Nr. 58
Centum Quinquagintaunum Conclusiones de natura, lege et gratia
1517, 26. April

Einleitung

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Ulrich Bubenheimer
unter Verwendung der Vorarbeiten von Martin Keßler und Christian Speer

1. Überlieferung↑

Handschrift:

[a:]SB Berlin, Ms. theol. lat. oct. 91, fol. 56r–60r– zeitgenössische Abschrift unbekannter Hand23

Der mit einem spĂ€teren Einband restaurierte Hybridband enthĂ€lt1 am Anfang ungezĂ€hlte, darauf sieben von I bis VII durchgezĂ€hlte BlĂ€tter, wobei sich die ursprĂŒngliche Zusammengehörigkeit der gezĂ€hlten und ungezĂ€hlten BlĂ€tter durch dasselbe Ochsenkopf-Wasserzeichen ergibt. Auf Blatt Iv–IIIv findet sich ein von der Hand des aus NĂŒrnberg stammenden Humanisten und spĂ€teren Breslauer Reformators Johannes Hess2 vorbereitetes alphabetisches Register, wobei fĂŒr jeden Buchstaben eine Spalte vorgesehen ist. Ähnliche Register findet man wiederholt auch in BĂ€nden anderer Zeitgenossen. Sie dienten dem Zweck, aus den eingebundenen Texten Belegstellen, sogenannte Loci, zu bestimmten Stichwörtern zu sammeln. Ein derartiges Register hat z. B. auch Karlstadt am Anfang seines Exemplars der Predigten Johannes Taulers angelegt.3 Hess hat allerdings den Plan, in den Spalten Belegstellen aus dem folgenden Druck und der beigebundenen Handschrift zu sammeln, nicht ausgefĂŒhrt. Die Spalten sind leer geblieben.

Es folgt dann die zweite in Basel gedruckte Sammlung Wittenberger Thesenreihen mit dem Druckdatum 1522.4 Auf dem Titelblatt5 finden sich zwei Notizen von Hess’ Hand: Oben der Besitzvermerk »Joannis Hessi Nurmbergensis.«, unten »Donante Hanero«. Der hier von Hess festgehaltene Schenker des Druckes ist der NĂŒrnberger Theologe und Humanist Johann Haner6, der auf die unbedruckte RĂŒckseite des Titelblatts handschriftlich folgenden undatierten Widmungsbrief an Hess eingetragen hat: S'alutem' Hesso. Cogita Mi Hesse, quidquid hic est Axiomatum, ea humani esse diei, probe lege, expende, adhibe Iuditium, confer scripturam, et non facile Impinges, multa sunt quae speciem habent, veritatem non habent, omnibus igitur adhibe spiritus limam, et ad verbi regulam, tamquam Lydium lapidem omnia7 probato, sicque aurum e stercoribus erues, et quod syncerum ac Bonum est, tenebis, Vale, ac meminere me non ociosum tibi esse monitorem, id quod depraehendes. T'uus' Jo'annes' Hanerus.8

Haner, der spĂ€ter nach vorĂŒbergehender Zuneigung zur Reformation in irenischem Geist Glied der römischen Kirche blieb, forderte in diesem Brief Hess auf, die Wittenberger Thesen kritisch an der Heiligen Schrift zu prĂŒfen und so das Gold vom Schmutz zu trennen, denn viele Thesen böten einen schönen Schein, jedoch nicht die Wahrheit. Haner hat ansonsten nur noch am Schluss der Thesensammlung notiert, dass die Thesensammlung insgesamt 1084 Thesen enthĂ€lt.9 Diese Zahl bezieht sich nur auf die im Druck enthaltenen Thesen, nicht auf die im Anschluss an den Druck folgende handschriftliche Sammlung Wittenberger Thesenreihen, die die gedruckte Sammlung um weitere Thesenreihen ergĂ€nzt. Diese Sammlung ist von einem unbekannten Schreiber geschrieben, der auch in dem Baseler Thesendruck einen Druckfehler korrigiert hat.10

Wahrscheinlich hat Hess die gedruckte Thesensammlung zusammen mit zusĂ€tzlichen Papierlagen vor und hinter dem Druck binden lassen. Ob die handschriftliche Thesensammlung vor oder nach dem Binden niedergeschrieben wurde, ist unklar.11 Hess stand seit seiner Wittenberger Studienzeit und LehrtĂ€tigkeit (1510–1513) von Schlesien aus durch Briefwechsel und gelegentliche Reisen nach Wittenberg12 mit den dortigen Freunden in Kontakt und konnte auf diesem Weg die jeweils aktuellen Wittenberger Thesen bezogen und gesammelt haben. Ein anderer Schreiber hat sie in der vorliegenden Handschrift zusammengestellt.13 Dass Hess die Handschrift als ErgĂ€nzung der vorgebundenen gedruckten Thesensammlung benutzt hat, zeigen Notizen von Hess auf dem Titelblatt des Druckes: Er hat das auf dem Titelblatt des Thesendrucks abgedruckte Inhaltsverzeichnis durch Titel aus der handschriftlichen Thesensammlung erweitert. Ferner hat er zwei Thesenreihen in der handschriftlichen Sammlung durchgestrichen, da diese bereits im Thesendruck enthalten waren.14 Zur Datierung der Niederschrift der handschriftlichen Sammlung lassen sich folgende Gesichtspunkte anfĂŒhren: Die handschriftliche Sammlung enthĂ€lt Thesenreihen, deren Entstehungszeiten bis etwa Ende 1522 gehen.15 Hess hielt sich im Mai 1523 in seiner Heimatstadt NĂŒrnberg auf.16 Vermutlich hat ihm sein Freund Haner damals die gedruckte Basler Thesensammlung verehrt. Am 21. Oktober 1523 wurde Hess als Prediger in Breslau eingesetzt.17 Da das fĂŒr die Thesenhandschrift verwendete Papier ein Wasserzeichen enthĂ€lt, das 1524 in Breslau18 belegt ist, dĂŒrfte die Sammlung 1523/24 in Breslau geschrieben worden sein.

Die insgesamt 23 Thesenreihen enthaltende Sammlung lĂ€sst sich in drei Teile untergliedern. Sie beginnt in einem ersten Teil mit drei chronologisch geordneten, gegen die scholastische Theologie und Philosophie gerichtete Thesenreihen der Jahre 1517/1819: Karlstadts vorliegende Thesen vom 26. April 1517, Luthers Thesen Contra scholasticam theologiam vom 4. September 1517 sowie Luthers Thesen zur Heidelberger Disputation vom 25. und 26. April 1518.20 Der zweite Teil besteht aus neun Thesenreihen, ĂŒber die zwischen September 1519 und November 1522 aus Anlass von akademischen Promotionen disputiert wurde.21 Schließlich folgen in einem dritten Teil elf Thesenreihen, die fĂŒr die wöchentlich stattfindenden Zirkulardisputationen aufgestellt worden waren.22 In den letzten beiden Teilen lĂ€sst die Reihenfolge, in der die Thesenreihen angeordnet sind, keine systematischen Gliederungsgesichtspunkte erkennen.

FrĂŒhdrucke:

[A:]Andreas Bodenstein von Karlstadt
Centum quinquagintavnĆ« concluîźąones de ‖ natura/lege  gr̄a/cƍtra ĆżcolaïŹ…icos et vĆżum cƍeȝ.D.A. Carolostadij.
in:
Martin Luther, Andreas Karlstadt, Philipp Melanchthon u.a.
Inƿ‌ignium theologoê›Ć« ‖ Domini Martini Luthe⾗‖ri/domini Andꝛee CaroloïŹ…adij/ ‖ Philippi Melanthonis et ‖ aliorĆ«/cƍcluƍes ‖ varie/ꝓ diui‖ne gratie ‖ defenîźąone ac cƍmendatione: contra Ćżcolaâ€–ïŹ…icos  pelagianos:diƿ‌putate ‖ in preclara academia ‖ Vvittenbergenîźą. ‖ ✠ ‖ ⁌Lege lector  aff‌icieris/verĆża facie ‖ catalogum inuenies. ‖ [TE]
[ Leiden ]: [ Jan Seversz ], [1521], pag. 12–18 (= B2v–C1v).
4˚, 12 paginierte Bl., A4–C4.24
Editionsvorlage:
Biblioteca valdese, Torre Pellice, A.III.12.64.
Weitere Exemplare: Bodleian Library, Oxford, Tr. Luth. 39 (195). — Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen, 24,35.
Bibliographische Nachweise:

Diese erste gedruckte Sammlung Wittenberger Thesen enthĂ€lt insgesamt 17 nach Verfassern geordnete Thesenreihen aus den Jahren 1517 bis 1520. Nach sieben Luther zugeschriebenen Thesenreihen25 folgen drei von Karlstadt, eine von Melanchthon sowie sechs von »gewissen anderen Doktoren«26, von denen eine den Namen des Johannes Dölsch27 trĂ€gt. Da ĂŒber die spĂ€teste datierbare Thesenreihe um Oktober 152028 disputiert wurde, wird der Druck im Jahr 1521 erschienen sein. Eine Spur der Wittenberger Disputationsthemen und Ereignisse des Jahres 1521 findet sich in dem Druck nicht.

Der ungenannte Herausgeber der Thesensammlung hat allen Thesenreihen neue Überschriften gegeben: Neben dem Verfassernamen und der Anzahl der Thesen hat er thematische Überschriften formuliert, die wesentliche Inhalte der Thesenreihen stichwortartig zusammenfassen. Diese Überschriften stellte er in einem der Ausgabe vorangestellten Inhaltsverzeichnis (S. 2) so zusammen, dass man die Thesensammlung als HandbĂŒchlein reformatorischer Loci verwenden konnte. Die gegen die scholastischen Theologen der via moderna gerichtete Thesenreihe Luthers vom 4. September 1517 betitelte er: De gratia et natura/ contra scholasticos et pelagianos. Die Thesen Karlstadts erhielten die inhaltlich Ă€hnliche Überschrift: De natura/ lege et gratia/ contra scolasticos et usum communem. Der Herausgeber bringt zutreffend zum Ausdruck, dass Karlstadt sich expliziter als Luther gegen die theologische Scholastik insgesamt wandte. Richtig hat er auch wahrgenommen, dass die ErfĂŒllung und das Verstehen der lex dei bei Karlstadt breiten Raum einnehmen. Andere Themen wiederum hat der Herausgeber mit seinen Stichworten nicht erfasst. Die Überschriften, in denen der Herausgeber seine eigenen Akzente setzte, sind als eine Quelle der Rezeption der Wittenberger Theologie der FrĂŒhreformation zu lesen.

[B:]Andreas Bodenstein von Karlstadt
Centum quinquaginta vnum concluƿ iones de na ‖ tura,lege & gratia:contra ĆżcholaïŹ…icos & vĆżum cƍ ‖ munem.D.A.CaroloïŹ…adij.
in:
Andreas Bodenstein von Karlstadt
INSIGNIVM THEOLOGORVM ‖ Domini MartiniLutheri,dominiAndree ‖ BaroloïŹ…adij , Philippi melan ‖ thonis & aliorum ‖ conclu⾗‖ƿ‌iones varię, pro diuinĂŠ gratiĂŠ defenƿ‌ione ‖ ac commendatione,contra Ćżco‖laïŹ…icos & pelagianos ‖ diƿ‌putate in pré⾗‖clara academia. ‖ Vvittembergenƿ‌i. ‖ Lege leor & aff‌icieris verĆżafacie catalogum ‖ inuenies.
[ Paris ]: [ Pierre VidouĂ© ], [1521?], C1r–D1v.
4°, 18 Bl., A–C4, D6.
Editionsvorlage:
HAB WolfenbĂŒttel, M: Li 5530 Slg. Hardt (38, 662) (einziges bekanntes Exemplar; Provenienz: Heino Gottschalk, Abt des Benediktinerklosters Oldenstadt bei Uelzen mit dessen handschriftlichen Korrekturen und Notizen29).
Bibliographische Nachweise:

Die Pariser Ausgabe stellt einen Nachdruck des Druckes A dar. Es wird daher angenommen, dass er im Jahr 1521 erschienen ist. Der Text wurde insofern bearbeitet, als einige erkennbare Druckfehler des Druckes A in B behoben wurden. Andererseits sind in B wiederum neue Druckfehler in den Text geraten. Die in dem WolfenbĂŒtteler Exemplar des Druckes B enthaltenen Notizen des Abtes Heino Gottschalk, der ĂŒber mehr als zwei Jahrzehnte Wittenberger Thesenreihen gesammelt30 und abgeschrieben hat31, bringen fĂŒr die Edition insofern einen Gewinn, als Gottschalk nicht nur Druckfehler korrigiert, sondern an einer Stelle einen in allen drei Überlieferungen fehlerhaften Text korrigiert hat32.

Edition:

Literatur:

Riederer, Disputationen, 63–66: Identifizierung der bis dahin als verloren geltenden Thesen nach dem heute in Torre Pellice befindlichen Exemplar von Druck A.

2. Inhalt und Entstehung↑

Nach den Statuten der UniversitĂ€t Wittenberg aus dem Jahr 1508 war der Heilige Augustin der Schutzpatron der UniversitĂ€t.33 Dieser wird auch im Eingang der Statuten der theologischen FakultĂ€t34, die deren Dekanatsbuch vorgebunden sind und vor der Dekanwahl vorgelesen wurden35, genannt36. Karlstadt hat, als er im Sommersemester 1512 erstmals Dekan der theologischen FakultĂ€t war37, Augustin als UniversitĂ€tspatron ausdrĂŒcklich gewĂŒrdigt. Als er im Dekanatsbuch die Promotion des Johann Dölsch zum Baccalaureus formatus eintrug, die am Vortag des Festes des Heiligen Augustin (27. 8. 1512) stattfand, fĂŒgte er zum Namen Augustins – ĂŒber das ĂŒbliche Formular der PromotionseintrĂ€ge hinausgehend – hinzu: »der besondere Patron dieser nĂ€hrenden UniversitĂ€t«38. Hier spiegelt sich ein Element der Augustinverehrung Karlstadts in seiner scholastischen Phase wieder. Augustinzitate waren ihm in dieser Zeit aus der Literatur bekannt, mindestens aus den Sentenzen des Petrus Lombardus und aus dem Decretum Gratiani. In seinen beiden scholastischen Schriften De intentionibus und Distinctiones zitiert Karlstadt viermal Augustin, entnommen aus Thomas von Aquin.39 In den im Sommer 1516 von Karlstadt aus Giovanni Picos Apologia ĂŒbernommenen 13 Thesen wird Augustin einmal zitiert, wobei dieses Zitat von Pico aus Heinrich von Gent ĂŒbernommen wurde.40

In diesem Licht kann man davon ausgehen, dass bei Karlstadt schon eine gewisse Offenheit und ein Interesse fĂŒr Augustin vorhanden war, als Luther in seiner Disputation vom 25. September 1516 »de viribus et voluntate hominis sine gratia«41 insbesondere Gabriel Biel und dessen VorlĂ€ufern (Duns Scotus, Pierre d’Ailly) widersprach und sich hierfĂŒr durchgehend auf Bibelstellen sowie auf antipelagianische Schriften Augustins bezog. Luther erfuhr in dieser Disputation Widerspruch von FakultĂ€tsmitgliedern, darunter auch von Karlstadt42, den Luther nach Karlstadts Bericht aufforderte, selbst die KirchenvĂ€ter zu lesen und dann zu urteilen43. Karlstadt beschloss daraufhin, KirchenvĂ€terausgaben zu kaufen, da er bis dahin keine einzige besaß.44 Am 13. Januar 1517 erwarb Karlstadt in Leipzig die Werke Augustins.45 Die Wirkung der nun folgenden intensiven LektĂŒre Augustins beschreibt Karlstadt in der an Staupitz gerichteten Widmungsvorrede zu seinem Augustinkommentar nach Art eines Bekehrungserlebnisses, das ihn zum Bruch mit seiner eigenen scholastischen Vergangenheit fĂŒhrte. Die noch vor Beginn der Vorlesung ĂŒber Augustins De spiritu et littera publizierten 151 Thesen, die zum grĂ¶ĂŸeren Teil aus Augustinzitaten bestehen oder aus solchen entwickelt sind, stellen den ersten literarischen Ertrag von Karlstadts AugustinlektĂŒre dar.

Karlstadts Wende ist innerhalb der auf den Kauf der Augustinausgabe folgendenen beiden Monate erfolgt. Luther schreibt in einem fragmentarisch erhaltenen Brief am 28. MĂ€rz [1517] an einen unbekannten Ordensbruder: »Karlstadt ist bereit, auch als einzelner mit Freude allen derartigen Sophisten und Juristen entgegenzutreten. Er wird es ausfĂŒhren und damit Erfolg haben. Gepriesen sei Gott. Amen.«46 Luther hatte zu jenem Zeitpunkt schon Kenntnis von Karlstadts Plan eines Frontalangriffs auf »alle, die man scholastische Doktoren nennt«47. Einen Monat spĂ€ter nutzte Karlstadt das Ablassfest des Allerheiligenstifts als Gelegenheit fĂŒr eine medienwirksame Verbreitung seiner Thesen: Am Sonntag Misericordia Domini (26. April) sowie am darauf folgenden Tag der Reliquienweisung in der Schlosskirche (27. April) hĂ€ngte Karlstadt seine Thesen öffentlich in Wittenberg aus und ĂŒbersandte sie am 28. April an Georg Spalatin in der Annahme, dass dieser sie auch KurfĂŒrst Friedrich zur Kenntnis bringen werde.48 Das Fest der Reliquienweisung49 war mit einem Jahrmarkt, der auf dem Markt in der NĂ€he der Stadtkirche stattfand, verknĂŒpft, auf dem auch auswĂ€rtige BuchfĂŒhrer vertreten waren. Am 26. April hat Karlstadt bei einem der BuchhĂ€ndler die Augsburger Ausgabe der Predigten Taulers von 1508 gekauft.50 Karlstadt hatte also einen Publikationstermin gewĂ€hlt, der fĂŒr die rasche Verbreitung seiner Thesen besonders gĂŒnstig war.

Nach den Statuten der theologischen FakultĂ€t in Wittenberg aus dem Jahr 1508 hatte der Dekan die Aufgabe, die Disputationen mit Namen des PrĂ€ses und des Respondenten sowie gegebenenfalls weiteren Daten an den TĂŒren der Wittenberger Kirchen bekannt zu machen. Dies erfolgte durch den vom Pedell der FakultĂ€t auszufĂŒhrenden Aushang der ThesenblĂ€tter, die im Kopf die entsprechenden Daten aufwiesen.51 Als Anschlagsort kamen die Schlosskirche, die Stadtkirche St. Marien sowie die Kirchen des Augustiner- und des Franziskanerklosters in Frage. Als Dekan fĂŒr das Wintersemester 1516/17 war zwar der Augustiner Johann Hergot gewĂ€hlt worden, dessen letztes Lebenszeichen jedoch vom 19. November 1516 stammt; an diesem Tag fĂŒhrte er den Vorsitz bei der Promotion des Dominikaners Johannes Heinrici zum Baccalaureus formatus.52 Am 23. MĂ€rz 1517 vermerkte Karlstadt anlĂ€sslich des Eintrags der Promotion Heinricis zum Lizentiaten im Dekanatsbuch, dass er als Vizedekan amtierte53, wozu statutengemĂ€ĂŸ bei Verhinderung des Dekans der Dekan des vorhergehenden Semesters (Prodekan), verpflichtet war54. Als Karlstadt seine Thesenreihe anschlug, tat er dies zumindest auch in seiner Rolle als Vizedekan.

Wir können davon ausgehen, dass Karlstadt seine Thesenreihe in Form eines Einblattdrucks veröffentlichte. DafĂŒr sprechen die vorliegenden Daten ĂŒber deren Verbreitung. Neben dem am 28. April von Karlstadt an Spalatin geschickten Exemplar, wissen wir von mindestens fĂŒnf Exemplaren, die Luther am 6. Mai an Christoph Scheurl in NĂŒrnberg geschickt hat. Eines dieser Exemplare sollte Scheurl an Wenzeslaus Linck weitergeben.55 Weitere Exemplare leitete Scheurl an Johannes Eck, Erhard Truchsess, Dekan des Domstifts in EichstĂ€tt, sowie an Kilian Leib, Prior des Augustinchorherrenstifts in Rebdorf weiter.56

Karlstadt publizierte ursprĂŒnglich insgesamt 152 Thesen (»conclusiones centum quinquaginta duas«), wie er am 28. April 1517 an Spalatin schrieb.57 WĂ€hrend in den Drucken A und B nur 151 Thesen abgedruckt sind, bietet die Berliner Handschrift a eine in den Drucken fehlende These, nĂ€mlich die 109. These der Handschrift: »Lex evangelii scripta est vetus«. Damit sind zwar bei genauer ZĂ€hlung insgesamt 152 Thesen ĂŒberliefert. Da in der Handschrift jedoch nach der 111. These58 eine These ungezĂ€hlt geblieben ist59, sind in der Handschrift im Endergebnis auch nur 151 Thesen gezĂ€hlt worden.

Der anzunehmende Einblattdruck der Thesen ist verschollen. Wie er formal gestaltet war, lĂ€sst sich rekonstruieren mit Hilfe des Einblattdrucks von Luthers spĂ€ter unter dem Titel Contra scholasticam theologiam tradierten Thesen, ĂŒber die am 4. September 1517 Franz GĂŒnther unter dem Vorsitz Luthers fĂŒr die Promotion zum Baccalaureus biblicus respondierte.60 Ein Exemplar dieses Einblattdrucks ist in der Herzog August Bibliothek WolfenbĂŒttel erhalten.61 Die Überschrift bietet die formalen Daten: Respondens, Disputationsanlass und PrĂ€ses. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung stand der Termin noch nicht fest, weshalb ersatzweise gesagt wird: »loco et tempore statuendis«.62 Der Disputationstermin konnte also gegebenenfalls nach der Veröffentlichung der Thesen zu einem spĂ€teren Zeitpunkt bekannt gegeben werden. Die Thesen sind in vier Blöcke zu je 25 Thesen eingeteilt, wobei jeder Block gesondert von »i« bis »xxv« durchgezĂ€hlt ist.63 Der Grund fĂŒr die auch anderweitig begegnende Einteilung von Thesenreihen in mehrere jeweils gesondert durchgezĂ€hlte Blöcke, ist nicht erforscht. Sie dĂŒrfte mit dem Disputationsverfahren zusammenhĂ€ngen. Neben dem Thesentext enthĂ€lt ein Teil der Thesen Luthers eine jeweils mit »Contra« beginnende Abgrenzung gegen die Scholastiker allgemein oder auch gegen namentlich genannte Lehrer, zum Beispiel: »Contra communem«, »Co'ntra' Sco'lasticos'. Gab'rielem'« usw. Diese Contra-Bemerkungen stehen nicht am Blattrand, sondern noch in der letzten Zeile der jeweiligen These, allerdings rĂ€umlich vom Thesentext dadurch abgehoben, dass sie vom Thesentext mit einem großen Spatium zum rechten Rand hin abgerĂŒckt sind.

Ein Blick auf die Wiedergabe der Thesenreihe Karlstadts im Leidener Druck A zeigt, dass der verlorene Einblattdruck dieser Thesenreihe eine dem beschriebenen Thesenblatt Luthers vergleichbare formale Gestaltung aufgewiesen haben dĂŒrfte. Auch hier sind die zahlreichen Contra-Bemerkungen vom Thesentext nach rechts augenfĂ€llig abgerĂŒckt, stehen aber nicht am Rand. Ferner sind hier die Thesen in Blöcke von sieben mal 20 Thesen und einen Block zu 10 Thesen untergliedert, der eine abschließende ungezĂ€hlte Schlussthese folgt.64 Angesichts der formalen Parallele zu dem Lutherschen Thesenblatt legt sich der Schluss nahe, dass der Herausgeber des Drucks A der Thesensammlung die ZĂ€hlung und Gliederung der Thesenreihe Karlstadts aus dem angenommenen Einblattdruck ĂŒbernommen hat. Die Handschrift a allerdings bietet abweichend von den Drucken eine fortlaufende DurchzĂ€hlung der Thesenreihe.65 Auch diese Art der fortlaufenden ZĂ€hlung geht auf Karlstadt selbst zurĂŒck. Denn in seinem Augustinkommentar (KGK 064), in dem er hĂ€ufig auf einzelne Thesen bzw. die von ihm dazu verfassten Explicationes (KGK 062) verweist66, hat er eine fortlaufende ZĂ€hlung verwendet, und seine ZĂ€hlung stimmt mit der ZĂ€hlung der Berliner Handschrift weitgehend ĂŒberein67. Dieser Befund lĂ€sst sich folgendermaßen erklĂ€ren: Karlstadt hat fĂŒr die ursprĂŒnglich geplante große Disputation ĂŒber die 151 Thesen zunĂ€chst eine Fassung veröffentlicht, in der die Thesenreihe in Blöcke untergliedert war, jedoch fĂŒr die Kommentierung der Thesen und deren weitere Verwendung im akademischen Lehrbetrieb eine leichter zitierbare Fassung mit fortlaufender ZĂ€hlung erstellt oder erstellen lassen.

Der unbekannte Kompilator und Herausgeber der Leidener Thesensammlung hat seinerseits bei allen Thesenreihen im Kopf die formalen Daten (Respondens, Praeses, Termin etc.) gestrichen und durch die oben beschriebenen Überschriften ersetzt. Den ursprĂŒnglichen Kopftext der Thesenreihe bietet in unserer Thesenreihe die Berliner handschriftliche Thesensammlung a: »Bartholome'us' Bernhart Feltkyrchen'sis' theologie baccalau'reus' sub d'omino' Andree Carolstaten'si' theologie docto're'«, vermutlich in einer stilistisch gekĂŒrzten Form. In anderer Hinsicht hat jedoch der Schreiber der Handschrift in die Textgestalt verĂ€ndernd eingegriffen, insofern er alle Contra-Bemerkungen in seiner Abschrift weggelassen hat. Doch waren diese Contra-Bemerkungen in der von ihm verwendeten Vorlage erkennbar noch vorhanden: An einer Stelle hatte der Schreiber nĂ€mlich begonnen, eine Contra-Bemerkung seiner Vorlage abzuschreiben, diese jedoch wieder getilgt, als ihm sein Versehen bewusst wurde.68

Die Handschrift a bietet gegenĂŒber den Drucken A und B eine Reihe besserer Lesarten, enthĂ€lt aber andererseits auch einige Abschreibfehler, die durch die Drucke korrigiert werden können. Die Drucke wiederum enthalten Druckfehler, die in unserer Edition nach der Handschrift korrigiert werden. Die beschriebenen Befunde zeigen, dass weder die DruckĂŒberlieferung noch die handschriftliche Überlieferung den originalen Text des verschollenen Einblattdrucks bieten. Jedoch ist es möglich, aus beiden ÜberlieferungsstrĂ€ngen den usprĂŒnglichen Text des Einblattdrucks annĂ€hernd zu rekonstruieren. Die nicht in den rekonstruierten Text aufgenommenen Lesarten werden im textkritischen Apparat mitgeteilt.

Am Anfang jeder These bieten wir zunĂ€chst die fortlaufende ZĂ€hlung nach der Berliner Handschrift69, nach der die Forschung seit Theodor Koldes Edition (1890)70 zitiert, daneben die ZĂ€hlung nach dem Druck A, die in Druck B ĂŒbernommen wurde. Obwohl Karlstadt ursprĂŒnglich 152 Thesen zĂ€hlte, verzichten wir darauf, unsererseits eine weitere ZĂ€hlung von 1 bis 152 hinzuzufĂŒgen, sondern drucken die Befunde der Überlieferung unverĂ€ndert ab.

In Verbindung mit der Übersendung der Thesen an Spalatin teilte Karlstadt am 28. April sein Vorhaben mit, ĂŒber diese Thesen mehrere Tage disputieren zu wollen. Er regt an, der KurfĂŒrst möge Theologen aus seinem Herrschaftsbereich zur Teilnahme an diesem »theologischen Wettstreit« abordnen.71 Karlstadt plante also angesichts der GrundsĂ€tzlichlichkeit der in den Thesen formulierten Verwerfung der hergebrachten theologischen Scholastik und deren Ersatz durch eine neue Theologie ohne Aristoteles, gegrĂŒndet auf die Schrift und die KirchenvĂ€ter, eine große Disputation unter Teilnahme auswĂ€rtiger GĂ€ste. DafĂŒr hatte er die FakultĂ€tsstatuten hinter sich, die den Professoren neben den Promotionsdisputationen und den wöchentlichen Zirkulardisputationen je eine öffentliche und feierliche Disputation jĂ€hrlich nahelegten.72 Diese Regelung scheint im vorgesehenen Umfang nicht praktiziert worden zu sein, da die Quellen ĂŒber derartige Disputationsakte in vorreformatorischer Zeit schweigen. Karlstadt hatte allerdings schon 1509, damals Baccalaureus theologiae formatus73, in einer außerordentlichen Disputation, die er in Halberstadt unter Beteiligung des dortigen Klerus abhielt, nach einer am 12. Februar 1510 von seinem Kollegen Otto Beckmann in Wittenberg gehaltenen Rede Anerkennung gefunden. Dort habe er »in sacris litteris«, also ĂŒber theologische Fragen, scharfsinnig disputiert, obwohl er dort keine BĂŒcher habe konsultieren können.74

Wenn Luther mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen gegen den Ablass eine Disputation in Wittenberg ohne Nennung eines Termins ankĂŒndigte, so geschah auch dies in der Absicht, auswĂ€rtigen GĂ€sten die Beteiligung an dieser außerhalb des laufenden Lehr- und PrĂŒfungsbetriebs liegenden Disputation zu ermöglichen. Im Kopftext bittet Luther, »dass die, die nicht in Anwesenheit mĂŒndlich mit uns debattieren können, dies in Abwesenheit schriftlich tun«75. Ebenso wie es in den Quellen keinen Hinweis gibt, dass die von Luther angestrebte große Disputation ĂŒber Ablassfragen stattgefunden hĂ€tte, so scheint sich auch Karlstadts Hoffnung auf eine mehrtĂ€gige Disputation der 151 Thesen mit auswĂ€rtigen GĂ€sten nicht erfĂŒllt zu haben. Als Respondenten hatte er im Kopftext BartholomĂ€us Bernhardi genannt. Damit wurde in diesem Fall keine PrĂŒfungsdisputation angekĂŒndigt, denn Bernhardi hat im Sommersemester 1517 keinen akademischen Grad erworben. Jedoch hatte am 25. September 1516 unter Luthers Vorsitz BartholomĂ€us Bernhardi fĂŒr die Promotion zum Sententiar ĂŒber die Quaestio de viribus et voluntate hominis sine gratia disputiert, in der Bernhardi und Luther antipelagianische Positionen Augustins thematisierten76. Daher dĂŒrfte sich Bernhardi fĂŒr die Diskussion von Karlstadts Ă€hnlich ausgerichteten Thesen als ein einschlĂ€gig erfahrener Disputationspartner angeboten haben. Auch könnte Bernhardi vielleicht derjenige Anonymus gewesen sein, der bei Thomas von Aquin Zitate aus Augustins De spiritu et littera fand, diese bei Augustin nicht verifizieren konnte und sich deswegen um Hilfe an Karlstadt wandte: »Er bat, ich möge die LektĂŒre jenes BĂŒchleins vorziehen, damit wir in der Disputation nicht ĂŒberwunden wĂŒrden.«77

Karlstadt scheint die Thesen im Rahmen der wöchentlichen Zirkulardisputationen mit Studenten disputiert und/oder im Rahmen eines diesen Thesen gewidmeten Kollegs kommentiert zu haben. Denn er hat zu diesen Thesen Explicationes bzw. Probationes78 verfasst. Am 5. Februar 1518 schreibt er an Spalatin, er wolle die Explicationes gerne drucken lassen und sie dem KurfĂŒrsten widmen, wenn dieser ihm eine Beihilfe von 30 Gulden fĂŒr die Papierkosten gewĂ€hren könnte. Dabei hebt Karlstadt hervor, dass er in den ErklĂ€rungen der Thesen zugleich Regeln zur Interpretation der Heiligen Schrift erlĂ€utert habe.79 Zur Drucklegung der Explicationes ist es offenbar nicht gekommen, jedoch hat Karlstadt diese, wie er im Augustinkommentar mehrfach sagt, den Studenten diktiert.80 Daher kann er in der Vorlesung die Hörer hĂ€ufig auf jene Explicationes verweisen.

Inhaltlich ist Karlstadts Thesenreihe von hermeneutischen Regeln gerahmt. In den Thesen 1 bis 7 formuliert er GrundsĂ€tze, die insbesondere das Problem reflektieren, wie bei WidersprĂŒchen innerhalb der Schriften eines Kirchenvaters oder zwischen den KirchenvĂ€tern zu verfahren sei. Dabei steht allerdings letztlich die AutoritĂ€t der Schrift ĂŒber der der KirchenvĂ€ter. Denn bei WidersprĂŒchen zwischen dicta der KirchenvĂ€ter gelten diejenigen, die sich auf die eindeutigeren Schriftbeweise stĂŒtzen.81 In Fragen der Ethik (»in moralibus«) stehe allerdings die AutoritĂ€t Augustins an erster Stelle vor anderen KirchenvĂ€tern (Th. 7). Karlstadt zeigt das Bewusstsein, mit seinen Regeln Neuland zu betreten, indem er sich sowohl gegen viele Scholastiker als auch gegen die Kanonisten abgrenzt. Die letzte These (151) bietet eine Metareflexion ĂŒber die Funktion des Disputierens in der Theologie: »Die unerschöpfliche AutoritĂ€t der Wahrheit82 wird besser verstanden, wenn sie hĂ€ufiger diskutiert wird, und fĂŒhrt so zu einem ĂŒbereinstimmenden VerstĂ€ndnis, das sie hinter den sichtbaren Reden83 verbirgt.« Dieses in Anlehnung an einen pseudoaugustinischen Text84 formulierte Schlusswort impliziert zugleich eine Einladung des Lesers zur Disputation.

Die folgenden anthropologischen Thesen ĂŒber das VerhĂ€ltnis des inneren und des Ă€ußeren Menschen (Th. 8–12) werden in einer Paradoxie zugespitzt: »Um den Scharfsinn zu ĂŒben wird behauptet werden, dass der innere Mensch der Ă€ußere ist, jedoch nicht umgekehrt« (Th. 12). Karlstadt hat das hier aufgestellte Paradox zum Gegenstand in einer anderen undatierten kurzen Thesenreihe gemacht85, die chronologisch zwischen die 151 Thesen und die Apologeticae Conclusiones gehört86.

In Th. 13–20 wird die bleibende Neigung des Menschen zur SĂŒnde trotz der Tilgung der ErbsĂŒndenschuld (Th. 13f.) und der »vollkommenen Vergebung der SĂŒnden« im Taufsakrament (Th. 15) betont. Geschickt wĂ€hlt Karlstadt als Beispiel fĂŒr die wieder auflebende SĂŒnde das »vermeintlich gute Werk«, an dem sich der Mensch selbstsicher erfreut (Th. 20). Dieses Beispiel ist insofern eine Zuspitzung, als es implizit auch Aspekte der herrschenden Ablassfrömmigkeit in Frage stellt und Karlstadt als Kanoniker des Allerheiligenstifts diesen Sitz im Leben seiner Thesen, die er am Vortag und am Tag des mit Reliquienzeigung verbundenen Wittenberger Ablassfestes aushĂ€ngte, nicht ĂŒbersehen haben kann. Denn an diesen Tagen waren in Wittenberg die BeichtvĂ€ter aktiv, die den Beichtkindern die volle Vergebung ihrer SĂŒnden zusprachen als Voraussetzung dafĂŒr, dass sie anschließend durch das gute Werk ihrer andĂ€chtigen Betrachtung der Reliquien, der vorgeschriebenen Gebete und ihrer Almosen nun auch auf den Erlass von Fegfeuerstrafen fĂŒr ihre SĂŒnden vertrauen konnten. Wir mĂŒssen uns vor Augen fĂŒhren, dass Karlstadts an den KirchentĂŒren ausgehĂ€ngte ThesenblĂ€tter zumindest an der Allerheiligenkirche in rĂ€umlicher NĂ€he zu den in jener Zeit ĂŒblichen Werbeplakaten fĂŒr die AblĂ€sse des Allerheiligenstiftes hingen.87

Die Thesen 21–59 behandeln das Thema, das Karlstadt bis zur Leipziger Disputation und dem sich anschließenden literarischen Schlagabtausch mit Eck am meisten beschĂ€ftigt hat, das VerhĂ€ltnis von göttlicher Gnade und dem natĂŒrlichen Willen des Menschen, von der UnfĂ€higeit des Menschen zu sittlich gutem Handeln, das nicht von Gott selbst gewirkt ist. In These 39f. erhebt Karlstadt erstmals explizit den HĂ€resievorwurf gegen eine herrschende scholastische Meinung: »39. Bei keinem guten Werk beginnen wir. Gegen dieselbe [nĂ€ml. herrschende Meinung]. 40. Es ist hĂ€retisch, zu behaupten, dass Gott bei seinen Gaben der spĂ€tere und wir die frĂŒheren sind.« Die Scholastik hat die letztere Behauptung zwar in dieser Form nicht aufgestellt. Nach Karlstadt ist jedoch das gute Werk allein dem Wirken Gottes zu verdanken; wer dem Menschen einen Anfangsbeitrag zum guten Werk zugestehe, mĂŒsse logischerweise die als hĂ€retisch bezeichnete Schlussfolgerung ziehen.88 Durch die EinfĂŒhrung des HĂ€resie-Begriffs macht Karlstadt deutlich, dass fĂŒr ihn die erwartete Disputation mehr als ein intellektuelles akademisches Turnier ist, sondern dass er ihr auch eine kirchenrechtlich relevante Verbindlichkeit zuschreiben möchte.

Mit dem Satz »Es stĂŒrzt zusammen, dass Augustin gegen die HĂ€retiker ĂŒbertrieben (»excessive«) geredet habe« (Th. 60) grenzt sich Karlstadt von nominalistischen Theologen wie Gabriel Biel ab, denen bestimmte Aussagen Augustins in dessen antipelagianischen Schriften zu extrem erschienen. Karlstadt spielt auf das in diesem Zusammenhang gelĂ€ufige Beispiel der ungetauft verstorbenen SĂ€uglinge an, die weder Gutes noch Böses getan haben und dennoch auf Grund der ErbsĂŒnde verdammt werden (Th. 61–64). Luther hat die in Th. 60 von Karlstadt formulierte ZurĂŒckweisung der Augustinkritik der via moderna in der 1. These der Disputatio contra scholasticam theologiam am 4. September 1517 als Einstieg gewĂ€hlt, und Karlstadt ging in Th. 264–287 der Apologeticae Conclusiones ausfĂŒhrlicher auf die angeblich »exzessive« Redeweise Augustins und das Schicksal der ungetauft verstorbenen Kinder ein.

Das Thema »Gesetz und Gnade« nimmt in der Thesenreihe breiten Raum ein (Th. 65–110). Das biblische Gesetz fĂŒhrt zur SĂŒndenerkenntnis (Th. 68f.) und ermahnt durch das Ă€ußere Wort, Gott zu suchen (Th. 70–72); letzteres aber wirklich zu wollen, ist ein Werk der inneren »verborgenen Inspiration« Gottes. Die Rechtfertigung folgt nicht der ErfĂŒllung des Gesetzes, sondern geht ihr voraus (Th. 83). Derselbe Gedankengang wird mit Hilfe der Dialektik von littera (Gesetz ohne die Gnade) und spiritus (Gesetz in der Gnade) ausgefĂŒhrt (Th. 84), worin sich die LektĂŒre von Augustins Schrift De spiritu et littera wiederspiegelt, ĂŒber die Karlstadt im Anschluss an die Thesenreihe bis etwa Ende 1518 seine Vorlesung hielt. Der Geist ermöglicht die ErfĂŒllung des Gesetzes, die das Gesetz fordert (Th. 85–90). Nachdem Karlstadt sowohl die Distinktionen des Duns Scotus als auch die des Thomisten Johannes Capreolus, mit denen diese die FĂ€higkeit des Menschen zu einer wenigstens unvollkommenen GesetzeserfĂŒllung auch ohne die göttliche Gnade begrĂŒnden, zurĂŒckgewiesen hat (Th. 91–100), legt er die Grundlage fĂŒr seine Bibelhermeneutik (Th. 101–110). Mit den Begriffen »Gesetz« und »Evangelium« bezeichnet er nicht das Alte bzw. Neue Testament, vielmehr sind sowohl das Alte als auch das Neue Testament »alt« bzw. »Buchstabe«, wenn sie ohne den von Gott geschenkten Glauben gelesen werden: »Das geschriebene Gesetz des Evangeliums ist alt.« (Th. 109) Und umgekehrt ist im Alten Testament, mit dem ins Herz gegossenen Geist als lex fidei gelesen, das Evangelium enthalten: »Dieselbe Gnade, die im Evangelium Christi mitgeteilt ist, lag auch im Alten Testament verborgen« (Th. 107). Eben diese Hermeneutik wird Karlstadt 1521 in seiner Schrift De legis littera weiter entfalten und differenzieren.

Das im Rahmen der Augustinrezeption bedeutsame Thema der PrĂ€destination wird in den Thesen 111–133 erörtert, wobei auffĂ€llt, dass in diesem Teil relativ viele eigene Formulierungen Karlstadts neben den aus Augustin geschöpften stehen. Karlstadt ĂŒbernimmt von Augustin die Lehre von der doppelten PrĂ€destination (Th. 111, 121). Der detaillierte Vergleich mit dem zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der 151 Thesen in Wittenberg bekannten Libellus de exsecutione aeternae praedestinationis des Johannes von Staupitz bleibt eine Aufgabe der Forschung. Im Herbst 1520 wird Karlstadt das Thema PrĂ€destination in einer weiteren Thesenreihe De tribulationis et praedestinationis materia89 erneut aufgreifen und mit einem 1517 noch nicht vorhandenen Aspekt verbinden, nĂ€mlich mit der BewĂ€hrung des AuserwĂ€hlten im Leiden. Damit reagiert er auf das in der verĂ€nderten kirchenpolitischen Situation aufkommende BedĂŒrfnis nach einer MĂ€rtyrererziehung.

Die bleibende SĂŒnde im Gerechtfertigten (Th. 134–150) bringt Karlstadt in freier Anlehnung an Augustin auf die Formel: »Iustus ergo simul est bonus et malus: filius dei et filius seculi« (Th. 138). Im Rahmen von Reflexionen ĂŒber das Wesen der SĂŒnde stellt Karlstadt die Verwendung der aristotelischen Philosophie in der Theologie erstmals grundsĂ€tzlich in Frage: »Die Lehre des Aristoteles fĂŒhrt in den Schulen der Theologen zu einer ĂŒblen Mischung« (Th. 143). Damit weist er auch auf die Notwendigkeit einer Studienreform hin, die die Wittenberger theologische FakultĂ€t in den kommenden Semestern beschĂ€ftigen sollte und fĂŒr die die Disputationen an der FakultĂ€t die Funktion eines Schrittmachers hatten.



1 Hier werden nur die fĂŒr die vorliegende Edition relevanten Teile des Bandes vorgestellt. Zu den weiteren Inhalten siehe die Beschreibung ebd..
2 * 23. 9. 1490 NĂŒrnberg, † 5. 1. 1547 Breslau, BBKL 2, 784–786.
3 Tauler, Sermones (1508), Exemplar der BEPS Wittenberg: fol. HTh 891.
4 LUTHERI, ‖ MELANCH. CAROLOSTADII &c. ‖ PROPOSITIONES, VVITTEM=‖BERGAE uiua uoce tractatae, [
]. Basel: [Adam Petri], 1522. Das vorliegende Exemplar dieses Druckes ist nicht, wie bislang angenommen, mit VD 16 L 7642 identisch. Vielmehr handelt es sich um eine Variante mit Druckfehler: Auf fol. G 7r des Druckes fehlt oben die 1. Zeile (»xix. Porro uelamen per solam Christi fide'm' tol=«). Diese ausgefallene Zeile hat derselbe Schreiber, der auch die beigebundene handschriftliche Thesensammlung geschrieben hat, im Druck auf fol. G 6v unten handschriftlich nachgetragen.
5 Das Titelblatt ist in dem Sammelband handschriftlich mit VIII gezĂ€hlt, die folgenden BlĂ€tter des Druckes mit 1–55.
6 * um 1480 NĂŒrnberg, † 1549 Bamberg, BBKL 2, 513f.
7 »omnia« am Rand nachgetragen.
8 SB Berlin: Ms. theol. lat. oct. 91.
9 »Positionum omnium Summa. MLXXXIIII:« (fol. G 8r).
10 Siehe Anm. 4.
11 Der ursprĂŒngliche Einband ist nicht erhalten; der Band erhielt zu einem unbekannten Zeitpunkt einen neuen Einband. Auf fol. 75v–77v sind von Hess’ Hand geschriebene Notizen am Rand beschnitten worden, was bei der zweiten Bindung erfolgt sein könnte.
12 Hess ist in Wittenberg im April 1516 (Bubenheimer, MĂŒntzer und Wittenberg, 13, Anm. 43), im Sommer 1517 (Seils, Heß, 260, 18) und Ende 1519/Anfang 1520 (BBKL 2, 784) nachgewiesen.
13 Der Schreiber verwendet eine typische, sehr regelmĂ€ĂŸige Buchschrift. Hess könnte einen Berufsschreiber beauftragt haben, die Sammlung nach von ihm gelieferten Vorlagen fortlaufend abzuschreiben.
14 Fol. 71r und 76v. Siehe Kolde, Disputationsthesen, 464, Anm. 3 und 471, Anm. 1.
15 Die spĂ€teste exakt datierbare Thesenreihe bietet 34 Thesen, ĂŒber die Gottschalk Crop unter dem Vorsitz Karlstadts am 28. 11. 1522 pro licentia disputiert hat: Vgl. fol. 67v (»Gotschalcus Crop sub Andree [!] Carolostadio: doctore:«) mit Liber Decanorum (Faks.), fol. 34v; Kolde, Disputationsthesen, 460 Anm. 1.
16 BBKL 2, 785.
17 Seils, Heß, 260, 37f.
19 Fol. 56r–65r, Kolde, Disputationsthesen, Nr. I–III.
20 Die in der Forschung bislang alternativ auf »25. oder 26. April 1518« datierte Disputation (Leppin, Disputation, 168), fand an beiden Tagen statt. In der zweiten Wittenberger Sammelausgabe von Luthers Thesen (1531) hat Johannes Lang in seinem Exemplar (Luther, Propositiones (1531), BEPS Wittenberg: 8° LC 590/5) zu den Thesen Ex theologia notiert: »Disputatio haec habita est Heidelbergae in capitulo an'no' 1518. nobis praesentib'us'« (fol. B 3v). Das Kapitel fand am 25. April statt. Zu den Thesen Ex philosophia bietet Lang eine gesonderte Datierung: »hae propositiones disputatae sunt Heidelbergae an'no' 1518. sex'to' Kal'endarum' Ma'ii' [= 26. April] nobis praesentib'us'« (fol. B 5r). Zu den unterschiedlichen Überlieferungen ĂŒber die Disputation vgl. Scheible, UniversitĂ€t Heidelberg, 309–313 und 316–323.
21 Fol. 65v–72v; Kolde, Disputationsthesen, Nr. IV–XII. Eine Ausnahme bildet in diesem Block eine Zirkulardisputation Melanchthons vom 3. August 1520 (MStA 1, 54f.). Unsere Handschrift bietet hier jedoch nur die Überschrift Philippus Melan:. FĂŒr den Kompilator der Sammlung dĂŒrfte daher nicht erkennbar gewesen sein, dass es sich um eine Zirkulardisputation handelte.
22 Fol. 72v–77r; Kolde, Disputationsthesen, Nr. XIII–XXIII.
23 Vgl. die Handschriftenbeschreibung von Braun-Niehr, Handschriften, 159–164.
24 Bogenkustoden: A ij, B, b ij [!], C, C ij.
25 Der Verfasser der dritten Thesenreihe mit der Überschrift Tredecim conclusiones de christi incarnatione/ et humani generis reparatione (S. 8–10, abgedruckt in WA 6, 26f.) hat jedoch Karlstadt zum Verfasser. In dem hier verwendeten Exemplar der Waldenserbibliothek in Torre Pellice ist am Rand von der Hand Karlstadts notiert: »Anno 19 Andreas Carol'ostadius' praesedit respondente Nycasio hertzbergensi«. Diese Disputation fand am 26. August 1519 statt ( Liber Decanorum (Faks.), fol. 29v). Vgl. KĂ€hler, Nicht Luther, 351–360.
26 »Quorundam aliorum doctorum conclusiones.« S. 2.
27 Die vorletzte Thesenreihe Questio theologica cum quatuor conclusionibus de sacramentis noue legis (S. 23–24) endet mit der Subscriptio »M. J. D. Viltkerchen'sis'«.
28 Zur Datierung der trigintatres conclusiones: de tribulationis et predestinationis Materia (S. 18–20) in die Zeit um Oktober 1520 siehe Bubenheimer, Reliquienfest, 98 und 100 Anm. 200.
29 Zu Gottschalk siehe die Einleitung zu Pici conclusiones (KGK 026).
30 Gottschalk hat die Anzahl sÀmtlicher in vorliegendem Druck enthaltenen Thesen nach den Angaben im Inhaltsverzeichnis zusammengezÀhlt und auf dem Titelblatt notiert: »numero ccccxxx«.
31 Diese Erkenntnis ist das Ergebnis der Durchsicht zahlreicher SammelbĂ€nde und Einzeldrucke aus dem Besitz Heino Gottschalks bzw. des Benediktinerklosters Oldenstadts bei Uelzen, die sich heute in der Herzog August Bibliothek WolfenbĂŒttel befinden. Sie sind von Gottschalk oft reich glossiert und teilweise mit handschriftlichen BeibĂ€nden ergĂ€nzt. Auch die in Druck B vorliegende Thesensammlung hat Gottschalk am Schluss durch HinzufĂŒgung weiterer Thesenreihen Luthers erweitert.
32 In These 114 hat er »vacatio« richtig in »vocatio« verbessert.
33 UUW, 20, Nr. 22.
34 Ebd. 32, Nr. 23.
35 Vgl. den Eintrag des Petrus Fontanus ĂŒber seine Wahl zum Dekan am 22. 5. 1519: »[
] Post statutorum Vniuersitatis lectionem/ [
] Decanus Theologice facultatis electus est Ex diui Francisci familia Venerabilis et Religiosus Pater Petrus Fontanus [
].« Liber Decanorum (Faks.), fol. 29v.
36 Ebd. fol. 1v: »[
] Aurelius Augustinus Gymnasii nostri tutelaris deus«.
37 Ebd. fol. 21v.
38 Ebd. fol. 22r: »[
] in vigilia S. Augustini huius alme universitatis peculiaris patroni«. Karlstadt vermeidet als Bezeichnung fĂŒr den Patron die in den UniversitĂ€ts- und FakultĂ€tsstatuten gebrauchte Formulierung: »tutelaris deus« (UUW, 20, Nr. 22; 32, Nr. 23). Karlstadt glossierte diese Bezeichnung im Dekanatsbuch am Rand kritisch: »blasphemia contra deum« ( Liber Decanorum (Faks.), fol. 1v). Wann er diese Glosse geschrieben hat, ist unbekannt.
39 Harald Bollbuck konnte in De intentionibus (siehe KGK 001) drei derartige Augustin-Zitate und in Distinctiones (KGK 002) ein Augustin-Zitat nachweisen.
40 Siehe Pici conclusiones, These 13 (KGK 026 (▾Textstelle)).
41 WA 1, 145–151.
42 Luther an Johannes Lang, [Mitte Oktober 1516]; WA.B 1, 65, 24–66, 35.
43 »Ego te, ait [scil. Martinus Luther], arbitrum diligenter monumenta ecclesiasticorum rimantem seligo constituoque.« Siehe KGK 064 (▾Textstelle).
44 »Destinabam mecum mihi emendos esse ecclesiasticos, quorum tunc habebam nullum.« Siehe KGK 064 (▾Textstelle). Demnach hat Karlstadt in jener Zeit neben Augustin auch andere KirchenvĂ€ter gekauft.
46 WA.B 18, 143, Nr. 4341, 8f. Vgl. KĂ€hler, Karlstadt, 4*, Anm. 6.
47 WA.B 18, 143, Nr. 4341, 2f. Luther hatte in dem Brief offenbar einige Scholastiker namentlich genannt, doch ist wegen Textverlust nur der Name des Scotus ĂŒberliefert. Erkennbar ist aus dem Fragment, dass sich Johannes Dölsch damals Luthers Auffassung noch nicht angeschlossen hatte (ebd. Zeile 6). Luther hatte Dölsch – wie Karlstadt – zur LektĂŒre der KirchenvĂ€ter aufgefordert (ebd. 144, Anm. 2).
48 Karlstadt an Spalatin, 28. 4. 1517: »Quas nuper Dominica Misericordia Domini, dieque sancta ostensionis venerabilium reliquiarum conclusiones centum quinquaginta duas publice affixi, tuae quoque R'everendae' D'ominationis' mittere pollicebar, iam hilari transmitto mente, humiliter deprecans, quatinus tua Dominatio me apud illustrissimum nostrum Principem commendare referreque dignetur, ob eius honorem id esse factum [
].« Siehe KGK 059 (▾Textstelle).
49 Zur Reliquienweisung in Wittenberg vgl. KĂŒhne, Ostensio, 400–423.
50 Auf dem Titelblatt seines Exemplars notierte Karlstadt: »Emi anno MDXVII Misericordia domini«; auf fol. e 8v (letzte, leere Seite des Drucks): »Emi 9 g'rossis' iii g'rossis' pindgeldt.« BEPS Wittenberg: fol. HTh 891.
51 »Decanus promovendis assignet questiones disputendas[!], assignatas una cum die, hora et loco [
]. promociones similiter et disputaciones intimet [scil. decanus] valvis ecclesiarum feria precedenti, specivocando nomina promotoris, promovendi, presidentis et respondentis [
].« UUW, 33, Nr. 23. Ferner s. UUW, 30, Nr. 22.
52 Den Eintrag im Dekanatsbuch schrieb Hergot noch eigenhĂ€ndig. Der nĂ€chste Eintrag vom 27. Januar 1517 ist von der Hand des Petrus Lupinus geschrieben, der nach diesem Eintrag am 17. Januar den Vorsitz bei der Disputation Simon Caesars fĂŒr dessen Promotion zum Sententiar gefĂŒhrt hatte. Es folgt darauf ein Eintrag von der Hand Karlstadts (siehe nĂ€chste Anm.). Liber Decanorum (Faks.), fol. 27r.
53 »Reverendus pater D'ominus' Ioannes Heinrici ordinis predicatorum frater die lune xxiii Marcii in lectorio nove domus est publice licentiatus/ vices decanatus gerente D'omino' Andrea Carolstatensi etc'etera' anno MDXVII.« Ebd..
54 UUW, 33, Nr. 23. Dass vor Karlstadt Petrus Lupinus anstelle des verhinderten Dekans Hergot einen Eintrag ins Dekanatsbuch geschrieben hatte, erklÀrt sich ebenfalls aus den Statuten: Falls auch der Prodekan (hier Karlstadt) verhindert war, hatte diesen wiederum dessen AmtsvorgÀnger zu vertreten (ebd.). Karlstadts AmtsvorgÀnger im Amt des Dekans war im Wintersemester 1515/16 Petrus Lupinus gewesen ( Liber Decanorum (Faks.), fol. 26r).
55 WA.B 1, 94, Nr. 38, 15ff.
56 Scheurl an Karlstadt, 3. November 1517; siehe KGK 063 = Scheurl, Briefbuch 2, 37, Nr. 152.
57 Zitiert oben Anm. 48.
58 »Voluntati dei nemo resistit.«
59 Der Satz »Deus ex misericordia quibusdam donat penam peccati, a quibusdam iuste exigit penam.« ist nicht gezĂ€hlt. Er bildet jedoch wie alle anderen Thesen einen eigenen Absatz und ist dadurch formal noch als eigene These erkennbar. In den Drucken A und B weist dieser Satz eine ZĂ€hlung auf. Kolde, Disputationsthesen, 455 gibt die ZĂ€hlung der Handschrift genau wieder und lĂ€sst die genannte ungezĂ€hlte These ebenfalls ungezĂ€hlt. KĂ€hler, Karlstadt, 29* hat seinen Text zwar aus Kolde ĂŒbernommen, jedoch die 111. These mit der folgenden ungezĂ€hlten These zu einer These zusammengezogen.
60 WA 1, 221–228.
61 HAB WolfenbĂŒttel: 434.11 Theol. 2o. Zuerst abgebildet bei Katte, Kiste 143, 45. Ferner bei Kaufmann, Reformation, 140/141.
62 »AD Subscriptas conclusiones Respondebit Magister Franciscus Guntherus Nordhusensis pro Biblia. Presidente Reuerendo patre Martino Luder Augustinen'si' Sacrae Theologiae Vuittenburgen'si' decano loco et tempore statuendis.« Katte, Kiste 143, 45. Vgl. WA 1, 224, 1–3.
63 Da im ersten Block die Nummer »xviii« versehentlich fehlt (Text der These 18 mit These 17 zusammengezogen), zĂ€hlt dieser Originaldruck de facto nur 99 Thesen. WA zĂ€hlt 97 Thesen, LStA 1, 165–172 zĂ€hlt 100 Thesen, bietet zusĂ€tzlich jedoch auch die anderen ZĂ€hlweisen.
64 Die Drucke zĂ€hlen mit römischen Zahlen, wobei sieben Blöcke je gesondert von »i« bis »xx« durchgezĂ€hlt sind. Darauf folgt ein Block mit zehn Thesen, durchgezĂ€hlt von »i« bis »x«. Die Zahlen sind ohne Punkt, jedoch mit grĂ¶ĂŸerem Spatium jeweils vor den Thesentext gestellt. Der letzten These ist statt einer Zahl das Wort »Ultima« vorangestellt, das in der Handschrift fehlt.
65 Dabei zĂ€hlt die Handschrift mit arabischen Zahlen zunĂ€chst von »1« bis »100«, dann von »1« bis »51«. Der letzten These ist dementsprechend die Zahl »51.« vorangestellt. Die Zahlen sind teilweise mit abschließendem Punkt geschrieben, grĂ¶ĂŸtenteils jedoch ohne Punkt.
66 Insgesamt verweist Karlstadt im Augustinkommentar auf die Explicationes von 24 verschiedenen Thesen, die sich zwischen der 5. und der 148. These bewegen.
67 Im Unterschied zur Handschrift (ZĂ€hlung: 1 bis 100 und 1 bis 51) zĂ€hlt Karlstadt in einem ZĂ€hldurchgang von 1 bis 150 durch. Die letzte These (151) scheint er nicht gezĂ€hlt zu haben, da im Augustinkommentar (KGK 064 (▾Textstelle) = KĂ€hler, Karlstadt, 84, 25f.) die 150. These als »conclusio terminalis« bezeichnet wird. Den abschließenden Satz scheint er nicht gezĂ€hlt zu haben. Das entspricht der DruckĂŒberlieferung, in der dieser Satz nicht gezĂ€hlt ist, sondern mit »Ultima [scil. conclusio]« eingefĂŒhrt wird.
68 In These 44 ist durchgestrichen »contra omnes quasi: [scil. scolasticos]«. Nach den Drucken gehört diese Bemerkung zu These 43.
69 Dabei setzten wir nach der Zahl einen Punkt. In der Handschrift sind die Zahlen teils ohne, teils mit Punkt geschrieben.
71 »[
] atque eas [scil. conclusiones] certo imposterum per nonnullos dies tempore discutiendas. Mihi neque adversari immo placere, si sua illustriss'ima' gratia certos ex sua provincia Saxonica ad futurum certamen Theologicum destinare vellet.« Siehe KGK 059 (▾Textstelle).
72 UUW, 27, Nr. 23.
74 »Non multi menses lapsi sunt quod quidam e nostratibus philosophis cuius taceo nomen [am Rand: M'agister' Andreas Karlstadt] [
] cum apud Saxones in famigeratissima urbe Halberstaden'si' paucis diebus ageret [
] ita argute ita subtiliter ita acriter demum apud exteros ubi libros consulere non potuit in sacris litteris disputando philosophatus dicitur ut nomen illius philosophi hodierno die Halberstadensis clerus suspiret: amet: admireturque«. Beckmann, Oratio (1510), fol. a 4r–v.
75 WA 1, 233, 5–7.
76 Nach Luther hat Bernhardi die Thesen verfasst auf Grund dessen, was er von Luther gehört hatte (an Lang, [Mitte Oktober 1516]. WA.B 1, 65, Nr. 26, 18; 66, 36f. und 55–57).
78 »[
] abunde in explicationibus probationibusve conclusionum mearum deduxi.« Siehe KGK 064 (▾Textstelle).
79 Siehe KGK 069.
81 Da KĂ€hler, Karlstadt, 11*f. die 5. These missverstanden hat, sei sie ĂŒbersetzt: »Unter den mit Zeugnissen GestĂŒtzten [nĂ€ml. dicta] werden diejenigen vorgezogen, die sich auf die eindeutigeren [Schrift-]AutoritĂ€ten grĂŒnden.«
82 Gemeint ist die Heilige Schrift.
83 Gemeint ist der im Buchstaben sichtbare Literalsinn.
84 Siehe die Anm. zum Text der Th. 151.
85 Conclusiones decem et sex de diuine gratie cooperatione, ĂŒberliefert in unserem Druck A, S. 20, beginnend mit der Frage (Th. 1): »An homo interior in vetustate ex parte permanens possit exterior censeri.« Siehe KGK 061.
86 NĂ€heres siehe in der Einleitung zu den 16 Conclusiones (KGK 061).
87 Ein solcher fĂŒr den am 22./23. April 1520 anstehenden Ablass des Allerheiligenstifts werbender Einblattdruck, datiert am 18. MĂ€rz 1520, ist in sieben Exemplaren erhalten, beginnend mit der Überschrift »Verkundung des grossen Aplas der weysung des hochwirdigen heiligthumbs jn Aller Heiligen stifftkirchen zu Wittenberg«, abgebildet in: KĂŒhne, Alltag, 210, Nr. 4.9.3 mit Beschreibung durch Hartmut KĂŒhne (210f.). Da der Umfang der durch den Ablass zu tilgenden Fegfeuerstrafe in dem Druck versehentlich unvollstĂ€ndig angegeben war, hat ein Schreiber den Umfang des Ablasses auf dem Blatt in korrekter Form nachgetragen. Nicht erkannt war bislang, dass dieser Schreiber Georg Spalatin war, der die Exemplare persönlich durchkorrigierte. Die sieben im ThHSA Weimar erhaltenen Exemplare dieses Druckes sind wohl bei der Verteilung bzw. Verschickung des Werbeplakats ĂŒbrig geblieben und daher ins Ernestinische Archiv gewandert.
88 Vgl. die Interpretation von KĂ€hler, Karlstadt, 18*.

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