Nr. 336
Andreas Karlstadt an Joachim Vadian
Zürich, 1532, 19. Juni

Einleitung
Bearbeitet von Stefania Salvadori

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:] KBSG, VadSlg, Ms 41a:33

Ein Autograph.

Edition:

Literatur:

2. Entstehung und Inhalt

Der zweite überlieferte Brief von Karlstadt an Vadian ist auf den 19. Juni 1532 datiert.1 Darin blickt Karlstadt auf seinen Aufenthalt im Rheintal um die Jahreswende 1531/32 zurück, wo er den Pfarrer von Altstätten, Johann Valentin Furtmüller, ersetzt hatte.2 Nach den einleitenden Höflichkeiten bezieht sich der hier edierte Brief auf eine Diskussion zwischen Karlstadt und Furtmüller in Anwesenheit von Vadian, also aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine Debatte in St. Gallen zwischen September 1531 und Januar 1532.3 Karlstadt leugnet zwar nicht, was während der Diskussion geschah, versucht aber, gegenüber dem Korrespondenten eine seiner Aussagen ex post differenzierter zu kontextualisieren, nämlich dass er sich nicht so beleidigt gefühlt habe, dass er die Schande der Ehre seines Gegners vorzog.4

Furtmüller hatte darauf bestanden, dass Karlstadt Vadian die Beweggründe für ihre Meinungsverschiedenheiten darlegen solle. Karlstadt erzählte deshalb, wie er mit einer Frau nach seiner Predigt gesprochen habe. Furtmüller habe dieser Frau befohlen, Karlstadt mehr oder weniger Folgendes zu sagen: Furtmüller habe ein paar Jahre zuvor den Glauben gepredigt, während das Volk »Glaube, Glaube« rief, habe es sich aber den Werken gewidmet; Furtmüller hingegen habe die Gerechtigkeit des Glaubens gepredigt und erklärt, dass sie notwendigerweise durch Werke bewiesen werden müsse. Furtmüller hatte jedoch vor Vadian bestritten, was Karlstadt berichtet hatte, und sogar erklärt, er habe solche Worte weder gedacht noch befohlen zu berichten, da er sich sonst versündigt hätte und bereit gewesen wäre, die Konsequenzen zu tragen.5 Vor diesem Hintergrund habe Karlstadt gesagt, dass er seinen Gegner nicht so sehr hasse, dass er ihm gegenüber die Schande der Ehre vorziehe; er fühle sich auch nicht so beleidigt, dass er ihn hassen müsse (scil. weil er so schamlos widersprochen habe).6

Trotz der versöhnlichen Töne und der Aussage, er sei sich sicher, Vadian wolle keinem der beiden Kontrahenten Schaden zufügen, verdeutlicht Karlstadt im zweiten Teil, dass seine kritischen Worte nicht als direkter Angriff zu verstehen sind. Furtmüller werde sich mit seinem eigenen Gewissen und dem göttlichen Urteil auseinandersetzen müssen. Karlstadt seinerseits verdamme zwar niemanden, stelle aber die Gerechtigkeit Christi über alles andere und ist der Meinung, dass man nur die aus dem Glauben entspringenden Werke lehren solle. Dies erscheine manchen selbstverständlicher, als es tatsächlich ist. Karlstadts Ansicht nach irren sowohl diejenigen in Unkenntnis der Gerechtigkeit Christi, die denken, sie könnten durch Werke auch nur eine Teilerlösung erlangen (und damit zeigen, dass sie nicht erkennen, dass die ewige Weisheit einen weitaus höheren Preis festgesetzt hat, um die Sünde der Welt wettzumachen), als auch diejenigen, die den Glauben, dessen sie sich rühmen, nicht in Werken bekennen (und damit zeigen, dass sie die Schwere der Sünde nicht erkennen oder die Wirkungskraft des Todes Christi nicht verstehen). Leider sei es schwieriger, den Irrtum auszurotten, als ihn sich verbreiten zu lassen. Sicherlich wird jeder vor Gottes Gericht stehen, und deshalb schließt Karlstadt mit einer rhetorischen Anspielung auf die vorherige Formulierung7: Er liebe zwar Furtmüller, hasse aber sich selbst nicht so sehr, dass er sein ewiges Leben für ihn aufgeben würde.8 In den abschließenden Zeilen bekräftigt Karlstadt den Ton seines Schreibens: Er stehe dem Korrespondenten weiterhin zur Verfügung und sei bereit, ihm alles zu gewähren – sogar Furtmüller selbst mit Karlstadts Zustimmung zu unterstützen – aber nur, wenn die Ehre Karlstadts und vor allem Christi gewahrt bleibe.

Nach der zweiten Schlacht von Kappel und Karlstadts Rückkehr nach Zürich im Januar 15329 war Furtmüller zum Pfarrer des in der Nähe von St. Gallen liegenden Ortes Rorschach ernannt worden.10 Es ist daher nicht auszuschließen, dass er sich im Frühjahr 1532 weiterhin über die von ihm in Altstätten erlittene schlechte Behandlung bei Vadian (mit dem er auch darüber hinaus im brieflichen Kontakt stand11) beschwert hatte. Vadian könnte Karlstadt zumindest informiert haben und hätte damit den hier edierten Brief veranlasst. Weder in der Korrespondenz Vadians noch in derjenigen Karlstadts finden sich jedoch weitere Spuren davon.


1Der erste uns überlieferte Brief vom 3. Februar 1532 ist ediert in KGK 330.
2Zum historischen Kontext und den Spannungen zwischen Karlstadt und Furtmüller siehe ausführlich KGK 329.
3Es scheint eine wirkliche Debatte gewesen zu sein, vielleicht auch ein Versuch des St. Galler Reformators, einen Kompromiss zwischen den beiden Kontrahenten zu finden; vgl. KGK 336 (Textstelle).
7Steht im Zentrum dieses Briefes die Aussage »Karlstadt hasst Furtmüller nicht«, so wird sie nun am Schluss aufgenommen und zu rhetorischen Zwecken in die affirmative Formulierung »Karlstadt liebt Furtmüller« gewendet.
8Weshalb er in diesem Brief an Vadian indirekt erneut sein ablehnendes Urteil über Furtmüller kundtut.
9Vgl. die Einleitung zu KGK 329.
11Siehe auch den Brief Furtmüllers aus Rorschach an Joachim Vadian in St. Gallen, datiert auf den 26. Mai [1532], in Vadianische Briefsammlung 5, 69f. Nr. 694.

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