Nr. 345
Beglaubigung der Aussage des Diessenhofener Predigers Leonard Bechlin durch die Züricher Prediger
Zürich, 26. Februar 1534

Text
Bearbeitet von Stefanie Fraedrich-Nowag
Buchsymbol fehlt

Uff die Artickel So der Mespfaff1
uff den predicanten von diessenhowen2
Ingelegt und clagt hatt gibt der bredig-
cant
vor den gelerten Zu Zürich3/ diese
Antwort/

Uff den erstenn 〈artickel〉4 gstat er nit das er dis wort altgläu-
big
genempt5 habe/ er habe aber geseyt6 alle die die Cere-
moin
7 anders bruchend dan nach der ler Cristi die sind
newgläubig und Jüdelend mer dan si Cristen sygend〈.〉
Das er das Sacraent geschmächt8/ gstat er nit/
wie aber sy das sacrament im Closter umgetragenn9/
habe er gsagt Cristus habe nieman10 empfolhen/ das Sa-
crament
Inzesperen/ und umerzetragen/ Der
oberkait halb/ sagt er also/ er habe In der gmaind
von dem ampt der oberkait gsagt/ und gebredigett
nit allain vom Sacrament/ da habe er also gret/ wan
die oberen die laster nit straffend/ so syend si boser
dan die es selbst thund/ Ro 1〈.〉11

Uff den andern artickel12 er habe das evangelion ge-
brediget
/ Namlich wie Marci 5 stat/ wie die bösen
gaist/ In den grebern wonetend und dan ufstündend
und den leüten unruw/ machtend13/ do hab er under
andern Inzegenn14 das der böß gayst offt zu der ab-
göterey
Räytze15 und helffe/ und wie man dan an et-
lichen
orten vil valscher wunderzaichen/ bi der gre-
ber
der hayligen geschehenn/ den menschen fürgeben
hat/ Item das die Toten ufferstanden/ und den
menschen erschinen syind das sye den merern
tail nit dan des tüfels trug und Reytzung damit
er die menschen vom waren vertruwen des waren
lebendigen gots uff Creatur in abgöterei abfür/
Das aber die dotenn nit uffstandind und
den menschen nit erschinen hat er erbirrt16
dem/ is/ Ea/ luce/ das ain grosse Clufft sye
zwüschen uns und Inen〈.〉17 In summa die todtenn-
dienst
18 syen vom Tüfel gewert19 worden etc.

Buchsymbol fehlt

Uff den driten artikel20 Ant〈wort〉a/ er habe gebrediget
die epistel Johanis/ do er spricht/ wen wir sagt
das wir nit sunder werend so betrugend wir uns
selbst/ und were kain warhait in uns〈.〉21 uff sollichs
habe er anzaigt22/ wie wir all sünder niemands
usgenomen Cristus one sünd sige23/ das aber Ma-
ria
seib und habe/ das habe und sige24 sie von gott25/
worum er dan zu iren sölte lauffen umbc
hilff und gnad/ vil mer woll erd zu got lauffen/ zum
Rechten brunnen/ hat dabi ain bisbil26 und glichnus
von ainem brunnen ingfürt das in der man lieber
zum ursprung lauffe wasser zereichen/ dan zum uß-
flus
〈/〉27 er habe aber Maria mit kainem wort nie ge-
schmecht
/ es werde sich auch nit finden/ er ist aber
gstendig das er gret hab man sölle si nit anruf-
en
/ Item das er die götzen er verworffen
und gescholten habe des ist er anred28/ vermaint
solliche bilich gethun haben/ dwyl es got so ernstlich
In aller siner gschrifft verbitet.29

Der ölung halb das er die stinkend genennet
habe30 spricht er/ er habe es nit thun er maint auch
es werde sich nit erfinden31 das habe er aber gret
wie die bäbßler32 fügebend das ol öll oder die ölung
wesche die sünd ab habe er gesagt es sige ain falsch
und nit war〈.〉

Uff den vierden Artickel33 Antwurt er hat gelert
alain got dem herren/ wider den gesündet iß
bychtenn/

Ainsydlenn halb hat er gsagt man dörffe nit gen
ainsydlenn zum gotzen lauffenn〈.〉34

Buchsymbol fehlt

Uff den fünfften Artickel35 Redt er alßo/ er
habe in siner bredig gelert was der Recht dienst
und das Rech〈t〉 ampt der diener der Kirchen seie
das Cristus Inen befolhen habe/ Namlich er
habe si nit hayssen weder ochsen noch ku opferrn/
auch nit haissen mes haben/ sonder das evangelion
predigen und tauffen〈.〉36 verhofft nit das er die mes
damit Jehenen geschmecht habe.

Der zwayerlay tauff halb37 Redt er also/ er habe ge-
redt
uß paulo/ es sige nun ain ainiger tauff
wie ain ainiger got und glauben38/ so habe man
Jeho ainen geschmirbtenn39 tauff und ain Rech-
ten
tauff/40

Uff den sechsten Artickel41 er hat nit von
den altgläubigen geredt er hat aber gesagt/
man solle die Jhenen die die ler Cristi
durächtend42 miden und kain gmain sain43
mit inen haben/ auch sy zu kainen Eren
und Cristenlichen amptern erwollen

Uff den sybenden artickel44 uff purri-
ficationis
marie45 hab er gebredigt/ das
sie marie das hechst leid der größt schmertz/
und das schwärt das iro ir hertz durchtringe
Buchsymbol fehlt wan man irem son widerspeche und in nit
allain verere〈.〉46

So vil ist er bkantlich47 und
anred48 das ander vermaint
er Im von sinen misgün-
stigen
hir zugelihen49 sin/

Dise erlüterung und vorjhehung50 oder bkant-
ung
51 haben wir nachbenempten ghört synd
darbi gsin personlich deshalb wir Im der
Zügung52 mit unserer gschrifft und sig-
el
gebend dorstag vor reminiscere Anno 3453

Heinrich Bullinger

D Hainrich Engelhard54

Herr Rudolff Thumbysen55

Leo Jud56

Conradus pellicann57

D. Andreas Carolstadt

Deoder Buchmann58

All diener und leser der kilchen
en Zürich


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bvom Editor verbessert aus sie
cvon gleicher Hand verbessert aus und
düber der Zeile ergänzt
evom Editor verbessert für sie

1Dieser konnte bislang nicht identifiziert werden.
3Heinrich Bullinger, Heinrich Engelhardt, Leo Jud, Rudolf Dumysius (Thymben), Konrad Pellikan, Andreas Karlstadt und Theodor Bibliander; zu ihnen siehe unten KGK 345 (Anmerkung), KGK 345 (Anmerkung), KGK 345 (Anmerkung), KGK 345 (Anmerkung) undKGK 345 (Anmerkung). An diese hatte sich Bechlin auf Empfehlung der Schultheißen und des Rates der Stadt Diessenhofen gewandt, um sie um Unterstützung in dieser Sache zu bitten; vgl. Schultheissen und Rat von Diessenhofen an die Pfarrer von Zürich, Diessenhofen, 20. Februar 1524 (HBBW 10A, 43–45 Nr. 327a).
4Gemeint ist der erste gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdepunkt: »1. Daß er predige, sy die altglöubigen helfen den juden bruch [= Brauch] begon und [er habe] das wirdig sacrament geschmäht, ouch die druf halten, und gesagt, die oberkheit sye böser, die sölcher abgötterig helfe, dan die sy bruchen.« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
5gebraucht.
6gesagt.
7Zeremonien hier im Sinne von altkirchlichen Bräuchen und kultischen Handlungen im Gottesdienst und darüber hinaus, die im reformatorischen Zusammenhang als nicht heilsrelevant bzw. das Heil falsch versprechend und damit überflüssig kritisiert wurden; vgl. DWb 31, 669 s.v. Zeremonie Nr. 1.
8geschmäht.
9Gemeint ist wohl die Fronleichnamsprozession im Kloster St. Katharinenthal bei Diessenhofen, wohin sich die katholischen Einwohner der Stadt v.a. vor der Einsetzung eines Messpriesters in Diessenhofen zur Ausübung ihres Glaubens begaben. Hierbei waren sie immer wieder Schmähungen und Angriffen der neugläubigen Mehrheit der Diessenhofer Bürger ausgesetzt; vgl. Eidgenössische Abschiede IV, 1b, 1432 p Nr. 766.
10Niemandem.
11Bezug auf Röm 1,32.
12Gemeint ist der zweite gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdepunkt: »2. So die pfaffen die jarzeit [= Anniversarien] begangen mit singen und läsen uf den gräbern, so standent die tüffel uf und merent sich in der abgöttery etc.« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
14angezeigt.
15reize.
16bewiesen.
17Vgl. Lk 16,26 Vg »et in his omnibus inter nos et vos chasma magnum firmatum est ut hii qui volunt hinc transire ad vos non possint neque inde huc transmeare.«
18kirchliche Handlung zugunsten der Seelen Verstorbener. Vgl. Schweizerisches Idiotikon XIII, 797 s.v. Tötendienst.
19jmd. mit etwas ausstatten, hier im Sinne von vom Teufel eingegeben. Vgl. FWB s.v. geweren Nr. 4.
20Gemeint ist der dritte gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdeartikel: »3. Diewyl die mutter gottes ouch ein mentsch gewäsen sye, so habe sy ouch gesündet; warum er dann sy also anrüfen sollte, und sy also gar geschent, deßglichen anzöigt, man eere götzen und man wüsse, daß sy uns nützit erwerben mögint von got, niemant möge dan got uns selig machen, und nit die götzen und noch die stinkend salb der ölung, der chrißmung, es sige alles abgötery« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
21Vgl. 1. Joh 1,9 Vg »si confiteamur peccata nostra fidelis est et iustus ut remittat nobis peccata et emundet nos ab omni iniquitat.«
22etwas zeigen, aufzeigen. Vgl. FWB s.v. anzeigen Nr. 1.
23sei.
24sei.
25Bechlin spielt hier auf das Menschsein Mariens an, aus der er ableitet, dass sie nicht anzubeten sei, da auch sie – wie jeder Mensch – alles, was sie sei und habe, durch Gott und nur durch ihn erhalte; siehe auch KGK 345 (Anmerkung).
26Beispiel.
27Bechlin nutzt hier die Bedeutung des Brunnens als christliche Allegorie für Gott oder Christus als Ursprung bzw. Quelle (hierzu vgl. auch FWB, s.v. Born Nr. 3 bzw. FWB, s.v. Brunnen Nr. 3). Auf welches Beispiel oder Gleichnis er hier anspielt, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen, möglicherweise ist Joh 4,14 gemeint.
28geständig, zu etwas stehend. Vgl. DWb2 2, 1232 s.v. anred.
29Wahrscheinlich Anspielung auf 2. Mose 20,4f. bzw. 5. Mose 5,8f. und Joh 7,37f.
31bewahrheiten. Vgl. FWB, s.v. erfinden Nr. 4.
32»Päpstler«, hier als abschätzige Bezeichnung für Katholiken.
33Gemeint ist der vierte gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdeartikel: »Zum 4. Habe er die bicht gar verworfen und gsagt, hüt die vor den valtschen propheten, die dir die bicht fürhalten; du darfft nit den götzen nachloufen gan Einsiedlen noch an andere ordt.« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
34Bezug auf die Wallfahrt zum Kloster Einsiedeln. Dieses im 10. Jahrhundert gegründete Kloster bildete seit dem 15. Jahrhundert eines der Zentren der Marienverehrung, die Wallfahrt zur von Engeln geweihten Gnadenkapelle war mit einem päpstlichen Vollablass verbunden. Zur Einsiedler Wallfahrt insgesamt siehe Kloster Einsiedeln, hier v.a. 45–53.
35Gemeint ist der fünfte gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdeartikel: »Zum 5. hat er angezeigt, wie man im alten testament veyß ochsen und schaf lebendig ufgeopfert, das habe got wol gefallen; er habe nit heissen mäß han, solt die mäß ein opfer sin, es sye ein valtsch tüfelisch ding, und ouch von dem touf gesagt, man habe zweierlei touf, ein geschmyrpten und dan den rechten touf.« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
36Bezug auf Jesu Missionsbefehl Mt 28,19f. und Mk 16,15f.
37Siehe erneut KGK 345 (Anmerkung).
38Bezug auf Eph 4,5.
39verächtliche Bezeichnung für katholische Geistliche bzw. von ihnen ausgeführte Weihehandlungen. Vgl. Schweizerisches Idiotikon IX,992 s.v. g(e)schmir(w)t Nr. a.
40Mit der Unterscheidung zwischen rechtmäßiger (gültiger), evangelischer und »geschmirbter« Taufe sprach Bechlin der katholischen Taufe gleichsam ihre Gültigkeit ab.
41Gemeint ist der sechste gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdeartikel: »Zum 6. gsagt, man sölle kein gmeinsame mit den altglöubigen haben, sy zu keinen eeren bruchen, mit inen weder essen noch trincken.« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
42diejenigen, welche die Lehre Christi verachten.
43Gemeinschaft.
44Gemeint ist der siebte gegen Bechlin vorgebrachte Beschwerdeartikel: »Zum 7. Habe er ouch gesagt von dem schwert, davon Symon gesagt hat, das Maria durch ir hertz gan sölle, wan man sy anrüfe und eere« (Eidgenössische Abschiede IV, 1c, 273 Nr. 136).
452. Februar 1534.
46Bezug auf Lk 2,34f. Vg »et benedixit illis Symeon et dixit ad Mariam matrem eius ecce positus est hic in ruinam et resurrectionem multorum in Israhel et in signum cui contradicetur et tuam ipsius animam pertransiet gladius.«
47(seiner Schuld) geständig. Vgl. FWB s.v. bekentlich Nr. 5.
49im negativen Sinne beigesteuert, unterstellt. Vgl. DWb 32, 518 s.v. zuleihen.
50Bekenntnis, Aussage. Vgl. DWb 25, 609 s.v. Verjehung Nr. 3.
51Bekenntnis, Geständnis. Vgl. FWB s.v. Bekennung Nr. 3.
52Beglaubigung. Vgl. Schweizerisches Idiotikon XVII, 675 s.v. Zügung.
5326. Februar 1534.
54Heinrich Engelhardt (1482–1551), Züricher Jurist, Humanist und reformierter Geistlicher, 1480–1521 Chorherr in Beromünster, 1513–1521 zugleich Chorherr am Großmünster, 1525–1540 zusammen mit Leo Jud Vorsitzender des Ehegerichts, 1531–1536 Begleiter Heinrich Bullingers bei seinen »Fürträgen« vor dem Rat. Aufgrund seiner Herkunft aus dem Patriziat von großem Einfluss auf die Reformation in Zürich; vgl. HLSHLS, s.v. Heinrich Engelhard.
55Rudolf Dumysius (Thumysen), aus Augsburg, 1490 Zürcher Grossrat der Zunft zur Schmiden, 1519–1531 als Zunftmeister Kleinrat, 1525 Obristzunftmeister, 1530 Statthalter. 1519–1521 zugleich Vogt von Wipkingen und 1523–1529 von Alt-Regensberg, 1523 Pfleger des Klosters Oetenbach. Als Freund Zwinglis setzte sich Dumysius nach Einführung der Reformation für die Aufhebung der Klöster ein; vgl. HLSHLS, s.v. Rudolf Thumysen. Anders als hier angegeben, kann er nicht 1531 in der Schlacht bei Kappel gefallen sein, da er bei der Wahl Bullingers zum Nachfolger Zwinglis anwesend war; bei dem gefallenen Rudolf Dumysius handelte es sich wohl um seinen Vater.
56Zu ihm siehe KGK 328 (Anmerkung).
57Konrad Pellikan, eigentl. Konrad Kürschner (1478–1556) zu ihm und weiterführender Literatur siehe KGK 328 (Anmerkung) und KGK 328 (Anmerkung).
58Theodor Bibliander, eigentl. Theodor Buchmann (1506–1562), reformierter Theologe und Philologe, 1531 Nachfolger Zwinglis als Professor für Altes Testament in Zürich, regelmäßiger Teilnehmer an theologischen und kirchlichen Verhandlungen; vgl. HLSHLS, s.v. Theodor Bibliander; Christ - von Wedel, Bibliander.

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