1. Überlieferung
Ein Autograph; mit roten Unterstreichungen und Notizen von anderer Hand; fol. 38v Siegelspur.
Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.
Editionen:
- Barge, Karlstadt 2, 602.
- HBBW 5, 56f. Nr. 509.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 467–472 mit Anm. 188.
- Bubenheimer, Consonantia, 257f. mit Anm. 26.
2. Entstehung und Inhalt
In diesem Brief vom 11. Januar 1535 schickte Karlstadt Bullinger ein Exemplar der Thesen, die er gerade verfasst hatte (KGK 365), in der Hoffnung, dass sie ihm nützlich sein könnten. Er wollte sich damit für Geschenke bedanken, die er von Bullinger erhalten hatte – höchstwahrscheinlich die Assertio utriusque in Christo naturae, die im Oktober zuvor erschienen war.1 Auch wenn einige mit den vom Stadtrat geplanten Erneuerungen nicht einverstanden seien,2 sehe sich Karlstadt nicht in der Lage, sich den Forderungen nach einer öffentlichen Disputation zu entziehen,3 zum einen, weil er sich einer Obrigkeit, die das Studium der Heiligen Schrift verbessern wollte, nicht widersetzen wolle, zum anderen, weil er andernfalls den Verlust seiner Stelle, mit der er seine Existenz sicherte, riskiere. Karlstadt hätte Bullinger gerne zu der Disputation eingeladen, wenn die winterlichen Wetterbedingungen nicht so hart gewesen wären; ob andere Personen eingeladen werden sollten, stand noch offen. Im zweiten Teil des Briefes erklärt Karlstadt, dass er der Disputation nicht aus Vertrauen in seine eigenen Kompetenzen – die er durch sein langes Exil als stark beeinträchtigt ansah – zugestimmt habe, sondern um dem öffentlichen Studium zu nützen und vielleicht sogar eigene verlorene Kräfte zurückzugewinnen. Schließlich erwähnt er einige dialektische Techniken, über die Bullinger mit Bibliander diskutieren möge;4 ohne sie, so Karlstadts Schlussfolgerung, könne kein Thema oder Text angemessen durchgearbeitet werden. Er sendet Grüße an die ehemaligen Kollegen und auch an den in Zürich weilenden Pierre Toussaint, von dem Karlstadt eine Mitteilung über 1. Mose 1,26 wartet.
Wie Myconius am Vortag,5 informiert auch Karlstadt mit diesem Brief vom 11. Januar Bullinger über den Streit an der Universität Basel, doch thematisiert er nicht das zentrales Thema – die Einführung theologischer Doktorgrade – sondern begründet nur seine Entscheidung, die vom Stadtrat geforderte Diskussion einer Thesenreihe vorzunehmen.6 Eine Antwort auf das Schreiben Karlstadts ist nicht überliefert; in den folgenden Wochen tauschte sich Bullinger jedoch intensiv mit Myconius aus, dessen Ablehnung von Ehrentiteln im Gegensatz zum vom Geist durch die Kirche verliehenen Amt er immer offener teilte.7
KGK 365
Transkription
