1. Überlieferung
Frühdruck:
LOCI COMMV⸗∥NES SACRAE SCRIPTVRAE · ∥ BASILEAE,ORDINE ALPHA⸗∥betico per D. Andream Bodenſtadiū, puplice Disputandi. ∥ Quorum primus de abne⸗∥gatione sui. ∥ M · D · XXXX · ∥
[Basel]: [Drucker nicht ermittelbar], 1540.
8°, 4 Bl., a4 (fol. A1v und A4v leer).
Editionsvorlage:
UB Basel, KiAr H III 14:2.Bibliographische Nachweise:
- Freys/Barge, Verzeichnis, Nr. 156.
- Zorzin, Flugschriftenautor, Nr. 85.
Das Basler Exemplar der hier edierten Thesen trägt Annotationen von drei verschiedenen Händen. Eine erste unbekannte Hand fügte einen handschriftlichen Vermerk (»Exercitii gratia«) auf dem Titelblatt hinzu. Eine zweite unbekannte Hand (von Sebastianus Lepusculus?) trug knappe Kommentare am oberen Rand des Titelblatts ein (teilweise unleserlich, weil der Rand beschnitten wurde) und am seitlichen Rand der Thesen 2–5, neben These 11 und oberhalb von These 21. Ebenfalls von derselben Hand sind wahrscheinlich zwei Vermerke am Rand der letzten Zeile der Vorrede (»26 154[[…]]«; die letzte Ziffer ist wegen des beschnittenen Randes unlesbar) und am Rand der 21. These (»22. April:«).1 Eine dritte Hand – vielleicht von Karlstadt? – führte nur kleine Korrekturen auf dem Titelblatt und in den Thesen 5, 7, 10, 12 und 34 aus.2 Es ist nicht möglich, die Unterstreichungen und übrigen Striche eindeutig den drei Händen zuzuordnen.
Edition:
- Barge, Karlstadt 2, 611–613 Nr. 56.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 501–503 mit Anm. 281.
- Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 54.
- Hasse, Tauler, 189–194.
2. Entstehung und Inhalt
Die hier edierte Reihe von 48 Thesen ist, wie im Titel vermerkt, der erste Teil eines größeren, von Karlstadt initiierten Vorhabens, eine Sammlung von Loci communes der Heiligen Schrift in alphabetischer Reihenfolge zu präsentieren. Ihr Thema ist die Selbstverleugnung3 – damit greift Karlstadt also auf eine für seine in den 1520ern entwickelte Gelassenheitslehre typische Begrifflichkeit zurück.4 Eine zweite diesem Vorhaben zugehörige Thesenreihe wurde wohl 1540 gedruckt, ist aber heute verschollen.5Die Thesen zur »abnegatio« wurden wahrscheinlich von Sebastianus Lepusculus6 für die Promotion zum Doktor der Theologie unter dem Vorsitz Karlstadts disputiert.7 Lepusculus selbst gibt in der kurzen Vorrede vom 12. Februar 1541 die Methode an, die bei der Zusammenstellung der Thesen verfolgt wurde: Anders als in der Dialektik und Rhetorik, wo die Loci der Einordnung der Lehrinhalte in eine gedankliche Struktur dienen, orientiert sich Karlstadt hier an den in der Bibel vorhandenen Themenstellungen.8 Damit wird impliziert, dass das Thema der »abnegatio« nicht erst von Karlstadt ausgewählt und mit Belegstellen untermauert worden ist, sondern dass dieser locus im Gegenteil ein genuiner Inhalt der Heiligen Schrift sei. Die hier vorliegende Sammlung stellt somit eine dritte Form der Thesenreihen dar, die weder eine systematische Darstellung wie die Axiomata (KGK 365) noch eine enzyklopädisch aufgebaute exegetische Abhandlung wie die Themata (KGK 377) vorlegt, sondern fast ausschließlich mit der Schrift arbeitet – außerbiblische Quellen sind kaum zu finden –, um deren genuinen Inhalt anhand von einzelnen thematisch einschlägigen Stellen den Studenten und allen Interessierten zu verdeutlichen.
Der erste Thesenblock trägt den Untertitel »De abnegatione« und führt damit in das allgemeine Thema ein (Th. 1–27). Die paradoxe Struktur von Mt 10,39 – auf den in Th. 1 Bezug genommen und der in Th. 5 explizit zitiert wird – setzt dem Begriff der »abnegatio« den Begriff der »inventio« entgegen. Letzterer ist hier negativ konnotiert und wird in der abschließenden These dem Begriff der philautia/Eigenliebe beigestellt (Th. 48). Die in Mt 10,39 vorhandene neutrale Bedeutung von »invenire« wird nämlich umformuliert, indem nur der erste Teil der Bibelstelle – »wer sein Leben findet [›invenit‹], der wird es verlieren« – mit dem Begriff der Selbstliebe, dem Streben nach dem eigenen Glück verknüpft wird. Die »inventio« wird somit als Tod, die »abnegatio« dagegen als Leben definiert (Th. 1). Dieser Gegensatz und dessen paradoxer Charakter – das Streben nach (eigenem) Glück führe in den Tod, die Selbstverleugnung in das (ewige) Leben – werden anschließend unter dem Gesichtspunkt der Selbstverleugnung mit Beispielen aus dem Alten und Neuen Testament entfaltet (Th. 12–20). In den Thesen 21–27 werden die Gegenmittel zur »inventio« definiert: das Kreuz (das Leiden in der Nachfolge Christi; Th. 22), die Lehre (alles sei von Gott gewirkt und der Mensch könne sich keineswegs rühmen; Th. 23f.) und die dem biblischen Text entnommenen und am deutlichsten durch Christus dargebotenen Beispiele (Th. 25–27).
Ein zweiter Thesenblock vergleicht, wie im Untertitel angegeben,9 die »abnegatio« mit anderen Tugenden (Th. 28–48). Insbesondere werden anhand zahlreicher Bibelstellen Ähnlichkeiten zur Furcht vor Gott (Th. 28f.), zur Selbsterkenntnis (die zur Gotteserkenntnis führt; Th. 30f.), zum Glauben (der lehrt, man müsse auf Gott und nicht auf die eigene Gerechtigkeit vertrauen; Th. 32–36), zur Tötung der Glieder der Sünde (als Überwindung der Sünde und Abkehr vom Vertrauen auf eigene Gerechtigkeit; Th. 37–39) und zur Liebe (Th. 40–43) thematisiert. Die Thesen 44–48 definieren die »munera« der »abnegatio«: Sie wirkt die Annahme des Kreuzes und das Opfer des eigenen Leben bis zum Tod; gleichzeitig die Vermeidung jeder Selbstüberhebung in wahrer Gelassenheit, indem man erkennt, dass alles von Gottes Willen abhängt.
Mit dieser Thesenreihe knüpft Karlstadt an Konzepte an, die bereits in früheren, mystisch konnotierten Werken entwickelt wurden, insbesondere in Von Mannigfaltigkeit des Willens Gottes (KGK VI, Nr. 239) und Was gesagt ist: Sich gelassen (KGK VI, Nr. 241). Auch hier wird die »abnegatio« – also die Selbstverachtung – als notwendiger Wendepunkt des Übergangs vom Tod zum Leben, vom Eigenwillen zum göttlichen Willen, von der Selbstliebe zur Gottesliebe konfiguriert. Diese begrifflichen Gegensatzpaare markieren noch im Jahr 1540 die Dynamik der Gelassenheitstheologie Karlstadts. Anders als in den früheren Abhandlungen ist diese Gelassenheitstheologie hier auf die knappe Thesenform zugespitzt und anhand der biblischen Bezüge verdichtet, in denen Karlstadt sowohl im Alten als auch im Neuen Testament die Enthüllung der Selbstverleugnung wiederzufinden meint. Möglicherweise veranlasste auch diese verkürzte Argumentationsart und nicht nur die persönliche Verbitterung den Basler Professor Myconius dazu, diese Thesen in einem Brief an Bullinger vom 26. Februar 1540 zu verspotten.10
KGK 384
Transkription
