Nr. 55
Christoph Scheurl an Andreas Karlstadt
Nürnberg, 1517, 1. April

Einleitung

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Martin Keßler

1. Überlieferung

Handschrift:

[a:]Familienarchiv Scheurl, Fischbach bei Nürnberg, Cod. G, fol. 163r–v– Abschrift, nicht von Scheurls Hand.
Edition:

Literatur:

2. Inhalt und Entstehung

Scheurls Brief gehört in einen allgemeinen und einen konkreten Zusammenhang. Der umfassendere Kreis umschließt die Bemühungen des »Freundschaftsenthusiast[en]«1, die bestehenden Freundschaften in fortgesetzten Briefwechseln zu pflegen und zugleich Verbindungen zwischen einander unbekannten Freunden herzustellen2. Dieses Engagement betraf eine Vielzahl von Personen, zwischen denen Scheurl Kontakte knüpfte.

Der vorliegende Brief bezieht sich auf Scheurls Initiative, Beziehungen zwischen dem Ingolstädter Theologen Johannes Eck und den Wittenberger Freunden aufbauen zu wollen. Mit Eck zeigte sich Scheurl seit spätestens 1516 verbunden. Die Heidelberger Studienzeiten der beiden Männer überschnitten sich zwischen Juni und November 1498.3 Eine persönliche Bekanntschaft ist für diese Frühzeit nicht auszuschließen, aber auch nicht belegbar.4 Für das Jahr 1516 wird ein freundschaftlicher Austausch greifbar. Der älteste erhaltene Brief, ein Schreiben Scheurls an Eck, datiert auf den 13. September 1516.5 Schon in dem übernächsten erhaltenen Schreiben, am 14. Januar 1517, bot Scheurl eine Übersicht herausragender Wittenberger Theologen, die er aus der gemeinsamen Wirkungszeit kannte.6 An erster Stelle kam Luther zu stehen, an zweiter Karlstadt, danach Amsdorf und dann Johannes Dölsch.7 Ausdrücklich bot Scheurl Eck an, den Kontakt zu einzelnen von diesen herzustellen.8

Am 1. April 1517 empfahl Scheurl Eck mit dem vorliegenden Brief gegenüber Karlstadt. Am selben Tag richtete Scheurl ein Schreiben an Luther.9 Auch am 1. April 1517 projektierte Scheurl in einem Brief an Eck, eine freundschaftliche Verbindung zwischen diesem und Spalatin herzustellen.10 Ebenfalls am 1. April setzte Scheurl das betreffende Schreiben an Spalatin auf.11 Von einer ausdrücklichen Zustimmung Ecks kann im Falle von Spalatin somit nicht ausgegangen werden. In der spezifischen Ausgestaltung der Kontaktaufnahme dürfte Eck das Vorhaben jedoch mitgetragen haben, da alle drei Schreiben einem Versand von Ecks Ende Januar 1517 gedruckter Schrift Disputatio […] Viennae Pannoniae habita12 zur Seite standen. Es handelt sich dabei um eine Zusammenstellung verschiedener Schriftstücke, u. a. Ecks Bericht über seine Reise nach Wien (Mitte Juli bis Ende August 1516) in Form eines an Fürstbischof Gabriel von Eyb gerichteten Briefes13, Ecks Wiener Disputationsthesen14, von Eck im Juli 1515 in Bologna disputierte Thesen15; und ein an Johann Zinngießer (Propst von Polling) adressierten Brief, in dem Eck sich dafür einsetzt, dass auch junge Ordensgeistliche ihre Ausbildung an einer öffentlichen Universität empfangen sollten16. Dem Brief an Luther lag das Büchlein bei.17 An Spalatin sandte er das für Beckmann bestimmte Exemplar in der Hoffnung, auch Friedrich der Weise würde damit Kenntnis von der Schrift erhalten.18 In der Beilage des Briefes an Karlstadt befand sich ebenfalls ein Buch (»Set et in praesenti libellum mittit«), das mit der Disputatio zu identifizieren ist, da Scheurl Eck wortgleich an Spalatin und Karlstadt empfiehlt: »disputator acerrimus amicus meus«19.

Ecks gedruckte Darstellung seiner an den Universitäten von Bologna (1515) und Wien (1516) unternommenen Disputationen und deren Wirkung über den Horizont seiner heimatlichen Universtität Ingolstadt hinaus, werden Eindruck auf die Wittenberger gemacht haben.20 Zum Zeitpunkt als Scheurls Brief und das mitgesandte Buch Ecks ihn erreichte, wird Karlstadt mit der Fertigstellung seiner 151 Conclusiones (KGK 058) beschäftigt gewesen sein.



1 Die Formulierung geht auf Bauch, Wittenberg, 33 [Digitalisat] zurück; für eine kritische Auseinandersetzung damit s. Graf, Scheurl, 50.
2 Auf dieses Ideal geht kurz ein Eck, Briefwechsel, Kommentar zu Nr. 39, Scheurl an Eck, 14. Januar 1517, Anm. 16 [Link].
3 S. dazu die Daten in Graf, Scheurl, 12f. und 119 Anm. 41.
4 So auch das differenzierte Urteil von Graf, Scheurl, 12: »Johannes Eck, der gleichzeitig mit ihm in Heidelberg studierte, hat er wohl nicht kennengelernt.« Auf keiner anderen Quellengrundlage und literarischen Referenz basiert die neuerliche Angabe von Eck, Briefwechsel, Kommentar zu Nr. 33, Scheurl an Eck, 13. September 1516, Anm. 1 [Link]: »Eck und Scheurl hatten zwar zeitgleich in Heidelberg studiert, begegneten sich jedoch erst 1516.«
6 Scheurl, Briefbuch 2, 2, Nr. 115 [Digitalisat] (zitiert auch in WA.B 1, Nr. 36, 92 Anm. 2); mit Übersetzung Eck, Briefwechsel, Nr. 39 [Link].
9 Scheurl, Briefbuch 2, 12, Nr. 124 [Digitalisat]; WA.B 1, Nr. 36, 91f.
10 Scheurl, Briefbuch 2, 11, Nr. 123, hier: 12 [Digitalisat]; mit Übersetzung Eck, Briefwechsel, Nr. 39 [Link].
13 Ebd., 2–26; datiert 10. November 1516. Übersetzung in Eck, Briefwechsel, Nr. 32 [Link].
15 Ebd., 46–48; es handelt sich um [23] im Vorfeld des zentralen Zinsthemas verhandelte Thesen (»[…] praeter vero materiam principalem de contractibus haec impertinentia [theologica; philosophica] fuerunt disputata«, vgl. ebd., 26). Auch für seine Wiener Disputation hatte Eck als möglichen 3. Schwerpunkt die Zinsvertragsthematik vorgeschlagen, der aber von der Wiener Theologischen Fakultät nicht angenommen wurde (»[…] de castrorum impignorationibus, fructibus in sortem non conputatis, de redditibus perpetuis ac pecunariis, de vitaliciis, de pacto retrovendo etc. […]«; vgl. ebd., 12, bes. Anm. 6–10; dazu auch Wurm, Eck, 200–207).
16 Ebd., 52–56; Eck, Briefwechsel, Nr. 37 [Link].
17 Scheurl, Briefbuch 2, 12, Nr. 124 [Digitalisat]; WA.B 1, Nr. 36, 91,34: »set et libellum cum disputationibus suis mittit.«
18 Scheurl, Briefbuch 2, 11f., Nr. 123, hier: 12 [Digitalisat]; mit Übersetzung Eck, Briefwechsel, Nr. 39 [Link]. Für das Schreiben an Spalatin selbst s. Scheurl, Briefbuch 2, 13f., Nr. 126, hier: 14 [Digitalisat].
19 Vgl. diesen Wortlaut des Briefes an Karlstadt mit demjenigen gegenüber Spalatin s. Scheurl, Briefbuch 2, 13f., Nr. 126, hier: 14 [Digitalisat].
20 Noch in der auf den 26. April 1519 datierten Vorrede zu seinen Conclusiones Lipsiae (Eck, Briefwechsel, Nr. 84 [Link]), bezog Karlstadt sich indirekt auf die ihm im April 1517 übersandte Büchergabe, indem er Ecks Wiener Disputation als akademische Niederlage deutete.

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