Nr. 299
Andreas Karlstadt an Kurfürst Johann von Sachsen
[Wittenberg] , [1525, vor 12. September]

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt

Dem durchleuchtigesten und
hochgeborn fursten und herrm/ hern
Johanßen/ des heyligen Romischen
Reichs Ertzmarschalk und Churfursten
Hertzogen Sachssen Landgraffen in
Doringen und Marggraffen tzu
Meissen meynem allergnedigisten hern〈.〉

Buchsymbol fehlt

Durchleuchtigister hochgeborner Churf'urst' gnedigister herr
E'uer' churf'urstlich' g'naden' seind mein untherdenige dinste mit leib
und gut gehorsamlich alletzeit tzuvor an bereitt〈.〉
Gnedigster h'err'〈.〉 E'uer' churf'urstlich' g'naden' schick ich ein endtschuldigung
des gesagten verdachts wider mich/ der puren auffruer
belangend1/ und bit und erbiete mich/ in massen/ als
ich in gedachter endtschuldigung gebetten und mich erbotten
mit untherdeniger flehung2 E'uer' churf'urstlich' g'naden' wellen mich
nit verkurtzen3/ nach4 in E'uer' churf'urstlich' g'naden' landen/ des auffrurs
halben verdriß thun lassen5 ehe ich uberwundten6/
Sonder tzu verhoͤr und antwort lassen kommen〈.〉7
Mir auch umb Gottis ehre und umb des bittern leydens
Jesu Christi willen/ auß barmhertzikeit und christlicher
libe/ gnediglich vergeben und vergessen/ was ich wider
E'uer' churf'urstlich' g'naden' mit worten ader wercken gethan.
Bedencken/ das der starck und mechtig got E'uer' churf'urstlich' g'naden'
mit der maß wird messen/ mit welcher Euer churfurstlich
gnaden dena armen/ untherdruckten und elenden messenn.8
Nemlich das got tzorn mit tzorn vergelten/ und
barmhertzikeit mit barmhertzikeit belonen wird
wie unser gebete außweist.9 Wenn meyn
weib hette yn E'uer' churf'urstlich' g'naden' landen bleyben dorffen10/
So wehr ich bald ym anfanck des purischenn
auffrurs/ auß der Rottenburgischen landwehr
und Francklandb unther die fussen E'uer'
Buchsymbol fehlt Churf'urstlich' g'naden' gelauffen etc.11 Wellen sich E'uer' churf'urstlich' g'naden' uber meyn
elende nicht erbarmen/ So haben doch E'uer' churf'urstlich' g'naden' ir
aigen selikeit tzu hertzen tzunemen und wellen doch
meinß armen weibß/ tzusampt irer freundtschafft12/ und
meins elendes kinds verschonen.13 Kan ich nicht gnad
erlangen/ ßo wil ich straff leyden/ umb daß ubell/ das
ich sal gethan haben. Ich hoff aber E'uer' churf'urstlich' g'naden'
werden tzorn und ungnad umb gottis willen laßen
fallen/ und mich der treu genissen/ welche ich tzu
E'uer' churf'urstlich' g'naden' gehabt/ und noch hab. Bit E'uer' churf'urstlich' g'naden' umb
gnedige antwort und mir gnad tzu ertzaigen. Das
wil ich umb E'uer' churf'urstlich' g'naden'/ tzuverdienen/ in aller gut-
willikeit
und untherdainikeit/ ßo lang ich lebe leybs
und guts ungespart14/ bereitt seyn〈.〉 Datum anno xxv
E'uer' Churf'urstlich' g'naden'

untherdeniger

diener

Andres Carlstat

Doctor15

Doctor Martinus wird mir

E'uer' churf'urstlich' g'naden' antwort ferner schicken.16


aüber der Zeile ergänzt
bfolgt gestrichen geheben

1Karlstadt überschickte Kurfürst Johann mit diesem Schreiben ein Exemplar seiner Rechtfertigungsschrift Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297). Hiermit reagierte er auf die u.a. von Luther gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen, er trage eine Mitschuld an den fränkischen und anderen Bauernaufständen; vgl. KGK 297 (Textstelle).
2Bitte.
3verhindern, vermindern, hier wohl im Sinne von schaden. Vgl. DWb 25, 703f s.v. verkürzen.
4noch.
5Leid (= Verdrieß; siehe DWb 25, 243 s.v. verdriesz) antuen lassen.
6in einem Verhör überführt werden. Vgl. DWb 23, 656 s.v. überwinden Nr. II A 1d.
8Möglicherweise Verweis auf Mt 25,40 Vg »et respondens rex dicet illis amen dico vobis quamdiu fecistis uni de his fratribus meis minimis mihi fecistis.«
9Möglicherweise Verweis auf die Verse Mt 6,14f. Vg »si enim dimiseritis hominibus peccata eorum dimittet et vobis Pater vester caelestis delicta vestra, si autem non dimiseritis hominibus nec Pater verster dimittet pecata vestra«, die auf das Vater Unser folgen.
10Karlstadts Frau Anna von Mochau war nach der Geburt des zweiten Kindes Anfang 1525 ebenfalls aus Sachsen verwiesen worden, da sie sich geweigert hatte, ihren neugeborenen Sohn taufen zu lassen; siehe KGK 299 (Anmerkung).
11Hätte ich mich in die sächsischen Lande geflüchtet. Karlstadt sah sich während des Bauernaufstandes in Franken immer wieder Gefahren durch die Aufständischen ausgesetzt, die ihn aufgrund seiner Mahnung zur Gewaltlosigkeit nicht als einen der ihren ansahen, wie er in seiner Entschuldigung des falschen Namens des Aufruhrs (KGK 297) anhand von Beispielen nachzuweisen versucht. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch, er habe mehrfach versucht, sich aus dem Gebiet der Aufständischen zu entfernen, habe aber immer wieder umkehren müssen; vgl. KGK 297 (Textstelle). Zum Verlauf des Bauernkrieges in und um Rothenburg siehe auch KGK 294.
12Verwandtschaft, Sippe. Vgl. DWb2 9, 1044 s.v. Freundschaft Nr. 3. Anna stammte aus Seegrehna bei Wittenberg, wo ein Großteil ihrer Verwandten lebte.
13Eins der beiden Kinder des Paares scheint im Laufe des Jahres 1525 gestorben zu sein. Zu Karlstadts Kindern siehe KGK 296 (Anmerkung).
14ohne zu sparen. Vgl. DWb 24, 866f. s.v. ungespart.
15Die Nutzung des akademischen Titels an dieser Stelle ist für Karlstadt unüblich, hatte er doch bereits seit dem Frühjahr 1523 konsequent auf dessen Nutzung verzichtet; siehe auch KGK 299 (Anmerkung).
16Das vorliegende Schreiben wurde dem Kurfürsten durch Luther übersandt, vgl. KGK 299. Da er sich zum Zeitpunkt dieses Schreibens noch nicht offiziell in Sachsen aufhalten durfte und daher auf die Fürsprache Luthers zur Erlangung seines Anliegens angewiesen war, der nach außen hin als einziger über den Aufenthaltsort Karlstadts informiert war bzw. in Kontakt zu ihm stand, bedurfte Karlstadt weiterhin der Vermittlung Luthers bei der Korrespondenz mit dem Kurfürsten. Dementsprechend wies der Kurfürst Spalatin auch an, seine Antwort mit bzw. durch Luther an Karlstadt überbringen zu lassen; vgl. KGK 300 (Textstelle).

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