1. Überlieferung
Eine Abschrift; sowie Notizen von unbekannter Hand am Rand und nach der Adressangabe, die den Inhalt des Briefes in Stichworten zusammenfassen.
Eine Nachschrift aus der Sammlung Johann Jakob Simlers.
Edition:
- Myconius, Briefwechsel, 200 Nr. 136.
Literatur:
- Barge, Karlstadt 2, 446f.
- Bubenheimer, Consonantia, 265.
2. Entstehung und Inhalt
Der seit Jahreswechsel ernannte neue Diakon zu St. Alban Oswald Myconius1 schrieb aus Basel am 16. April 1532 einen Brief an Karlstadt. Er dankt ihm zunächst für die Beschaffung des Bockshornklees – vielleicht zur Heilung seiner Waden.2 Danach folgen theologische Überlegungen über den menschlichen Geist, auch wenn er dafür nur den begrenzten Raum eines Briefes zur Verfügung habe. Myconius möchte dazu die Meinung Karlstadts hören. Der erste Mensch habe einen Geist erhalten, der dem Ebenbild Gottes entspricht, aber nach dem Sündenfall ließe sich dieser Geist mit einer verlöschten Kerze vergleichen, von der man nur sagen könne, dass sie gut sei, weil sie die Fähigkeit behalte, wieder angezündet zu werden, wenn Gott es wolle.3 Deshalb könne der postlapsarische Mensch zwar aus eigener Kraft viel erforschen – wie die Philosophen aller Zeiten mit ihren Überlegungen zu Weisheit und Tugend bezeugen –, aber jede menschliche Erkenntnis sei nur ein schwacher Abglanz der göttlichen Wahrheit, der einzig wahren Wahrheit. Dass von der Wahrheit in der menschlichen Seele keine Spur mehr vorhanden sei, d.h. dass diese Kerze längst nicht mehr leuchtet, zeige sich nach Myconius daran, dass der Mensch niemals nach Gott strebe, sondern immer nur nach seinem eigenen Nutzen. Auch in den Künsten sei das letzte Ziel nie die Heiligung des Namens Gottes, weshalb auch sie nichts als Finsternis seien. Myconius wiederholt diese Gedanken erneut anhand der heiligen Schrift. Denn in 1. Mose 6,3 heißt es, dass der Geist Gottes nicht mehr im Menschen bleibe, da dieser Fleisch geworden sei und sich nur noch dem Irdischen zuwende. Auch 1. Mose 8,21 und Spr 14,12 bestätigen die völlige Verdorbenheit des postlapsarischen Menschen, dessen natürliche Vernunft nur zum Tod führen kann.4 Ohne Christus könne man nur in der Finsternis wandeln, wie man in Joh 8,12 lese.
Im zweiten, deutlich kürzeren Briefteil bekennt Myconius, dass er sich an Karlstadt, einen erfahrenen Schriftkenner, wendet, um die Meinung anderer zu erkunden. Es folgt die Bitte an Karlstadt, ihm mitzuteilen, wenn jemand – wer damit gemeint ist, bleibt unklar5 – Myconius' Überlegungen widerspreche, denn er sei nicht in der Lage, diese Subtilitäten zu begreifen. In den letzten Zeilen nimmt Myconius kurz Bezug auf die Abendmahlslehre und behauptet, er sei mit der Karlstadts einig, könne aber die – wahrscheinlich in Basel – gängige Praxis nicht ändern. Myconius schließt mit der Bemerkung, dass er keinen Zweifel daran habe, dass alles, was Karlstadt gegen Luther unternehmen würde,6 zum Lob Gottes und zum Wohle der Kirche sei, und sendet Grüße an Konrad Pellikan, Theodor Bibliander und alle seine Freunde in Zürich.
Dieser Brief zeugt von einem intensiven Austausch zwischen Basler und Zürcher Theologen und Gelehrten, an dem auch Karlstadt nicht nur direkt beteiligt war, sondern als von Myconius privilegierter Korrespondent zu agieren scheint.7 Myconius beschäftigte sich in jenen Monaten intensiv mit dem Thema der Kräfte der menschlichen Seele und erregte mit seiner Lehre von der völligen Verderbnis des Menschen auch den möglichen Vorwurf des Simon Grynaeus.8 Er interessierte sich nicht nur für die Meinung seiner Basler Kollegen, sondern auch für die seiner alten Freunde in Zürich. Und vielleicht war es gerade der Austausch mit seinem ehemaligen Schüler in Zürich, Theodor Bibliander,9 der Myconius veranlasst hatte, das Thema aufzugreifen. Bibliander zeigte sich in seiner Oratio ad enarrationem Esaiae10 eher geneigt, auch bei den Heiden eine Gotteserkenntnis anzuerkennen. Er sandte ein Exemplar dieser Schrift bereits am 8. März 1532 an seinen alten Lehrer Myconius.11 Letzterer äußerte sich über die Oratio in einem heute verschollenen Brief, Bibliander wiederum bekräftigte seine Auffassung in seiner Antwort am darauffolgenden 29. April. Obwohl Bibliander seinen Brief mit Dank und Respekt gegenüber dem alten Lehrmeister beginnt, zögert er nicht, seine Ansicht zu bekräftigen. Gegen Myconius' Kritik, den Heiden sei keine Gotteserkenntnis gewiss zuzuerkennen, wiederholt Bibliander, dass diese Erkenntnis eine Gabe des Vaters an alle Menschen sei und untermauert seine These noch weiter. Trotz des höflichen Tons bleibt die Meinungsverschiedenheit bestehen.12 Karlstadts Antwort an Myconius zu dem hier edierten Brief liegt nicht vor; ob zwischen den beiden ähnliche grundlegende Meinungsverschiedenheit wie bei Bibliander bestand, bleibt also offen. In seinen Thesen von 1535 formulierte Karlstadt jedoch seine Anthropologie von dem Begriff der imago Dei ausgehend eindeutig positiv aus.13
In demselben Brief vom 29. April 1532 gesteht Bibliander, dass er seine hebräische Grammatik nur deshalb herausgeben wolle, weil Konrad Pellikan, Karlstadt und andere ihn dazu gedrängt hätten.14 Pellikan hatte in einem Brief an Myconius vom 28. März Auskünfte über diese Grammatik gegeben und damit auf die Anfrage des Baslers über die beste Methode zum Erlernen des Hebräischen reagiert.15 Der humanistisch ausgebildete Myconius hatte im Gegensatz zu seinen Kollegen und ehemaligen Schülern in Zürich nie ein Studium der Theologie absolviert. Der Austausch mit ihnen diente ihm daher auch dazu, seine theologische Bildung zu vervollständigen und zu bestätigen. Gerade in diesem Punkt und in der Frage, ob ein akademischer Grad notwendig sei, um Theologie zu lehren, sollte er einige Jahre später in eine offene Auseinandersetzung mit Karlstadt geraten.16
KGK 332
Transkription
