Nr. 353
Zürcher Abschiedspredigt über die Menschwerdung Christi
Zürich, [1534, Mitte Juni]

Text
Bearbeitet von Harald Bollbuck
Buchsymbol fehlt

Ein Predig,
ward Pfarrer zů Basel bey St. Peter. Starb daselbst den 24. Dec. 1543a. Welche D. Andreas Bodenstein Carolstadius
Archidiacon1, Zürich zůr Letze2 geprediget,
Anno Domini. 1534.

Johan. 1 v. 14.

Das wort ist fleisch worden.3

Hie redt Joh. von zweyen natůren in Christo, namlich vom wort, und vom fleisch,
das das wort fleisch worden sige4. Darin staht unsere Seligkeit, darumb sol mans
eigentlich betrachten und wol ermessen: dan welcher dises nit verstaht, der wirt
vergebens verhoffen das ewig leben. Die disen verstand der zweyen Naturen in Christo
nit haben, die sind kinder deß todts, und der zorn Gottes blybt auf ihnen.5
Dargegen alle die verstahnd, warumb das wort, i'd' e'st' der ewig Sohn Gottes, fleisch,
i'd' e'st' mensch sige6 worden, die sind Gottes kinder.

Die h'eilig' schrifft redt offt von Christo, von disen zweyen natůren in Christo,
und trifft aber offt nur die ein Natůr Christi an, die Menschheit oder
Gottheit. Das sol man nun eigentlich mercken, und durch den glauben
lehrnen, und da für den höchsten schatz behalten.

Das wort ist fleisch worden. Das wort ist der ewig Sohn Gottes: als
Joh. selbs bezüget: Welches in uns gewohnet, und wir haben sein herrligkeitJoh. 1,14
und glori gesehen als deß eingebornen vom Vatter voller gnad und warheit.7

Unser wort, das wir reden, kompt aus dem hertzen, ist in und mit uns,
damit zeigen wir unseren Willen an. Also in einem gleichen zů reden, so gaht
der Sohn Gottes aůs dem hertzen deß Vatters, ist in und mit Gott, zeiget den
willen Gottes an. Das zeiget Joh. auch in disem Cap. an: Als deß v. 18einge-
bornen
Sohns vom Vatter, welcher ist in dem bůsen oder hertzen deß vatters, der
Buchsymbol fehlt hat uns geoffenbahret seinen willen.8 Diß wort ist von ewigkeit gsein vor der Er-
schaffůng
der Welt. Ist es nun vor dem anfang gsein, so ists je ewig! Und
diß wort was9 by Gott,10 namlich ein persohn in der Gottheit. Den verstandEph. 1.21. Col. 1.16.
dises,11 das Gott sige12 Mensch worden, auch die krafft13 dises worts, erzellt
Johannes selbs: Durch diß wort sind alle ding erschaffen,14 i'd' e'st' durch den SohnHeb. 1.2.3.
Gottes ist alles erschaffen: die Engel, fürstenthum etc. Wie der h'eilige' Paulus
anzeiget.15 Item: Gott der Vatter hat seinen Sohn gesetzt zů einem eerben aller
dingen, welcher da ist ein Ebenbild und ein glantz seiner herrligkeit und wäsens.16Joh. 10.30.
Dann alles was im Vatter ist, das erscheint in seinem Sohn. Wie der herr
Christus selber sagt: Ich und der Vatter sind eins.17 Man mag18 den Sohn Gottes
mit keinen natürlichen dingen Gott dem Vatter vergleichen, sonder Er ist Gott selbs.
Was in Gott dem Vatter ist, das ist auch in Gott dem Sohn. Dann Er ist der glantz
deß ewigen Gottes.19 Wie der glantz mit und von der Sonnen kompt und die
Sonn anzeiget: also ist der Sohn Gottes mit Gott dem Vatter, und wirtCol. 2.9.
die krafft Gottes durch Christum erkennt. Dann Er ist der, in dem diePhil. 2.6.7.
Gottheit lyblich und wesenlich wohnet:20 wie der h'eilige' Paulus von Christo redt.
Er hats nit für einen raub geachtet〈,〉 Gott gleich zů sein, sondern sich ernidriget.21
So man nun redt, Christus ist Gott gleich, so redt man recht: dann Er ist in derIsa. 9.6
warheit eines einigen wesens, mit Gott dem Vatter und dem h'eiligen' Geist.
Also redt von Ihm Isa'ja' der Prophet: der Messias ist und wirt sein ein
starcker Gott.22

Dise krafft Christi schmähen und schmeleren alle die, so mit der meß Meß.um-
gahnd
. Dann sy erkennen nach23 nit die krafft und stercke deß Sohns Gottes,
wie wol sy sich deß růhmen, sy kennen Ihn allein. Thůnd gleich als die Jůden,
die sprachen: Sy erkanten Ihn, und wüssten wol〈,〉 wannen24 Er were, und wer
Er were, auch wer sein Vatter und můter were.25 So sy doch Ihn gar nit Matt. 13.55.56. Mar. 6.3. Joh. 8.19.28.29er-
kanten
, als ihnen Christus verwyst26 und aůfhebte27 sprechende: Ja, ihr kennen
mich und wannen Ich bin,28 nammlich ihr kennen Mich allein als ein puren menschen.
Aber mein Gottheit, stercke und krafft kennen ihr nit, nach von wemmJoh. 7.28.29
Ich aůsgangen bin, dann von mir selbs bin Ich nit kommen. Aber der ist war-
hafft
, der mich gesendt hat, den ihr nit kennen. Ich aber kenn Ihn.29
Darumb sol sich keiner rühmen deß glaůbens, oder das er Christum erkenne:
der den verstand der schrifft nit hat, von welcher man eigentlich lehrnen
mag und verstahn die Gottheit in Christo, welcher Christus das eigentlich wüssen
Gottes anzeiget, ja welcher Christus Gott in die ewigkeit ist, der istdas wort ist fleisch worden.
fleisch, i.e. wahren Mensch worden. Er spricht: das wort ist fleisch
worden, und nit, Er ist Mensch worden, darumb das Er eigentlich bedeüten
könte die blödigkeit30 und schwäche im Menschen〈,〉 die Christus hat an sichb ge-
nommen
, das Er leiden, sterben〈,〉 empfinden könte, und gnůg für uns thůn möchte.
Buchsymbol fehlt Als der h'eilige' Paulus spricht: Christus hat uns erlöst mit dem Leichnam seines fleisches.31Rom 8.3. Col. 1.21.22.
Leichnam und fleisch nempt er32, damit er anzeigete sein wahre menschheit, und
das Christus hab die blödigkeit und schwachheit unsers fleisches an sich genommen, das
Er für uns leiden und sterben könte etc.33 Dann durch Ihn můsten alle figuren im
A'lten' Testament erfüllt werden, und an den tag kommen. Dises sollen wir aus h'eiliger' schrift2. Cor. 5.25.26 Gal. 2.20.
wol lehrnen, und also steiff und fest glauben, und fürohin dem leben〈,〉 der für uns
gestorben ist, das ist Christo.34 Ja, wie Christus gestorben ist und widerum auferstanden,
das auch wir fürohin den sünden absterben, und gantz neue menschen werden, und
fürohin Christum in einem neuen leben erkennen, wie der h'eilige' Paulus lehrt: Sov. 17.
wir Christum nach dem fleisch erkennt haben, nun wyter erkennen wir Ihn nit mehr
nach dem fleisch: dann wer in Christo ist, der ist ein neue Creatur.35 Dann Christus
ist einem neuen leben auferstanden, ein unsterblichen clarificierten36 lyb an
sich genommen, und lebt also nit mehr in der schwachheit, sonder in der herrligk'eit'
Gottes, und mag fürohin nit mehr sterben nach leiden, als da Er vorhin in die
welt zů erlösen geboren ward, dann der〈,〉 der uns erlöst, můst ein Gott sein
Wie auch das die Eva erkennt hat, da ihr der Cain geboren ward, und sprach:Gen. 4.1.
Ich hab überkommen den man deß herren,37 meint den Samen, den ihnenc GottGen. 3.15.
hat verheißen, der der schlangen den kopf zerträtten werdt.38 Und wie wol sy an
der persohn irret, so irret sy doch nit am glauben. Dann der saamen kam erstGal. 4.4.
hernach, das was Christus, wie es Paulus auslegt zun Galateren.39

Der Christus hat einen tödtlichen40 lyb an sich genommen, der in allweg unserem
lyb gleich gsein ist, mit prästen41 und lyden, ausgenommen die sünd.42 Er ist wol inHeb. 4,15
ein gstalt eines sündtlichen lybs erschinen und gesehen worden,43 aber kein sünd nach44Rom. 8.3.
betrug, ist gar nit in Ihm gefůnden.45 Dann Christus weist46 nüt von sünden. Aber umIsa. 53.9. 2. Cor. 5.21.
unserer sünden willen ist Er gestorben.47 Dann der Sohn Gottes, wie wol Er gsein
ist in der gestalt Gottes, hat Er doch die gestalt eines knechts an sich genommen,48Phil. 2.6.7.
der jederman under den füssen glegen ist, und vil schmach und schandt um unsertwillen
erlitten hat.

Darumb sol man wol erlehrnen, das Christus wahrer Gott und Mensch sige49. Ursach
halb, dann wo Christus nit wahrer Gott gsein were, so het er die welt nit mögenRom. 9.5. 2. Cor. 5.19.
erlösen. Auchd bezeüget Paulus, das Er wahrer Gott sige.50 Denn warlich Gott
was in Christo etc.51 Item: In Christo ist und wohnet die gantz und vollkommen GottheitCol. 2.9.
wäsenlich.52 Sonst het Er die welt Gott seinem himelischen Vatter nit können versühnen.wider den verdienst eigener werck.
Darumb irren die fast53, die sich mit ihren wercken versühnen wollen, by solichen
giltet Christus nüt, sonder sy erheben sich selbs über Christum. Dann der unsere sünden
bezalte, mit Gott frid machete,54 der můß wahrer Gott und mensch sein.

Darumb sol mans by keiner Creatur, wercken oder verdiensten sůchen, sonder allein und einig
by Christo Jesu unserem Herren, by dem ewigen wort Gottes, das fleisch ist, i.e. hat
unser blödigkeit an sich genommen. Die Gottheit ist das haupt in Christo.55 Wer die
Gottheit in Christo nit glaubt, und sein fleisch und blůt 〈nit〉e verstaht, der ist ein kind
Buchsymbol fehlt deß zorns Gottes,56 und ist nit gleübig. Gott geb uns allen den rechten verstand etc.

Euer lieb ist anzeigt worden von beiden Natůren Christi Jesu, und das wir
fleissig sollen sein〈,〉 die selben zů erlehrnen und verstahn. Item, die ursach, warumb Christus müssen Gott sein.warumb Christus
hat müssen Gott sein, auf das sein werk und handlung ewig wäre und be-
stünde
, auf das Er unsere gwüßinen57 möcht anrühren und versicheren. Deßhalb
hat Er müssen der oberst und ewig Priester sein, dessen opfer in ewigkeit
gůlte.

Darumb warumb ein Mensch.aber hat Er müssen ein Mensch sein, auf das Er die Erlösung anrich-
ten
möchte, leiden und sterben könte. Dann het Er einen lyb vom himel bracht,
so het Er uns nit können erlösen.58 Er müst aber leiden und sterben, auf das alle〈,〉 dieJoh. 3.16.
in Ihn glaubten, nit verdurben,59 sonder etc. Wer nun recht von Christo reden will, der můs
eigenlich wüssen, was uns das leiden Christi erworben und gebracht habe. Christus
hat müssen ein blödes60 fleisch annemen, auf das Er sterben könte, die Gerechtigkeitf
deß Gsatzes erfüllte, die unghorsamme alle erfüllte etc.61

Die gerechtigkeit deß Gsatzes hat das erforderet, wie das der h'eilige' Paulus
zun Römeren anzeiget: das dem Gsatz unmuglich was, i.e. das es nit mocht
geben, das wir heilig wurden. Da hat Gott seinen Sohn geschickt, under demRom. 8.3.
gstalt deß sündigen fleisches, auf das, das Er die sünd im fleisch tödte, i.e. die sünd
der gantzen 〈welt〉, mit seinem fleisch, das Ers zů einem Sündopfer gebe, hinneme〈,〉
die sünd, und alles fleisch erlöste, wie auch der h'eilige' Joh. gseit: Sihe, das Lam
Gottes, das da hinnimt die sünden der Welt.62 Er hat gnůg für die sündJoh. 1.29.
der Welt than. Welche nůn in Ihn glauben, die werden heilig sein, und
in seinem tod versicheret sein deß ewigen lebens.63 Durch sein leiden und tod
hat er die sünd hingnommen.64

Das hat der h'eilige' prophet Isa'ja' wol erklert etc.65 Gott hat es also geord-
net
, das Christus solt auf sich nemmen unsere sünd, und unserer pein empfinden.Isa. 53.
Dann Gott hat unser sünd und schuld auf Ihn gelegt, das ist, Er ist ein
opfer worden fürg unsere sünden: deßhalb Er hat müssen die blödigkeit
deß fleisches an sich nemmen, auf das die Gerechtigkeit Gottes, und das Gsatz
erfüllt wurde, i.e. die gantz gerechtigkeit, die im Gsatz ist. Und was Gott
von uns erforderet, wirt durch diß opfer, das Christus than hat am Crütz,
und durch das blöd fleisch ausgrichtet, erfüllt und vollendet.

Das ist die Gerechtigkeit deß Gsatzes, das es uns wyst66 und lehrt, wasGerechtigkeit des Gsatzes.
uns Gott hat fürgestelt, namlich wie wir sollen leben, seinem willen
nachkommen.67 Dann die Grechtigkeit hat ihren ursprung vom Gsatz, i.e. von dem
ewigen willen Gottes.68 Das ist die ewig wysheit, darauf zeiget dir
die schrifft, hwas Gott von dir h erfordere, das ist nun aus uns unmüglich
zu thůn. Das hat nun Christus erfüllt mit seinem schmechlichen tod.

Welche nůn ein Erkantnus, desselbigen werks der Erlösung hand69,
denen wils Gott rechnen70, als heten sy das Gsatz than und vollbracht. Dann
Buchsymbol fehlt alle die in Christum glauben, die wirt der glaub führen und gstalten71 nach dem
Geist Christi, in aller gelassenheit72 auf Gott und seinen h'eiligen' namen teglichs ehren
und uns seines willens fleissen. Das ist ein stuck im Gsatz, das Gott von uns Levit. 19.2.anforde-
ret
. Ihr sollen heilig sein, dann Ich bin heilig.73 Dise heiligkeit ist fehr74 von uns: wir
mögen durch uns selbs zů solicher heiligkeit nit kommen, wann wir schon ein willen
hand75 Gott zů dienen, nach seinen willen zů wandlen uns fleissen76: so sind nüt
destominder tegliche unreinigkeit und anfechtung77 verhanden, und nach prästen78 und mangel.

Die heiligkeit hat Christus erworben allen denen, die in Ihn glauben, mit
seinem bitteren leiden, also das Er uns Gott darstellte rein, ohn alle mackel und masen79,
als hetten wir kein prästen, wie der h'eilige' Paulus von der braut Christi redt, die keinEph. 5.26.27
runtzel nach mackel habe.80 Nit das wir also werdind oder mögind sein durch
uns selbs: sonder das uns Gott um seines Sohns willen, der uns die heiligkeit verdie-
net
hat, auch heilig und grecht rechnen will.81 Welche das werk der Erlösung, das
Christus der gantzen Welt im blöden fleisch hat ausgricht, verstahnd und erkennen, die
haltet Gott als unsträfflich. Dann sy werden alle ding zů der ehr Gottes ordnen!82

Also redt man auch von den gůten wercken, darzu wir erschaffen sind in ChristoEph. 2.10.
Jesu.83 Darumb irret die Welt mit ihren gůten wercken, durch die sy will heilig vorGůte werck
Gott werden, undi kehrt zů hind für.84 Dann alle die gůte werck thůn
wend85, die müssen vor das leben in ihnen han. Das leben ist Christus, der uns lebendig machet.86
Darumb můs man die Erkantnus Christi han. Und darnach alle die Christum hand
angleit87, die werden in gůten wercken wandlen, dann Er hat sy in ihren gwüssinen
gereiniget von allen todten wercken.88 Christus hat sich selbs unsträfflich durch denHeb. 9.14.
ewigen Geist Gott geopferet, auf das Er unsere gwüssinen reinigte von den todten
wercken. Wo nun der todt ist, da ist kein leben; wo ein dürrer baům kein
frucht mag gen89 nach90 bringen. Also ist es auch unmüglich, das etwas gůts
aus uns komme,91 es werde dann der tod durch Christum hingenan92, und wir
durch seinen Geist lebendig und gleübig gemachet. Alsdann mag der Mensch
Gott dienen, und wirt alles angnem sein〈,〉 was er thůt. Dann das werck〈,〉 das
Christus than hat am Crütz, das ist ewig, ja ein ewige krafft hat es, dann ErHeb. 7.17
ist der oberest Priester in ewigkeit.93 Was nun mit seinem blůt besprengt
ist, das wirt leben, ja, in eim heiligen leben auferstahn.94 Darumb die gmüther, die
durch den finger Gottes angrührt sind, die sind ein Volk deß Neuen
Testaments,95 dann sy sind durch den glauben des herren in warem verstand
deß wercks der Erlösung allein durch Christum am crütz beschehen96 können.

Item, von der unghorsamme willen ist not gsein97, das das ewig Wort menschliche
blödigkeit anneme, und unsere unghorsamme hinnemme98, durch welche wir
verdorben sind, aber durch die gehorsamme Jesu Christi sind wir wider kommen zum leben,
und hat uns also widerum versühnt mit Gott seinem himelischen Vatter.
Buchsymbol fehlt Item um der spys99 willen, hat Er fleisch und blůt an sich genommen, das Christus
unsere spys, aufenthaltungj100 und das wahr lebendig brot Joh. 6.35.wur-
de
: Wer zů mir kompt, der wirt nit mehr hungern etc.101 Darumb nent Ihn der h'eilige' 1. Cor. 5.7.Pau-
lus unser Osterlamm,102 nit das wir Ihn lyblich essen müssen, sonder Ihn durch den glau-
ben
erkennen. Das osterlam〈,〉 darvon Paulus schrybt, Christus namlich ist braten
worden〈,〉 ein feur der unaussprechenlichen liebe am crütz erzeigt. Lyblich
ist Er bereitet worden im tod, auf das wir die spys im hertzen erkennen.

Item um der Erlösung willen, das wir unschuldig vor Gott dem him-
lischen
Vatter weren, das Er uns unsere sünden abneme, dem gesatz gnůg
thete, friden zwüschen Gott und uns machete, unser trost wurde, hat Er
müssen sein blůt am crütz vergiessen, und mit dem aller schmächlichsten tod ge-
tödet
werden! Das hat alles mögen geschehen durch die blödigkeit deß fleisches.
Darumb hat Er wahren und blöden103 leichnamm angenommen.
Wer nun ein rühwigs fridsams hertz will han, der můß das verstehn
und erkennen, und in sein hertz mit wahrem gl'auben' fassen, by Gott und sonst
niena104 nachlassung der sünden sůchen.

Aus dem allem mag E'uer' L'iebden' den grossen irrsal verstahn, das sy sagen:Mäß.
die sünd werd verzigen durch das opfer der mäß, darin sy Christum auf-
opferen
für die sünd der todten und lebendigen. Dann opferen sy Christum, so
muß Er erst sterben: so ist demnach das sterben und opfer, einmahl am crütz
geschehen〈,〉105 vergeben. Darumb ist das ein Gottslesterung! Die mit ihren messen
gnůg thůn wend für die sünd, oder lyblich essen, die glauben nit, das
alles wahr sige106, das die Schrifft sagt von Christo Jesu unserem einigen und
ewigen heiland.107 Das Er uns erlöst habe einmahl am crütz gestorben, und einHeb. 9.12.
ewige erlösung funden. Das sind soliche lesterungen, die die warheit verlaug-
nen
. Dan Christus selbs hat gredt: Er habe müssen sterben und erhöcht werden,
auf das alle die in Ihn glauben nit verdurben, sonder hetten das ewig leben.108 Und dieJoh. 3.14–16. Luc. 24.47.
bůß und nachlassung der sünd in seinen namen prediget wurde.109

Aber dise sprechen: Christus hat nit müssen für die sünd sterben, dann wir mögen
die sünd hinlegen110 durch das essen und meß han. Welches ein treffenliche
Gottslesterung ist: und ihr opferen ein trug und erlogen. Dann Christus ist dieJoh. 14.6.
warheit,111 der mag nit lügen. Um der sünd willen hat Christus müssen
seinen lyb dargeben am crütz. Da ist das werck der Erlösung: und wer
eüch anders lehrt, der führt Eüch letz112, ist ein falscher verführischer
Prophet etc. Dann Christus hat sich darumb geopferet, sein blůt vergossen, das Er unsEph. 1.7. Col.2.3. Heb. 1.3.
darmit reinigete. Darumb sagt Paulus: Durch Christum haben wir die
Erlösung durch sein blůt, nammlich die verzeihung der sünden nach der reich-
tum
seiner gnad.113 Dann ihr opferen ein trug und erlogen ist.
Das geben die kundtschafft Mose und alle Propheten: Christus, der das ewig
Buchsymbol fehlt wort und wysheit deß Vatters ist.114 Item die stimm des vatters selbs, die vom
himel geschrawen115: diser ist mein fürgeliebter116 Sohn〈,〉 an dem mein seelMatt. 3.17.
ein wolgefallen hat etc.117 Item die vier Evanglisten hin und wider etc. Item die Apostel
all in ihren Epistlen etc. die darf der sündig Gottslesterig Mensch all
gelaugnen, das die höchst Gottslesterung ist! Darumb los und glaub mehr Gottes
Wort, dann dem Menschen. Manglet dir wysheit und verstand: so bitt Gott
trüwlich darumb, und das Er dir allwegen den glauben mehre, und gstallt dein
leben nach seinem Willen. Bharre118 bis ans end, so bist selig;119 darfst kein todMatt. 10.22.
nach fegfeur förchten etc.120

Nun ich will eüch also das〈,〉 so ich han, die lehr des GöttlichenEpilogus.
worts zur letze121 geben han. Der Allmechtig Gott gebe eüch ewige
gesundtheit, und alles, das Eüch an lyb und sehl wolkompt122. Land123 eüch〈,〉 liebs
Volck, ein Ersammen Raht, und euere Predicanden in euerem gebet
befohlen sein. Amen.


akorrigiert aus 1643.
büber der Zeile eingefügt
cvom Editor verbessert aus ihren
dvom Editor verbessert aus Auh
evom Editor sinngemäß ergänzt
ffolgt gestrichen Gsatzes
gfolgt gestrichener Buchstabenansatz
h-hvom Editor verbessert aus von dir was Gott
ifolgt gestrichen kehrt z
jfolgt Dittographie und das

1Erster Diakon, kein höheres geistliches Amt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 12, 33 s.v. Archidiakon. Zur Frage der Tätigkeit Karlstadts als Diakon vgl. die Einleitung zu KGK 349; zu seinen weiteren Ämtern und Wirkstätten in Zürich als Emendator in der Druckerei von Christoph Froschauer und Prediger am Spital siehe KGK 328 (Textstelle), KGK 328 (Textstelle), KGK 328 (Textstelle), KGK 328 (Textstelle) und die Einleitung zu KGK 329.
2Vermutlich im Sinne von »zum Abschied«; vgl. DWb 12, 797 s.v. Letze. Eine andere Lesart wäre, dass Karlstadt zum Abschied in den Letzgen gepredigt habe, genauer: eine die öffentlichen Vorlesungen (lectio publica) umrahmende Predigt hielt, die wohl schon in der St. Michaelskapelle des Chorherrengebäudes am Großmünster stattfanden, in die die Vorlesungen 1534 umgezogen waren. Die morgendliche Vorlesung wurde von zwei Predigten umrahmt. Vgl. dazu Baschera, Anfänge, 49–56.
4sei.
6sei.
9war.
11Die Bedeutung dieses (Wortes).
12sei.
13Macht, Potenz.
18kann.
23noch.
24woraus, wovon. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 16, 105 s.v. wannen Nr. III.
26abwies. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 16, 1955f. s.v. verwisen Nr. 2c.
27vorwarf, tadelte. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 2, 896 s.v. ufhaben Nr. 6.
30Schwäche. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 5, 24 s.v. blöd Nr. 1.
32nimmt er an.
36vollkommenen, verherrlichten. Vgl. Tauler, Predigten (Vetter) (Vetter), 155,30: »Er sol […] do in sinken je tieffer und tieffer in den clarificierten willen Gotz.«; Tauler, Predigten (Vetter) (Vetter), 165,33: »diser oberster priester […] treit mit im das hoch clarificierte blůt unsers herren Jhesu Christi.« Siehe auch FWB s.v. clarifzieren Nr. 1.
40sterblichen. Vgl. FWB s.v. tödlich Nr. 2.
41Gebrest, Schwäche, Krankheit.
44noch.
46weiß.
49sei.
53sehr. Vgl. DWb 3, 1348 s.v. fast Nr. A1.
54Die Nicht-Zurechnung der Sünden auf der Basis der Leiden Christi am Kreuz, das den Frieden zwischen Gott und Menschheit im neuen Bund besiegelte, bezieht sich auf 2. Kor 5,21. Ähnlich bereits in KGK VII, Nr. 276, S. 410, Z. 18f. und Nr. 279, S. 616, Z. 19f. (mit Bezug auf Eph 1,7 u. 2,16). In Von dem Priestertum und Opfer Christi spricht Karlstadt vom einmaligen Opfer Christi als Abwaschung der Sünden (KGK VI, Nr. 249, S. 321, Z. 1 – S. 323, Z. 9). Der gehäufte Bezug auf die Zurechnung bzw. Nicht-Anrechnung der Sünden in der Abschiedspredigt ist auffällig. Zur Imputationslehre Luthers vgl. Rolf, Herzen; Clark, Iustitia, 269–310. Der Einfluss, der auf Karlstadt gewirkt haben könnte, wird anhand der betreffenden Stellen in der Predigt nicht deutlich. 1531 erkennt Melanchthon in der Apologie der Confessio Augustana in der Rechtfertigung einen Freispruch von der Sünde durch eine fremde, angerechnete Gerechtigkeit (der Gerechtigkeit Christi); vgl. BSELK 219,43–45 u. 352,24–26. Bei Karlstadts Vorstellung scheint es sich nicht um ein ausgearbeitetes Konzept einer Imputation wie bei Luther zu handeln. Dagegen spricht sich Matthias, Zurechnung, 70–100 unter Aufzählung und Ordnung aller Verwendungen des Begriffsfelds der »imputatio« auch bei Luther gegen eine Vorstellung von einem geschlossenen Lehrkonzept bei diesem aus.
56Vgl. Eph 2,3.
57Gewissen.
58Der himmlisch-unsterbliche Leib könne keine Erlösung stiften, nur durch die Leiden des menschlichen Leibes Christi am Kreuz konnte Gott die Sünden aufheben. Vgl. hierzu Karlstadts Schrift Von dem neuen und alten Testament (KGK VIII, Nr. 290, S. 199, Z. 3–8).
60schwaches.
66weist, unterweist.
67Schon in seinem Flugblatt Wagen von 1519 hatte Karlstadt die zweite Bitte des Vaterunsers, die den Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes ausdrückt, als biblischen Beleg für die Gelassenheit angesehen (KGK II, Nr. 120, S. 188, Z. 6; S. 189, Z. 5). Vgl. Bubenheimer, Aspekte, 410f.; Bubenheimer, Karlstadtrezeption, 32; Hasse, Tauler, 174f.; Zecherle, Rezeption, 228.
68Vgl. ähnliche Aussagen in der 99. These der Axiomata; siehe KGK 365 (Textstelle).
69haben.
70zurechnen. An dieser Stelle rechnet Gott dem Gläubigen die rechte Erkenntnis Gottes zu, eine völlig andere Vorstellung als die Nicht-Zurechnung der Sünden durch Christi Kreuzesleiden; vgl. dazu oben KGK 353 (Anmerkung).
71im Sinne von »formen«, was einen Anklang an die mystische »Christförmigkeit« als Ziel der mystischen Heiligung der Seele andeutet. Vgl. zu diesem von Heinrich Seuse geprägten Begriff und seiner Verwendung in Karlstadts Schrift Was gesagt ist: Sich gelassen (KGK VI, Nr. 241, S. 135, Z. 22 – S. 136, Z. 1 mit Anm. 307).
72Gelassenheit hier als vollkommenes Vertrauen auf Gott, ohne den Begriff in seiner mystischen Dimension auszuarbeiten. Zur Gelassenheit bei Karlstadt vgl. KGK VI, Nr. 241, S. 94–98, S. 101, Z. 13–15 u. S. 144, Z. 19 – S. 148sowie Hasse, Tauler, 126f.
74fern.
75haben.
76befleissigen.
77Zur Anfechtung (afflictio) vgl. Hasse, Tauler, 130–133; KGK II, Nr. 103, S. 18f.; KGK II, Nr. 124, S. 206; KGK III, Nr. 164, S. 365f.; S. 367, Z. 3 – S. 368, Z. 2; KGK III, Nr. 166, S. 387 u. 390; KGK 173, S. 20, Z. 13–17; KGK IV, Nr. 186, S. 158 Anm. 6 u. 7.
78Gebresten.
79Fleck, Makel, Punkt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 434f. s.v. Mas.
81Vgl. Röm 4,5.8; 5,19; 2. Kor 5,21; Kol 2,14. Zur Vorstellung von der Zurechnung des Leidens Christi vgl. KGK 353 (Anmerkung).
82Sie werden die Dinge der Ehre Gottes zuordnen.
84kehrt das Hintere zuvor.
85werden.
86Zur doppelten Rechtfertigung vgl. Karlstadts Axiomata (Thesen 117–128); siehe KGK 365 (Textstelle). Zu diesem Prozess vgl. Vgl. Bubenheimer, Consonantia, 276f.
87Vgl. Röm 13,14; Gal 3,27. »Angleit« vermutlich von »aangekleidet« oder »(Kleidung) angelegt«. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1180 s.v. anlegen Nr. 1 u. 3.
89geben.
90noch.
92angenommen.
94Im Traktat Von dem neuen und alten Testament legt Karlstadt sein Konzept der »Besprengung« dar. Das »neue Testament« als vollkommener neuer Bund übertreffe das »alte Testament«, weil Christus die Gläubigen nicht leiblich mit seinem Blut besprenge, sondern geistlich, mit dem Heiligen Geist (KGK VIII, Nr. 290, S. 171, Z. 7 – S. 174, Z. 14). Siehe auch die 44. und 46. These der Axiomata (KGK 365 (Textstelle) und KGK 365 (Textstelle)).
95Das Neue Testament ist für Karlstadt der durch das Leiden Christi geschlossene neue Bund mit Gott. Hierzu vgl. Ob man mit Hl. Schrift zu erweisen vermag, dass Christus im Sakrament sei (KGK VII, Nr. 278) und Von dem neuen und alten Testament (KGK VIII, Nr. 290, S. 160f.).
96geschehen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 8, 439 s.v. beschehen Nr. 1.
97nötig gewesen.
98annehme.
99Speise.
100Nahrung. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 2, 1231 s.v. ufenthalten Nr. 5.
103schwachen.
104nirgends. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 4, 761 s.v. niener Nr. 1.
106sei.
110ablegen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1190 s.v. hinlegen Nr. 2.
112verkehrt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 1549 s.v. lëtz.
115Verkündigt. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 9, 1482 s.v. verschruwen Nr. 1. Zum lateinischen Bibeltext der Vulgata siehe u. KGK 353 (Anmerkung).
116sehr geliebter, allerliebster, vorzüglich geliebter. Vgl. Schweizerisches Idiotikon 3, 989f. s.v. fürgeliebt.
117Mt 3,17 Vg »Et ecce vox de caelis dicens: Hic est Filius meus dilectus, in quo mihi complacui.«
118Beharre, d.h. warte. Vgl. FWB s.v. harren Nr. 3.
120Zu Karlstadts Fegefeuervorstellung vgl. dessen Sermon vom Fegefeuer (KGK V, Nr. 233).
121zuletzt.
122wohl bekommt.
123Lasst.

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