Nr. 304
Andreas Karlstadt an Martin Luther
Berkwitz, 1526, 17. November

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt
Dem achtbarn und
hochgelerten hern
Doctori Martino Luther
meynem gelibten
und gunstigem hern
und gefatter tzu
Henden.
Buchsymbol fehlt

Achtpar hochgelerter herr doctor gunstiger und liber gefatter1 mein gantz
willige dinste tzuvor und was ich guts vermagk. Mein herr, E'uer' achtbar'keit'2
seind ungetzweifeldt wol indechtig weß ich mich vilmals beclagt/ und
warumb ich daß paurs gut zcu Bercktzaw3 muss gelassen.4 Weil denn
kein auffhoren ist deß abgangs5 meyner pferde. Sondern mir kurtzlich
hievor ein grosser starcker wagen hengst/ tzusampt ein ander hengst
welche ich fur xv fl nicht gern verkaufft hett/ beyde in eyner wochen
abgestorben/ hab ich mich gefurdert6 und solichs gut wolfeyl7 verkaufft/
uff daß ich nit tzum betler wurd/ und der acker meyner halben wust
werden must. Hoff mich kundte nymand verdencken/ noch eineß
wanckels8 der halben beschuldigen/ Weyl ich nun vii pferd verloren/
und sonst grossen ungleublichen schaden erliden. Nu hab ich Got sey in
ewikeit lob ein wenig vih ertzeugt/ nemlich schaff/ schwein〈/〉 ochssen
und kuh. Och ein kleinsa halbjarigs Kind9 welche ich one ferlig-
keit
nicht drau fern tzebrengen. In sonderheit vermocht ich mein
futer〈/〉 heu/ strohe/ und holtz/ unkost der furhalben10 mit mir nit weyd
nemen. Sonder ich musts halb vergeben und tzu wasser machen11/ und
uber daß mit grossem nachteil anders erkeuffen/ welchs mir alles/ alss〈?〉
eynem armen man tzu untreglichem schaden mocht gereichen.

Ein anders pauers gut darff ich nit annemen.12 So wissen E'uer' A'chtbarkeit' wie
ich mich tzu Grefenheinge13/ nach einer behausung/ hab den Somer
lang umbgesehn/ und doch nichts erforscht.14 Kemberg aber/ welchs
an den fluer deß dorffs Birckzaw15 stosset ist in der churfurstlichen ein-
nemung
/ do ich auß gnaden eingelassen/ entschlossen/ doch mit gnediger
entlicher clausel biß anders wurd etc.16 aber da selbist17 kunth ich
etliche heuser tzu miede oder kauffs bekommen/ und mein futer/
vih/ und holtz/ mit gunstiger hilff am aller fuglichsten einbrengen
daß ich one furbite und erleubnis nicht darff furnemen noch dencken.
weil ich mich denn ßo still gehalten und in allerley arbeit alßo geubt/ welchs
ich nodt und nit ruemß halben melden thun. bDaß man gleich nichts mehr
von der lere des Carlstats thut reden. bAuch nicht willens bin hinfuro mich
in irgent eine sach der hochgelerten tzebegeben. Sondern meyner narung
tzu wartten.18 Welchs E'uer' A'chtbarkeit' nirgent gewisser teglich erfaren mogen denn von
der neh her.19 So bit ich E'uer' A'chtbarkeit' umb Gottis willen/ E'uer' A'chtparkeit' welden mich an den
durchleuchtigisten und hochgebornen fursten und hern/ hern Johansenn
Hertzogen tzu Sachssen des heyl'igen' Ro'mischen' Reichs Ertzmarschalken und Churf'ursten'
landgrafen in Doringen und Marggrafn tzu Meissen etc. meynen gnedigsten
hern verschreiben20〈/〉 S'eine' ch'ur'f'urstlich' g'naden' umb furstlich milde und Christlich barmb-
hertzikeit
bitten/ mich mit demjene tzu begnaden/ daß ir churf'urstlich' g'naden' nit
mit eines hellerß werd abbricht/ als ichs verstehn. Mir ertzeigte gnedige ein-
lassung
ferner erstrecken und erleuben/ Daß ich tzu Kemberg mog und
Buchsymbol fehlt und dorff einkommen Mich nebend andern burgern nerenc neren und meynen
armen Kindern21/ wie ich pflichtig futer und gewandt erwerb. Daß wil ich
umb E'uer' A'chtbarkeit' tzu verdienen alletzeit ungespartes leibes und guts be〈reit〉
sein. Datum tzu Bercktzaw Sonabendt nach Martini anno in
dem xxvj jhar22

E'uer' A'chtbarkeit'
williger
diner
Andres Carolstat.

afolgt gestrichen Kin
b-bvon anderer Hand unterstrichen und mit einer geschweiften Klammer am Rand versehen
cfolgt neren , zur besseren Lesbareit vom Editor gestrichen

1Karlstadt versucht durch die hier genutzte Anrede ein freundschaftliches Verhältnis zu Luther zu kreieren im Sinne der Wortbedeutung »Bruder, Freund, Nachbar« (vgl. FWB s.v. gevatter Nr. 2). Hierzu siehe auch KGK 296 (Anmerkung).
2wertschätzende Anrede bei Personen höheren Standes – Karlstadt versucht hier also zusätzlich zur freundschaftlichen Ebene (siehe die vorige Anm.) auch eine besonders wertschätzende Anrede.
3Bergwitz bei Kemberg, ca. 13km südwestlich von Wittenberg. Hierhin war Karlstadt mit seiner Familie im Frühjahr des Jahres übersiedelt und bewirtschaftete dort ein Bauerngut; siehe auch KGK 302.
4verlassen. Vgl. FWB s.v. gelassen.
5Tod.
6sich beeilen. Vgl. DWb2 9, 752 s.v. fördern Nr. 3.
7billig, niedrig im Preis. Vgl. DWb 30, 1117 s.v. wohlfeil.
8schwankendes, wechselhaftes Verhalten. Vgl. DWb 27, 1800 s.v. Wankel Nr. 2a.
9Diese Aussage legt nahe, dass Karlstadt und seine Frau nach dem 1523 in Wittenberg und dem 1525 in Orlamünde geborenen Sohn Andreas noch ein weiteres Kind bekommen hatten. Auch wenn in den Quellen nichts von einer erneuten Schwangerschaft Annas berichtet wird, könnte das im Frühjahr 1526 in Seegrehna in Anwesenheit Luther getaufte Kind gemeint sein, das bislang mit dem Zweitgeborenen Andreas identifiziert wurde, bei dem es sich aber auch um den später in den Quelen erwähnten Jakob handeln könnte. Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 52 geht davon aus, dass dieser 1526 in Bergwitz zur Welt kam, Barge, Karlstadt 2, 518f. dagen gibt an, dass Jakob erst in der Schweiz geboren wurde. Zu Karlstadts Kindern insgesamt siehe Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 52 sowie Barge, Karlstadt 2, 518f.
10Aufgrund der Fuhrkosten.
11zunichte machen, hier wohl ohne bzw. unter Wert verkaufen. Vgl. DWb 27, 2230 s.v. Wasser Nr. 2a.
12Aus welchen Gründen Karlstadt die Übernahme eines Bauerngutes unmöglich erschien, ist unklar; Luther gibt in seinem Schreiben an Kurfürst Johann »der bauern bosheit« an; vgl. WA.B 4, 134,53 Nr. 1052.
13Gräfenhainchen, ca. 20km südwestlich von Wittenberg.
14ausfindig machen. Vgl. FWB s.v. erforschen Nr. 3.
16Bezug auf die kurfürstliche Instruktion vom 17. September 1525, mit der Johann eine erneute Niederlassung Karlstadts auf sächsischem Territorium erlaubt hatte, vgl. Beilage zu KGK 300, hier KGK 300 (Textstelle).
18Karlstadt möchte sich auf die Erwirtschaftung seines Lebensunterhalts konzentrieren. Zur Wortbedeutung siehe auch FWB s.v. narung Nr. 1.
19Karlstadt spielt hier auf die geringe Entfernung Kembergs von Wittenberg an, die es Luther möglich mache, ihn zu kontrollieren. Zu dieser Argumentation siehe auch KGK 304 (Anmerkung).
20sich für jemanden verwenden, jemanden empfehlen. Vgl. DWb 25, 1156, s.v. verschreiben Nr. 4.
2217. November 1526.

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