Nr. 395
Martin Luther und Philipp Melanchthon an den Rat der Stadt Basel: Bitte um Unterstützung für Karlstadts Witwe Anna von Mochau und Kinder
Wittenberg, 1542, 29. Mai

Einleitung
Bearbeitet von Harald Bollbuck

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] StA Basel-Stadt, Kirchenakten G 8 (2 Blätter, unfoliiert, 2v vacat; Schreiberhand, dieselbe wie in KGK 396, mit eigenhändigen Unterschriften Luthers und Melanchthons, Siegelspuren; Präsentationsvermerk beim Rat: »Betrifft Carelstats seligen witwe unnd Kind, praesentat. 19. Junii Anno 1542«; Archivvermerk von Hand des 18. Jh.: »Von D. Luthero und Ph. Melanchtone«)
Editionen:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Auf Veranlassung Christoph von Mochaus bitten Martin Luther und Philipp Melanchthon den Rat der Stadt Basel um Unterstützung für Andreas Karlstadts Witwe, Anna von Mochau, und deren Kinder.1Vorausgegangen war mindestens ein versiegeltes Bittschreiben Annas, das sie dem Brief des Oswald Myconius an Luther über Karlstadts Ableben, verfasst am 17. März 1542, beigelegt hatte und das dieser vermutlich an ihren Onkel Christoph von Mochau weiterleiten sollte.2 Die Briefe erreichten Luther am 28. April.3 Nach gegenseitigem Austausch des Bittschreibens – es wird vermutet, dass Luther es nach Lektüre von Christoph von Mochau zurückerhielt und erst dann las4 – sandten Luther und Melanchthon am 29. Mai ihr Gesuch an den Basler Rat, Mochau wiederum ein eigenes einen Tag später (KGK 396). Beide wurden am 19. Juni 1542 dem Rat präsentiert, aber nur die Antwort auf den Brief Mochaus vom selben Tag ist überliefert (KGK 397). Das Bittschreiben Anna von Mochaus ist ebenso wie die zu vermutende Antwort des Rats an Luther und Melanchthon verschollen.

Laut vorliegendem Schreiben hatte sich die Witwe in ihrem Brief vom bzw. vor dem 17. März 1542 über die von ihrem verstorbenen Mann hinterlassene Armut beklagt. Angesichts der Kapitalverzinsungen, die Karlstadt in den beiden Jahren vor seinem Tod vornahm,5 erscheint die Klage der Witwe über ihre Mittellosigkeit diskutabel.6 Allerdings überliefert Karlstadts Erklärung zum Stiftsgut den vermutlich geringen materiellen Besitz der Familie;7 zudem ist zu bedenken, dass der Witwe bald nach dem Tod ihres Ehemannes der Verlust der Pfarrbehausung von St. Peter drohte.8

Scheinbar hat sich Anna von Mochau auch über eine angebliche Tyrannei ihres Gatten ausgelassen, die selbst sein Geist nach dem Tod weiterhin ausübte.9Jedenfalls deutet ein Brief Luthers vom 30. April 1542 an Justus Jonas darauf hin: »Uxor Carolstadii huc scripsit literas tristitia plenas et tyrannidem mariti (etiam post mortem eius) graviter accusans, ut reliquerit nudam, et clinodiis suis egentem, debentem, exulantem, quinque liberis gravatam, nihil proprii habentem etc.«10 Luther könnte aber auch Aussagen des Karlstadtfeindes Johannes Oporinus mit denen der Witwe vermengt haben.11


1Zur Aufteilung des Erbes an Ehefrau und Kinder vgl. KGK 398 (Anmerkung).
2WA.B 10, 13,1f. mit Anm. 2 Nr. 3725; Myconius, Briefwechsel 2, 647 Nr. 713.
3Vgl. WA.B 10, 12.
4WA.B 10, 14 Anm. 2; anders Barge, Karlstadt 2, 515f.
5Siehe KGK 388 und KGK 393.
6Hierzu vgl. Barge, Karlstadt 2, 516f.
7Siehe KGK 381.
9Zu den Berichten von Karlstadts nach seinem Tod wandelndem Geist vgl. WA.B 10, 12f. Nr. 3725 und KGK 394 (Textstelle). Diese Aussagen stehen in einem geradezu literarischen Kontrast zu Karlstadts ablehnenden Aussagen zu wandelnden Poltergeistern in den 47 Conclusiones de coniuratione mortuorum (KGK V, Nr. 225, S. 237, Z. 4). Allerdings gesteht er im Sermon vom Fegefeuer zumindest einigen wandelnden Seelen zu, weiterhin auf der Suche nach der Erkenntnis Christi zu sein: »Die erfarung umblauffender selen/ ist so groß/ das ich sy nicht straffen noch verwerffen darff/ Gleychwol gestehe ich/ das sich der teuffel auch in gestalt eines umbwandelten gaysts verstelt/ und umb messen/ opffer/ lichte/ und der gleichen schreyet/ auff das er die pfaffen in irem yrthůmb behalt/ und die leyen umb gůt und leben brengt. Aber nicht desterweniger halt ich/ das selen auch moͤgen umbgeen/ und auß dem alten yrthůmb/ irrische und unnuͤtz huͤlff begern/ solang/ byß sie gottis kůnst begreyffen/ welche got mer dann opffer gefelt[.].« (KGK V, Nr. 233, S. 360, Z. 20f. – S. 361, Z. 2).
10WA.B 10, 54,13–16 Nr. 3745.
11Oporinus war wohl der erste, der die Diffamierungen Karlstadts nach Wittenberg und Nürnberg verbreitete. Er stellte ihn als Pest der Basler Kirche und als in seinen letzten Tagen vom Teufel Heimgesuchten dar und berichtete über die Geister, die nach Karlstadts Tod im Haus der Witwe ihr Unwesen treiben würden. Vgl. WA.B 10, 26f. Nr. 3730; 11, 81,34–38 Nr. 2896; CR 4, 784 Nr. 2453 und KGK 394 (Anmerkung).

Downloads: XML · PDF (Druckausgabe)
image CC BY-SA licence
»