hemd mit Krause ragt, darüber eine Schaube21 mit aufgestelltem Pelzkragen, aus der weite Ärmel herausschauen. Das Buch in der Rechten kennzeichnet seine Gelehrsamkeit. Tatsächlich könnten die deutlichen Alterszüge Karlstadt kurz vor seinem Tod im Alter von 55 Jahren wirklichkeitsnah wiedergeben, wie es sein Sohn Adam in dem dem Porträt folgenden Gedicht betont.
Aufgrund dieses Porträts und der Bezeugung seiner »Echtheit« durch Adam von Bodenstein zweifelte Ulrich Bubenheimer die Authentizität eines vordem für eine Karlstadtabbildung gehaltenen Kupferstichs aus der Porträtsammlung der UB Basel an, zumal die Zuschreibung ungesichert ist und der Name Karlstadts nur einer unter das Bild geklebten, vermutlich dem 17. Jahrhundert entstammenden Legende zu entnehmen ist.22 Tatsächlich ist davon auszugehen, dass es sich bei dem Porträt auf dem hier edierten Gedenkblatt um das einzige gesichert bezeugte, authentische Abbild Karlstadts handelt.23
Das umfangreiche erste Epicedion ist von Heinrich Pantaleon (1522–1595) verfasst, dem späteren Mediziner und Theologen, der 1568 eine erste Ausgabe seines Teutscher Nation Heldenbuch veröffentlichte, eine Sammlung von Biographien deutscher bzw. deutsch konnotierter Herrscher, Gelehrter, Juristen und Ratsherren von der Antike bis in die Gegenwart, unter denen sich im letzten der drei Bände freilich eine Lebensbeschreibung Luthers, nicht aber Karlstadts findet.24 Das Epicedion auf Karlstadt schrieb Pantaleon als 19jähriger Student. Ausweislich seines einzigen erhaltenen Briefes an Karlstadt (und Myconius), datiert auf den 20. September 1541, drei Monate vor Karlstadts Tod, scheint Pantaleon eine kurze Zeit dessen Schüler in Basel gewesen zu sein, bevor er nach Heidelberg wechselte; beide standen in einem (kurzzeitigen) humanistischen bzw. universitären Lehrer-Schüler-Verhältnis.25 Sein in typischem humanistischem Duktus gehaltenes Abschieds- und Trauergedicht umfasst 56 Verse in elegischen Distichen und ist in durchweg lobendem Tonfall voller antiker Anspielungen gehalten. Die Beerdigung Karlstadts wird als Versammlung trauernder Musen (»coetus Aonidum«) imaginiert, abgehalten unter einer Zypresse, dem antik-mythologischen Baum der Trauer.26 Der vortreffliche Karlstadt, voller Talent und Ingenium, wurde vom Tod gefällt. Es folgt die Aufreihung seiner Begabungen: Karlstadt lehrte die hebräische, griechische und lateinische Sprache, kannte die antiken Klassiker der »heidnischen« Literatur ebenso wie die Bibel und deren Exegeten.27 Der Keulenträger (als Allegorie für Luther)28 besiegte die Hydra (den Papst und die römische Kirche), Karlstadt jedoch Übel, die noch schlimmer als diese vielköpfige Schlange waren. Er lernte die römische Pest der päpstlichen Bullen29 und ihre Diener kennen, die er in die Flucht schlug. Schließlich hat er in Lehre und Wissenschaft Medizin, Jurisprudenz, Philosophie, Poesie und alle Gebiete der apollinischen Künste miteinander verbunden.30 Doch Fortuna, die blinde Göttin, raste gegen ihn und sein Lebensglück. In der Heimat erlangte er weder Besitz noch Ehre, und doch besiegte er die Göttin. Gott gab ihm zwei Mal fünf Lustren31 (à fünf Jahre) und ein weiteres. Die zusammengerechneten 55 Lebensjahre im Gedicht stimmen mit der Altersangabe in der Überschrift überein. Mit dem Tod werde Karlstadts Ruhm die Angriffe gegen ihn überstrahlen. Und es gebe eine Hoffnung: in seinem Sohn Adam pflanze sich der verstorbene Andreas lebendig fort.
Mit Allusionen auf Vergils Aeneis und die Punica des Silius Italicus, in geringerem Maß auch auf Ovids Metamorphosen und die Thebais des Statius, setzt Pantaleon gleich am Anfang den Ton;32 er verwendet Anspielungen und Formulierungen, um dem Begräbnis, zu dem sich die Musen versammelt haben, ein antikes Ambiente zu verschaffen. Bei der Beschreibung der gelehrten Fertigkeiten Karlstadts, aber auch seines schweren Lebenswegs mit der Flucht aus der Heimat übernimmt er ganze Verse wörtlich oder nahezu wörtlich aus älteren Trauergedichten Rudolf Agricolas (auf Graf Moritz von Spiegelberg) und des Eobanus Hessus (auf Johannes Reuchlin und Ulrich von Hutten).33 Dabei handelt es sich nicht um Plagiate im modernen Sinn. Pantaleon verwendet die Technik der Übernahme aus Werken etablierter humanistischer Autoren, um sein eigenes Schaffen mit diesen aufzuwerten und beider Stil vergleichend nebeneinanderzustellen, um sich letztlich als Neuankömmling in die gelehrte, humanistische Gemeinschaft einzuschreiben.
Das nur sechs Verse umfassende, ebenfalls in elegischen Distichen gehaltene Gedicht des erst 13jährigen Sohnes Karlstadts, Adam von Bodenstein34, hat die Abbildung seines verstorbenen Vaters zum Thema, die dem Gedenkblatt beigefügt ist. Jedes Mal, wenn er das Porträtblatt sehe, freue er sich und trauere zugleich, denn der Verstorbene sei auf Grund der Echtheit bzw. natürlichen Ähnlichkeit des Abbildes gleichsam wieder da. Auffällig ist neben der Knappheit die Abwesenheit unmittelbarer intertextueller Referenzen, wenn von dem Bezug auf die Lebensechtheit der Bilder des antiken Malers Apelles abgesehen wird.35
Die Beilage liefert die Abschrift bzw. Abzeichnung des Grabepitaphs Karlstadts, das sich im großen Chor der St. Peterskirche Basel befand. Die erste erhaltene Abschrift dieses Epitaphs nahm Johannes Gross vor.36 In den früheren Sammlungen von Epitaphien und Monumenten durch Christian Wurstisen, Nathan Chytraeus und Simon Grunaeus ist das Epitaph auf Karlstadt nicht zu finden.37 Die Nachfolger Tonjola und Rüdin folgten Gross sowohl im Worlaut als auch in der Orthographie. Bei allen findet sich das fehlerhafte Sterbejahr (»M.D.XLIII.«) und die unklare Formulierung, dass Karlstadt »a Reformat. pastor II«, also der zweite Pastor seit der Reformation gewesen sei.38 Diese Wendung erscheint nicht zeitgenössisch, sondern dürfte später eingeschoben worden sein, setzt sie doch eine historische Vorstellung der Reformation voraus, die allenfalls mit dem ersten Reformationsjubiläum 1617 in einen Zusammenhang zu bringen ist. Der restliche Wortlaut wird in der abschriftlichen Tradition orthographisch genauer wiedergegeben als in der Zeichnung. Es ist ungewiss, ob das Epitaph bereits 1543 bzw. kurz darauf mit fehlerhaftem Todesjahr entstand39 oder erst um 1600 als Ehrenmal des Professors Karlstadt, um ihn in eine akademische Ahnenreihe einzufügen. Dafür könnte sprechen, dass das Grabmal in der Überlieferung erstmals 1602 auftaucht.40 Auffällig ist, dass Karlstadt nach vielen Jahren, in denen seine ihn überlebenden Gegner Oswald Myconius, Johannes Oporinus und Johannes Gast ein Negativbild von ihm in der Stadt aufbauten und prägten, am Ende des 16. Jahrhunderts neue Ehrungen erfuhr. Gemeinsam mit den gelehrten Kollegen Johannes Oekolampad, Simon Grynaeus, Paul Phrygio, Oswald Myconius, Sebastian Münster und Wolfgang Wissenburg erhielt er im Chorumgang des Münsters (»in Choro autem Templi huius«) einen ehrende Inschrift als bedeutender Lehrer der wahren theologischen Lehre in Basel.41 Vermutlich ist diese Inschrift in Form einer Wandmalerei im Zuge der Umwidmung des Münstersaals im Basler Münster zum »Auditorium Theologorum« und seiner künstlerischen Ausgestaltung im Jahr 1596 entstanden.42 Der Münstersaal befindet sich über der Mittelhalle des Kreuzgangs, sodass die Vermutung besteht, dass der tatsächliche Ort der heute übermalten Inschrift entweder auf dem Weg zur Wendeltreppe, die in den Kreuzgang führte, oder in der Vorhalle des Münstersaals war.43 Ob es sich dabei um eine inschriftliche Wandmalerei in Grisailledekoration handelte, wie sie im Münstersaal selbst vorgenommen wurden, ist nicht klar.44
Die Abzeichnung von Peter Dussing (Toussaint) scheint also in der erwähnten Textstelle und im Zeilenfall korrekter zu sein, auch wenn Orthographie und Grammatik zu emendieren sind. Nach Dussing handelte es sich um ein Epitaph, das mit reichen Verzierungen im Stil der Renaissance gestaltet war.45 Im Mittelfeld stand die Inschrift, deren Übersetzung folgendermaßen lautet: »Andreas Karlstadt, Doktor der Heiligen Theologie, zweiter Pfarrer der St. Peterskirche, der das Rektorenamt mit Lob ausübte und als Liebhaber von guter Ordnung und Zucht unbescholten lebte. Er verstarb fromm im Jahr des Heils 1543. Seine Seele ruhe in Frieden.«
Der Wortlaut der Abzeichnung enthält mehrere Schreibfehler. Entweder war die Inschrift zum Zeitpunkt der Anfertigung der Abschrift bereits beschädigt oder Dussing verstand den lateinischen Text nicht. Der Maler fertigte zunächst mit Kohle oder Bleistift eine Vorzeichnung der Inschrift an, welche in einem zweiten Schritt mit Tinte nachgezeichnet wurde. Dabei nahm er auch Korrekturen der Buchstabenpositionen vor. Die Kohlevorzeichnung ist in einzelnen Fällen noch hinter der Tinte erkennbar (Z. 1–4.6.8f.11f.); auch die Schreiblinien sind nur unzureichend ausradiert worden. In der vorletzten Zeile scheint der Beginn des Wortes »CVIVS« mit dem Messer korrigiert. Es war ursprünglich ausgelassen worden, die Zeile begann mit dem Wort »ANIMA«, welches dann ausradiert und mit »CVIVS« überschrieben wurde. Da »ANIMA« den Zeilenanfang bildete, rückte auch das nachfolgende »REQVIESCAT« nach links – Reste dieses ausradierten Wortes finden sich hinter dem nun sichtbaren »ANIMA«. Das Wort »Anno« war wohl zunächst ausgeschrieben, da das mit Kohle geschriebene A links vom Wort beginnt. Schließlich sind in der Lücke zwischen »Chor« und »zu« noch schemenhaft Bleistiftstriche zu erkennen, möglicherweise vier Buchstaben, deren letzter mit Sicherheit ein »g« und deren vorletzter wohl ein »n« war. Dussing könnte also ursprünglich »Chorgang« geschrieben haben.
Das Original des Epitaphs befand sich im Jahr 1837, wie der Maler vermerkt hat, noch im Großen Chor der Pfarrkirche St. Peter in Basel, an der Andreas Bodenstein von Karlstadt von 1535 bis zu seinem Tod am 24. Dezember 1541 Pfarrer war. Auch in der Abzeichnung ist das Todesjahr falsch mit 1543 angegeben.46 Da die gesamte Textüberlieferung seit 1622 diesen Fehler aufweist, kann er sich schon im Original befunden haben.47 Wann das Epitaph aus dem Chor(gang) entfernt wurde (1837 oder später) und wo es verblieben ist, ist unbekannt.
KGK 393
Transkription
