Nr. 392
Gebet zu St. Peter zur Abwendung der Pest in Basel
Basel, 1541, [November/Dezember]

Einleitung
Bearbeitet von Harald Bollbuck

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] UB Basel, Ki.Ar. 23a, fol. 279v (Abschrift, ehemals Antiquitates Gernlerianae 1)

Der Band enthält eine breite Sammlung von Abschriften unterschiedlicher kirchenhistorischer Art. Die Texte auf fol. 278r–297v einschließlich des Pestgebets sind von derselben Hand niedergeschrieben. Diese Abschriften beinhalten Synodalbeschlüsse, Begräbnis- und Visitationsordnungen aus der Zeit zwischen 1541 und 1581. Die Schreiberhand ist unbekannt.

Druck:

Frühdruck:

[A:] Karlstadt, Andreas Bodenstein von
Dr. Andreas Carolstads gebett ∥ zu sanct Peter.
in:
Myconius, Oswald; Karlstadt, Andreas Bodenstein von; Bersius, Marcus; Trockenbrot, Jacob
Gemeine Andaͤ∥chtige gebett/ so man alle ∥ Zynßtag zur bůßpredig in den vier ∥ Pfarkilchen zů Basel haltet/ für den grüwlich∥en Türcken. Auch für alles anligen der ∥ Christenlichen Kilchen. Jn ∥ dem 1541. Jor ∥ angefangen. Joel. 1. ∥ Bekerend eüch zů eüwerem Herren gott/ ∥ Dañ er ist guͤttig vnd barmhertzig.
[Basel]: [Erasmus Zimmermann], 1541, fol. A2r–A3r.
8°, 4 Bl., A4v leer, TH.
Editionsvorlage:
UB Basel, Falk 931:4.
Weitere Exemplare: UB Basel, Falk 931:4a. — UB Basel, FN VIII 17:8.
Bibliographische Nachweise:

Auf Grund der Büchermarke auf dem Titelblatt ist der Druck dem Basler Druckhaus des Erasmus Zimmermann zuzuordnen.1

Die Edition folgt der Druckausgabe, die der späteren Abschrift – auch auf Grund von Auslassungen in der handschriftlichen Überlieferung – vorzuziehen ist.

Edition:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Angesichts der sich seit August 1541 ausbreitenden Pestepidemie hatte der Basler Rat unter Bürgermeister Adalbert Meyer zum Pfeil am 28. Oktober 1541 (einem Freitag) verfügt, dass sich alle Bürger der Stadt wöchentlich am Dienstag (»Zinstag«2) vor Aufnahme ihrer Arbeit gemeinsam zu einem Gebetsgottesdienst wie an einem Sonntag versammeln sollten. Die Predigt sollte einerseits von der christlichen Erbsünde und Strafe Gottes durch Türken und Pestilenz handeln, andererseits Gott um Gnade, Barmherzigkeit und ein Ende der Pest bitten.3 Daher muss Karlstadt die Predigt im November und/oder Dezember 1541 an der St. Peterskirche in Basel gehalten haben (der 1. November war der erste Dienstag nach der Ratsverfügung); ob wöchentlich in dieser oder abgeänderter Form, ist unbekannt. Der Sonderdruck anlässlich des Ratsmandats enthält weitere Predigten zur Türkenabwehr von Oswald Myconius4, dem Münsterprediger, von Marcus Bersius5, dem Prediger an St. Lienhart, und von Jakob Truckenbrodt6, dem Prediger an St. Theodor in Kleinbasel. Thema aller Predigten sind Bitten um Befreiung der Gläubigen und ihrer Kirchen von Bedrückung und Drangsal sowie um ein gutes Handeln der Regierenden. Nur Karlstadts Predigt hat die Pest als höchste Gefahr zum Inhalt, während sich die anderen allein der Türkenabwehr widmen.

Das Pestgebet Karlstadts stellt die Beziehung von Seuchenausbreitung und Sündhaftigkeit an den Anfang der Überlegungen. Gott hasse die Sünde und räche sie mit Bußen und Strafen, namentlich aber – in implizitem Bezug auf die Offenbarung des Johannes – mit wilden Tieren, Seuchen wie der Pest und weiteren Plagen.7 Um diese Strafen zu vermeiden, fordere Gott von den Gläubigen Besserung, was – erneut unausgesprochen – Selbsterforschung und Sündenbekenntnis verlange. Doch trotz des ersten Bundes Gottes mit Noah, dem alten Testament, reiche diese individuelle Besserung allenfalls nur zur Rettung der eigenen Seele. Das impliziert, dass Christus zur Aufhebung der Sünden der gesamten Menschheit im neuen Bund, dem neuen Testament, leiblich gelitten habe und am Kreuz gestorben sei. Angesichts dieser Unterscheidung bedeutete das Alte Testament auch, dass die anderen, die sich nicht besserten, untergingen wie in der Sintflut oder in Sodom und Gomorrha. Der neue Bund verlange das Bekenntnis der eigenen Sündhaftigkeit und der Gerechtigkeit Gottes, von Karlstadt mit Belegen aus den biblischen Prophetenschriften begründet. Die Anrufung Gottes erfolge nicht auf der Grundlage der eigenen Rechtfertigung und Frömmigkeit, sondern auf Grund der abgrundtiefen (»grundslose[n]«) Barmherzigkeit Gottes.8 Karlstadt bietet in seinem Pestgebet verschiedene Fürbittanrufungen, die an das »Agnus Dei« und die Psalmen, möglicherweise aber auch an weitere Bitt-Litaneien anklingen, um von Gott zu erreichen, von seinem Zorn abzulassen. Zuletzt bittet er um Gottes Langmut denen gegenüber, die er in der Pestwelle abberuft. Er möge ihnen einen »geneigten reinen willen« zum Sterben geben.9

Karlstadt wurde am 24. Dezember 1541 selbst Opfer der Pest,10 gemeinsam mit anderen Lehrern der Universität Basel, unter ihnen sein Hauptgegner im Streit über die Unterordnung der Geistlichkeit unter die Autorität der Universität, Simon Grynaeus, der ehemalige Rektor Hieronymus Artolphus und der Lehrer am Pädagogium Antonius Wild.11

Zeitgenössisch prägend war die Pestpredigt Andreas Osianders vom Juli 1533, die sich mit einer Interpretation von Ps 91(92) »Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt« verband.12 Sie versammelt paradigmatisch einige der für Pestpredigten typischen Tropen. Ausgangspunkt ist die Seuche als Plage Gottes,13 doch seien Flucht und Furcht Ausdruck des Unglaubens. Der Plage entgehe man nicht, solange gegen Gottes Gebote verstoßen werde, stattdessen sei der Trost allein im Glauben an Gott zu finden.14 Karlstadts Predigt ordnet sich in diese Konzeptionen ein. Meist findet in Pestpredigten auch eine Auseinandersetzung mit obrigkeitlichen Maßnahmen statt; sie können zu deren Einhaltung aufrufen, aber auch, wie Osiander, aus Sorge vor der Auflösung christlicher Nächstenliebe in Flucht, Angst und Panik im Gegensatz zu den Vorschriften des Ratsregiments zu christlicher Zusammenkunft und gemeinsamem Gesang aufrufen, um die Angst zu überwinden.15 Bei Karlstadt spielen solche medizinischen und sanitären Gesichtspunkte keine Rolle. Der Skopus der Pestpredigten besteht aber in der Vorbereitung auf den Tod. Dem wahrhaft Gläubigen sei sein Tod und dessen Stunde von Gott aufgesetzt; der Tod durch die Seuche nicht frühzeitig, sondern verhangen.16 Karlstadt fordert ebenso zur Reflexion der eigenen Sünden auf. Doch verbindet er die Erlösungsfrage – ähnlich wie in der Zürcher Abschiedspredigt (KGK 353) – mit der rechten Erkenntnis der Gläubigen von Jesu Kreuzesleiden. Das Wissen der rechten Lehre bildet auch angesichts des Seuchentodes die Voraussetzung für die Erlösung.


1Zorzin, Flugschriftenautor, Nr. 85A mit Anm. 71.
2Schweizerisches Idiotikon 12, 1062–1064 s.v. Zins-Tag; auch als Tag des Wochengottesdienst.
3StA Basel-Stadt, Missiven B 3.1, 1540–1542, fol. 142r–143r. Vgl. auch Ryff, Chronik 1, 162f. Ganz anders hatte beispielsweise der Rat von Nürnberg angesichts einer verheerenden Pestepidemie im Juli 1533 neben der Errichtung von Pestlazaretten und Einstellung von Spitalspflegern verfügt, dass Versammlungen, auch Gottesdienste, und jeder Kontakt zu Kranken zu meiden sei; der Badebetrieb wurde stark eingeschränkt und Schülern die Teilnahme an Beerdigungen verboten. Vgl. Osiander, Gesamtausgabe 5, 384 Nr. 185.
5Marcus Bersius oder auch Marx Bertschi (1483–1566), aus Rorschach, wurde wohl schon als Geistlicher 1511 in Basel immatrikuliert (Matrikel Basel 1, 311 Nr. 9); 1519–1523 Pfarrer an St. Theodor in Kleinbasel, seitdem bis zum Tod Leutpriester an St. Leonhard, stand in Kontakt mit Zwingli und war ein früher Vertreter der Reformation in Basel, setzte sich gegen den Rat für den Korandruck des Johannes Oporinus ein. Vgl. Gauss, Basilea Reformta, 46f.; Wackernagel, Geschichte Basel 3, 340; 360; 467; 478; 480; Miescher, Reformation in Basel, 24–26; 32.
6Jakob Truckenbrodt (1490–1564), 1539/40 in Basel imm., 1528–31 Priester in Rheinfelden, 1531–33 Prädikant zu St. Jakob, 1535–41 Hofprediger des Mgf. Ernst von Baden-Durlach, dann bis zum Tod wie hier angegeben Pfarrer zu St. Theodor in Basel. Vgl. Matrikel Basel 2, 23. Er war ein Schreiber der 1558 angefertigten Abschrift des Vortrags von Karlstadt und Grynaeus in Basel zu den Verhandlungen über die Wittenberger Konkordie in Straßburg; vgl. KGK 372 (Anmerkung).
7Referenz auf Offb 6,8 (und auf die Plagen in 2. Mose 7f.), aber auch auf Joel 1.
8Eine doppelte mystische Konnotation ist nur zu vermuten. Rechtfertigung erfährt der Gläubige eben nicht auf Grund seiner eigenen Frömmigkeit, jeder Stolz darauf ist – mystisch gesehen – Ausdruck einer Ungelassenheit, d.h. der Gläubige hat im Prozess der Rechtfertigung und Heiligung sein Selbst noch nicht losgelassen. Ob die »grundlose« Barmherzigkeit Gottes vor der Folie des mystischen Konzepts des Seelengrunds zu verstehen ist, in dem der vom Selbst entleerte Gläubige die Wahrheit und Liebe Gottes zu erkennen vermag, ist nicht deutlich. Siehe auch KGK 392 (Anmerkung). Zu Karlstadts Gelassenheitstheologie vgl. KGK VI, Nr. 241, S. 92–100. 1540 hatte sich Karlstadt in einer Thesenreihe erneut mit der Thematik beschäftigt. Siehe KGK 385.
9Die Anfechtung des »unzeitigen« Sterbens, also eines frühen Todes, verbindet sich mit zeitgenössischen Traktaten zur Vorbereitung auf das Sterben. Eine widerständige, von Angst geprägte Haltung gegenüber dem Sterben zeuge nicht nur von fehlendem Gehorsam gegenüber Gottes Willen. Luther holt den Trost in der Sterbestunde aus dem Gedanken an die Anfechtung Christi, Bullinger dagegen zieht die Sterbebereitung aus der meditatio mortis im erasmischen Sinne, der Betrachtung der elenden Welt und der Herrlichkeit des Himmels. Schottroff, Bereitung, 42–47; 82–89. Die Todesstunde ist die Krise des Gläubigen angesichts seiner Sündenvergangenheit. Daher wird die immerwährende Buße im Leben zur allgegenwärtigen Todesbereitung, um einen seligen Tod zu erlangen. Schottroff, Bereitung, 60–67; 89–93. Mentalitätsgeschichtlich propagierte eine sich auf den Tod vorbereitende Position einen »gezähmten Tod«. Ein plötzlicher Tod, also ein Sterben ohne willentliche Vorbereitung und selbstkritische Auseinandersetzung mit dem sündenbehafteten Leben, wurde oftmals auf den Einfluss des Teufels zurückgeführt. Vgl. Ariès, Geschichte des Todes, 19–23; 40–42.
11Ryff, Chronik 1, 162f. Vgl. hierzu KGK 394 (Anmerkung).
12Osiander, Gesamtausgabe 5, 384–411 Nr. 185. Ein ähnlich starker Bezug auf Ps 91(92), zudem auf Lk 17 und die Erzählung von der Heilung Aussätziger durch Jesus in der 1565 veröffentlichten Pestpredigt des Johannes Mathesius. Vgl. Mathesius, Ausgewählte Werke 4, 408.
14Osiander, Gesamtausgabe 5, 395,9f.; 396,3–10 Nr. 185; vgl. auch als weiteres Beispiel Mathesius, Ausgewählte Werke 4, 418. Luther geht in seiner Schrift Ob man vor dem Sterben fliehen möge sanftmütiger mit Flüchtenden um und verurteilt sie nicht. Ihm geht es vor allem um den Erhalt des sozialen Friedens in der Pestkrise. Vgl. Dormeier, Flucht, 372f.
15Angst mache grau und krank; vgl. Osiander, Gesamtausgabe 5, 404,1–7 Nr. 185. Luther stellt die Nächstenliebe in seinem Traktat in den Mittelpunkt, ohne die obrigkeitlichen Maßnahmen anzutasten, obwohl er in der Praxis in der Pestepidemie von 1527 die amtliche Auffforderung, Wittenberg zu verlassen und mit der gesamten Universität nach Jena zu wechseln, ignorierte und bewusst als Seelsorger in Wittenberg blieb. Vgl. Dormeier, Flucht, 372–377. Mathesius fordert zur Einhaltung der von ihm wiederholten Vorschriften des Magistrats auf und verweist auf die sanitäre Vorsorge in 4. Mose 16 und 5. Mose 20. Vgl. Mathesius, Ausgewählte Werke 4, 421–424. Das Nürnberger Pestregiment von 1520 rief dazu auf, Angst zu meiden und stattdessen Freude und Ergötzung zu suchen (Ein kurtz Regiment auß vil treffenlichen zusamen geprachten tractaten verstendiger artzt gezogen, Nürnberg: Friedrich Peypus, 1520, VD 16 K 2831).
16Osiander, Gesamtausgabe 5, 410,2–24 Nr. 185. Vgl. auch die Anfechtung des unzeitigen Sterbens in Osianders Sterbeunterricht in Osiander, Gesamtausgabe 6, 490–497 Nr. 243 sowie o. KGK 392 (Anmerkung).

Downloads: XML · PDF (Druckausgabe)
image CC BY-SA licence
»