Nr. 395
Martin Luther und Philipp Melanchthon an den Rat der Stadt Basel: Bitte um Unterstützung für Karlstadts Witwe Anna von Mochau und Kinder
Wittenberg, 1542, 29. Mai

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck
Buchsymbol fehlt

Denn Edlen, Gestrengenn, Erbaren, unnd
weisen Herrnn Burgermeistern1 und Radt
zu Basel, unsern gunstigenn Herrnn.

Buchsymbol fehlt
Gottes gnad durch seinen eingebornen Son Jhesum Christum
unsern Heiland zuvor, Edle, Ernveste, Erbare, weise
gunstige Hern,

Uns hatt der Gestreng und Bhest Christoff von
Mochow, eine klegliche schrift gezeigt,2 die ihm die tugent-
same
Frau des Doctoris Andreae Carlstadts gelassene
witfrau seines brudern seligen tochter3 zugeschickt,
Darin die betrubte frauw ihm als ihrem nehist vorwanten
vettern ihr elend zu wissen thut, Nach dem
ehr aber dabey gebetten, das wir an Euer Ernveste und
weißheit schreiben wolden, haben mir ihm solche nicht
wollen abschlagen〈.〉 Denn wiewol
wir nit zweifeln, ihr als eine verstendige, lobliche Oberkeit
werdet selb bedacht haben, was sich in diesem fall gegen
eins pfarrers gelaßne4 weib und kind zu thun geburt,
denn ihr jetzund als vatter und furmunden5 zu achten
seit, haben wir gleichwol nit unterlassen wollen,
an Eur Ernveste und weißheit zu schreiben, als die
wir die tugentsame Fraue unnd ihr freuntschafft
kennen, unnd von wegen ihr tugent ein christlich〈,〉
billich und groß mitleiden mit ihr haben,
Bitten derwegenn
gantz vleissig, Eur Ernvest unnd weißheit wollen
sich der armen witfrau und waisen annemen,
Buchsymbol fehlt ihnen hulf und gutes erzeigen〈.〉 Denn wir bericht
worden, das sie kein aigen behausung, auch sunst nichts
haben, dazu sey ehr viel schuldig blieben〈.〉6
Dweil sie denn frembd7 sind, und keinen trost oder
zuflucht sonst wissen, und ehr dennoch ein kirchenn
diener bei euch gewesen, so wollet christliche erbarmung
an ihnen beweisen, Welches one Zweifel der
ewig Godt gnediglich belohnen wirdt, der witfrauen und
waisen unnd besonder der kirchen diener mit großem
ernst der oberkeit bevohlen hatt, Und
bitten, Eur Ernveste und weißheit wolle uns wider-
umb
gelegenheit der armen witfrauen und waisen〈,〉
auch was ihren halben E'ur' Ernveste und w'eißheit' bedencken,
zu wissen thun. Und E'uer' Ernveste und
w'eißheit' zu dienen sind wir willig. Datum Witebergk
montags nach Pentecoste8, Anno ec. xlii.

aMartinus Luthera
bPhilippus Melanthon.b

a-aLuthers Unterschrift autograph
b-bMelanchthons Unterschrift autograph

1Theodor Brandt, einer der Bürgermeister Basels, zu ihm vgl. KGK 400 (Anmerkung).
2Das Bittgesuch Anna von Mochaus an ihren Onkel Christoph, verfasst am oder vor dem 17. März 1542, da auf diesen Tag der Brief des Oswald Myconius an Luther datiert ist, dem sie ihr Schreiben beilegte. Siehe KGK 395 (Anmerkung).
4hinterlassene.
5Zur Geschlechtervormundschaft vgl. KGK 399 (Anmerkung). Annas Vormund (Vogt) war der Basler Bürger Jakob Rüdin; siehe KGK 399 (Anmerkung).
6Ähnlich in KGK 396 (Textstelle) mit KGK 396 (Anmerkung) und KGK 396 (Anmerkung). Dieser Aussage widersprechen die von Karlstadt angelegten Kapitalien. Vgl. KGK 388, KGK 393 und auch KGK 399.
7Nur im Sinne von auswärtig und aus einem anderen Land stammend, ohne Bezug auf Bürgerrechte.
8Pfingsten fiel im Jahr 1542 auf den 28. Mai, der Montag nach Pfingsten war demnach der 29. Mai.

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