Nr. 373
Gutachten über die Verbesserung der Lehrpläne an der Theologischen Fakultät der Universität Basel
Basel, 1536, [Ende?]

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck
Buchsymbol fehlt

Theologia facultatis restau-
randae
consilium
docto'ris' Carolostadii.

Buchsymbol fehltaOrdenung Biblischer
bücheren in laͤsung
zů haltena

Die heilige Bibel sol man durchuß, alt und
nüw testament, laͤsen. Doch in nachange-
zoͤfugten
capitellen sonderbaren fleyß ankeren.

Die erste dry capitell Genesis von schoͤpfung
aller creaturen, von Adams faal und sünd,1
zůsampt vom gepredtigtem evangelio Christi im
paradiß.2 Nach dem von Abrahams berůf3,
glauben, gehorsamy4, verheissungen wandell und
laͤben, bissb in seinen todt.5

Die Capitell Levitici von den opferen und
Briestertumb,6 deren unverstand menigen
in vil geschrifften uffhaldt und verhinderet,
deßgleichen die dry letzten capitell,7 daß man
erdtrich hüser und personen schaͤtzen und warumb
got straffenc pflegt, lerne.

Deuteronomium sol mit anhebiger8 erforschung derd
anderen vorgesaͤtzen bücheren ußgelegt und erfült
waͤrdene.9 Es soll och10 der laͤser geflissen11 sin, daruber
derf Propheten des evangelii und apostelen inleidung
oder üßlegung anzůzoͤugen.12

Der laeser sollg inh den historien mit guͤter erleüterung deß
volkes gottis laͤben und wandell, tůgenden
und laster, regiment und gemeinen nůtz oder
schaden vermelden, undi verfancklich13
deß glaubens craft und wolfardt, widerumb
der ungloͤubigen entlich unglück einbilden14.
Buchsymbol fehlt Derwegen das bůch der Richteren und Cronica
mit emsiger erinnerung zů laͤsen ist.

Der psalmen und Propheten wissagung,
so Christum unseren trost anlangend, soll
der laͤrer mit traͤffelichem yfer15 ußlegen.16

Was och17 propheten und psalmen im gesatzt
anrürent oder erlüterend, soll mit nichtej
unangezoͤugt bliben.18

In dem nüwen testament.

Der lerer soll alle bücher durch erklaͤren,
in sonders und mit mererem verdacht19
das evangelium Joannis20, der Apostlen
geschicht, diek epistell zů den Roͤmeren,
zů den Corintheren und hebreern etc.
In disen soll weder muͤh gespart noch
anders erwinden21〈.〉

Ordenung der interpretation
in ußlegung heyliger geschrifft

Zum astenl sollend die lerer den sententz wol Quid? Was?22
ermessen23, und so die woͤrter deß sententz dünckel
und schwaͤr zů ergrunden, eroffenen, dannet-
hin
24 das argůment, damit der heilig geistm dien vernunft
überwindt, mit namen25 anzoͤugen〈.〉26

Zum anderen form und gestalt, damit27 der her Quomodo? Wie geredt?28
sinen rathschlag der welt verkundiget, trülichen
offenbaren, ob die geschrifft mit einfalttigen wor-
Buchsymbol fehltten
reden tůn.29 Odero mit den tropis schyn-
barlich
pqirr red mache und erlüchte, oder ob sie mit
den figuren30, so man schemata namset31, iren sentenz
ingewicklets verdeckt und verborgen hab, deß
laͤsers empsigen fliß uffzůwecken.

Zům dritten wahin die rede deß hern lange32, welchen Quorsum? wahin?33
rath der prophet gottis gehept, was sin end34 sie35.

Zům vierten geschrifft mit geschrifften, und Collatio. verglichung.geschrift-
lichen
exemplen verglichen.36

Zům fünfften, ob etwan ein geschrifft dem Conciliatio. vereinparung.37
ußgelegtem text im schin38 widerspraͤche, daß
man die selbige zesamen fuͤgte, und durch ein
andere geschrifft vereinbartet, oder so er die selbige
nit haͤtt, durch die analogiam daß messigung39
deß glaubens zesamen knüpfe.

Zům saͤchsten sollend die lerer ire erwiste40 leer accomodatio. zůfugung.41
und der geschrifften sententz uzu gegenwertiger weltu fuͤgen, guͤte sitten
bestaͤttigen, herwiderumbv deß Satans buw braͤchen,
was er toch mit falscher leer oder ungerechtikeit hett
gebuwetw.

Dise ordenung sollx deß orts gebrucht werden,
da die schrifft anlasset42 und verursachet43, dann
wie obgemelte artikeln der interpretation nit sollendy
frembd44 ingedragen45, also sol man sie durch
farlaͤssikeit nit übersaͤhen.

Von übungen, durch welche alle künst
baaß46 verstanden, tiffer inwuͤrzend47, und ir machte erlangend.Exercicia. übungen.

Alle donstag48 vor oder nachmittag sollend die
lerer ein disputation Christlicher wiß fürnemen
Buchsymbol fehlt daß ist onez Zanck, und one gesůch iteler ere, der widerfechtetaa49
soll uß der geschrifft reden, und der antwortet soll och
ine antwort üß der Bibel geben, und das band,50 in
dem sich die geschrifften verpindten, zůab handten nemen.

Die andere übung.

Alle die nach gehebter51 lection zwifelent, oder nit ires
gefallens bericht entpfahend, sollend fůg52 haben, ireac
mangell, fruchtlicher wisead an den lerer
zů bringen, bescheid von im zů nemen.

Habes optime ac doctiss'ime' Grynee53, quod facere me precepisti.54
Si non effeci quod volebasae, velis quod feci. Tu iure
fecisses, qui optimorumafagauctor esag, sed ego stultitiamah prodireai
meamaj malui, quam non obsequi praecipienti. Habes duplicem
chartamak, alteram quae nullam instituti nostrial rationemam adfert.55
Utramvis deligito, aut si magis lubet utramque abiicito.
Vale in deo patre et domino Christo feliciter.

T'uus' A'ndreas' C'arolstadius'


a-afehlt b
bkorrigiert aus vast b
ckorrigiert aus straffet a
dkorrigiert aus am Ende abgekürztem der a
ekorrigiert aus werden a
feingefügt a; die b, c
gam Rand später eingefügt a
hvom Editor verbessert aus In a
ifolgt gestrichen nit a
jnichtn b
kfolgt gestrichen C a
lersten b, c
mgest a
nüber der Zeile eingefügt a
ofolgt gestrichen tropis a
pkorrigiert aus schynbarlichen a
q-qüber der Zeile eingefügt für gestrichen worten 〈[…]〉 rede a
rfehlt b, c
sfolgt gestrichen und a
tkorrigiert aus vereinbare a
u-uam Rand mit Einschaltzeichen eingefügt a
vhinwiderumb b, c
werbauwet b, c
xüber der Zeile eingefügt a
yfolgt gestrichen fred a
zfolgt unleserlich gestrichen a
aaletzter Buchstabe verbessert b
abdavor öffnende Klammer a, b
acfehlt b, c
adfolgt gestrichen dem lerer a
aenolebas b
afoptimus b
ag-agdie beiden Wörter nachträglich mit Strich getrennt b
ahstultitia b
aifolgt unleserliche Streichung a
ajmea b
aküber der Zeile eingefügt für korrigiertes und gestrichenes chartam a
alneque b
amrationes b

3Berufung.
4Auffällig ist die autographe Verwendung der schweizerischen Wortform durch Karlstadt.
73. Mose 25–27 über Erlassjahr und Schätzung des Volkes.
8anhalten. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 2, 941 s.v. anhebig Nr. 1.
10auch.
11gewissenhaft. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 1211 s.v. g(e)flissen.
12Bezug auf Jesu Auslegungen der atl. Gesetzestexte in Mt 5,17–58 und Joh 5,21–36.
13empfänglich. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 861 s.v. verfänglich Nr. 2.
14einprägen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 1199f. s.v. inbilden Nr. 1a.
15Eifer.
17auch.
18Unter den zahlreichen Stellen in Psalmen und Propheten, die sich dem Gesetz widmen, seien genannt: Ps 17(18),8; 39(40),9; 111(112),1; 118(119); Jes 26,8; Hes 18,21; 20,19f.; 36,27; Mi 6,8; Hiob 23,12.
19Bedenken. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 12, 361 s.v. Verdacht Nr. 1a.
20Das Johannesevangelium, insbesondere Joh 6,51 und 6,63 war für Karlstadts geistliche Interpretation des Abendmahls in den 1520er Jahren zentral. Vgl. KGK VII, Nr. 276, S. 406, Z. 17 – 407, Z. 2; S. 409, Z. 2; Nr. 277, S. 475, Z. 20; S. 478, Z. 10–15; Nr. 278, S. 529, 574, Z. 5f.; S. 578, Z. 16–18; S. 579f., S. 582, Z. 1–7; S. 585, Z. 7f.; Nr. 279, S. 600, Z. 1f., S. 604, Z. 12f., S. 608, Z. 20f.; S. 609, Z. 16; S. 619, Z. 10–21; S. 623, Z. 10–21; S. 624, Z. 8–12 u. KGK VIII, Nr. 289, S. 118, Z. 16f.; S. 119, Z. 4f.; S. 121, Z. 9f.; S. 149, Z. 7–10; Nr. 311, S. 458, Z. 6–8; S. 460, Z. 6 – S. 461, Z. 11. Im theologischen Lehrplan der Universität Basel nimmt es augenscheinlich die erste Stellung unter den Evangelien ein, doch wird seine Lesung und Exegese auch im Lehrplan der Universität Wittenberg hervorgehoben. Siehe KGK 373 (Anmerkung) und UUW 1, 156.
21ermangeln. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 16, 576 580f. s.v. erwinden II Nr. 31.
22Karlstadt folgt in der Auslegungspraxis den rhetorischen Kategorien des status definitivus mit der Frage nach den Wortbedeutungen (quid nominis) und den Inhalten. Zur Statuslehre vgl. HWR 8, 1327–1358 (bes. 1344f.) s.v. Statuslehre.
23erwägen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 458 s.v. ermessen Nr. 3.
24sodann. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 2, 1356 s.v. danne(n)hin Nr. 2c.
25ausdrücklich, mit der Intention. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 722 s.v. Name(n) Nr. 1cγ u. 2.
26Zuerst sollen die Wörter (verba) erklärt, danach die Inhalte (res) erläutert werden. Siehe o. KGK 373 (Anmerkung).
27auf welche Weise.
28Die Frage, auf welche Weise etwas zu analysieren ist, betrifft rhetorisch den status qualitatis.
29Ein schmuckloser, klarer Stil.
30Zu den rhetorischen Figuren und Schemata vgl. KGK 373 (Textstelle). Zeitgenössisch ausführlich hierzu Melanchthon, Elementorum rhetorices (1532), fol. H2v–I5r. Andererseits entspricht die Figura dem in der Vulgata verwendeten Begriff des »Typos« und verweist typologisch auf die heilsgeschichtliche Bedeutung des Begriffs im Christusgeschehen. Vgl. TRE 34, 208–224.
31nennt.
32reiche, ziele.
33Der rhetorische Zweck, die causa finalis der biblischen Rede.
34Zweck.
35sei.
36Der Stellenvergleich, der rhetorisch beschränkt sein soll auf eine Erklärung unklarer Textstellen durch den Vergleich mit klaren Textstellen. Luther hatte Karlstadt in der letzten Abendmahlsdiskussion 1527/28 für ausufernde Stellenvergleiche gerügt. Vgl. KGK VIII, Nr. 311, S. 458 Z. 6 – S. 459, Z. 6 mit Anm. 15 u. 17.
37Karlstadt verwendet den Begriff der conciliatio vollkommen anders, als ihn die klassische Rhetorik fasste, die darin Stilmittel der Sympathiegewinnung der Zuhörer, eine Verwendung von Argumenten des Gegners, um sie für die eigene Argumentation zu verwenden, oder aber eine positive Wendung negativer Charakterzüge sah. Vgl. HWR 2, 314–317.
38scheinbar.
39Gemäßheit, Vereinbarkeit. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 441 s.v. mässig Nr. 4. Hier also: dem Glauben gemäß; mit dem Glauben vereinbar.
40erwiesen.
41In der antiken Rhetorik bedeutet accomodatio die Anwendung der geeigneten Wörter auf die Gedanken in einer Rede, des Redeschmucks auf den Gegenstand, aber auch auf den Zweck der Rede (Ad Her. 1,3 u. 2,17; Cic. de or. 1,131;Cic. de inv. 1,9; Quint. 11,1,2) Vgl. HWR 1, 310. Augustin sah in den Analogien in der Natur eine accomodatio der göttlichen Rede an das Empfinden des menschlichen Betrachters, mithin eine Art göttlicher Beredsamkeit (Aug. ep. 55,7,13). Vgl. HWR 1, 311. Karlstadts Vorstellung kommt aber einer moderneren Auffassung nahe, wie sie der Philologe August Boeckh im 19. Jahrhundert vertreten hat. Er sah in der Akkomodation die Hinzufügung bzw. Anknüpfung einer neuen Wahrheit an etwas Bekanntes. Vgl. HWR 2, 1064. Ähnlich möchte Karlstadt das neu erworbene Wissen mit dem Handeln in der Erfahrungswelt verknüpfen.
42veranlasst, anreizt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1391 s.v. anlassen u. 3, 1404 s.v. anlassen II Nr. 3b.
43Der Satz etwa: »Diese Ordnung soll an den Orten gebraucht werden, wo die Schrift dazu Veranlassung und Ursache gibt«.
44befremdlich, seltsam, sonderbar. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 1298 s.v. fremd Nr. 4.
45festhalten, niederschreiben, anwenden. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 14, 497 s.v. intragen Nr. 1c.
46besser. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 1650 s.v. bas(s) Nr. 1a.
47Wurzeln fassend. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 16, 1759 s.v. inwurzen a.
48Donnerstag – vor- oder nachmittags – sollte als Tag den theologischen Disputationen dienen.
49respondiert.
50Vermutlich Verweis auf eine Bibelkonkordanz. Eine Konkordanz der hebräischen Bibel wurde 1523 in Venedig gedruckt; sie wurde von Johannes Reuchlin überarbeitet und erschien 1556 (VD 16 ZV 17847). Sixtus Birk (Betuleius) erarbeitete eine Konkordanz der griechischen Bibel, die 1546 in Basel publiziert wurde (VD 16 B 5581).
51gehaltener.
52Befugnis, Recht. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 699 s.v. Fueg Nr. 2.
53Simon Grynaeus (1494–1541), 1524 Professur für Griechisch in Heidelberg, mit der Immatrikulation 1532/33 in Basel zum Professor der Theologie ernannt, 1537 Dekan der Artistenfakultät. Er starb am 1. August 1541 in seinem Rektorat an der Pest. Vgl. Matrikel Basel 2, 2 u. 514; ADB 10, 72f.; Amerbachkorrespondenz 3, 514; HBLS 3, 783; Staehelin, Entstehung, 148. Zu seinem Tod vgl. KGK 391 (Textstelle).
54Die Aufforderung, ein Gutachten zu erstellen, erging diesem Anschreiben nach durch Grynaeus. Sollte dies im Zusammenhang mit dessen Dekanat an der artistischen Fakultät erfolgt sein (siehe KGK 373 (Anmerkung)), müsste das Gutachten später datiert werden, denn die Dekanatswahl erfolgte erst zum 1. Mai 1537. Karlstadt war als Dekan der theologischen Fakultät (1536–1540, vgl. Matrikel Basel 2, 509) Grynaeus im Rang übergeordnet.
55Karlstadt versandte ein doppelseitiges Blatt Papier (wohl einen gefalteten Bogen), das weiteren Inhalt enthielt (»ein zweites [Blatt], das keinen Plan unserer Lehranstalt hinzufügt«).

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