Nr. 392
Gebet zu St. Peter zur Abwendung der Pest in Basel
Basel, [1541, November/Dezember]

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck

Buchsymbol fehlt D. aAndreas Carolstadsa gebett
sanct Peter.1

Almechtiger/ ewiger/ starcker/ trüwerb und
gnediger Gott. Noch demc din Goͤttliche
undd hohe Mayestet alle sünd unnd boßheit has-
set
/ und die selbene mit vyl bůsen straffen oder
urtheilen zů raͤchen getruͤwet2 hast/ namlich mit
gyfftigen thieren und pestenlentzen:3 Zů dem
auch andere plagen (in disem verfaßt)4 über die
Buchsymbol fehlt welt bringen wilt. Unnd aber von einem jeg-
lichen
f menschen ein sonderliche unnd persoͤn-
liche
besserung erforderest5/ Also das ob schon
Noe/ Daniel unnd Job under uns waͤren/ sog
wurden sy doch nit mehr/ dann ire seelen erret-
ten
6/ aber die andern muͤsten in irenn verherten7
můt zů grundt gon/ wie es dann auch besche-
hen
ist im Sündtfluß8 do Noë9 innh verderbung
Sodoma unnd Gomorrha undi Loth10 behalten11
sind.j Dem noch o Herr/ bekennen wir das du
gerecht bist in allem das du über uns gebrocht
hast/ die wil wir alle wider dich gesündiget
hand/ unsere Obherrenk und unsere Propheten
unsere kindl und vaͤtter/ rych unnd arm/ jung und
alt/ wir alle hand dine gebott nit gehal-
ten
.12 Wyr hand mißghandeltm/ und sind an dir
brüchig und abtrinnig worden.13 Darum o Herr/
die gerechtikeit ist din/ unsere aber ist die offen-
bare
verschulte straff unnd schand/ dann wir
alle hand übertretten.14 Dorum wir uchn oo unser
Herr uff unsere gerechtikeit und vertrüwen un-
serer
fromkeitp15/ dich nit anruͤfen/ sonder uff die
vyle16 und groͤsse diner grundloßenq17 barmhertzi-
keit
. Gnaͤdiger Gott diner namen einer heisset18/
Herr du nimst die sünd ab19/ verzychst uns allen
unseren verdienst und mißthaten die wirr Herr
san dirs begangen haben/ von unserer kindtheit
an biß uff dise stund.20 O guͤttiger vatter erhoͤr
uns21/ und loß ab von dinem zorn22 o unser vat-
ter
in dinem hohen heiligthům/ du wellist allen
denen uß gnaden ir leben mit gsundtheit ver-
lengern
Buchsymbol fehlt die ernstlich und worlich beschlossen
hand hynfür umb dinetwillen zů leben/ dir trun-
genlich
23 zů dienen/ zů lob unnd pryß dines heili-
gen
namens/ Denen aber o Herr die du von
hinnen nemen wilt/ umb ursach willen〈,〉 so din
Goͤttlicher rathschlag im hat vorbehalten/ dut
woͤllest waare dultmuͤtigkeit24 bescheren/ auch ge-
neigten
reinen willen zů sterben25 geben/ und ei-
nen
Christlichen saͤligen abscheid verlichenu/
uff das din herrlicheit von laͤbendigen und tod-
ten
geheiliget und verehrt werde in ewigkeit/
durch Jesum Christum unseren Herren/ Amen.

vVatter unserv


a-aAndreae Carolstadii a
bgetreuwer a
cNachdem a
dfehlt a
eselbigh a
fjeden a
gfehlt a
hunnd in a
ida a
jward a
kOberherren a
lkinder a
mmißhandlet a
nouch a
ofehlt a
pfrombkeit a
qgrundslosen a
rfolgt an dir a
s-sfehlt a
tfehlt a
uverleihen a
v-vfehlt a

1Karlstadt war in Basel seit 1535 zweiter Pastor der St. Peterskirche; er übernahm das Kanonikat von dem nach Tübingen gewechselten Paul Phrygio. Vgl. hierzu Beilage zu KGK 354 und KGK 394 (Textstelle) mit KGK 394 (Anmerkung).
2sich verbürgt (etwas zu tun, in diesem Fall zu rächen). Vgl. Schweizerisches Idiotikon 14, 1613f. s.v. vertruwen Nr. 1b.
3Bezug auf Offb 6,8, wo der Tod eines Viertels der Menschheit durch Krieg, Pest und wilde Tiere angekündigt wird. Vgl. weiterhin Offb 9 (Heuschrecken und Skorpione als Plagen) und Offb 13,1 (das Tier der Apokalpyse).
4Vermutlich ist gemeint, dass die Plagen in »diesem Buch« aufgezeichnet wurden. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 1061 s.v. verfasst Nr. 2. Dann könnte ein Bezug auf das auf dem Titelblatt erwähnte Kapitel Joel 1 bestehen, wo die kommenden Plagen Israels in Form von Heuschreckenschwärmen aufgezeichnet sind. Das auf dem Titelblatt daruntergesetzte Zitat ist allerdings aus Joel 2,13.
5Die Aufforderung zur persönlichen Besserung, Abkehr von den Sünden und Rückkehr auf den Weg der christlichen Heiligung ist in Pestpredigten topisch. Vgl. KGK 392 (Textstelle).
6Trotz des Bundes Gottes mit Noah (1. Mose 8,21–9,17) würden die Menschen durch persönliche Anstrengung allenfalls ihre eigenen Seelen retten. Dieses »alte Testament« ließ immer wieder die Sündigen untergehen (s.u. Anm. 10 und 12). Die ganze Menschheit aber wird nur durch Christus gerettet, der für die Sünden aller Menschen gestorben ist. Vgl. Röm 5,15.
7verhärtet.
8Sintflut.
9Elipse, der Satz wird später fortgesetzt mit »behalten ward«. Bibelbezug auf 1. Mose 6,5–8,12.
11erhalten, bewahrt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 2, 1238 s.v. behalten Nr. 3.
13Vgl. Dan 9,9.
15Frömmigkeit.
16Menge, Vielheit. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 1, 777 s.v. Vili.
17abgrundtiefen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1429 s.v. Grundlosi. Im mystischen Sinn bezeichnete Karlstadt Gott als das »grundlose Gut«. Vgl. KGK VI, Nr. 241, S. 135 Z. 4.
18Der Name des Herrn ist Barmherzigkeit; vgl. 2. Mose 34,5f.
19Vgl. Joh 1,29; Anklang an »Aufer a nobis« und »Agnus Dei«, möglicherweise aber auch an weitere Fürbitten.
21Anklang an »Agnus Dei«.
23inständig, nachdrücklich. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 14, 1111f. s.v. g(e)drungenlich Nr. 2bβ.
24Geduld, Langmut. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 585 s.v. Duldmüetigkeit.
25Zur Sorge vor einem vorzeitigen oder gar plötzlichen Tod ohne Vorbereitung aufs Sterben siehe KGK 392 (Anmerkung) und KGK 392 (Anmerkung).

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