Nr. 366
Andreas Karlstadt an Heinrich Bullinger
Basel, 1535, 11. Januar

Einleitung
Bearbeitet von Stefania Salvadori

1. Überlieferung

[a:] StA Zürich, E II 336, fol. 38r–v

Ein Autograph; mit roten Unterstreichungen und Notizen von anderer Hand; fol. 38v Siegelspur.

[b:] ZB Zürich, S 37, 133

Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.

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2. Entstehung und Inhalt

In diesem Brief vom 11. Januar 1535 schickte Karlstadt Bullinger ein Exemplar der Thesen, die er gerade verfasst hatte (KGK 365), in der Hoffnung, dass sie ihm nützlich sein könnten. Er wollte sich damit für Geschenke bedanken, die er von Bullinger erhalten hatte – höchstwahrscheinlich die Assertio utriusque in Christo naturae, die im Oktober zuvor erschienen war.1 Auch wenn einige mit den vom Stadtrat geplanten Erneuerungen nicht einverstanden seien,2 sehe sich Karlstadt nicht in der Lage, sich den Forderungen nach einer öffentlichen Disputation zu entziehen,3 zum einen, weil er sich einer Obrigkeit, die das Studium der Heiligen Schrift verbessern wollte, nicht widersetzen wolle, zum anderen, weil er andernfalls den Verlust seiner Stelle, mit der er seine Existenz sicherte, riskiere. Karlstadt hätte Bullinger gerne zu der Disputation eingeladen, wenn die winterlichen Wetterbedingungen nicht so hart gewesen wären; ob andere Personen eingeladen werden sollten, stand noch offen. Im zweiten Teil des Briefes erklärt Karlstadt, dass er der Disputation nicht aus Vertrauen in seine eigenen Kompetenzen – die er durch sein langes Exil als stark beeinträchtigt ansah – zugestimmt habe, sondern um dem öffentlichen Studium zu nützen und vielleicht sogar eigene verlorene Kräfte zurückzugewinnen. Schließlich erwähnt er einige dialektische Techniken, über die Bullinger mit Bibliander diskutieren möge;4 ohne sie, so Karlstadts Schlussfolgerung, könne kein Thema oder Text angemessen durchgearbeitet werden. Er sendet Grüße an die ehemaligen Kollegen und auch an den in Zürich weilenden Pierre Toussaint, von dem Karlstadt eine Mitteilung über 1. Mose 1,26 wartet.

Wie Myconius am Vortag,5 informiert auch Karlstadt mit diesem Brief vom 11. Januar Bullinger über den Streit an der Universität Basel, doch thematisiert er nicht das zentrales Thema – die Einführung theologischer Doktorgrade – sondern begründet nur seine Entscheidung, die vom Stadtrat geforderte Diskussion einer Thesenreihe vorzunehmen.6 Eine Antwort auf das Schreiben Karlstadts ist nicht überliefert; in den folgenden Wochen tauschte sich Bullinger jedoch intensiv mit Myconius aus, dessen Ablehnung von Ehrentiteln im Gegensatz zum vom Geist durch die Kirche verliehenen Amt er immer offener teilte.7


1Zu Bullingers Zusendung einer Kopie dieser Schrift an Karlstadt siehe KGK 361.
2Wahrscheinlich ist hier Myconius gemeint.
3Zum Beschluss des Stadtrates, der Karlstadt dazu aufforderte, eine Thesenreihe zu verfassen und öffentlich zu disputieren, um endgültig in die theologische Fakultät aufgenommen zu werden, siehe die Einleitung zu KGK 364. Die Thesenreihe Karlstadts ist hier in KGK 365 ediert.
5Zu Myconius' Brief an Bullinger vom 10. Februar 1534 siehe KGK 364 (Anmerkung).
6Die Disputationsthesen sind ediert in KGK 365.
7Siehe auch hier Myconius' Brief an Bullinger vom 10. Februar, wie KGK 366 (Anmerkung) und für den historischen Kontext des Streits die Einleitung zu KGK 364. Bullinger antwortet Myconius mit einem Brief vom 14. Januar 1535: »Contuli cum Leone, Pellicano et Theodoro [= Leo Jud, Konrad Pellikan, Theodor Bibliander], quae iussisti conferre de creandis theologiae doctoribus. Vehementer autem omnes gaudemus, quod restituuntur studia [= gemeint ist die Neuordnung der Universität Basel; siehe die Einleitung zu KGK 364; siehe auch KGK 373 und KGK 379], interim vero probare non possumus pomposam vanitatem [= möglicher Bezug auf Myconius' Brief an Bullinger vom 10. Januar 1535; vgl. KGK 364 (Anmerkung)], quae christianam dedecet gravitatem. Antiochie erant prophetae et doctores [= vgl. Apg 13,1], sed apud quos plurimum erat pietatis et eruditionis, pompae minimum. Et quis illos crearat? Aliud nobis spectandum in ecclesia Christi, quam quod vanitas gentilis et papistica suadet. Christi et apostolorum discipuli sumus. Horum nobis imitanda exempla. Habemus in ecclesia, quod scilicet rem theologicam attinet, vocationem, electionem et manuum impositionem, quae omnino cum precibus et citra omnem fastum et pompam praesente ecclesia spectante et orante fieri debent. Doctores nobis sunt, qui ecclesiis praeficiuntur, ut doceant vel concionibus sacris vel lectionibus scripturae sanctis. Habuerunt ergo veteres gradus aliquot, sed absque sumptu, plausu theatrico et pompa. Erant prophetae, lectores, doctores, episcopi non ad disputandum rixandumve instituti, sed docendum pieque vivendum. Placet id, quod nemini permittitur docere in ecclesia Christi, nisi quem ecclesiastici testimonio comprobarint. At modum volumus apostolicum, non Parisianum [= möglicher Bezug auf die Predigt des Myconius vom 10. Januar 1535; vgl. KGK 364 (Anmerkung)]. Tiguri nullam universitatem habemus, ecclesiam habemus [= zur Zürcher Hohen Schule siehe die Einleitung zu KGK 328]. At quomodo in ea doctores creemus, vides in hoc quem hisce apposuimus codicillo [= die Wahl und Einsetzung der Pfarrer in der Prediger- und Synodalordnung von 1532; HBBW 5, 60 Anm. 20 Nr. 511] […].« (HBBW 5, 59,21–60,45 Nr. 511).

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