Nr. 391
Heinrich Pantaleon an Andreas Karlstadt und Oswald Myconius
Heidelberg, 1541, 20. September

Einleitung
Bearbeitet von Harald Bollbuck

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] UB Basel, O III 28a, fol. 85r–86r

Eine Abschrift von Pantaleons Hand.

Der Band ist ein von Pantaleon autograph verfasstes Studienbuch. Es umfasst eine Sammlung von akademischen Texten und Abschriften von Briefen an und von Pantaleon. Der Titel auf dem Copperteinband ist nachträglich aufgetragen: »Expositio Heinrici Pantaleonis ante Magisterium fit sunt declamationes, disputationes, Assumptiones, praefationes et Epistolae.« Allein der Name ist von seiner Hand. Der Band enthält die Beweisführung seines Bakkalaureatsthemas (fol. 7r–9r), Deklamationen (fol. 13r–22r), ausführliche Darstellungen einiger seiner Disputationen (fol. 27r–48v), eine Vorrede zu seiner Persius-Lektion und eine Ermahnung zum Studium der Eloquenz (fol. 49r–66v) sowie die Briefabschriften (fol. 81v–96r).

Edition:

2. Entstehung und Inhalt

Der spätere Polyhistor und Mediziner Heinrich Pantaleon (1522–1595) hatte fast zwei Jahre lang zwischen 1538 und Frühjahr 1540 in Basel studiert, hielt sich dann kurzzeitig in Ingolstadt auf, bevor er im Oktober 1540 in Heidelberg immatrikuliert wurde.1 Aus der Basler Zeit rührt seine Verbindung zu Oswald Myconius und Andreas Karlstadt, den Adressaten dieses Briefes.2 Vermutlich wollte er bereits seine Rückkehr nach Basel vorbereiten. Pantaleon, der schon am 21. Juni 1541 in Heidelberg zum Baccalaureus artium promoviert worden war, ist aber erst am 10. Juni 1542 in der Basler Matrikel mit diesem Titel wieder zu finden. Vermutlich hatten die durch die Pestseuche hervorgerufenen Turbulenzen ihn an einer früheren Rückkehr gehindert.

Am Anfang des Briefes steht eine weit ausgebreitete captatio benevolentiae. Sein Brief an die in allen Wissenschaftsdisziplinen hochberühmten beiden Männer sei unverschämt, dennoch wage er es zu schreiben, obwohl sie bemerken werden, dass er bisher keine Beziehung zu den Musen gepflegt habe. Dieses Understatement konterkariert Pantaleon sogleich mit einer vertraulichen Anspielung auf eine Aussage des Theophrastus von Eresos, nach der auch weniger Gebildete hochgelehrten und beredten Männern schreiben dürften, wenn sie es in Treue und planvoll tun.3 Durch die Gaben der beiden Männer, die sie Pantaleon zuteil gelassen haben, sei er andererseits schon so sehr an sie gebunden, dass er es kaum zurückzahlen könne. Pantaleons Studienfreund Philipp Bechius4 habe ihm brieflich mitgeteilt, dass (der Basler Rektor) Simon Grynaeus5 an der Pest verstorben sei.6 Er betrauert, dass er nun von Grynaeus nichts mehr lernen könne. Gerne hätte er ein Lied für ihn gesungen (d.h. ein Trauergedicht geschrieben); es sei bedauerlich, dass er (angesichts der Pestsituation) nicht angemessen betrauert werden könne. Grynaeus habe keine Monumente seiner Tugenden hinterlassen, aber seine Wohltaten (als Lehrer) machten ihn unsterblich. Auch die Heidelberger Akademie habe mit einem großen Verlust zu kämpfen: Johannes Wolff aus Rohrbach7, Leibarzt des Kurfürsten Ludwig V.8, sei verstorben. Doch seien die Ratschlüsse Gott am jüngsten Tag anheimzustellen. Pantaleon versichert Myconius und Karlstadt seiner Treue und bittet sie im Gegenzug um Aufrechterhaltung ihrer Patronage. Der Brief endet mit sechs Versen aus Ovids Tristien, in denen der Dichter dem Patron seine Schuld als ins Herz geschrieben festhält und sich diesem erneut in Treue unterstellt.9


1Vgl. Matrikel Basel 2, 21; Matrikel Heidelberg 1, 576. Nach seiner Promotion zum Magister 1544 wird Pantaleon Professor der lateinischen Sprache, 1548 der Rhetorik, 1553 Doktor der Medizin in Valence, 1557 Professor der Physik wieder in Basel, 1585/86 Rektor ebenda. Vgl. auch Buscher, Pantaleon; HBLS 5, 373; Thommen, Geschichte, 271–277 mit etwas verschwommenen Angaben. Siehe auch KGK 394 (Anmerkung).
2Pantaleon besaß ebenfalls eine engere Verbindung zu Simon Grynaeus, dessen Tod er in diesem Brief erwähnt. Siehe KGK 391 (Anmerkung) und KGK 391 (Textstelle). Vgl. dazu Thommen, Geschichte, 271.
4Der Briefüberbringer Philipp Bechius (1521–1560) war unter dem Rektor Karlstadt 1537/38 in Basel immatrikuliert worden. Nach dem Bakkalaureat 1541 wechselte er 1542 nach Wittenberg, dabei überbrachte er die Briefe von Oswald Myconius und Anna von Mochau mit der Todesnachricht Karlstadts (vgl. KGK 394, KGK 395 und KGK 396). 1545 in Leipzig zum Magister artium, 1550 zum Baccalaureus med. und 1553 zum Licentiatus med. promoviert. Mit der Rückkehr nach Basel im selben Jahr Professor für griechische Sprache, dann für Logik; 1558 Aufnahme in die medizinische Fakultät. Vgl. Matrikel Basel 2, 17; AAV 1, 195; Matrikel Leipzig 2, 685, 81f.; Thommen, Geschichte, 359. Bechius wurde zum Freund Pantaleons während dessen ersten Studiums an der Universität Basel zwischen 1538 und 1540. Vgl. Matrikel Basel 2, 21.
5Grynaeus als Gegner Karlstadts, verstorben am 1. Juli 1541 im Amt des Rektors, das er seit seiner Wahl Anfang Mai ausgeübt hatte. Vgl. Matrikel Basel 2, 26. Zum zerrütteten Verhältnis zu Karlstadt siehe KGK 379 und KGK 383.
6Der Brief, datiert auf den 15. August 1541, ist in Pantaleons Abschrift überliefert: UB Basel, O III 28a, fol. 81v–82v. Bechius berichtet (fol. 82r) vom Tod des Simon Grynaeus. Seine Leiche wurde, da er an der Pest verstorben war, verbrannt. Auf Grund der Sommerhitze passierte alles sehr schnell, sodass keine Trauerfeier stattfand. Pantaleon antwortete Bechius am 22. November 1541, also nach dem vorliegenden Brief (UB Basel, O III 28a, fol. 83r–84v). In der Reaktion auf die Todesnachricht wiederholt er das bereits hier gegebene griechische Zitat.
8MBW 14, 204–206.

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