Nr. 27
Andreas Karlstadt an Kurfürst Friedrich III. von Sachsen
[Wittenberg oder Torgau], [1516, vor 5. Juni]

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Bearbeitet von Ulrich Bubenheimer und Martin Keßler

[1r] Durchleuchtigstera HochgeBorner Churfrst Gnedigster her⟨.⟩ Ewr Chur'furstlich' G'naden' ist meyn innig gebethe mit willigen
diensten bevor berait⟨.⟩

Gnedigster Churfurst und Her⟨.⟩ Auff E'wren' Chur'furstlichen' G'naden' schrifft mir ken Rom zcugeschickt1 und behendigt/ hab ich mich von stundtan zcu E'wr' Chur'furstlichen' G'naden' zcukommen bereit/ Und wiewol ich mit guthen gnießlichen2 diensten fursehen/3 und trstliche furderunge zcu grssern dingen gehabt/ Hab ich doch E'wren' C'hurfurstlichen' G'naden' woltheten und milden gnaden hochbetracht/ Und bin E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' mehr zcu lieb dan auß forcht getrewter privation4 alher kommen/ Das das alßo sey/ gebe mich hiemit und mit crafft dießer schrifft in E'wren' C'hurfurstlichen' G'naden' willen mit mir nach gefallen zcuhandeln machen und lassen⟨.⟩ Szo E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' durch neidisch angeben wider mich zcorniche ungenadt geschpfft und darumb meyn gern mangeln/ wil ich gern E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' mir zcu schaden wilfahren/ Dan ob mir furan keyn Gnad von E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' vorlihen/ und als eyn unvehiger geacht wrde/ Doch wlt ich E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' gern mit emsicher arbeyt alleczeit dienen/ und wil eyn ewiger diener ersterben. Ich bitt aber/ Szo E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' wider mich erwermbt und meyn abczugk begeret/ das ich diß Jars zceyt in E'wren' C'hurfurstlichen' G'naden' stifft und universitet bleibe/ und mir meyn pension und zcynß gereicht werden/ Szo wil ich allen scheden und nachlessikeiten/ die meynes außbleibens geschehen seyn erfullen

[1v] Und domit man auch Wes mich zcu Rom/ nach geleister welfart5 beflissen hab/ erlernen mge in beiden Rechten/ dorczu ich jetzt graduirt bin6/ leßen/ und mit meniglichen freuntlich vormischungen/7 auff das ich der leut gunst und guthen willen in E'wren' C'hurfurstlichen' G'naden' frstenthumb hab/ versuchen⟨.⟩ Ich trtze nicht/ ßo weis ich nichts wuhin/ und hab mich itzund vetterlicher8 erbnehmunge vorczyhen9/ Jedoch begere Ewren C'hurfurstlichen' G'naden' willen zcusettigen/ Szo aber E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' in gnedig bedencken nehmen/ das ich erbarlichen handeln nach gescht und gerucht mich behalden/ der allen zcorn und abgunst des probst10/ umb das/ das ich der kirchen trewliche beystehen/ und viller zcancken endtschafft zcumachen vorsucht/ auff mich gelestigt11 hab. Szo wil ich wie oberczelt aber mals leßen/ und mit meniglichen/ welcher eynen zcorn kegen und wider mich zcuhaben vormeint/ nach E'wren' C'hurfurstlichen' G'naden' begir willen und gefallen baldt befriden/ Wie ich E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' zcu besseren volgende angeczeigt hab/12 Dan ich gedenck got fleissiger zcudienen/ und mich hefftiger zcumuhen domit ich den leuten dienen und frid vorschaff⟨.⟩ Bit E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' wlden mir nichts vorargen und Gnedig antwort geben.13

Williger Capellan

Endres Bodensteyn der schrifft
und Beyder Rechten Doctor

[2r] Gnedigster Churfurst und Her/

Ich bin vorstendigt und wais eigentlich14/ das der Probst zcu Wittenbergk/ der mir die andern abgunstig gemacht/ und mit ynen meyn pension zcu Orlamunde zcu inen genommen/ und sich trewlicher15 wordt hat lassen vornhemen/ mich gefengklich zcuseczen/ Nun hab mich hin und her bedacht/ und kan nicht erkennen/ das ich dem gefengknuß zcugeteilt werden solt/ dan es mcht meynen freunden und mir zcu minnerung16 gereichen/ Darumb woelt ich vil liber vorlassen/ was mir E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' vorlyhen/ dan meyn guth gerucht17/ das ich zcu Rom und vil enden furgestreckt schwechen ader vorlieren⟨.⟩ Ich hab gehandelt das ich zcu loben/ nicht zcu straffen bin⟨.⟩ Szo E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' uns allen zcuguthe/ domit wir alle/ dißer sachen halben in eynigkeyten lebten/ den ernst18 auff mich werffen/ und dem Capittel schreiben/19 alßo/ das E'wr' C'hurfurstliche' G'naden' die irrunge und spenne20/ ßo sich czwischen dem Capittel ader Probst eynes/ und mir anders teyls hielten zcuerkennen vorbehalten/ Und ßo ich strefflich ader penwirdig21 erfunden/ mit mir in ernst und ungenaden alßo zcuhandeln/ das mirs kuenfftiglich eyn ebenBildt22 von ungeburlichen fuhrnehmen zcubehuten/ seyn solt/

[2v] Dorumb und czwischen dißer zceyt/ solten sie mich unbelestigt und geruglich23 wohnen lassen/ und alle meyn zcynß und pension/ welche sie von Orlamunde genummen/ mir geben/ Szo solt ich in beyweßen eynes E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' diener den ich uff meyn kost ken WittenBergk nehmen wil gngig machen24/ Ich wil eyn kleyn vorminderung gern leiden/ uff das fride werdt⟨.⟩ Ich besorge aber das der probst E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' ungehorßam und eyn muheßamer25 stiffter haders und zcanckes seyn werdt / E'wr' C'hurfurstlich' G'naden' wlle mit ernst schreiben und die trewlich wort auff mich fallen lassen⟨.⟩ Das ich alles E'wr' C'hurfurstlichen' G'naden' zcu besserung und willen undergebracht26 wil haben⟨.⟩

Ewr Churfurstlichen Gnaden
Williger Capelan
Andreas Bodensteyn der
schrifft und Beider Rechten Doctor


a vom Editor verbessert für Durleuchtigster

2 vorteilhaften.
3 Karlstadt war als Schreiber an einer kurialen Behörde tätig. Vgl. Bubenheimer, Consonantia, 53–58.
4 Wegnahme, Amtsentsetzung. Der Kurfürst drohte Karlstadt im Schreiben vom 23. 2. 1516 an, an seiner Stelle eine andere Person auf das Archidiakonat zu präsentieren, falls er nicht bis zur gesetzten Frist zurückkehre.
5 Karlstadt hatte sein Gesuch um Beurlaubung für eine Reise nach Rom mit der Notwendigkeit der Erfüllung eines vom ihm geleisteten Wallfahrtsgelübdes begründet. KGK 020.
6 Zu Karlstadts juristischer Promotion in Rom vgl. Bubenheimer, Consonantia, 33–53.
7 Karlstadt meint damit entweder die Verbindung von kanonischem und weltlichem Recht oder die Verbindung von Theologie und Jurisprudenz.
8 Karlstadts Vater Peter Bodenstein, 1481 als Bürgermeister in Karlstadt am Main belegt, ist vor 1515 verstorben. Bubenheimer, Andreas Rudolff Bodenstein, 5f.
9 Karlstadt hat die Entgegennahme des väterlichen Erbes hinausgeschoben.
11 geladen.
12 Karlstadt weist auf das im Folgenden abgedruckte Schreiben hin.
13 Eine schriftliche Antwort des Kurfürsten ist nicht überliefert. Die Antwort des Kurfürsten könnte Karlstadt auch von einem der Räte in Torgau mündlich eröffnet worden sein.
14 genau, s. Götze, Glossar, 60.
15 drohender.
16 Minderung; vgl. DWb 12, 2231 [Digitalisat].
17 Ruf; vgl. DWb 5, 3753 [Digitalisat].
18 Strenge.
19 Siehe das Schreiben des Kurfürsten an das Kapitel vom 4. 6. 1516, oben abgedruckt in der Einleitung, Einleitung (▸Textstelle).
20 Zerwürfnisse; s. Götze, Glossar, 204.
21 strafwürdig; vgl. DWb 13, 1998 [Digitalisat].
22 Beispiel, Vorbild; s. DWb 3, 13 [Digitalisat].
23 in Ruhe, ruhig; Götze, Glossar, 103.
24 zufrieden stellen.
25 beschwerlicher.
26 unterworfen.

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